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John Bentons U.N.I.T.-Tagebuch

von - Leela -
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAbenteuer / P12 / Gen
Brigadier Alistair Gordon Lethbridge-Stewart Captain Mike Yates OC (Own Character) Sergeant John Benton
24.04.2020
04.06.2022
64
161.145
3
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12 Reviews
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noch keine Reviews
 
11.11.2021 6.572
 
Anm. d. Aut.: Dieses Kapitel wurde für die »Wochen-Challenge« von Sira-la geschrieben. Die Vorgaben sind zur Vermeidung von Spoilern am Ende des Kapitels.
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Segen oder Fluch? John sieht dem Wochenende mit Vorfreude entgegen, doch dann ändern sich die Bedingungen. Wie schnell die Stimmung umschlagen kann, darüber erzählt er uns in seinem neuen Kapitel.

Entgegen meiner Vorstellungen

U.N.I.T.-Camp. Wenn man den Begriff zum ersten Mal hört, können einem verschiedene Assoziationen dazu kommen. Eine Idee wäre vielleicht so etwas ähnliches wie ein Feriencamp. Oder aber zum Beispiel eine Art Arbeitslager. Ich glaube, es ist irgend etwas dazwischen. Und ich spreche aus Erfahrung.
      Offiziell ist es ein Trainingsground. Dort konnten U.N.I.T.-Soldaten aus- und weitergebildet werden, und das intensiv und ganz außerhalb des normalen Dienstes, wo man gegebenenfalls abgelenkt wird oder gar noch unterbrechen muß, weil man in den Einsatz muß.
      Ich mag das U.N.I.T.-Camp. Für mich ist das wie das Sommercamp, in dem ich als Kind in den Ferien war. Wann immer ich die Möglichkeit habe, mache ich da gerne mit. Natürlich ist das auch mit Arbeit verbunden! Das Training ist anspruchsvoll, bereitet uns aber auch auf den Echteinsatz vor, und die sind ja meistens auch nicht ohne.
      Dieses Mal hatte das U.N.I.T.-Camp einen speziellen Sinn. Und darauf freute ich mich erst recht! Diesmal hatte es nichts mit Training zu tun. Das Camp war in vier kleine Projekte aufgeteilt, oder besser, ein kleines Projekt, das in vier Gruppen ausgearbeitet und zusammengefügt werden sollte. Und zwar ging es um ein kreatives Werbeplakat, das in der Stadt ausgehängt werden sollte. Jeweils zu zweit bekam man dafür ein großes Puzzleteil mit einem der U.N.I.T.-Buchstaben, und wir sollten es so gestalten, wie wir dachten, daß es U.N.I.T. am besten repräsentierte. Das Ergebnis würde dann in Druck gehen und bald die Bürger der Stadt erfreuen. Das Original würde bei uns auf dem Campus in der Eingangshalle der Zentrale hängen. Acht Teilnehmer konnten sich für das Projekt anmelden. Ratet, wer die Chance ganz schnell genutzt hatte!
      Dieses Projekt war dem Brigadier sehr wichtig, denn es sollte die Bürger sensibilisieren, und auch ein bißchen Werbung für diesen Zweig des Militärs machen. Deswegen fand das ganze auch im Rahmen des U.N.I.T.-Camps statt, damit wir ganz ungestört arbeiten konnten.
      Auf dieses Projekt freute ich mich schon lange. Je näher dieses Wochenende rückte, an dem wir Zeit hatten, unseren Anteil an dem Plakat auszuarbeiten, desto mehr Aufregung verspürte ich in mir. Ich hatte schon richtig gute Ideen. Und wenn ich mir vorstellte, daß mein Werk, das ich zusammen mit nur einer kleinen erlesenen Truppe von Kameraden zusammen erstellt haben würde, bald von allen Leuten überall in der Stadt zu sehen sein würde, erfüllte es mich schon mit Stolz, bevor wir überhaupt angefangen hatten.
      Und jetzt war es endlich soweit! Unser Kleinbus in Camouflagegrün mit dem U.N.I.T.-Logo an den Seiten war mit allerhand Material gepackt, und die Teilnehmer verluden ihr Gepäck, bevor sie sich im Inneren einfanden und sich auf die Losfahrt freuten. Und einer davon war ich!

Apropos exklusive Teilnehmer. Ich hatte auf der Liste schon gesehen, daß sich auch Captain Yates eingetragen hatte. Naja. Ihm konnte ich ja aus dem Weg gehen. Es gab auf dem Campgelände ein Gebäude mit Viererschlafzimmern, ich mußte es nur so hinbekommen, daß ich mir nicht ausgerechnet mit ihm ein Zimmer teilen mußte. Ich hatte mich aber auch schnell im Bus mit drei anderen Kameraden abgesprochen, so daß ich zuversichtlich war, daß ich das hinbekommen würde. Und sonst würde ich es auch überleben. Solange er mir bei dem Projekt nicht in die Quere kam, war mir das egal. Und da war die Chance ja noch geringer, immerhin mußte ich nur mit einem von sieben Kameraden zusammenarbeiten.
      Die Zimmeraufteilung verlief problemlos. Immerhin war es den meisten egal, mit wem sie das Zimmer teilten. Und so ging mein Vorschlag, den ich im Bus schon zur Zimmeraufteilung gemacht hatte, auf, und alle anderen Befürchtungen rückten in noch weitere Ferne. So lange, bis wir uns im Besprechungsraum trafen, wo der Brigadier noch einmal erklärte, worauf es ankam, und die Gruppen einteilte.
      Ich war davon ausgegangen, daß es sich ein bißchen an den Zimmern orientieren würde. Naja, ich bin manchmal ein bißchen naiv, ob der Gedanke dazu zählte, lasse ich mal dahingestellt. Jedenfalls kam alles ganz anders. Der Brigadier hatte sich überlegt, die Gruppen nach einem Zufallsprinzip auszulosen. Ratet, was passierte!
      Ich betete. Und die bis dahin schon fast vergessenen Sorgen und Ängste waren wieder da. So hoch konnte die Chance doch gar nicht stehen, daß… Als die Zusammensetzung „Sergeant Benton und Captain Yates“ verkündet wurde, wußte ich, wie müßig diese Hoffnung gewesen war. Ich sackte in mir zusammen. Aber nur innerlich.
      Wir sind hier an einem ganz speziellen Punkt der Geschichte angelangt. Mike Yates war so ziemlich der letzte, mit dem ich hätte zusammen arbeiten wollen. Nicht, weil ich ihn nicht mochte. Sondern, weil er mich nicht mochte, und ich das zu jeder Gelegenheit zu spüren bekam. Das konnte heiter werden! Alles in mir schrie, darum zu fragen, zu betteln und zu flehen, daß ich tauschen durfte. Aber ich glaube nicht, daß sich der Brigadier überhaupt darauf eingelassen hätte. Darüber hinaus hielt mich noch etwas anderes davon ab. Wenn ich meinen Unmut dem Captain gegenüber so offen kundgetan hätte, wie würde es dann wohl in meinem Dienst weiter gehen? Darüber wollte ich erst recht nicht nachdenken!
      Ich brach also innerlich zusammen und ergab mich in mein Schicksal. Mein Enthusiasmus sank allerdings auf den Nullpunkt. Ich hatte mich so auf das Projekt gefreut! Warum mußte mir ausgerechnet der zugewiesen werden?

Die größte Kunst als Soldat ist es, sich nicht anmerken zu lassen, wie es in einem aussah. Diese Fähigkeit hatte ich bis zur Perfektion getrieben. Ich mußte das unsicherste Individuum auf dem ganzen Planeten sein. Nicht gerade die besten Voraussetzungen im Militärdienst. Es gelang mir aber, mein Gefühlsleben mit militärischer Disziplin zu kaschieren. Jetzt bekam dieses zweifelhafte Talent eine neue Qualität!
      Eigentlich machte ich es so wie immer. Ich versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie es mir in Mikes Gegenwart ging. Ich beschloß, seine Spitzen und Machtspiele zu ignorieren und mich gar nicht erst kleinkriegen zu lassen, egal ob innerlich oder äußerlich. Ich würde den Teufel tun und Schwäche zeigen!
      Meine Konzentration auf das Projekt war natürlich hinüber. Zum einen war ich viel zu beschäftigt damit, mich auf Mikes Reaktionen einzustellen, um diese aushalten zu können, zum anderen machte es so natürlich keinen Spaß. All die guten Ideen, die ich gehabt hatte, würden also irgendwo in einem Winkel meines Seins verschwinden, ich würde Mike sicher nicht reinreden und ihm damit Angriffsfläche bieten.
      In der großen Halle, die üblicherweise für das Essen genutzt wurde, waren vier Arbeitstische aufgebaut, an der Seite standen die Tische mit dem Material. Der Brigadier verteilte die vier Puzzleteile und gab uns den Buchstaben bekannt, den wir mit einarbeiten sollten. Wir bekamen das N. Ab da durften wir alleine loslegen.
      Mike schlug sich in die Hände. Sein elanvolles „Dann wollen wir mal!“ bewirkte bei mir aber das Gegenteil von Motivation. Ich schaute neidisch an die anderen Tische. Ich hätte mit jedem lieber zusammen gearbeitet als mit Mike. Und ich bin mir auch sicher, daß es niemandem von den anderen so viel ausgemacht hätte, mit Mike zusammen zu arbeiten. Wie hatte das nur passieren können? Ich seufzte, aber auch nur innerlich. The story of my live!
      Und dann kam schon gleich der erste Moment, der mich in Angst und Schrecken versetzte. Mike sah mich an und fragte mich, was ich für Ideen hatte.
      Ich fühlte mich wie auf dem Prüfstand! Ich mußte mich vor dem Captain bewähren oder gnadenlos untergehen. Und seien wir mal ehrlich, es war ganz egal, was ich jetzt sagte, es würde immer falsch sein. Wenn jemand einen auf den Kieker hatte, fand er immer einen Ansatzpunkt, die eigenen Ideen niederzumachen und es ganz anders zu machen, damit auch schön klar war, daß seine Ideen die besseren waren.
      Ich hatte eigentlich keine Lust, mich großartig einzubringen. Ich wußte aber auch, daß das keinen guten Eindruck hinterlassen würde, und zumindest die Blöße würde ich mir nicht geben. Ich überlegte nur, ob ich ihm wirklich meine tollen Ideen mitteilen würde, damit er sie postwendend abwerten konnte, oder ob ich mir einfach irgend etwas ausdachte, was mir nicht so viel bedeutete. Letzten Endes war es egal. Ich wußte ja, daß es nicht um die Sache an sich ging, sondern daß es ein persönliches Problem mit mir war, das die Reaktionen auslöste. Ich hatte nur nie herausgefunden, was es war, das der Captain an mir nicht mochte.
      Ich beschloß, authentisch zu bleiben und die Gedanken, die ich gehabt hatte, auch so zu teilen. Und so schlug ich vorsichtig vor, nichts mit Außerirdischen zu machen.
      Die Überraschung in der Miene meines vorgesetzten Offiziers war nicht gespielt. Da war ich mir sicher. Ich hatte aber nicht die Muße gehabt, die Begründung gleich mitzuliefern. Er konnte selbst ein bißchen nachdenken. Ob er das tat oder nicht, konnte ich nicht sagen, zumindest aber kam er auf die Lösung nicht, denn er fragte verständnislos, wie ich darauf käme, denn immerhin war es genau das, was U.N.I.T. ausmachen würde.
      Ich sah mich demonstrativ zu den anderen Tischen um und erläuterte, daß mir der Gedanke genau deswegen gekommen war, denn das war so zentral unser Thema, daß sicher alle anderen genau in die Richtung denken würden. U.N.I.T. war aber so viel mehr! Wir hatten nicht nur mit außerirdischen Bedrohungen zu kämpfen, wir kümmerten uns um alles, was sich nicht erklären ließ. Und damit würde ganz viel von unserer Arbeit unter den Tisch fallen, wenn nicht jemand sein Augenmerk darauf legte.
      Ich erwartete nicht, daß ich für mein Gedankengut Zuspruch bekam. Ich erwartete nicht einmal, daß er es verstand! Zu meiner Überraschung zeigte er sich nachdenklich. Offenbar hatte ich ihn kalt erwischt.
      Als ich mich im Gegenzug nach seinen Einfällen erkundigte - Interesse zu zeigen, macht sich immer gut, und das Interesse war von meiner Seite durchaus da! - wirkte er mit einem mal sehr verlegen. Er hatte an eine Aliencollage gedacht, aber ohne Cybermen und Daleks, aus den gleichen Gründen wie ich, weil darauf ganz sicher die anderen Teams schon zuschlagen würden. Deswegen wollte er lieber die weniger bekannten, dafür oftmals interessanteren Aliens thematisieren. Nun, so gut die Idee auch war, ich hatte ihm etwas den Wind aus den Segeln genommen. Ich konnte trotzdem nicht anders, als ihm zu sagen, was für eine gute Idee das war. Und das meinte ich auch ehrlich. Denn die Überlegung an sich war gut gewesen. Ich fragte dann diplomatisch, auf welche Idee wir uns einigen wollten. Er konnte seine Version ja trotzdem umsetzen. Ich würde ganz sicher nicht mit ihm diskutieren. Ich hatte nur einen kleinen, unbedeutenden Vorschlag gemacht.
      Ich sah ihm an, daß er in einen inneren Konflikt gekommen war. Schließlich gab er zu, daß er meine Idee besser fand. Damit konnten wir uns wirklich ein bißchen profilieren und etwas besonderes beisteuern. Daß ich so etwas mal erleben würde, hätte ich im Leben nicht gedacht. Es erfüllte mich automatisch mit Stolz – wenn auch nur wieder innerlich.
      Als er mich fragte, an was für Ereignisse ich dabei gedacht hatte, dachte ich automatisch an das Inferno-Projekt, bei dessen Bohrarbeiten eine Substanz zutage gefördert worden war, die Mutationen im menschlichen Körper auslöste und sie zu einer komplett neuen Spezies konvertierte. Daß ich prompt auch noch ein Beispiel hatte, schien ihn zu frustrieren. Er konnte mich weder vorführen, noch belehren, noch sich in den Vordergrund spielen. Er dachte nach, und ihm fielen dazu noch die Riesenmaden ein, die vor einiger Zeit aufgrund von Industrieabfällen entstanden waren. Damit hatten wir schon mal eine gute Grundlage.
      Wir einigten uns darauf, erst einmal damit zu arbeiten, und dann zu entscheiden, was wir noch zu dem Thema machen konnten. Die Grundidee war ganz einfach, auf dem Boden des Puzzleteils wollten wir mit den Maden und Abfällen beginnen, und darüber mit der grünen Substanz und den Primords, wie die konvertierten Menschen genannt worden waren. Mike begann bereits damit, grob festzulegen, wo welche Elemente hin sollten. Ich hüstelte leicht und spannte mich an. Ich mußte ihn darauf aufmerksam machen, daß wir einen bestimmten Bereich des Puzzleteils frei lassen mußten, weil da später das U.N.I.T.-Logo drüber kam. Es gefiel mir nicht, meinen Vorgesetzten belehren zu müssen; bevor da nachher aber etwas schief ging, konnte ich nicht anders.
      Mike hatte die Markierung tatsächlich nicht gesehen. Er wirkte etwas verlegen. Als Captain von einem kleinen Sergeant auf so etwas hingewiesen zu werden ist schon ein bißchen peinlich. Er ließ sich nichts anmerken. Ich ließ mir nichts anmerken. Und wir redeten nicht mehr darüber. Aber der Bereich für das Logo wurde jetzt ausgelassen.
      Mehr als die grobe Planung bekamen wir am ersten Tag auch nicht hin. So viel Zeit hatten wir nach der Ankunft nicht mehr. Und bei mir fiel die Anspannung erst einmal ab, als wir endlich auseinander gehen konnten. Es war anstrengend, mit jemandem zu arbeiten, mit dem man nicht frei sprechen konnte.
      Als ich am Abend ins Bett fiel, ließ ich den Tag noch einmal Revue passieren. Es war alles in allem besser gelaufen als ich geahnt hatte. Mike hatte sich tatsächlich auf meine Vorschläge und Hinweise eingelassen. Andererseits, was hatte er auch für eine Wahl gehabt? Konnte ich vielleicht am nächsten Tag etwas mutiger werden? Oder war das dann eine Spur zu viel? Wenn er sich zu sehr an die Wand gefahren fühlte, kam der Boomerang sicher zurück! Sollte ich statt dessen lieber ein paar Fehler einbauen, die er korrigieren konnte, damit er sich überlegen fühlte, und nicht zurückbiß, weil er sich zurückgesetzt fühlte? Machte es vom Gefühl her einen Unterschied, aus welchem Grund er gegen mich agieren würde?
      Meine gewohnte Unsicherheit war in allen schillernden Farben vorhanden! Es war ein Gefühl, das ich nicht abstellen konnte, nicht einmal jetzt, wo ich gar nicht in der Lage war, daß es mich beschäftigen mußte. Aber ich wußte, daß es bald wieder auf mich zukommen würde. Und mein Geist hatte die irrwitzige Idee, daß ich darauf vorbereitet sein sollte, auch wenn ich mich gar nicht vorbereiten konnte, weil ich gar nicht wußte, was kommen würde, und ich gar nicht alle Eventualitäten abklopfen konnte.
      Ich atmete tief durch und beschloß, es auf mich zukommen zu lassen. Was hatte ich denn auch für eine andere Wahl…?

Am nächsten Tag ging es an die Umsetzung unserer Ideen. Und dazu war mir über Nacht noch etwas eingefallen. So, wie wir es besprochen hatten, war es nicht geschickt! Das mußte ich jetzt nur irgendwie Mike beibringen. Und irgendwie hoffte ich, daß ihm das auch schon aufgefallen war, damit er sich mit dem Gedanken profilieren konnte, und sich nicht gleich wieder von mir auf die Füße getreten fühlte.
      Es war ihm nicht aufgefallen. Er wollte mit Maden und Primords anfangen. Und so nahm ich einen tiefen Atemzug, bereitete mich seelisch auf alles vor, was kommen mochte, und brachte ganz vorsichtig an, daß mir dazu noch ein Gedanke gekommen war. Denn wenn diese beiden Elemente im Vordergrund stehen sollten, war es besser, wenn wir mit dem Hintergrund anfingen.
      Wieder ein Argument, das er nicht entkräften konnte.
      Seine Reaktion darauf war, was ich denn für Ideen für den Hintergrund hatte. Und darüber hatte ich mir noch keine genauen Gedanken gemacht. Nur so weit, daß es eben keine Aliens sein sollten. Erwartete er jetzt eine Antwort von mir? Ganz sicher! Ich hatte ja auch den schlauen Einwurf gemacht! Als ich versuchte, mir die Szene vor meinem geistigen Auge vorzustellen, kam ich aber auch schnell zu dem Punkt, an dem ich der Meinung war, daß gar nicht so viel Aufwand notwendig sein würde. Der Hintergrund brauchte ja nur ganz einfach gehalten zu sein, nur eine Art Landschaft, die ein bißchen interessant war, wie eine Steinwüste oder so etwas; Hauptaugenmerk wäre ja ohnehin das, was sich im Vordergrund abspielen würde.
      Mike nahm es zur Kenntnis, kommentierte es aber nicht weiter. Es wirkte wie ein stummes Einverständnis. So, als wenn er so nicht offen zuzustimmen brauchte. Klar, immerhin war es wieder meine Idee gewesen. Er fragte mich, was ich davon halten würde, einen Jeep und einen Helikopter in die Szenerie mit einzubinden. Immerhin waren das unsere allseits gebräuchlichen Einsatzmittel.
      Die Idee fand ich gut. Ich zögerte kurz. Dazu kam mir spontan noch eine Idee. Konnte ich sie jetzt noch mit einbringen, oder wäre es für meinen vorgesetzten Offizier zu viel Input von dem kleinen, unliebsamen Sergeant? Ich hatte weder Interesse daran, das Prädikat überheblich zu bekommen, noch, daß ich mich zu wenig eingebracht hätte.
      Plötzlich spürte ich seinen Blick auf mir ruhen, und so merkte ich doch sachte an, wie es denn wäre, wenn wir später noch einen U.N.I.T.-Soldaten an einem Funkgerät in das Bild einfügten. Denn das gehörte ja auch zu unserer generellen Arbeit.
      Für einen Moment ließ er sich den Gedanken durch den Kopf gehen. Anscheinend hatte er das fertige Bild schon genau so vor Augen wie ich. Als er es absegnete, hätte ich innerlich vor Dankbarkeit und Erleichterung zusammenbrechen mögen. Ich hatte bislang alle meine Ideen durchbekommen! Waren sie etwa so gut, daß der Captain sich nicht dagegen wehren konnte? Hallelujah!

Jetzt ging es an die Umsetzung des Projektes. Und das machte es mir erst einmal einfach, ihm die Führung zu überlassen. Ich fragte ihn, wie wir uns aufteilen wollten.
      Mike überlegte nicht lange. Er schlug vor, daß er sich zuerst einmal um den Hintergrund kümmerte, und ich in der Zwischenzeit Maden ausschneiden könnte. So kamen wir uns nicht in die Quere. So sinnvoll der Gedanke auch war. Ich ging jetzt einmal davon aus, daß nichts persönliches dahinter steckte, daß er mir die Maden überließ.
      Darüber hinaus machte es Spaß, die Maden aus dem Karton auszuschneiden. Sie mußten noch ein bißchen eingefärbt und die Konturen nachgezeichnet werden. Das war eine schöne Aufgabe, mit der ich mich einige Zeit beschäftigen konnte. Insbesondere, weil ich sie ganz für mich allein erledigen konnte. Ich hätte den ganzen Tag Maden ausschneiden können… Irgendwann stand Mike neben mir und bellte mich an, ob ich verrückt geworden wäre, solche Massen an Maden zu produzieren. Naja, ich hatte das Original-Szenario noch vor Augen, und es sollte doch Eindruck schinden, oder nicht? So sagte ich es Mike natürlich nicht! Statt dessen zuckte ich zusammen und hörte verlegen damit auf, Maden herzustellen. Ich kommentierte es nur damit, daß wir sie vielleicht in den Hintergrund setzen konnten, und die Primords davor…
      Er hatte inzwischen auf das Puzzleteil die Umgebung einer Steinwüste teils gemalt, teils mit farbiger Folie ausgearbeitet. Und das sah richtig gut aus. Wir klebten nun die Maden in die Szenerie, und brachten auch gleich das N mit ein, das schon vorgegeben war. Das würde inmitten der Steinwüste stehen.
      Ich hatte Hunger. Eigentlich hatte ich keinen rechten Appetit, dafür war ich viel zu angespannt, aber mein Magen sprach eine deutliche Sprache. Ich wagte es aber nicht, eine Pause vorzuschlagen. Ich wußte aus Erfahrung, wie solche Situationen endeten. Es wäre nicht das erste Mal, daß der Captain mir gegenüber seine Kompetenzen ausspielen würde. Dieses Mal verhungerte ich lieber freiwillig, als daß ich ihm den Triumph gönnte, mir eine Mahlzeit zu verwehren.
      Mike fragte mich, ob ich Lust hätte, Primords zu basteln. Er würde sich dann um den U.N.I.T.-Jeep und den Helikopter kümmern. Auch das nahm ich nicht persönlich. In der Tat hatte ich tatsächlich Lust, Primords zu basteln. Ich wurde prompt darauf hingewiesen, daß ich es nur nicht so übertreiben sollte wie mit den Maden.
      Ich schnappte mir die grünen Kartonbögen und überlegte mir eine Strategie. Die grüne Folie war perfekt für diese grüne Substanz, welche die Katastrophe erst ausgelöst hatte. Ich überlegte mir, wie groß die Primords werden sollten, wie viele ich brauchte, und wie ich sie anordnen wollte.
      Mike maß gerade die Größe für den Jeep und den Helikopter aus. Ich bemühte mich, ihm nicht in die Quere zu kommen, ließ ihn seine Ausmeßarbeiten erst fertig machen, dann hatte ich meine Ruhe. Ich war sehr dankbar, daß jeder wieder für sich arbeiten konnte. So gab es kaum Potential für Konflikte. Jeder konnte sich seinem Teil der Arbeit widmen und brauchte sich nicht um den anderen zu bemühen. So machte mir das Projekt zumindest in diesem Rahmen auch wieder Spaß. Ob er es wohl so vorgeschlagen hatte, damit er auch vor mir Ruhe hatte?
      Während ich an meinen Primords arbeitete, dachte ich darüber nach, wie die zwei Tage in unserem Team hier bisher verlaufen waren. Toll. Es gab schönere Gedanken, die man während einer kreativen Arbeit haben konnte. Alles in allem verlief es bislang besser als ich zu erwarten bereit gewesen wäre. Mußte er sich sehr zusammenreißen, um keine Spitzen zu verteilen? Wahrscheinlich war er auch froh, daß wir die Arbeit so gut aufteilen konnten, damit er sich nicht mehr als notwendig mit mir abgeben mußte. So konnte er mir aus dem Weg gehen, und brauchte sich nicht ständig von mir belehren zu lassen. Mit dieser Strategie fuhren wir auf jeden Fall beide gut. So war es mir jedenfalls lieber, als wenn er mich offen spüren ließ, was er von mir hielt. Immerhin so weit hielt er sich unter Kontrolle. Ich hoffte sehr, daß es so blieb.
      Meine kleinen Primords gelangen mir ganz gut. Ich wartete, bis Mike seinen Jeep aufgeklebt hatte, weil der mehr in den Hintergrund sollte. Als ich freies Feld hatte, bearbeitete ich den Buchstaben so, daß überall die grüne Masse herunterfloß. Anschließend setzte ich die Primords in das Szenario ein. Danach konnte ich Mike das Feld überlassen, um den Helikopter einzukleben. Jetzt fehlte nur noch der U.N.I.T.-Soldat am Funkgerät. Den würden wir ganz vorne im Vordergrund unterbringen. Es war nur die Frage, wer sich darum kümmern sollte.
      Mike stellte fest, daß ich mit den Primords schon genug geleistet hatte und wollte sich selbst darum kümmern. Damit war das beschlossene Sache. Ich hatte dann Gelegenheit, über die Bemerkung nachzudenken. Hatte er es wirklich nett, oder gehässig gemeint? Vielleicht ironisch oder provokant? Vielleicht hatte er erwartet, daß ich widersprach oder mich gar empörte. Oder er wollte Zeichen setzen – er kümmerte sich um die U.N.I.T.-Elemente, und ich war für die Katastrophen zuständig.
      Ich stöhnte auf und ließ mich auf einen Stuhl sinken. Das paßte! Ich hatte Spaß daran, mich um die Katastrophen zu kümmern, so war es nicht. Das Sinnbild war aber schon deprimierend.
      Durch Zufall fand ich auf dem Boden noch eine von meinen Maden. Ich konnte nicht anders. Ich klebte sie in einem unbeobachteten Moment auf die Ladefläche von Mikes Jeep.

Zum Ende des Tages hatten wir alles, was wir uns überlegt hatten, fertig. Ich bemühte mich derweil darum, nicht zu viel nachzudenken. Nicht zu viel zu analysieren, zu interpretieren, zu bewerten und irgendwelche Bedeutungen herauszufinden. Ich würde sowieso nie erfahren, was Mike wirklich bei der einen oder anderen Bemerkung gedacht hatte. Wenn das seine Art war damit umzugehen, daß ich ein paar mal die Richtung vorgegeben hatte, dann sollte es mir recht sein. Damit konnte ich umgehen.
      Ich tat es schon wieder! Ich analysierte! Oh, wie ich es haßte! Genau das hatte ich hier beim Projekt nicht haben wollen!
      Ich suchte mir eine Ablenkung und zwang mich dazu, das Thema aus meinem Geist zu entfernen. Mich nicht mehr davon beherrschen zu lassen. Warum war es mir überhaupt so wichtig? Weil ich mit jedem gut auskommen wollte? Weil ich um Ruf und Karriere fürchtete? Weil ich… einfach nicht verstand, was Mike gegen mich hatte…? Ich hatte ihm nie etwas getan… War ich wirklich so unsympathisch…?
      Das war der Gedanke, mit dem ich an dem Abend einschlief. Glaubt mir, das ist keine schöne Art, um in den Schlaf zu kommen…

Den letzten Tag hatten wir noch Gelegenheit, den letzten Schliff in unser Werk zu bringen, bevor es zu einem großen ganzen zusammengesetzt werden würde. Eigentlich sah alles schon richtig gut aus. Zu meiner Überraschung gestand Mike sogar, daß die vielen Maden richtig gut wirkten, und die Menge richtig gut abgepaßt gewesen war. Das löste eine eigentümliche Art von Stolz in mir aus. Ein Lob von Mike Yates? Immerhin hätte er das nicht sagen müssen!
      Mike fragte mich, ob ich noch irgendwelche Ideen hatte. Mir schwirrte eine große Biene im Kopf herum. Also, nicht wortwörtlich, aber das war es gewesen, worin sich die Maden nachher weiterentwickelt hatten. Ich wagte aber kaum, damit jetzt noch rauszukommen, um mir nicht jetzt noch einen Seitenhieb vom Captain einzufangen, und sei es nur, warum ich gestern nicht schon etwas gesagt hätte, als er den Funker gebastelt hatte.
      Er sah mir an, daß mir noch ein Gedanke durch den Kopf ging. Sein erwartungsvoller Blick bohrte sich in meine Seele. Ich atmete einmal tief durch und brachte ganz vorsichtig meine Idee hervor. Wir hatten oben noch einen schönen Platz, wo die Biene hinkönnte.
      Er warf einen schnellen Blick zur Uhr und fragte mich, ob ich mich darum noch kümmern wollte. Er würde dann schon mal die Folie holen, um das Werk zu versiegeln.
      Ich überlegte nicht lange sondern handelte ganz schnell. Ich wollte meine Biene haben!
      Mike schnitt schon die Folie zurecht und bemerkte wohl, daß ich ein bißchen hektisch war, denn er meinte, ich solle mich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Offenbar war ihm das Projekt wichtig, und er wußte, daß, wenn es ordentlich werden sollte, es besser war, wenn man nicht in Eile arbeitete. Immerhin würde das Ergebnis auch auf seinen Namen zurückfallen! Es ist erstaunlich, wie automatisiert manche Gedanken schon abliefen…
      Ich versuchte mich zu beruhigen, und für einen Moment zitterten mir die Hände. Und in dem Augenblick kam das, was mich aus der Bahn warf. Mike sah mich an und fragte, ob ich Angst vor ihm hätte.
      Was sollte ich auf so eine Frage antworten? Sie war nicht hämisch gekommen. Allenfalls ein bißchen überrascht. Aber auch ein bißchen so, als wenn er sie loswerden mußte. Ich stockte merklich. Was sollte ich denn jetzt sagen? Aber meine Körperreaktion sprach für sich. Er mußte gemerkt haben, wie ich zusammengezuckt war.
      Ich spürte die Hitze in die Wangen steigen. Ich konnte nicht dementieren. Ich wollte aber auch nicht bestätigen. Dadurch entstand die wohl unangenehmste Pause, die ich je erlebt hatte.
      Mike deutete meine Reaktion schon sehr gut. Und er beantwortete sie so, wie es die Situation gerade hergab. „Wir unterhalten uns nachher mal.“ Das waren seine Worte. Denn jetzt mußten wir uns erst auf die Präsentation des Projektes vorbereiten. Und dann sagte er mir, ich solle ganz in Ruhe meine Biene fertig machen.
      Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Mit so etwas hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet! Was würde bei dem Gespräch wohl rauskommen? Ich konnte mir nicht vorstellen, daß Mike eine boshafte oder hinterhältige Absicht darin legte. Dafür war er viel zu überrascht gewesen. Aber worauf würde das ganze nun hinauslaufen?
      Mit dem Wissen, daß mir dieses Gespräch bevorstehen würde, wurde ich natürlich nicht ruhiger. Auch wenn es sich alles in allem nicht negativ angefühlt hatte, wußte ich nicht, was mich erwartete. Und meine Gedanken hatten einen neuen Fokus, um den sie sich Sorgen machen und Geschichten ranken konnten.
      Zumindest aber konnte ich mich entspannter um meine Biene kümmern, und das war toll. Damit versuchte ich mich auch gleich ein wenig aus meinem neuen Gedankenchaos abzulenken. Es gelang mäßig, aber die Biene wurde großartig. Sie wurde noch ein kleines Highlight in unserem Szenario.
      Mike hatte mir dafür Zeit gelassen und sich in der Zwischenzeit bei den anderen umgesehen. Ich vermute, daß er mir nicht so auf die Finger sehen wollte, um mich nicht unbewußt unter Druck zu setzen. Es war das erste Mal, daß ich von ihm ein richtig positives Signal spürte. Als ich fertig war, versiegelte er das Bild mit der Folie. Wir waren mit unserem Anteil fertig!
      Wir gaben unser Puzzleteil beim Brigadier ab, der es in die Präsentation einfügte, und gesellten uns zu den Kameraden, die schon fertig waren. Wir waren nicht einmal die letzten. Ein Team gab ihr Stück kurz nach uns ab. Damit war das Projekt vollständig.
      Jetzt wurde noch das U.N.I.T.-Logo in die Mitte geklebt. Und wir konnten uns das Resultat ansehen. Glücklicherweise hatten wir tatsächlich alle unterschiedliche Ideen und Ansätze gehabt.
      Die einzelnen Teams sollten nun noch ihre Gedanken zu ihrer Gestaltung mitteilen. Mikes Idee war tatsächlich von einem anderen Team aufgegriffen worden. Mit den Axons, den Zygons und den Kraal hatten die beiden Kollegen bewußt nicht ganz so bekannte Außerirdische in ihrer Arbeit eingebracht. Ich konnte nicht anders, als Mike ein verstohlenes Schmunzeln zuzuwerfen. Ein anderes Team hatte sich für eine Dalek-Cybermen-Collage entschieden. Sie hatten befürchtet, daß die beiden größten und gefährlichsten Gegner auf der Strecke blieben, wenn alle sehr bewußt in andere Richtungen dachten. Auch ein guter Ansatz! Und das dritte Team hatte die außerirdischen Botschafter thematisiert, die in Frieden gekommen waren, um aufzuzeigen, daß die Bedrohung nicht immer aus dem Weltraum kam, sondern manchmal auch von der Erde gegen friedliche Außerirdische ausging. Eines hatten die anderen Puzzleteile aber alle gemeinsam: Sie beschäftigten sich alle mit extraterrestrischen Spezies. Wir hatten also alles richtig gemacht!
      Mike sah ich seinen Stolz an, daß wir in eine wichtige andere Richtung gedacht hatten. Trotzdem ließ er mir den Vortritt, die Gedanken hinter unserem Design zu erklären. Immerhin war es ja auch meine Idee gewesen! Meine Erläuterungen faßte ich natürlich trotzdem in der Wir-Form.
      Der Brigadier zeigte sich imponiert - von uns allen! - und sehr stolz und zufrieden über das Ergebnis. Habe ich erwähnt, daß es bald in der ganzen Stadt zu sehen sein wird?

Aber ihr wollt sicher wissen, was nun aus meinem Gespräch mit Mike geworden ist. Das verlief in eine Richtung, die ich niemals vermutet hätte.
      Ich war nervös! Ein Gespräch mit meinem vorgesetzten Offizier, nachdem er mich gefragt hatte, ob ich Angst vor ihm hatte – wo würde das hinführen? Vor allem, weil mein Empfinden ja nicht von ungefähr kam.
      Kaum war der offizielle Teil erledigt, und wir zurück auf dem U.N.I.T.-Campus, schlug er vor, ins Bistro im Ort zu gehen. Das war natürlich eine Aufforderung, die ich nicht ablehnen konnte. Dort suchten wir uns einen Tisch. Hoffentlich konnte er nicht sehen, wie ich zitterte.
      Ich mochte nichts essen. Das verriet meinen Gemütszustand natürlich um so mehr. Und so bestellte ich nur eine Kleinigkeit zu meinem Ginger Beer, während Mike seelenruhig die Speisekarte studierte und sich reell etwas zu essen bestellte.
      Anschließend wandte er mir seine Aufmerksamkeit zu, und es fiel mir schwer, Blickkontakt zu halten. Als wir hier nun zusammen saßen, fragte er mich direkt, was ich für einen Eindruck von ihm hätte. Na wunderbar! Das machte mein Unwohlsein nicht besser.
      Ich atmete einmal tief durch, und gestand, daß ich das Gefühl hatte, daß er mich nicht mögen würde. Er sah mich nachdenklich an. Nach einem Moment erkundigte er sich, woran ich das festmachen würde. Nunja. Es gab kaum Momente, in denen keine Spitzen ausgeteilt wurden. Ich hatte es mehr als einmal erlebt, daß er mir gegenüber seinen Rang als Captain ausgespielt hatte, manchmal mit Genuß. Manchmal ging es so weit, daß es gehässig wirkte. Und ich hatte den Eindruck, daß er es auf mich abgesehen hatte, und ich es ihm nie recht machen konnte. Reichte das als Begründung?
      All das teilte ich ihm sehr vorsichtig mit. Er fragte mich daraufhin, ob ich es mir so sehr zu Herzen nehmen würde, daß ich da nicht drüber stehen konnte. Ja, genau so hatte ich mir das Gespräch vorgestellt! Jetzt kam meine Unsicherheit auf den Tisch, die ich mir als Soldat nicht erlauben konnte!
      Da wir nun aber bei einem vollständigen Geständnis angelangt waren, erklärte ich, daß ich es nicht verstehen konnte, da ich ihm nie etwas getan hatte, daß ich immer versuchte, mit anderen gut auszukommen, und nicht zuletzt, daß ich auch befürchtete, daß es sich negativ auf meine Laufbahn auswirken könnte, wenn so ein Feedback von einem Captain über mich zum Brigadier gelangte. Ich wußte nie, was er von mir erwartete. Und ich wollte meine Fehler gerne wissen, damit ich mich verbessern konnte. Ich erklärte ihm, daß ich mich so nicht wohl fühlte, und, ja, daß ich es mit in den Feierabend nahm, und schon Angst vor der nächsten Begegnung hatte. Und wo wir schon dabei waren, platzte es aus mir heraus, daß ich wußte, daß ich nicht der beste Soldat war, und eigentlich für den Job nicht geeignet, daß ich aber bereit war an mir zu arbeiten, und ich auch gut gemeinte Hinweise dankend aufnahm, wenn mir jemand sagte, wie ich die Dinge besser machen konnte. Daß ich dabei nicht gleich noch in Tränen ausbrach glich einem Wunder und zeigt nur, daß ich irgend etwas in meiner Militärausbildung gelernt hatte.
      Ich hatte bis dahin nie gedacht, daß ich mich ihm einmal so offenbaren würde. Als ich einmal angefangen hatte, mußte das alles aber einfach raus! Und ich sah Mike zu meiner Überraschung betroffen. Ich glaube, er hatte nicht einmal mehr richtiges Interesse an dem Essen, das gerade gebracht wurde. Die Unterbrechung schien aber trotzdem willkommen, damit er sich etwas sammeln konnte.
      Er rührte sein Essen nicht an. Statt dessen überlegte er wohl, was er sagen sollte, oder, wie er es sagen sollte. Er begann damit, daß er nie wahrgenommen hatte, daß er mir so zusetzte, weil er es von Soldaten so kannte, daß sie so etwas ohne weiteres wegsteckten. Ich bin ein kleines Sensibelchen, ich weiß, auch wenn ich es nicht offen zeigte. Deswegen fand ich es schon enorm, daß Mike es an diesem Wochenende wahrgenommen hatte. Ganz so gut in dieser militärischen Disziplin war ich also doch nicht.
      Das vorweg geschickt, gab er zu, daß ich nichts falsch gemacht hatte. Im Gegenteil, daß ich ein guter - nein, er sagte hervorragender - Soldat wäre, und besser als so manch anderer in höheren Rängen. Solch ein Lob hatte ich ganz sicher nicht erwartet, schon gar nicht von ihm. Aber das war erst der Anfang. Denn jetzt fragte ich mich erst recht, was seine Reaktionen für einen Sinn ergaben. Mochte er mich einfach nicht? Oder war das für ihn einfach ein Spiel?
      Nachdem er mir gesagt hatte, wie toll ich war - okay, das ist die sehr kurze, saloppe Zusammenfassung von mir - wurde er sehr verlegen. Und zu meiner Überraschung gestand er mir, daß er es war, der unsicher war. Und ich war derjenige, der ihn verunsichert hatte. Als er zu U.N.I.T. gekommen war, hatte er sich in mir mit einem in U.N.I.T.-Belangen erfahrenen Sergeant konfrontiert gesehen, der so einnehmend und attraktiv - das sagte er wirklich! - auf andere wirkte, daß er sich nicht anders zu helfen gewußt hatte, als sich hinter seinem Captainsrang zu verstecken, um mit mir mithalten zu können. Er hatte sich von meiner Präsenz so an die Wand gefahren gefühlt, ohne daß ich überhaupt etwas davon gewußt hatte, daß die kleinen Machtspielchen nichts weiter als einen Ausgleich dazu schaffen sollten.
      Daß er damit in mir das gleiche auslöste, was er selber fühlte, hatte er weder gesehen noch gewollt. Er hatte wirklich geglaubt, da ich auch so souverän rüberkam, ich stecke das so weg. Erst als wir hier am Wochenende über einen längeren Zeitraum so eng zusammen gearbeitet hatten, hatte er registriert, daß ich weitab jeglicher Selbstsicherheit war, insbesondere in seiner Gegenwart.
      Zog man jetzt einen Strich unter die Rechnung, sagte er mir eigentlich, daß er mich mochte. Und er gestand der Sache auch zu, daß er mich nicht hatte verletzen wollen. Er hatte nur sein eigenes Ego auf ein Niveau heben wollen, bei dem er sich mir nicht unterlegen fühlte.
      War das zu fassen? So hatte ich mich nie gesehen! Ganz und gar nicht! Eher im Gegenteil… Konnte es sein, daß wir beide irgendwie Minderwertigkeitskomplexe hatten?
      Fakt war, daß wir uns beide nicht wohl gefühlt hatten, in der Situation. Um so dankbarer war ich, daß er sich getraut hatte, das Thema offen anzusprechen. Jetzt, wo wir die Hintergründe wußten, konnten wir das Problem auflösen. Er mußte vor mir ja keine Angst haben! Ich vor ihm allerdings auch nicht.
      Er versprach mir, daß er zukünftig darauf achten würde, daß ich mich in seiner Gegenwart nicht mehr unwohl zu fühlen brauchte. Ich fragte mich, was ich im Gegenzug tun konnte. Vielleicht relativierte es sich aber von allein, wenn er wußte, daß ich gar nicht so souverän war, wie ich anscheinend auf ihn zu wirken schien. Irgendwie hatten wir es beide geschafft, unseren Gegenüber ganz falsch einzuschätzen. Und manchmal bewirkte es Wunder, einfach darüber zu sprechen. Bei mir brachte es jedenfalls eine Wärme mit sich, die sich durch meinen Körper ausbreitete. Eine Wärme in dem Bewußtsein, daß ich keine Schweißausbrüche mehr zu haben brauchte, wenn ich meinen Dienst antrat. Und wer wußte schon, wieviel wir noch profitieren konnten, jetzt, wo sich so etwas wie eine Freundschaft zu entwickeln schien.
      Mike schob mir die inzwischen schon fast kalte Lasagne zu, um mit mir zu teilen. Irgendwie konnte er es nicht haben, daß ich nicht so richtig etwas aß. Ich steuerte meine Zwiebelringe bei. Auf diese Weise wurde der Abend nicht nur gemütlicher, sondern auch persönlicher als ich je zu erwarten bereit gewesen wäre.

Als das Wochenende begonnen hatte, hatte ich es verflucht, daß ausgerechnet Mike mir als Partner in dem Projekt zugeteilt worden war. Nach dem Wochenende war ich dankbar dafür. Wahrscheinlich hätten wir unsere Differenzen sonst wohl nie aufgelöst.
      Ob der Brigadier da wohl seine Finger mit im Spiel gehabt hatte? Jedenfalls schmunzelte er leicht vor sich hin, als Mike und ich ihm das nächste Mal im Dienst begegneten…


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Die Vorgabe für Kalenderwoche 45/2021 von MiraMiracle war:
      Auf dieses Projekt hast du dich schon lange gefreut, aber von allen möglichen Partnern, warum musste dir ausgerechnet *der* zugewiesen werden?
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