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Herzeleid

von Engineer
GeschichteAllgemein / P18 Slash
Richard Kruspe Till Lindemann
23.04.2020
12.05.2020
3
5.275
4
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23.04.2020 1.806
 
Ein Jahr nach der sogenannten Wende steht er auf einmal vor seiner Tür. Till hat absolut nicht damit gerechnet. Überrascht platzt er statt einer Begrüßung heraus: „Ich denke, du bist im Westen?“

Der junge Mann mit dem blond-schwarzen Iltis-Haarschnitt steht niedergeschlagen mit gesenktem Haupt vor ihm. Er sieht völlig fertig aus.

„Ja, da war ich.“ Es ist kaum ein Flüstern. Jetzt sieht er auf, und Till sieht im fahlen Mondlicht die mühsam zurückgehaltenen Tränen in seinen Augen glänzen. „Ich weiß nicht, wo ich hin soll…“, murmelt er, „Bitte, Till, kann ich eine Weile bei dir bleiben?“

Es tut Till in der Seele weh, seinen Freund so zu sehen. Wie könnte er es übers Herz bringen, ihn wegzuschicken?
Er lächelt und hält ihm die Tür auf. „Na klar. Komm rein.“

Der andere packt einen Rucksack und eine E-Gitarre, die er an die Hauswand gelehnt hatte, und betritt das kleine Häuschen. Er folgt Till ins Wohnzimmer, läßt sein Gepäck einfach neben der Tür stehen und sinkt auf dem alten plüschigen Sofa zusammen.

„Trink erstmal was“, schlägt Till vor und holt zwei Flaschen Bier, von denen er eine seinem Gast reicht. Der trinkt, ohne abzusetzen, die ganze Flasche auf ex. Till setzt sich neben ihn.
„Na? Besser?“, fragt er ihn.

Doch der andere schüttelt nur traurig den Kopf. Er hat offenbar heute noch nicht viel gegessen, denn Till kann förmlich sehen, wie ihm der Alkohol zu Kopfe steigt. Das erschwert es ihm, die Tränen zurückzuhalten. Er ringt sichtlich um Fassung.
Till legt einen Arm um den Freund und spürt, wie dieser sich ihm gleich entgegenlehnt.
„Nu erzähl mal, Scholle“, fordert Till ihn auf. „Was ist los?“ Aufmunternd drückt er ihn ein bißchen.

Der Angesprochene seufzt tief und muß sich erst einmal räuspern, bevor er seine Stimme wiederfindet. Rastlos zupft er mit den Fingern der rechten Hand an denen der linken. Er hat wohl keine Zigaretten mehr, sonst würde er jetzt rauchen. Till kramt einhändig in seiner Hosentasche und fördert ein zerdrücktes Päckchen zutage, das er dem Freund reicht. Dankbar klemmt dieser einen Glimmstengel zwischen die Lippen. Weiteres Kramen, und Till gibt ihm Feuer. Hastig inhaliert er ein paar Züge.

„Weißt du, wie das ist?“, fragt er dann leise, „Wenn du bis über beide Ohren verliebt bist, und du denkst, du bist der glücklichste Mensch auf Erden. Wenn du denkst, deine Beziehung läuft prima. Du denkst, du hast jemanden gefunden, mit dem du den Rest deines Lebens verbringen kannst. Du denkst, du wirst geliebt… und dann…“ Er schluckt. „Dann irgendwann mußt du feststellen, daß du die ganze Zeit nur ausgenutzt worden bist…“ Er vergräbt das Gesicht in den Händen. Sein Atem wird unregelmäßig. „Ich fühl mich so… so… wertlos“, preßt er hervor. Und dann, fast unhörbar, verzweifelt: „Niemand hat mich lieb…“

Till seufzt ebenfalls und stellt sein Bier weg. Er legt die Arme um den Freund und zieht ihn an sich. Dankbar vergräbt dieser das Gesicht an seiner Schulter. Tröstend streicht Till ihm über den Kopf und den Rücken.

„Diese blöde Schlampe!“, ereifert er sich. „Die hat einen Mann wie dich gar nicht verdient! Vergiß sie. Wenn hier jemand es nicht wert ist, dann diese blöde Kuh!“

Während er seinen Freund gut festhält und ihm immer wieder über den Rücken streicht, spürt er, wie sein T-Shirt an der Schulter langsam feucht wird. Oje, wenn Scholle sich so weit gehen läßt, daß er tatsächlich weint, dann muß es sehr schlimm sein. Till kennt seinen Freund. Er ist anderen gegenüber immer sehr darauf bedacht, keine Schwäche zu zeigen und sich keine Blöße zu geben. Fast ist Till ein bißchen stolz darauf, daß er ihm so sehr vertraut, daß er hier und jetzt tatsächlich in seinen Armen weint. Er drückt ihm einen Kuß auf die Schläfe.

Scholle schnieft und sammelt sich ein bißchen. Wieder zieht er an der Zigarette. Er will etwas sagen, aber es fällt ihm sichtlich schwer. Mehrmals setzt er an und bricht unvollendeter Dinge wieder ab. Die Zigarette ist zu ende, und er drückt die Kippe im Aschenbecher aus, der vor ihm auf dem Couchtisch steht.

Till hebt sein Kinn an und zwingt ihn mit sanfter Gewalt, ihm in die Augen zu sehen. Sie sind silbern wie das Mondlicht, und in seinen langen Wimpern hängen Tränen. Till fühlt sich versucht, sie wegzuküssen, aber er beherrscht sich. Du hast zu lange keine Frau gehabt, schilt er sich und schüttelt innerlich den Kopf. Sanft sagt er: „Was ist denn, Scholle, hm? Komm, mir kannst du’s doch sagen…“

Doch der fragt stattdessen: „Hast du noch was anderes außer Bier?“ Seine Stimme klingt rauh. Er zündet sich eine zweite Zigarette an.

„Logisch“, sagt Till und erhebt sich, um eine Flasche Korn zu holen. Gläser spart er sich. Er setzt sich wieder und geht mit gutem Beispiel voran. Er nimmt einen kräftigen Schluck und reicht die Flasche seinem Freund, der es ihm gleichtut.

Schweigend trinken sie abwechselnd, nicht zu langsam, nicht zu schnell. Scholle raucht, und Till schnorrt ab und zu einen Zug. Dabei blickt jeder sinnierend vor sich hin, aber Till läßt immer seinen linken Arm auf den Schultern des jungen Mannes neben ihm liegen, damit er weiß, daß er da ist.

Unerbittlich geht der Korn der Neige zu. Die Zigaretten auch. Der alte Regulator an der Wand schlägt Mitternacht.

Da tapst es auf der Treppe, und herunter kommt ein fünfjähriges Mädchen im geblümten Schlafanzug. „Papa, ich kann nicht schlafen.“

Till stellt die Flasche ab, erhebt sich leicht schwankend und nimmt die Kleine auf den Arm.
„Na, komm, ich erzähl dir noch eine Geschichte, damit du schlafen kannst. Aber nur eine ganz kurze.“

„Wer ist das?“, will sie wissen und sieht zu Scholle hinüber.

„Das ist mein Freund Scholle. Der bleibt für eine Weile bei uns. Und du mußt jetzt schlafen, Madame.“ Er kitzelt das Mädchen ein bißchen. Sie quiekt, kuschelt sich dann an ihn und stellt fest: „Du stinkst nach Schnaps.“ Streng fährt sie fort: „Trink nicht soviel!“ und droht ihm mit dem ausgestreckten Zeigefinger. Ihr Vater nimmt das Fingerchen vorsichtig zwischen die Lippen und tut so, als wolle er es abbeißen. Sein Töchterchen lacht.

„Weißt du, Nele“, sagt er zu ihr, während er sie die Treppe hochträgt, „manchmal muß man einfach soviel Schnaps trinken, und heute ist so ein Tag...“

Die Geschichte war kurz, aber doch lang genug, daß Scholle inzwischen die Flasche ausgetrunken hat. Jetzt ist sein Blick nicht nur tränenverschleiert, sondern auch deutlich glasig. Auch die Zigaretten hat er aufgeraucht.
„So, jetzt erzählst du mir aber, was mit dir los ist“, verlangt Till, als er wieder neben ihm sitzt. Scholle nimmt seinen Arm und macht Anstalten, ihn sich um die Schultern zu legen. Till drückt ihn an sich. „Also…? Was wolltest du vorhin sagen?“

Der Alkohol hat seine Wirkung getan und Scholles Hemmschwelle soweit herabgesetzt, daß er sich tatsächlich in der Lage fühlt, darüber zu reden. Allerdings verträgt er nicht soviel, und seine Artikulation leidet ziemlich darunter. Er ist süß, wenn er besoffen ist, denkt sich Till, und wundert sich gleichzeitig über seine dummen Gedanken.

„Also, ich war in Berlin… also im Westen jetz… un… un… ich hatte ja mit Leo rübergemacht… über Ungarn, weißde…“, fängt Scholle umständlich an. „Also, wir warn in Wes-Berlin, weißde, un ham da ne kleine Wohnung gehabt… un ich hab mir da diese Gitarre gekauft un hab versucht, irngwo inner Band zu spielen… aber das war nich so einfach… die warn alle so abgehoben, immer nur hinterm Geld her. Die ham mich irngwie nich ak-akßepiert, weißde… aber das hat nischt gemacht, weil… ich…  ich hatte ja Leo… un ich hab richtig doll geübt, weißde, manchma acht Stunn am Tag, ich bin jetz richtig gut geworn…“

„Ja, bestimmt bist du das“, sagt Till und versucht, das Gespräch wieder auf das eigentliche Thema zu lenken, nämlich die Ursache für Scholles schrecklichen Liebeskummer. „Aber du wolltest mir doch von dieser Frau erzählen, du weißt schon …“ Wieder schrubbelt er aufmunternd den Rücken des Freundes.

Doch der hat offenbar dank des Nordhäuser Qualitätsprodukts völlig den Faden verloren. „Was für ne Frau?“, fragt er verständnislos zurück.

„Na , die dich nur ausgenutzt hat“, hilft ihm Till auf die Sprünge, „die blöde Schlampe, wegen der du jetze so unglücklich bist…“

Scholle sieht ihn immer noch an, als sei er derjenige, der hier nicht mehr weiß, wovon er redet.
„Was wiss du denn imma mit dieser Frau?“, fragt er genervt, „Die kenn ich doch gar nich! Jetz laß mich doch ma erzähln. Also, wie ich schon gesagt hab, hatte ich mit Leo zusamm ne Wohnung, un es war alles Friede, Freude, Eierkuchen. Weißde, es hat mich nich gestört, daß er sich immer von mir Geld geliehen hat un so. Ich wußde ja, er is zuvalässig, ich kriech das wieder. Un… naja…“, an dieser Stelle errötet er ein bißchen, „ich hab ihm auch schonma was geschenkt, weißde…  mal en Kettchen… oder en Ring…“
Neben ihm runzelt Till die Stirn. Auch seine Denkvorgänge sind verlangsamt, aber ihm dämmert eine Erkenntnis.

Plötzlich schüttelt Scholle wieder ein tonloses Schluchzen, und er muß sich über die Augen wischen.
„Naja“, fährt er fort und wirkt auf einmal viel nüchterner, „es kam, wie es kommen mußte. Is ja immer so, wenn man denkt, daß alles gut is… dann kommt’s knüppeldick… Irgendwann hab ich rausgefunden, daß er er mich die ganze Zeit belogen und betrogen hat. Er hatte schon lange einen anderen. So nen reichen Sugardaddy, der ihm viel mehr bieten konnte als ich. Das hat er mir denn auch vorgehalten.“ Wieder kommen ihm die Tränen. „Ich wär eine Niete, hat er gesagt, ein Möchtegern-Rockstar, und aus mir würd nie was wern…“
Wieder vergräbt er sein Gesicht an Tills Schulter und weint. Till hält ihn ganz fest und wiegt ihn hin und her wie ein Kind. Und jetzt küßt er ihm wirklich die Tränen weg.

Verzweifelt sieht Scholle ihn an.
„Ich hab ihn so geliebt, Till. So von ganzem Herzen, verstehste? Ich hätte alles für ihn getan. Alles! Und er hintergeht mich so. Und macht sich am Ende noch lustig über mich. Über meine Liebe. Weißt du, wie weh das tut? Weißt du das?!“

Scholle hat Till am Kragen gepackt und schüttelt ihn bei jedem Wort. Trotzdem hat Till alkoholbedingt immer noch gewisse Verständnisschwierigkeiten.

„Moment“, sagt er gedehnt, „es gab also keine Frau?“

Scholle schüttelt stumm den Kopf. Seine Hände sind immer noch in Tills T-Shirt gekrallt.

„Dann war es also dieser Mistkerl. Dieser Leo.“

Trauriges Nicken.

Langsam verarbeitet Tills Gehirn diese Information. „Sag mal“, fragt er leise, „tut das genauso weh, wie wenn eine Frau dich verläßt?“

„Nee“, sagt Scholle genauso leise. „Schlimmer.“ Wieder machen sich ein paar Tränen selbständig.
Till nimmt das Gesicht des Freundes in beide Hände und streicht ihm mit den Daumen über die Wangen, um sie wegzuwischen.

„Du Ärmster“, flüstert er und drückt ihn an sich. Scholle klammert sich an ihn wie ein Ertrinkender.
 
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