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Nefarius

von Fareny
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 Slash
22.04.2020
21.11.2020
36
134.844
15
Alle Kapitel
46 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
21.11.2020 3.544
 
DISCLAIMER
Ich distanziere mich von der Ansicht des Protagonisten auf Themen wie Homophobie, Sexismus, Rassismus, Mobbing, Body Shaming und so weiter!
Einige enthaltene Inhalte in dieser Geschichte könnten triggernd sein.
Außerdem werden hier Sex, Depressionen, Tod, Suizid, Störungen, Behinderungen, Homosexualität und Mobbing thematisiert, also lest das bitte mit Bedacht und behaltet im Kopf, dass ich auf keinen Fall so über genannte Themen denke!
Danke für eure Aufmerksamkeit.




Diesmal hatten Nex und Liv direkt in der ersten Stunde einen Termin bei den Streitschlichtern, aber er war sich nicht so ganz sicher, ob Liv überhaupt kommen würde.
Brummend presste Nex seine Stirn gegen die Tür, ignorierte die verwirrten Blicke der Lehrer, die im Gang an ihm vorbeischritten, und hoffte, dass dieser Tag nicht allzu schlimm werden würde.
Die letzten Tage hatte er damit verbracht, Livs Verhalten zu verstehen – er redete mit Fleur darüber, dachte im Unterricht nur über das Thema und sogar Ryan hatte er diesbezüglich angesprochen. Mehr als "behindert" konnte ihm dieser jedoch nicht mitgeben.
Aber Liv konnte reden, er war nicht stumm. Er wollte einfach nicht. Zumindest hatte dieser ihm das auf dem Handy getippt, noch am Dienstag. Dann ist er einfach weg, hat Nex unter dem Baum mehr als verdattert stehen lassen und bis heute war er krankgemeldet.
Für Nex war das alles unvorstellbar und genauso unverständlich, aber zumindest ergab das Sinn, wieso Liv ihm aus dem Weg ging – er wollte bloß keine Menschen um sich. Das schrumpfte allerdings nicht Nex' Interesse an diesem Junge, das stetig zu wachsen schien, je mehr er über dessen Welt erfuhr.
Vielleicht... Vielleicht können wir Freunde werden?
Ein lächerlich naiver Gedanke seitens Nex, den er hätte sofort aus seinem logischen Kopf verdonnern sollen, aber er konnte nichts gegen die angenehme Wärme in seinen Wangen tun.
Was Fleur ihm gab, konnte er anderen doch sicherlich auch geben, wenn diese es gerade brauchten. Und Liv war so ein Fall, der von Timur auf die Fresse bekam, wann immer der Schläger die Möglichkeit dazu bekam.
"Nex, so gern du auch die Tür hast, ich bitte dich, zur Seite zu treten", kam von hinten mit festem Ton und Nex seufzte ergeben, wollte nicht einmal was zurückgeben, bevor er sich mit seinen Händen nach hinten abstoß.
Eigentlich wollte er selbst nachsehen, wer so mit ihm sprach, aber da drängte sich Roxys brauner Schopf bereits in seine Sicht vor der Tür und schloss mit klimpernden Schlüsseln auf. In der Zeit betrachtete Nex ihren Nacken von oben – er hatte ja auch irgendwo nichts Besseres zu tun – zählte die vielen Leberflecke, auf denen eine goldene, zarte Kette lag.
Sie trug überhaupt sehr freizügige Kleidung dafür, was ihr mal nachgesagt wurde, aber Roxy schien nicht wie die Person, die es interessierte. Sie kleidet sich, wie sie wollte, mal war sie das graue Mäuschen, mal betonte die Kleidung ihre Figur unglaublich gut. Wie heute.
Damn...
Nex musste sich dringend abgewöhnen, Frauen wie Sexobjekte zu sehen und sie auf ihr Äußeres zu reduzieren. Auch wenn die Denkweise, die ihm seit Jahren antrainiert wurde, schwer war loszuwerden.
Ich muss es trotzdem.
"Ist Liv inzwischen wieder da? Kelschs und Hilles Theorien, was du mit ihm gemacht haben könntest, werden echt langsam wild."
Nex legte den Kopf mit gerunzelter Stirn schief, fragte zurück: "Was hab ich damit zu tun, dass der Typ krank ist?"
Roxy warf einen kalten Blick über die Schulter zu Nex, scannte ihn von unten bis oben, wobei er sich am liebsten weggedreht hätte, weil er es inzwischen hasste, so intensiv angestarrt zu werden, ehe sie antwortete: "Noah hatte mehr Fehltage als jeder andere von uns. Deine Gewalt hat ihn krank vor Leid gemacht. Die Lehrer haben berechtigte Sorge, dass du das mit Liv genauso machst."
"Bullshit!", zischte Nex grimmig, versteckte die Hände defensiv in den Hosentaschen und hielt Roxys eindringlichen Augen stand, als würde sie ihn testen wollen.
Seufzend wendete sie sich ab, schüttelte den Kopf.
Er schnaubte.
"Also, was ist mit Liv?", wiederholte sie ihre Frage und drückte die Tür in den dunklen, engen Raum auf, um in diesen hineinzugehen.
"Woher soll ich das wissen?"
Roxy stieß Luft aus und schien die Diskussion mit Nex aufzugeben, als sie sich in das Innere begab und dabei die Schlüssel in der Potasche ihrer Jeans verstaute.
In Nex sträubte sich alles gegen das Betreten des Raumes ohne Liv oder eine andere Person möglicherweise auf seiner Seite, wenn er wusste, was da drinnen für Anschuldigungen auf ihn zukamen. Denn leider war Frau Kelsch nicht zufrieden damit, dass beide schwiegen und wollte unbedingt die Wahrheit erfahren, so sehr die Jungs sich auch weigerten – und das machte den Job der Mädels nicht leichter.
"Nex, soll ich dich reinschieben oder was?", kam von hinten, die Stimme machte er sofort als Taras aus, und dadurch, dass er direkt vor dem Türrahmen verharrt war, konnte keiner durch. Also stolperte er unbeholfen zur Seite, ließ die Brünette, die im Gang aufgetaucht ist, an sich vorbei, während er kurz nach Liv schaute. Vielleicht war er ja da, wartete auf Nex' Signal.
Wieso auch immer er das tun sollte, Nex?
Enttäuscht schaute er zu Tara, welche gerade dabei war, ihre Tasche auf Livs Stuhl abzuladen, als würde er tatsächlich nicht mehr kommen. Nex schluckte.
"Kommst du, Nex? Ich würde gern anfangen."
Zögerlich trat er ein, war dabei, die Tür hinter sich zu schließen, als diese plötzlich auf einen Widerstand traf. Erschrocken drehte Nex sich herum, befürchtete bereits, einen neugierigen Unterstüfler erwischt zu haben, aber es waren bloß leere, graue Augen.
Er würde nie verstehen, wieso ihm von einer solchen traurigen, unschönen Farbe die Sprache verschlagen wurde, sodass er nur verdattert den Braunhaarigen anstarrte, anstatt ihm-...
...-keine Ahnung Nex, mal Eintritt zu gewähren?
Fast schon sprunghaft machte er Liv Platz, weswegen dieser ihn etwas verwirrt musterte, aber nicht mehr dazu sagte – wollte er ja auch nicht.
Nex beschloss augenblicklich, Liv, was sein Schweigen anging, auszufragen.
"Liv, du bist zu spät", sagte Roxy, holte Papier und Stift raus, um dies zu prokollieren. Aber Liv interessierte es nicht, weswegen er bloß mit den Schultern zuckte und sich auf den freien Platz ohne Taras Tasche, der eigentlich für Nex gedacht war, fallen ließ.
"Seid ihr nicht auch zu spät gewesen?", fragte der Russe an die zwei Frauen gerichtet, die noch später als er aufgetaucht waren.
Roxy ächzte genervt auf, rollte ihre grünen Augen und antwortete: "Spar dir deine Zunge für die Befragung, Nex."
Der Russe schnaubte und Liv, der die Situation still mitverfolgt hatte, schüttelte den Kopf. Über die Drei legte sich ein angespannte Schleier, unter dem sie sich sicher die Köpfe ausreißen würden, sobald wieder irgendwer wegen irgendwas angeklagt werden würde.
"Leute, Leute!", rief Tara auf, sprang mit erhobenen Händen vom Stuhl und baute kurz zwischen allen Blickkontakt auf, ehe sie ihre Hände zum Gestikulieren senkte, "Wir können uns hier anfeinden oder wir bringen's hinter uns – ihr dürft aber auch bissl' hinauszögern, ich hab nämlich in der Ersten Mathe."
Ihr freches Lächeln hellte die Stimmung tatsächlich ein wenig auf und Nex war, um ehrlich zu sein, froh, nicht die ganze Zeit unter Anspannung den Mund halten zu müssen, damit ihm ja nichts Falsches rausrutschte – vorallem nicht vor Liv.
"Setzt du dich?" Tara blickte hoffnungsvoll zu Nex, beugte sich über den Tisch und befreite den Stuhl von ihrem Gepäck, woraufhin er nickte, um Liv herum ging und sich setzte.
"So!" Sie ließ sich ebenfalls wieder nieder, schaute mit ihren großen, blauen Augen auffordernd in die Runde, während Nex innerlich schon wieder anfing, über ihre Kontaktlinsen zu denken, und Roxy ihren Kugelschreiber aufklickte. "Auf ein zweites Mal", murmelte sie dabei grimmig, weswegen Nex belustigt lächelte.
"Also, Frau Hille kann heute nicht kommen, deswegen wird ziemlich genau protokolliert. Danach beurteilt sie, wer schuldig ist. ...Ein zweites Mal", erklärte Tara, faltete ihre Hände auf dem Tisch und tauschte Blicke zwischen Nex und Liv, wobei der Letztere sie nicht wirklich ansah.
Er war eher damit beschäftigt, die bereits bestehenden Kratzer auf seiner Hand, die nicht von einem Pflaster bedeckt wurden, aufzukratzen.
"Also, Nex, du bist ja der Angeklagte...", sprach Tara und zögerte kurz, als Liv zu Nex' Überraschung den Kopf schüttelte, "Das heißt, es wird vermutet, dass ihr euch geprügelt habt und das von dir ausging, weil du bereits... eine Hintergrundgeschichte hast, was das angeht."
Ihre Worte klangen vorsichtig und Nex wusste nicht, ob das so war, damit er nicht wütend wurde oder damit er sich nicht angegriffen fühlte – aber er tat es trotzdem. Beides. Er verstand es, es machte Sinn, aber gleichzeitig wollte er seine Vergangenheit wie einen Mantel von sich ablegen. Noah von sich trennen. Nicht mehr an seine fantastische Stimme erinnert werden, sobald es auch nur eine kleine Andeutung in diese Richtung gab.
Aber wie immer sprach Nex nichts davon aus, behielt alles für sich und gab keine verbale Antwort.
Die blauen Augen huschten zu Liv.
"Wieso hast du den Kopf geschüttelt? Hast du etwa Nex angegriffen?", hakte sie verwirrt nach, runzelte dabei die Stirn. War das so abwegig?
Erneut gab Liv sein Nein durch Kopfbewegungen, woraufhin Roxy einwarf: "Jungs, erspart uns den Aufwand und rückt mit der Sprache aus. Ihr besitzt eine Zunge, nutzt sie."
"Ich bin mir, um ehrlich zu sein, nicht so sicher, ob Liv eine besitzt...", murmelte Nex mit einem neckendem Unterton, den auch der Braunhaarige nicht überhört hatte. Liv drehte sein Gesicht zu ihm und streckte kalt und emotionslos die Zunge aus, ohne dabei die Miene zu verziehen – er blieb dabei so ernst, dass es Nex aus der Bahn warf. Mit offenem Mund saß er da, verdaute erst einmal, wie ihm geschah, bevor er sich mit gehobenen Handflächen rechtfertigte: "Liv, ich weiß, dass du eine Zunge hast, das war ein Scherz..."
Liv zuckte mit den Schultern, sah wieder zu Roxy, die ebenfalls nicht so ganz realisieren konnte, was hier abging.
"...Können wir, ich weiß nicht, mal anfangen?", murrte sie, zwirbelte ihre einzelnen Haare, welche sich aus ihrem Zopf gelöst hatten, zu einer Strähne zwischen Zeigefinger und Daumen. Tara stimmte ihn kleinlaut zu, während Nex und Liv den typischen „Wer's-Glaubt“ - Blick austauschten.
Zwischen den Zweien herrschte eine Verbundenheit, auch wenn Nex immer noch nicht so ganz verstand, was in dem Kopf des Kleineren vor sich ging. Er war so undurchsichtig, dass er nur raten und hoffen konnte, Liv nicht auf die Füße zu treten.
"Also, Nex, was hast du zu deiner Verteidigung zu sage-..."
"Nichts ohne meinen Anwalt", unterbrach er sie scherzend, aber anstatt die Situation aufzulockern, was sein eigentliches Ziel war, wurde sie nur noch angespannter und ungeduldiger. Tara begann inzwischen, unruhig auf ihrer Lippe zu kauen und Roxy stach ihren Kugelschreiber in eine Kerbe im Tisch mit roher Gewalt, sodass Nex teilweise Angst um dessen Miene haben musste.
Plötzlich begann Liv zu pfeifen. Alle drei Augenpaare schossen zu ihm, versuchten ihn zu erdolchen. Kann man sich einen noch unpassenderen Moment suchen als diesen?
Aber Liv ließ sich nichts merken, hatte immer noch dieselbe lässige Sitzlage wie Nex.
Keiner in diesem Raum hatte noch Lust.
Roxy stöhnte gereizt auf, knallte den Stift auf den Tisch, woraufhin alle im Raum gleichzeitig zusammenfuhren, als das schrille Klacken des Plastik durch die Luft zuckte, und stand so rasch auf, dass ihre Kniekehlen den Stuhl zum Umkippen brachten – das hieß, es wurde nur noch lauter und Tara machte sich noch ein Stück kleiner.
"Ich hasse es! Wieso muss ich das hier überhaupt machen?! Die kriegen doch eh kein Wort raus! Und im Endeffekt ist es sowieso Timur, genauso, wie ich es vorhergesagt hab!"
"Hör auf, einfach irgendwen zu beschuldigen, Roxy."
"Machst du das nicht gerade mit Nex?", fauchte die Streitschlichterin ihre Kollegin an – der Anfang eines Streits zwischen beiden, den Nex und Liv die restliche Zeit schweigend und im Stillen lachend mitverfolgten.


Schweigend liefen Nex und Liv nebeneinander zu Französisch. Die einzigen Geräusche zwischen ihnen waren ihre leisen Atemzüge und das Knistern ihrer Sohlen auf dem Teppich, unterstrichen von dem Rascheln ihrer Schultaschen, aber wirkliche Worte gab es nicht einmal von der gesprächigen Seite.
Unauffällig und ein wenig missbilligend musterte Nex seinen Mitschüler von der Seite, erhoffte sich, ihn in einem unbeobachteten Moment zu erwischen, aber wieder nur dieses ausdruckslose Gesicht. Entweder Liv war wütend, belustigt oder... leer. Er war alles, aber nicht lesbar.
Der Russe seufzte, als sie um die Ecke bogen und damit auf einen Gang kamen, dessen Boden gefliest war – und als wäre allein Livs Gegenwart nicht mühsam genug, so quietschten dessen Turnschuhe bei jedem Schritt schrill auf, strapazierten Nex' Nerven.
Und doch blieb Liv beherrscht, ihm merkte man nichts an.
Hat der das geübt? Wieso kann er das so gut? Oder hat der Junge keine Gefühle?
Nex räusperte sich, als er das Klassenzimmer bereits am Ende des Ganges erkennen konnte und merkte, dass ab da sich ihre Wege für den restlichen Tag trennen würden. Sollte er also Fragen haben – und die hatte er definitiv – so sollte er sie dringend jetzt stellen, bis sich wieder so eine Gelegenheit bot.
"Du, Liv. Kannst d-... Bist du in der Lage dazu, Wörter auszusprechen?"
Der Kleinere blieb stehen, hob den Kopf mit gerunzelter Stirn an, um Nex mit dem Ausdruck in seinen Augen einen Vorwurf zu machen. Liv schien nicht mit dieser Frage – oder überhaupt verbaler Kommunikation – gerechnet zu haben und auch das Verlangen nach dieser hielt sich in Grenzen.
Nach wenigen Sekunden des Anstarrens, die lang genug waren, dass sich in Nex jedes Glied zu verkrampften wusste, holte er schließlich sein Handy heraus.
Währenddessen stellte der Russe sich schützend vor Liv – es war wie ein Reflex, hatte er oft genug bei seinen damaligen Freunden machen müssen – damit kein Lehrer merkte, dass dieser sein Smartphone draußen hatte.
Nex' Augen scannten die Umgebung ziemlich genau, um wirklich sicherzugehen. Jede aufgehende Tür wurde fixiert und der Schüler finster angestarrt.
Das tat er allerdings auch nur so extrem, um Liv nicht mit seinen aufdringlichen Blicken zu bedrängen.
Die Tastatur klackerte im konstanten Tempo, die Geräusche kamen in regelmäßigen Abständen, was darauf schließen ließ, dass Liv ziemlich genau wusste, was er sagen wollte. Er löschte nichts, besserte nichts aus, er machte alles so präzise, dass Nex nahezu ungeduldig wurde. Wenn er selbst schrieb, überarbeitete er den Text. Mehrmals. Checkte noch mal, ob das, was er geschrieben hatte, Sinn ergab.
Plötzlich erschien ein Display vor seiner Nase.
Liv hatte den Arm hochgestreckt, behielt so den gesunden Abstand zwischen ihnen und als Nex lesen wollte, kam es ihm so vor, als würde er unter Beobachtung stehen.
„Ich besitze Kehlkopf, Stimmbänder und Zunge, die allesamt funktionieren, wenn du das meinst“, las Nex stumm, legte danach den Kopf überfragt schief. Wenn er reden konnte, wieso tat er es nicht? Was für eine Art von Aufmerksamkeitsgeilheit war das denn? Wieso musste Nex sich täglich dazu quälen, mit Menschen zu kommunizieren und sein Stimmorgan zu nutzen, wenn er sich doch am liebsten nie wieder zu irgendwas äußern müsste, während Liv die Schnauze hielt?
Glaubt der echt, Schweigen löst seine Probleme?
Liv hatte erkannt, dass es hinter Nex' Stirn nur so ratterte und er sich gerade wahrscheinlich ein ganz falsches Bild von dem Kleineren machte, also begann er wieder zu schreiben.
Mit argwöhnischem Gesichtsausdruck schob Nex die Hände in die Hosentaschen, lehnte sich ein Stück zurück.
Was'n das für'n Spast...?
Diesmal schien Liv beim Tippen zu hadern, biss sich nachdenklich auf die Unterlippe, während seine Pupillen unter den dichten Wimpern zu Nex' Augen hochruckten.
Nex schnaubte.
Erneut blickte Liv auf seinen leuchtenden Bildschirm, leckte über seine Lippe und erlosch das Blaulicht mit einem Knopfdruck – was zur einen spontanen Reaktion des Russen führte.
"Hey!"
Wären seine Hände nicht tief in seinen Taschen, hätte er wahrscheinlich nach Livs Handy gegriffen, als sei sein Ausruf nicht peinlich genug. Sofort nahm er sich zurück, verlagerte sein Gewicht nach hinten und entschuldigte sich kleinlaut: "Sorry, ich... Wieso schreibst du nicht weiter?"
Liv musterte ihn, kniff die Augen leicht zusammen, ehe er mit diesen rollte.
Sag doch einfach, was du meinst!
Fürchterliche Kommunikation. Schlimmer ging es nicht. Nex konnte sich nicht daran erinnern, jemals so viele Probleme auf der Ebene mit jemandem gehabt zu haben – nicht einmal Noah, der ebenfalls nicht viel von sich gegeben hatte.
Noahs Augen haben teilweise mehr gesprochen als Timur, seine Emotionen waren so echt und rein, dass es Nex unfassbaren Spaß gemacht hatte, sie zu verderben. Was Timur also an Liv fand, dessen Emotionen an einen halbtoten Fisch erinnerten, konnte Nex sich nicht erklären.
Als Liv sich weiterhin nicht regte, setzte die Nervosität bei Nex ein, den es langsam nervte, dass keiner von den beiden sich zu verstehen schien.
Er stellte seine letzte Frage, die ihm in unbeantworteter Form noch seine letzten Gehirnzellen wegätzte: "Und wieso willst du dann nicht sprechen?"
Erneut wanderten die grauen Iris über Nex' Körper, schätzten ihn ein und auch wenn er sich langsam daran gewöhnt haben müsste, er fühlte sich verdammt unwohl, so offen angesehen zu werden. Vorallem wenn er wusste, dass er niemals erfahren würde, was Liv gerade von ihm dachte.
Dann entsperrte jener sein Handy, neigte es dabei nicht zur Seite und Nex brauchte nur ein bisschen den Nacken strecken, um dessen Passwort mitzubekommen – 2001.
Was war 2001? Livs Geburtsjahr?
Weiter konnte er aber nicht denken, da setzte das Klimpern der Tastatur ein, bis Liv sein Handy apathisch und wieder mit diesem unbeteiligten Gesichtsausdruck, den sogar Herr Gregory als persönlichen Angriff aufgefasst hätte, zu Nex drehte.

„Mind ur business.“



Das dumpfe Geräusch, wenn das Messer gegen das Holz stieß, vermischte sich mit Nex' unmelodischem Summen zufälliger Töne, die ihm spontan in den Kopf kamen. Es war kein Meisterwerk und doch reichte es vollkommen, um ihn zumindest für diesen Moment von seinen Gedanken abzulenken. Sie schlugen wieder in eine falsche Richtung ein.
Was hat Noah, was mich so an ihm fesselt?
Die bereits geschnittene Paprika rutschte vom Schneidebrett, während er mit fahrigen Bewegungen den Rest in Stücke schnitt – oder es zumindest probierte. Sein linker Zeigefinger hatte bereits einen Schnitt abbekommen.
Hastig warf er einen Blick auf die Uhr. Dafür, dass er an einem Samstag um 6 Uhr aufstehen musste, hatte er sich erstaunlich spät dazu überreden können, noch was Kleines zu essen.
Welcher normale Mensch kroch um Mitternacht aus dem Bett, weil er seit Stunden versuchte zu schlafen, aber nicht nur sein Kopf, sondern auch noch sein Magen ihn dabei sabotierten?
Aber es war besser so. Paprika auf einer Scheibe Brot mit Aufstrich klang gut. Da konnte er seinen unterernährten Körper schon ziemlich gut verstehen, nachdem alles, was er gegessen hatte, pappige Fertigprodukte waren.
"I don't feel safe in this bed... there are voices in my he-..." Seine leise Gesangseinlage wurde von einem aggressiven Nachrichtenton seines Handys unterbrochen, was er als Zeichen deutete, den Missbrauch seiner Stimmbänder zu unterlassen.
Hastig lud er die Portion Paprika auf und neben sein Brot, schnappte sich den Teller und ging mit diesem und seinem Handy in der Jogginghose aus der Küche, knipste das Licht mit seinem Ellenbogen aus.
Inzwischen machte ihm die Dunkelheit nicht mehr viel aus. Wenn er durch diese schritt, die Kälte des Bodens durch seine Fußsohlen in seine Haut sickerte und seine Augen nur anhand von Silhouetten und Erinnerungen zu erkennen versuchten, wo es langging, fühlte er sich... verstanden. Das hier, in der einsamen Finsternis, war ein Abbild seines Lebens. Wie er sich verhielt, wenn ihm kein Licht den Weg wies und er ganz auf sich allein gestellt war – Fleurs Stimme in seinem Kopf, die ihm half, einen Fuß vor den anderen zu setzen.
In seinem Zimmer angekommen setzte er sich auf den Teppich in der Mitte des Raumes, der ihm von Hilde geschenkt wurde.
Die letzte Woche hatte er damit verbracht, die angekommenen Möbel in seinem Zimmer aufzubauen. Sogar Яд war da, leises Rascheln war aus dem Terrarium des nachtaktiven Tieres zu vernehmen, an das sich seine Ohren längst gewöhnt hatten. Nicht selten war er aber mitten in der Nacht von seinem weiblichen Besuch geweckt worden, weil sie Geräusche gehört und nicht gewusst hatten, dass Schlangen bei der Dämmerung aktiver wurden. Ang-... Lisa hatte das bereits gewusst.
Zwar hatte er einen Tisch, an den er sich hätte setzen können, aber der Teppich war direkt vor dem Bett, sodass er dort das Geschirr stehenlassen und sich auf die Matratze schmeißen konnte.
Fauliger, fetter Sack.
Auf dem Boden öffnete er die empfangene Nachricht, während er mit der linken Hand das Brot zum Mund führte und einen kräftigen Bissen nahm. Die Frische der Paprika schmeckte so gut, Nex konnte kaum glauben, dass er sich so lange den Verzehr von solchen Nahrungsmitteln verboten hatte. Zufrieden mampfte er weiter, öffnete Discord und stoppte das Kauen.
Sein Herz sackte ein, als hätte es für einen Schlag ausgesetzt.
Und dann, nach einer geschlagenen Sekunde, in der er die Nachricht verdaut und verstanden hatte, begann sein Herz so schnell zu pochen und ihm wurde plötzlich so warm, dass er sich fast an dem Brot verschluckte.

Fleur
Ich hab von dir geträumt. :D
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