Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Masterpiece

Kurzbeschreibung
GeschichteSuspense, Liebesgeschichte / P18 / Gen
25.04.2020
22.09.2022
37
126.133
31
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
22.09.2022 2.929
 
Während unserer zwanzig Minuten Fußmarsch passieren wir einige Schafsweiden, die hier als offizieller Weg sogar erlaubt sind zu passieren. Wir öffnen und schließen die Tore gewissenhaft. Zum Glück sind die Schafe immer weit weg von uns, denn mir behagen diese Viecher nicht, ich lasse es mir aber nicht anmerken. Vor und hinter uns bewegen sich weitere kleine Gruppen von Touristen, die die Seven Sisters sehen wollen.
"Ich war hier gar nicht so oft", gebe ich reumütig zu, "Manchmal haben meine Großeltern mich und meine Geschwister an Wochenenden zum Wandern mitgenommen. Zwei oder dreimal haben wir das auch hier gemacht."
"Dann ist das echt ein Touristenprogramm", lacht Caleb amüsiert, "Entschuldige, dass du dir das für mich antust."
"Ich hab es angeboten", wehre ich ab und hebe meine Hände, "Es ist auch ganz nett Brighton und das Umland wiederzusehen."
Wir bleiben stehen, als wir den Rand des gleichen rundgeschliffenen Kies erreichen, den es auch in Brighton gibt und der ähnlich schlecht zu passieren ist.
"Willst du bis zum Wasser laufen?", frage ich, doch Caleb bedenkt mich nur mit einer hochgezogenen Augenbraue.
"Klettern wir auch da hoch?", fragt er neugierig und deutet auf die vier asiatischen Touristen, die sichtlich Mühe haben den Anstieg auf dem rutschigen Kreidefelsen zu meistern.
"Klar!", rufe ich aus und mache mich schon auf den Weg. Zunächst ist der Weg ganz okay, ausgetretene Pfade zeigen an, wie man gehen sollte. Nach einigen Metern wird das Ganze ein bisschen kniffliger und ich merke deutlich, wie schnell mir doch die Puste ausgeht. Caleb ist hinter mir, ich weiß nicht, ob er schneller wäre als ich. Das Gras ist raspelkurz vom Wind, bietet so keinerlei Halt. Mehrere Windungen sehen nicht sehr vertrauenserweckend aus und ich frage mich, ob das hier früher genauso ausgesehen hat. Jedenfalls erinnere ich mich nicht daran. Ich bleibe mehrmals gezwungenermaßen stehen und schnappe hektisch nach Luft.
"Fuck, ey, ich muss wieder mehr Sport machen", keuche ich und stütze meine Handflächen auf dem steilen Felsen vor mir ab.
"Und ich mit dem Rauchen aufhören", setzt Caleb über den pfeifenden Wind hinweg noch drauf. Auch ihm hört man die Anstrengung ein wenig an, was mich ungemein beruhigt, aber er schafft es wenigstens noch zu lachen.
"Das solltest du sowieso", witzele ich und stürze mich wieder in die steile Wand.

"Dass der Weg überhaupt freigegeben ist", keuche ich wieder ein paar Meter weiter oben. Nun säumt das Gras nahtlos den Buckel des Kreidefelsens und wenn ich hinter mich blicke, wird mir schwindelig. Ich gehe weiter, bis wir halbwegs auf geradem Boden stehen und die Aussicht auf die engen Windungen des Cuckmere, sowie dessen Mündung ins Meer haben. Die meisten Touristen gehen den Weg weiter in Richtung der nächsten "Sister", doch wir bleiben hier erst einmal atemlos stehen. Der Wind ist so stark, dass ich mich dagegen lehnen muss um nicht umzufallen.
Ich quietsche auf, als eine starke Windböe mich packen will und ich Mühe habe auf den Beinen zu bleiben. Warnschilder verbieten zu nah an den Rand des Felsens zu gehen, aber ich habe sowieso nicht vor näher als zehn Meter an den steilen Abgrund heranzutreten.
"Wow", gesteht Caleb, als er sich umsieht, "Hier hat man wirklich mal eine nette Aussicht."
Ich nicke stolz.
Tatsächlich packt er sogar sein Handy aus und schießt ein paar Fotos.
"Die muss ich Ma schicken", murmelt er kleinlaut, als sei es ihm unangenehm so beeindruckt zu sein und grinst spitzbübisch, "Die wird wahrscheinlich rasend vor Neid."
Ich lache bloß auf, noch immer kriege ich kaum Luft. Der feuchtkalte Küstenwind kühlt die überhitzte Haut auf meinen Wangen, lässt sie aber zeitgleich taub werden. Irgendwie ist alles ein bisschen unwirklich. Meine Adern noch voller Adrenalin vom Aufstieg, der Wind, der um meine Ohren derart stark pfeift, dass ich kaum etwas anderes höre. Ich fühle mich lebendiger als die letzten Wochen zusammengenommen und kriege das Lächeln nicht aus meinem Gesicht.

"Es ist toll hier", stoße ich euphorisch aus und sehe Caleb erwartungsvoll an. Ich werde nicht enttäuscht, auch er hat einen begeisterten Ausdruck im Gesicht, den ich so nicht kenne.
Wir gehen noch ein kleines Stück, bis wir vollends auf der Anhöhe angekommen sind. Von hier aus sieht man alle sechs weieren Buckel, die ins Meer ragen.
"Irgendwann sollen es noch mehr Klippen werden, weil das Meer den Kreidefelsen abträgt", erzähle ich, wie es mir mein Grandpa schon erklärt hatte. Ich versuche meine Haare im Gehen zu einem Pferdeschwanz zusammenzufassen, weil sie schon jetzt durch das Salz in der Luft und dem starken Wind hoffnungslos verfilzen. Nach mehreren Anläufen schaffe ich es den Haargummi in mein Haar zu arbeiten, da packt mich eine Windböe und bringt mich ins Taumeln. Ich lache ausgelassen, fange mich aber wieder durch Calebs Hilfe. Er hält mich am Arm fest, seine Augen blitzen mich amüsiert an.
"Es braucht wirklich nur ein bisschen Wind, damit du mal anständig lachst", stellt er fest. Ich verziehe das Gesicht, es will mir aber so wirklich nicht gelingen. Wir gehen weiter, Schulter an Schulter, als wolle er sichergehen, dass er mich rechtzeitig fangen kann, wenn ich noch einmal taumeln sollte.

"Ich glaube, die meisten Leute haben ein vollkommen falsches Bild von dir", erklärt er nachdenklich. Es überrascht mich diesmal nicht, dass seine Stimme so vollkommen frei von Sarkasmus ist. Die letzten Tage gehen wir miteinander so offen um, wie ich seit einer langen Zeit mit niemandem mehr umgegangen bin und es ist selbstverständlich keine merkwürdigen Pseudogrenzen zwischen uns zu wahren. Es ist unheimlich, wie vertraut er mir ist, obwohl wir als vollkommen Fremde vor nur etwas mehr als zwei Wochen begonnen haben und uns schließlich sehr einig waren, dass es so bleiben soll.  Das sind wohl die Nebeneffekte, wenn man Tag für Tag, Stunde für Stunde zusammenhocken muss.
"Achja?", hake ich interessiert nach, "Was ist denn dein Eindruck?"
"Du bist gar nicht so verwöhnt und arrogant, wie du dich gerne selbst darstellst", klärt er mich mit diabolischem Grinsen auf, "Und gar nicht so kalt und berechnend, wie du es gerne hättest."
Beinahe verschlucke ich mich an meiner eigenen Spucke.
"Will ich mich so darstellen, ja?"
"Ja", bestätigt er offen, "Im Club hast du jedenfalls so getan, als ständest du über den Dingen und über allen anderen. Aber so bist du gar nicht."
"Wie bin ich dann?", frage ich etwas ernster und mit Interesse.
"Ganz nett", sagt er und zuckt mit den Achseln. Ein ungläubiges Schnauben entfährt mir und ich boxe ihn empört auf den Oberarm.
"Ganz nett", wiederhole ich übermütig, "Nett ist ja wohl die kleine Schwester von Scheiße."
"Du bist sogar witzig", lacht er, hebt entschuldigend die Hände und wendet sich mir zu, "Überraschend offen und verständnisvoll. Ich glaube nicht, dass du das hören willst, aber ich halte dich sogar für eine sehr verletzliche und warmherzige Person."

Ich muss mich bemühen ihn nicht allzu verständnislos anzustarren. Wieso sagt er so etwas ausgerechnet jetzt, wenn ich mich mal für ein paar Minuten frei fühle?
Verletzlich... Jetzt, da er es gesagt hat, gibt er mir tatsächlich das Gefühl verdammt verletzlich zu sein. Ich habe ihm die letzten Tage mein ganzes Leben und viel meiner Gefühlswelt offenbart. Er weiß mehr von mir... von der aktuell sehr verwirrten und ziellosen Scarlett, als mir lieb ist. Im Gegenzug weiß ich so viel von ihm und ich glaube nicht, dass in seinem verkorksten Leben wirklich jeder über seine Zweifel und seine Wünsche Bescheid weiß. Zumal er durch den Job bei meinem Vater auch keinen Kontakt mehr zu seinen Freunden und seiner Familie hat und er sich die letzten Tage viele Gedanken über sich selbst machen konnte.
"Und du bist nicht so cool und lässig, wie du vorgibst", versuche ich mich zu wehren, mache eine ausschweifende Geste mit beiden Armen und bleibe ebenfalls stehen. Er dreht sich zu mir um, seine Augenbrauen ein wenig zusammengezogen.
"Wenn wir uns jetzt schon die Wahrheit sagen, dann solltest du wissen, dass diese abweisende Haltung, gegenüber jedem Fremden, echt bescheuert ist. Das bringt dir keinen Vorteil, nichts über deine Kunden zu wissen. Ich glaube, du versuchst dir damit in deinem Kopf nur eine Mauer zu bauen, weil dein Freund an deinen Drogen verstorben ist. Du willst nichts über die Leute wissen, denen du Pillen und Koks vertickst, damit es dir nicht mehr nahe geht", sprudelt aus mir heraus, "Aber eigentlich... eigentlich bist du der nette Junge von Nebenan. Du stehst dir selbst im Weg. Du könntest viel mehr erreichen, als nur an zwielichtige Gestalten Drogen zu verticken und in einem dunklen Club dein Dasein zu fristen."
Calebs Kiefermuskeln spannen sich an, er schluckt hart und ich erkenne die abwehrende innere Haltung, die er sofort wieder einnehmen will. Es ist längst zu spät, um mich auszuschließen, das weiß er.
"Du bist gut, Caleb", sage ich eindringlich und mache einen kleinen Schritt auf ihn zu, weil ich Angst habe, dass der Wind mir die Worte vom Mund wegreißt - derartige Komplimente würde ich nie wiederholen, "Du bist klug, sonst hättest du nicht sechs Jahre unbemerkt Drogen an einer einzigen Stelle verkauft. Du bist umsichtig und vorausschauend."
Er lacht kurz trocken auf und beendet das Blickduell. Er verschränkt seine Arme, scheint aber so nicht die richtige Position gefunden zu haben. Er steckt seine Hände doch in seine Jackentasche und lässt seine Augen wieder zu mir huschen, als wäre es ihm unangenehm Komplimente zu erhalten. Irgendwie komme ich zur Erkenntnis, dass er gar nicht der abgebrühte Clubdealer ist. Diese Rolle hat er nur zum Überleben angenommen. Er erinnert mich gerade viel mehr an einen etwas unsicheren Highschoolschüler, dem man Komplimente für seine Spielweise zukommen lässt. So wirklich will er sie wohl nicht annehmen... schließlich ist sein Kumpel der Star der Mannschaft.
"Ich habe schon einmal gesagt, niemand ist vollkommen gut oder schlecht", brummt er mürrisch, "Außerdem ist Drogenverkaufen nicht gerade eine Qualität, um sich für irgendeinen Job zu qualifizieren."
Ich glaube in dieser Sekunde, ihn endlich erkannt zu haben. Ich habe begriffen, wer er ist, denke ich zumindest, und das sorgt für einen kleinen Adrenalinstoß.
"Ich male nicht mehr und will immer noch Malerin werden", kichere ich und breite die Arme aus, "Was soll ich denn sagen. Es gibt für jeden irgendwo einen Platz, denkst du nicht?"
"Hm... ja", pflichtet er mir bei.
"Dann finden wir deinen. Und ich finde eine Lösung, ohne dass meine Familie sich von mir abwendet", spreche ich aus und kann kaum fassen, diese Worte aus meinem Mund zu hören.

Sobald ich sie ausgesprochen habe, verliere ich allerdings schnell wieder meinen Mut. Ich denke an die Enttäuschung meiner Eltern, als sie von Oxford erfahren haben. Wie traurig Mum war, als sie mich im Krankenhaus besuchte und die Tatsache, dass sie sich nicht mehr wirklich von mir verabschiedeten. Wie zur Hölle soll ich meine Eltern davon überzeugen, dass es für mich das Richtige ist meinen eigenen Weg zu gehen?
Caleb sieht wohl meinen Zweifel. Er seufzt, fängt meinen Blick auf und legt mir vertrauensselig eine Hand auf den Oberarm.
"Du schaffst das mit Links, Scarlett", versichert er mir, sein Griff spendet mir angenehmen Halt, "Du kennst deinen Platz, du weißt was du machen willst. Deine Eltern lieben dich und ich bin mir sicher, wenn sie sehen, wie sehr du dafür brennst, werden sie dahinterstehen."
Ich nicke stumm. Ein Teil von mir fürchtet, dass wir uns hier schrecklich belügen. Wir können nicht ausbrechen, nur weil wir gerade hier oben stehen und unsere Probleme winzig klein erscheinen. Wir sind nicht dafür gemacht, alles und jeden zu enttäuschen und rigoros zu machen, was wir wollen, auch wenn ich genau das meine Familie glauben lassen will. Komischerweise schafft er es aber ziemlich erfolgreich, dass ich mich fühle, als könnte ich es wirklich.
Ich weiß nicht ob es noch das Adrenalin ist, ob mich diese Ehrlichkeit berauscht oder ich jetzt doch den Verstand verloren habe. Ich trete noch näher an ihn heran, zögere kurz, er nimmt seine Hände aus seinen Jackentaschen und zögert ebenfalls.
Es war voraussehbar, weil ich in den letzten Tagen viel zu häufig über ihn nachgedacht habe. Dennoch trifft es mich so unerwartet und heftig, als wäre ich mit verbundenen Augen gegen eine Laterne gerannt. Zwischen mir und Caleb herrscht eine nicht zu verleugnende Anziehung. Ich bin unsicher, ob sie sich schleichend entwickelt hat, oder die ganze Zeit über bereits dagewesen ist. Im Club... das war reine Neugierde gewesen. Doch die Momente, in denen ich mich in den letzten Tagen wiedergefunden hatte, sind ganz anders. Viel tiefer und so, wie ich es noch nie erlebt habe.
Jedenfalls kann ich dieses aufgeregte Kribbeln nicht ignorieren. Erst beginnt es in meinen Fingerspitzen, die danach lechzen ihn zu berühren. Es breitet sich in meinen Armen aus, erreicht meinen Bauch, meine Beine, bis ich auch meine Füße kaum noch spüre. Zudem schwappt Hitze in Wellen durch mein Körper. Was passiert mit mir?
Ich erkenne die hübschen goldenen Sprenkel zwischen dem dunklen Braun, welches Calebs Augen seine Farbe verleiht. Seine Lippen mit dem frechen Schwung sind leicht geöffnet und ich begreife, dass er ebenso auf meine starrt. Fuck.
Es ist, als würde mein Körper auf Autopilot schalten und vollkommen kapitulieren. Ich blicke an uns herab, mein Atem ist hektisch und meine Wangen glühen. Ich würde zu gerne einem von uns beiden die Schuld dafür geben, dass sich unsere Hände kurz darauf finden, als sei es das Natürlichste auf der Welt. Ich bin mir aber sehr sicher, dass es von uns beiden ausgeht. Auch, als wir uns aufeinander zu bewegen, bis wir in einer merkwürdigen nicht-Umarmung Halt machen, kann und will ich das gar nicht verhindern. Forschend wende ich mich seinem Gesicht zu und bemerke das kaum wahrnehmbare Lächeln in seinen Mundwinkeln. Ich erwidere es unweigerlich und schlinge meine Arme um ihn, was er ebenso tut. So stehen wir für lange Momente dort oben, auf den Seven Sisters. Der Wind pfeift um unsere Ohren und zerrt unerbittlich an unseren Klamotten, aber das interessiert gerade so gar nicht. Ob es sein Herzschlag ist, den ich höre, oder mein eigener, der mir bis zum Hals schlägt... ich kann es gar nicht sagen.
Das Einzige, was ich wirklich begreife ist, dass diese Umarmung eine unfassbar heilende Wirkung auf mich hat. Ich fühle mich geborgen, verstanden und auch wertgeschätzt. Caleb muss nicht genau das erleben, was er von mir erfährt, um zu wissen wie ich mich fühle. Er nimmt es auch nicht so unbekümmert hin, wie Chris es immer tut, sondern bringt mich dazu weiterzudenken. Vielleicht ist es genau das, was ich brauche? Jemand, der mir nicht ständig aufzeigt, wie ungleich ich bin und wie ungewöhnlich unpassend meine Zweifel und Ängste sind. Jemand, der mir verdeutlicht, dass ich nicht "gleich" sein oder denken muss, um reinzupassen, und dass es auch okay ist anders zu sein.

Wir unterbrechen die Umarmung nicht abrupt. Nur langsam lassen wir unsere Arme wieder sinken und begreifen, was wir gerade getan haben. Das war die letzte Grenze. Wir sind keine Fremde mehr, keine Bekannte, aber auch nicht wirklich Freunde. Ich würde immerhin so weit gehen zu behaupten, wir seien etwas wie "Vertraute". So etwas hatte ich noch nie auf diese Weise.
Aus Calebs Gesicht lese ich ebenso Verwirrung, aber auch Unglaube und als er plötzlich sogar leise lacht und sich den Hinterkopf kratzt, als sei es ihm unangenehm, fühlt es sich tatsächlich so an, als hätte man mir mit aller Kraft in die Magengrube geschlagen. Er hat mitbekommen, was gerade zwischen uns passiert ist, da bin ich mir sicher. Es ist ihm peinlich. Vielleicht bereut er es sogar.
Als wir mit wenigen Worten entscheiden den Rückweg anzutreten will ich am liebsten davonrennen. Wir steigen nicht den gleichen Weg hinab, den wir hinauf genommen haben. Stattdessen halten wir uns weiter rechts, wo der Pfad flacher ins Land führt. Trotzdem können wir nicht nebeneinander gehen, was mich nach unserem Moment ungemein beruhigt. Ich sehe Calebs Rücken, die Lederjacke, die für ihn so typisch ist, wie seine dunklen Augen. Glaube sogar, noch den leichten Zigarettengeruch wahrzunehmen. Aber alles was es mir beschert sind Tränen, die in meinen Augen brennen. Vor allem habe ich Angst davor, dass sich jetzt zwischen uns etwas gravierend ändern wird. Wir kennen uns zwar nicht einmal annähernd lange genug, aber ich habe mich in irrwitzig kurzer Zeit an seine Anwesenheit gewöhnt. Im Moment betrachte ich ihn als meinen einzigen Verbündeten in dem Kampf, den ich gerade führe. Gegen meine eigenen schlechten Gefühle, die Drogen, die Entführung meiner Schwester. Er hat mir, ohne es zu wissen, einen neuen Pol gegeben. Einen Grund weiterzugehen, obwohl ich nicht weiß, was mich noch erwartet.
Von einem One-Night-Stand waren wir im Club Welten entfernt. Ab einem gewissen Zeitpunkt kann man das nämlich nicht als einen verbuchen, selbst wenn wir jetzt noch Sex hätten. Man kann es drehen und wenden wie man will, am Ende wären Gefühle im Spiel. Keine wirklich Starken, versuche ich mich zu überzeugen, aber es würde mich verletzen, wenn ich seine ungebremste Abweisung oder Belustigung zu spüren bekommen würde. Deswegen tue ich das, was ich immer am besten tue: ich wische mir die Tränen weg und sperre die Gedanken und Momente einfach aus.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast