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Herzeleid

von Engineer
GeschichteAllgemein / P18 Slash
Richard Kruspe Till Lindemann
23.04.2020
12.05.2020
3
5.275
4
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12.05.2020 902
 
Alle sind gegen ihn.

Sogar Flake und Olli, die sonst eher zurückhaltend sind.

Und Schneider. Vor allem Schneider. Er hat ihn sogar schon in der Öffentlichkeit als Arschloch bezeichnet. Das tut weh.

Und Paul. Richard sieht zum Fenster hinaus, raucht und versucht, die Tränen zurückzuhalten. Sogar Paul hat sich von ihm abgewandt. Das tut besonders weh.

Er hätte es ihm sagen wollen. Hätte ihm anvertrauen wollen, was er für ihn empfindet, aber jetzt ist er froh, das er es nicht getan hat. Er denkt an die harten Worte, mit denen Paul ihn bedacht hat, und als er diesmal blinzeln muß, lösen sich die Tränen.
Ja, es stimmt. Sie sind so extrem gegensätzlich. Es wäre wohl auch nichts aus ihnen geworden, wenn sie sich nicht zerstritten hätten - aber das ändert nichts an der Tatsache, daß Richard in ihn verliebt ist.

Daß es jedes Mal wieder so wehtut. Man sollte doch meinen, daß auch das Herz irgendwann Hornhaut bekommt, aber das scheint nicht der Fall zu sein.

Leise Schritte nähern sich ihm. Eine schwere Hand legt sich auf seine Schulter und drückt sie sanft.

"Das wird schon wieder", sagt Till leise, "wirst sehen."

Richard läßt die Kippe fallen und tritt sie aus. Er schüttelt den Kopf. "Glaub ich nicht."

"Doch, ich schon." Till lächelt ihn an. Es tut so gut, wenigstens ein freundliches Gesicht zu sehen.

"Sind die anderen weg?", fragt Richard.

Till nickt und zieht ihn an sich, hält ihn ganz fest. Dankbar schmiegt sich Richard an ihn, drückt sein Gesicht an seine Schulter und kann endlich den Tränen freien Lauf lassen.
Till tröstet ihn, streicht ihm über den Rücken, küßt ihm die Tränen weg, so, wie er es früher schon getan hat.

Richard sieht auf. "Ich weiß nicht, wie ich das durchhalten soll, Till", flüstert er.

"Du schaffst das, Richard. Ich weiß, daß du das kannst", versichert ihm Till. "Du mußt dir kleine Ziele setzen, wie z.B. einfach nur den nächsten Tag zu überleben. Erst einen", er küßt ihn, "dann noch einen", er küßt ihn wieder, "dann noch einen", wieder ein Kuß, "und so weiter… Hm?"

Fast muß Richard lächeln, doch dann macht er sich los und fragt mißtrauisch: "Aber du bist doch auch böse auf mich, oder?"

"Nein", erklärt Till, "Du und ich, wir sind über manche Dinge verschiedener Meinung, aber das hat mit böse sein nichts zu tun. Ich habe eigentlich nur Angst, daß die Band auseinanderbricht. Das will ich nämlich nicht."

"Ich doch auch nicht", flüstert Richard resigniert und wendet sich ab, "aber wenn die anderen mich nicht mehr haben wollen, dann ist es vielleicht besser, wenn ich freiwillig gehe, bevor sie mich rausschmeißen…" Er läßt den Kopf hängen.

Till sieht ihn argwöhnisch von der Seite an.

"Da ist doch noch was. Etwas, das du sogar mir verschweigst. Das merke ich doch, Richard." Er lächelt und drückt wieder Richards Schulter. "Weißt du, ich kenne dich inzwischen ja ein bißchen."

Doch Richard ist heute nicht in der Lage, zu lächeln. Ernst sieht er Till an. Fast unmerklich nickt er. Till streicht ihm mit zwei Fingern über die Wange. "Willst du's mir nicht sagen?"

Richard schluckt. "Wenn ich dir das sage, dann bist du mir wirklich böse… Und zu Recht…"

"Weißt du", sagt Till gedehnt und tut so, als gäbe es draußen etwas Interessantes zu sehen, "wenn ich raten müßte, würde ich auf Liebeskummer tippen… Großes Herzeleid…"

Er kann nicht gesehen haben, wie Richard bei diesen Worten zusammengezuckt ist. Oder doch?

Ein starker Arm legt sich um Richards Schultern. Till drückt ihn an sich. Er sieht weiterhin zum Fenster hinaus, als er flüstert: "Es ist wegen Paulchen, stimmt's?"

Stocksteif steht Richard da und wagt es kaum, zu atmen. Jetzt. Jetzt ist der Punkt erreicht, wo auch sein letzter Freund, sein bester Freund, sich von ihm abwenden wird. Richard weiß, daß er sich nicht seelisch dagegen wappnen kann, aber er versucht es trotzdem.

Till hält ihn weiter fest. Er atmet einmal tief durch. Man kann doch so alt werden, wie man will, es wird einfach nie besser, denkt er. Er denkt zurück an die Zeit vor zehn Jahren, da Richard bei ihm gelebt hat.
Letztendlich hat sich herausgestellt, daß sie einander nicht geben konnten, was der jeweils andere gesucht hat. Er kann es Richard nicht verdenken, daß er sich in Paul verliebt hat.
Abgesehen vom Offensichtlichen, nämlich, daß er meist freundlich und fröhlich ist, hat Richard instinktiv gespürt, daß Paul über eine innere Stärke und Gelassenheit verfügt, die ihm fehlt.
Till spürt, wie Richard immer noch zum Zerreißen gespannt neben ihm steht. Er weiß, wovor er Angst hat.

Er drückt ihn fester an sich und legt ihm zwei Finger unter das Kinn. Sanft dreht er seinen Kopf, damit er ihn ansieht. Wenn er ihn so im Arm hält, gefangen vom Blick dieser silbernen Augen, dann spürt er, wie sich ein seinem Inneren wieder das alte Begehren ausbreitet, dieses alte Leid. Tapfer bekämpft er es und lächelt Richard an. Sachte schüttelt er den Kopf.

"Nein", sagt er schlicht, und Richard weiß sofort, was gemeint ist. Sanft küßt er Richards Lippen. "Ich hab's dir doch versprochen."
 
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