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John Bentons U.N.I.T.-Tagebuch

von - Leela -
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAbenteuer / P12 / Gen
Brigadier Alistair Gordon Lethbridge-Stewart Captain Mike Yates OC (Own Character) Sergeant John Benton
24.04.2020
01.07.2022
69
173.990
3
Alle Kapitel
12 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
24.04.2020 2.122
 
Anm. d. Aut.: Dieses Kapitel wurde für die »Wochen-Challenge« von Sira-la geschrieben. Die Vorgabe findet ihr, um Spoiler zu vermeiden, am Ende des Kapitels. ;-)
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Bei U.N.I.T. erlebt man die erstaunlichsten Dinge. Das ist etwas, was John sehr schnell gelernt hat. An einem gewissen Punkt hat er es sich aber zur Aufgabe gemacht, die seiner Meinung nach sonderbarsten Erlebnisse aufzuschreiben, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Einige dieser Einträge, die er in einer Art Tagebuch sammelt, teilt er mit euch hier. Und als Beginn hat er sich eine Begebenheit ausgesucht, die ihn seinerzeit wirklich verstört hat…

Auf wen man vertrauen kann…

Ich legte die Aktenmappe sorgfältig auf den Beifahrersitz, hetzte um den Dienstwagen herum und setzte mich an das Steuer. Heute hatte ich den wohl wichtigsten, verantwortungsvollsten und von Vertrauen zeugendsten Auftrag meiner ganzen bisherigen U.N.I.T.-Laufbahn bekommen. Und ich legte alles darauf an, diesen perfekt auszuführen!
      Eigentlich war der Auftrag als solches recht simpel. In der Aktenmappe befanden sich Wertpapiere, die bei einer Bank im Tresor hinterlegt werden sollten. Dies mußte ich mir quittieren lassen, und konnte mich schon auf den Rückweg machen, um die Quittung dem Brigadier zu überbringen, und vielleicht ein bißchen Lob zu bekommen.
      Das einzige, was mir Sorgen bereitete war, daß ich wußte, welcher Wert in dieser Aktenmappe steckte. Daß mir dieser Auftrag überhaupt anvertraut worden  war, ehrte mich zutiefst, konnte der Brigadier doch kein größeres Vertrauen in mich aussprechen; dafür trug ich jetzt die Verantwortung für die mir anvertrauten Papiere, und hatte sie im Zweifel mit meinem Leben zu beschützen – was ich sicher auch tun würde, wenn es darauf ankam. Wenn nur niemand etwas davon mitbekommen hatte, der es darauf anlegen könnte, die Papiere zu bekommen!
      Ich mochte mir nicht ausmalen, was passierte, wenn es jemandem gelang, die Aktenmappe zu entwenden, oder den Dienstwagen zu überfallen, oder beides, oder noch schlimmeres. Bei U.N.I.T. hatten wir schon so manches erlebt, was das ohnehin schon unsichere Gefühl in meiner Magengegend noch mehr schürte, und ich hoffte im stillen, daß der Brigadier nicht deswegen ausgerechnet mich für den Auftrag ausgewählt hatte, weil ich am entbehrlichsten war.
      Ich versuchte, den Gedanken abzuschütteln. Dafür war der Auftrag zu brisant, als daß solche Überlegungen ernsthaft zum tragen gekommen sein konnten. Im Gegenteil; es war äußerst wichtig, daß die Übergabe der Papiere in der Bank reibungslos verlief, und dafür brauchte es jemanden, dem man eine Aktion dieser Art auch zutraute. Immerhin, der Brigadier wußte anscheinend, daß er sich auf mich verlassen konnte. Und das würde ich unter Beweis stellen, egal in welcher Instanz!
      Ich schaltete das Navigationsgerät ein und gab die Adresse der Bank ein. Soweit ich wußte, handelte es sich um eine Bank gehobener Klasse, die auf solche Sachen wie diese spezialisiert war. Den Namen hatte ich schon mal gehört, aber ich war nie dort gewesen, und es war eine Zeitlang zu fahren, so daß mir die Unterstützung gut zu paß kam.
      Ein wenig aufgeregt war ich schon, als er endlich losfuhr. Wahrscheinlich ist das normal, wenn man sich darüber bewußt war, was für eine ungeheuer wichtige, wertvolle Fracht man an Bord hatte. Aber was sollte unterwegs schon passieren?
      „Bitte fahren Sie nach links vom Parkplatz und verlassen Sie das U.N.I.T.-Gelände durch das Haupttor!“ sagte die männliche Stimme aus dem Navigationsgerät.
      Ich stutzte leicht. Eine solch detaillierte Angabe hatte ich gar nicht erwartet. Eventuell war das aber eine U.N.I.T.-eigene Programmierung, das hätte mich nicht gewundert. Auf dem Rückweg mußte ich mal schauen, ob ich auf eine weibliche Stimme umstellen konnte. Irgendwie wäre das eine… angenehmere Gesellschaft, wenn ich schon allein unterwegs war.
      Es folgten ein paar Kommandos in dem Stil, den ich kannte. Es ging nach rechts vom U.N.I.T.-Gelände herunter, dann ein Stück der Straße folgend, einmal links, einmal rechts…
      Ich war gerade auf dem Stück unterwegs, das zwischen den Feldern durch ein Waldgebiet führte, als eine erneute Angabe mich irritierte. „Die nächste Möglichkeit rechts abbiegen!“ Das wunderte mich. Der Weg, den das Navi angab, führte von der Hauptstraße, sofern man in diesem Bereich überhaupt von »Straßen« sprechen konnte, in einen unscheinbaren Seitenweg, der nach meinem Verständnis von der Route, die ich fahren mußte, eher wegführte. Konnte das richtig sein? Andererseits… Das Navi würde schon wissen, wie es am besten ans Ziel kam. Und so setzte ich den Blinker, obwohl weit und breit niemand zu sehen war, und bog an der besagten Stelle ab.
      Es ging einen einsamen Waldweg entlang, den vermutlich nur ein paar Insider kannten. Es mochte sein, daß er eine Abkürzung für etwas war; das war das einzige, was nach meinem Verständnis Sinn hätte ergeben mögen, auch wenn ich noch immer das Gefühl hatte, mich eher von meinem Ziel wegzubewegen.
      In diese Gedanken hinein hörte ich die Stimme des Navis in einem verschworenen Flüsterton sagen: „Psst, John!“
      Ich stoppte so abrupt den Wagen, daß die Aktenmappe fast vom Sitz gerutscht wäre. Hatte ich mir das gerade nur eingebildet?
      „John! In dieser Aktenmappe stecken einige hunderttausend Pfund!“
      Ich hatte es mir nicht eingebildet! Das Navi hatte mich angesprochen! Ich versuchte, meinen rasenden Puls zu beruhigen. „Jaah…“ erwiderte ich bedächtig und kam mir dabei äußerst seltsam vor.
      „Du weißt, daß du die ohne weiteres veräußern kannst, oder?“ implizierte die Navi-Stimme.
      Ein unangenehmer Schauer arbeitete sich durch meinen Körper. Legte das Navi mir etwa nahe, mit den Papieren durchzubrennen? War das ein Test? „Mein Auftrag ist es, die Papiere bei der Bank zu hinterlegen!“ stellte ich, etwas vehementer als erforderlich, klar. „Und genau das werde ich auch tun!“
      „Komm schon, John!“ Die Stimme nahm etwas kameradschaftliches an, was mir - zumindest in dieser Unterhaltung - mißfiel. „Was meinst du, was du mit dem Geld alles machen kannst? Du kannst irgendwo ein neues Leben anfangen, mit allem Luxus, den du haben willst. Ich verrate dich ganz sicher nicht! Was ist, Johnny, wir fahren irgendwo hin, wo uns niemand kennt, du verkaufst die Papiere, und wir teilen gerecht! Fifty-fifty! Ist das nichts?“
      Ich muß zugeben, ich stand unter Schock. Wenn ich mit allem möglichen gerechnet hatte, was mir auf dieser Mission hätte passieren können – damit, vom eigenen Navi zu einer Straftat verführt zu werden, nicht! „Okay, Brigadier, das war ein netter Versuch! Ich werde jetzt auf die eigentliche Route zurückfahren und die Papiere ausliefern, so wie es der Auftrag vorsieht!“ Konsequent wendete ich den Wagen, was sich auf dem schmalen Weg als nicht allzu einfach herausstellte, und fuhr zurück auf die ursprüngliche Strecke.
      „Aw, Johnny…“ Die Stimme des Navis hatte einen tadelnden Unterton, der mir erst recht mißfiel. „Das ist nicht dein Ernst! Du willst dir diese einmalige Chance doch nicht entgehen lassen!“
      „Doch, will ich!“ erklärte ich tiefgründig. Dabei ignorierte ich weiterhin geflissentlich, daß ich mich mit einem technischen Gerät unterhielt. „Ich setze bestimmt nicht meine Karriere, mein Leben, und alles, was mir lieb und teuer ist aufs Spiel! Mal ganz davon abgesehen, daß ich sicher nicht kriminell werde!“
      Meine Lebenseinstellung schien das Navi in keinster Weise zu beeindrucken. Dafür apellierte es an seine Seite von mir, mit der ich durchaus zu kämpfen hatte, die mich bislang aber nie darin erschüttert hatte, ehrlich zu bleiben und meinen Dienst pflichtbewußt zu erfüllen: „Aw, und wofür? Was bringt dir deine ganze Moral und dein Pflichtbewußtsein, John? Ein kleines Lob vom Brigadier? Wenn überhaupt? Willst du immer ein kleiner Soldat in dieser Einheit bleiben, der nicht weiß, wie er mit seinem Geld langkommen soll?“
      „Jetzt hör mir mal zu!“ entgegnete ich ärgerlich, ohne richtig zu registrieren, daß ich mitten in der Diskussion mit dem Navigationsgerät war. „Dieser Auftrag hier bedeutet eine ganze Menge Vertrauen, das der Brigadier in mich setzt! Und wenn ich den Auftrag gut erfülle, dann wird es weitere Aufträge dieser Art geben! Noch mehr Verantwortung, die ich nicht enttäuschen werde! Und irgendwann zahlt sich das aus!“
      Als das Navi das nächste Mal sprach, wurde ich das Gefühl nicht los, als wirkte die Stimme so, als würde sie den Kopf schütteln. „Johnny, Johnny, Johnny… Du bist so süß und so naiv… Du siehst die Möglichkeiten nicht, wenn sie direkt vor dir liegen!“ Ich fühlte mich von der Stimme des Navis behandelt wie ein Kindergartenkind. Mich brachte sie jedenfalls auf die Palme, und das in allen Instanzen, und ich wage zu behaupten, daß das bei mir nicht so einfach ist. Bevor ich etwas hitziges entgegensetzen konnte, sprach die Stimme aber auch schon weiter: „Hey, ich kenne da eine gute Route in die Schweiz! Wir können mit der Fähre übersetzen, die Papiere irgendwo in Deutschland verkaufen und in der Schweiz untertauchen!“
      „Ja, genau!“ Ich lachte unwillkürlich auf. „In der Nähe von Genf, wo der Hauptsitz von U.N.I.T. ist!“
      „Mach Österreich draus. Oder Luxemburg.“ korrigierte sich das Navi schnell. „Monaco, vielleicht? Oder wir setzen uns nach Amerika ab!“
      Ich konnte nicht mehr anders, als zu lachen. Ob es aus reiner Hilflosigkeit war, oder weil ich die ganze Sache ohnehin nicht mehr ernst nehmen konnte, konnte ich nicht mal mit Bestimmtheit sagen, aber inzwischen fand ich das Navi ganz amüsant. Dafür mußte ich jetzt selbst auf den Weg achten, denn das Navi war mir keine große Hilfe mehr. Nachdem es zwei Mal versucht hatte, mich in die Irre zu leiten - ich wurde das Gefühl nicht los, daß es immer wieder versuchte, mich in Richtung Fähre zu steuern - traute ich dem Navi nicht mehr. Das hatte zur Folge, daß ich ein weiteres Mal anhielt und mir den Stadtplan nahm.
      „Was ist los mit dir? Was stimmt mit dir nicht?“ Die Navi-Stimme klang enttäuscht, was mir in dem Moment so ziemlich egal war. Ich konsultierte akribisch den Stadtplan, während sie weiter proklamierte: „So eine Chance bekommst du nur einmal im Leben, Johnny! Und du wirfst sie weg! – Die nächste Abfahrt rechts… Rechts… Rechts! Weißt du nicht wo rechts ist?!“
      An der Stelle schaltete ich das Navi ab. Es war nicht so, daß ich nicht mit Straßenkarten umgehen konnte. Und so verließ ich mich lieber auf mich selbst, um an mein Ziel zu kommen.

Die Formalitäten bei der Bank waren schnell erledigt und liefen reibungslos. Wenig später verließ ich das Gebäude mit der Quittung für den Brigadier.
      Als ich wieder im Auto saß, beäugte ich das Navi kritisch. Ich konnte immer noch nicht glauben, daß ich von einem korrupten Navigationsgerät dazu angehalten worden war, mit dem Kapital meines Arbeitgebers durchzubrennen.
      Ich muß gestehen, das Gedankenspiel an sich war faszinierend gewesen. Mir vorzustellen, was ich mit dem ganzen Geld hätte machen können, und die aufregende Flucht über die Grenze, das Abenteuer, als gesuchter Verbrecher irgendwo im Ausland unterzutauchen, vielleicht mit einer neuen Identität ein ganz neues Leben zu beginnen… Und dennoch wäre das nie für mich eine Option gewesen. Dafür war ich viel zu ehrlich, zu anständig, und hätte auch viel zu viel Angst vor den Konsequenzen gehabt. Vielleicht lebte ich dadurch mein Leben jetzt nicht in Reichtum. Viel wichtiger aber war für mich, daß ich den Respekt und das Vertrauen des Brigadiers hatte.
      Für die Rückfahrt wagte ich es, das Navi wieder einzuschalten. Vielleicht hatte das Reset ja etwas gebracht. Ich war kaum unterwegs, als die Stimme niedergeschlagen sagte: „Ich bin sehr enttäuscht von dir, Johnny! Sehr, sehr enttäuscht! Was hätten wir nicht alles machen können? Und jetzt sitzen wir wieder auf den untersten Rängen in der kleinen U.N.I.T.-Einheit fest…“
      Ich ließ mich von der Stimme nicht beirren. Ich war stolz darauf, daß ich der Versuchung hatte widerstehen können. Dabei kam mir ein seltsamer Gedanke. Gerade war ich ganz froh, daß ich nicht herausgefunden hatte, wie man die Navigationsstimme auf eine weibliche Stimme umstellen konnte. Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob ich dann ebenso standhaft hätte bleiben können…


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Die Vorgabe für Kalenderwoche 17 war (von -Leela- mit Ergänzungen von Sira-la):
      Als das Navigationsgerät deines Autos plötzlich anfängt, dich mit Namen anzusprechen und sich mit dir persönlich zu unterhalten, fragst du dich, ob es an der Zeit ist, den Verstand zu verlieren. Und dennoch…
      Das Navi entwickelt hierbei im Laufe des Gesprächs eine Persönlichkeit, die ziemlich das Gegenteil eures Hauptcharakters ist.
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