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Der Schmetterlingsangler

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAbenteuer, Freundschaft / P6 / Gen
20.04.2020
20.04.2020
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1.750
 
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„Komm schon, Penelope!“
Der Junge in Hosenträgern und Lederhose rannte aus dem Feld hinaus, auf ein Flussbett zu. In jenem Blütenmeer, aus Dotter- und Pusteblumen, Pfeifengräsern und Weizenähren, irrte ein Mädchen umher, das der Stimme mutig folgte. Sie jagte nach Freiheit - raschelnd die Sträucher beiseite schiebend, die sich am Rand aufbäumten - was ihr den Blick auf einen kupferfarbenen, silbrig glitzernden Fluss im gellenden Licht einer grellen Sonne öffnete. Der Duft von Rosen und trunkener Frühlingsluft war unbestreitbar. Als Penelope das Flussbett erreicht hatte, war der blonde Junge bereits halbwegs drüben: hüpfend wie ein quakender Frosch von Stein zu Stein; seine dicken Wangen erzeugten ein tiefes Knattern.
„Pass auf, Pan!“, rief sie scheu. „Die Steine sehen mir sehr glitschig aus!“
Doch der Frosch Pan hörte nicht. Er sprang, einer ungestümen Amphibie gleich, dahin. Als sein Gesicht eine rötliche Libelle erfasste, die wie aus dem Nichts daher schwirrte, um seine Nasenspitze herum, rutschte der Junge an dem nassen Moos der ab und platschte, Wasserperlen spritzend, in den Fluss. Penelope erschrak, die sich eilig den Saum ihres Kleidchens in die Hände stopfte, und, kam, mit klatschenden Lauten übers Flusswasser, zur Hilfe.
„Hast du dich verletzt, oh Brüderchen?“
Gerade war sie an seine Seite geeilt, da raffte sich Pan schon wieder, wie mit Schenkeln aus Sprungfedern, auf die Beine. Seine Lederhose, vorher hellbraun und voller Blütenstaub, war nun bis zu den Knien vollkommen schwarz durchnässt. Pan ließ die umsorgende Penelope einfach stehen und rannte fort. Er hatte plötzlich einen Schmetterling entdeckt.
„Komm, Penelope! Das ist ein Zitronenfalter!“
Der Schmetterling hatte sich auf eine Lilie gesetzt und krempelte den Rüssel hoch. Penelope stand auf und stoppte an den in der Hocke sitzenden Pan.
„Was macht er da, Pan?“
„Er bestäubt die Blüten.“
„Bestäubt?“
„Ja. Das hatte Großvater uns doch erzählt. Dadurch werfen die Blumen ihre Pollenbabys ab.“
„Babys? Also, wie wir, als Mama uns bekommen hat?“
„Nein … Ich glaube nicht. Uns hatte der Storch gebracht, meinte Papa.“
Als Pan nach dem Zitronenfalter greifen wollte, flatterte dieser in Windeseile über die Felder davon. Penelope konnte sich das Kichern nicht verkneifen.
„So fängt man doch keinen Schmetterling, Pan.“, lachte sie.
Wie ungleich verbissen, erinnerte Penelope sein fahles Gesicht stark an einen geknickten Nussknacker. Böse, drehte er sich um.
„Haha, Schwester. Hast du einen besseren Vorschlag?“
Penelope wusste nicht und hielt sich den Zeigefinger ans Kinnbäckchen. Sie summte vor sich hin, fröhlich die Zeit tot schlagend.
„Hm … Wir haben kein Netz, also wie könnten wir diese Schmetterlinge fangen …? Oh ja! Wir könnten sie malen! Und die Bilder, die zeigen wir dann Großvater.“
Pan war erstaunt. Seinen großen, überraschten Augen nach, schien ihm Penelopes Idee zu gefallen und ohne Verzug teilte er ihre Aufgaben ein: Er selbst sollte weiter Ausschau halten nach großen und anmutigen Faltern, während Penelope die Malsachen vom Picknickplatz holte, der so etwas wie ihr Geheimversteck war. Und um sich wiederfinden zu können, durfte sich Pan nicht weit vom Ufer entfernen.

Penelope kam nach geraumer Zeit mit Papier und Stiften zurück. Nachdem Pans Hose nass geworden war, machte es ihr nichts mehr aus, selbst durch den Fluss zu plantschen. Ihr Bruder stand wie versprochen nur etwas abseits der Stelle, wo sie den Zitronenfalter gesehen hatten. Wie Penelope beobachtete, hatte er scheinbar noch einen entdeckt. Pan war ganz hin und weg, beinahe demütig. Es war, als bewunderte er das beste Ausstellungsstück. Penelope legte sie Malsachen ab: etwas Pergament und Buntstifte … und sagte …
„Der ist ja wunderschön, Pan.“
Pan war ganz hypnotisiert. Die wie Brokat gleichen Schwingen, das Königsblau, und wie dieser Falter die Dotterblume umgarnte … Alles strahlte die Schönheit der Natur aus. Als Penelope ihm die Malsachen reichte, fingen sie sofort an, ihre Stifte zu zücken. Sie beide setzten an verschiedenen Stellen an. Pan begann mit den Flügeln und dem geschwungenen Muster - Penelope führte die Halme der Dotterblume hinauf. Dann formte sie Blätter. Jedes Blatt war wellig und bekam Feinheiten dazu, kleine Striche. Doch ehe die nächste Mine auf das Papier gesetzt worden war, flog der Falter, wie auch der zitronengelbe zuvor, davon. Pan und Penelope konnten sich nur mürbe fühlend ihm nachtrauern. Pan knüllte sein Bild zusammen und warf es in das Feld. Wütend, drehte er sich zu seiner Schwester um.
„Toll gemacht, Penelope. Nur weil du dich bewegt hast, ist er jetzt weg!“
Penelope verstand nicht. Sie schrak von Pan zurück.
„Aber …? Aber ich saß doch mucksmäuschenstill neben dir! Ich war’s nicht! Du bist manchmal richtig gemein zu mir, Pan. Immer muss ich das schwarze Schaf in der Herde sein.“
„Du vermasselst es ja auch immer mit deiner Tollpatschigkeit!“
„Ich habe mich nicht bewegt!“, protestierte sie.
„Lüg nicht! Du hast dich bewegt! Du dumme Ziege, du! Gib es doch zu!“
Pans Worte stürmten ihr, einer Kränkung gleich, wie ein Sturm, entgegen. Penelope hörte auf sich zu wehren, dann murmelte etwas einsilbig.
„Aber …“
Als sie still wurde, bildeten sich kleine funkelnde Perlen um ihre rötlich werdenden Augen - quollen -, und flossen wie feine Rinnsale an ihren zerknautschen Fältchen und über ihre rosanen Wangen hinab. Niedergeschlagen, senkte sie ihr Antlitz, im Schatten der Sonne, nach unten. Als Pan erwachte, und ihm klar wurde, was er getan hatte, war es zu spät. Er versuchte ihre Schultern zaghaft mit seinen Händen zu berühren, doch seine Schwester wandte sich schluchzend von ihm ab.
„Penelope … Es tut mir Leid … Ich wollte nicht … Ich …“
Während die aufkeimende Traurigkeit die immergrünen Felder um sie herum verschlang, unterbrach eine Stimme ihre zerbrochene Zweisamkeit. Die Beiden, Pan etwas schneller, drehten sich um, und sahen einen alten Mann mit krummen Rücken über den Fluss getrottet. An seinem Tornister aus Leder hing eine simple Angelrute, passend zu den moosgrünen Gummistiefeln, die er durchs Wasser streifte, trug er auf seinem Kopf einen klassischen Filzhut.
„Pan …“, sagte er mit mürber Stimme, „Penelope … Was macht ihr denn hier draußen …? Ich war ganz besorgt. Ihr wart nicht mehr am Picknickplatz.“
Als die beiden Kinder wahrnahmen, wer der alte Mann war, war ihre Versehrt- und Zerknirschtheit wie weggezaubert. Der Frühling kehrte in ihre Stimmung heim. Penelope wischte sich rasch die schmierigen Tränen aus dem Gesicht ab und rannte ihrem Bruder nach.
„Großvater …! Großvater Knospe!“
Die beiden Kinder klammerten sich an die Hosenbeine des buckeligen Mannes, als dieser gerade die andere Seite des Flussbetts passiert hatte.
„Oh!“, staunte Herr Knospe. „Ihr wisst doch Kinder, dass euer Großvater kein Jungspund mehr ist. Bewahrt euch eure Lebhaftigkeit lieber für die Natur.“
„Das wissen wir.“, antworteten Pan und Penelope. „Aber wir haben dich so sehr vermisst. Wir wollten dir Schmetterlinge malen und dich dann damit überraschen.“
„Oh, ist das so? … Ah, na dann. Und was ist passiert? Wie ist es denn gelaufen?“
Dann plötzlich, schauten Pan und Penelope in ganz andere Richtungen. Der alte Mann guckte verwirrt.

„Was ist denn meine Kinder?

Pan drehte sich zu seiner Schwester um.
„Sie hatte ihn verscheucht.“
„Er hat mich dumme Ziege genannt!“, protestierte sie sofort.
Großvater Knospe sah vorerst sorgsam von einem Kind zum anderen. Ihm fiel Penelopes von Tränen verschmiertes Gesicht auf und die erröteten Augen. Dann zog er schließlich scharf Luft ein und ließ ein langes Seufzen entweichen.
„Pan … Es ist nicht gut, wenn du deine Schwester beschimpfst. Vielleicht hat sie sich bewegt, vielleicht auch einfach du selbst. Aber die Laune der Natur ist sehr, sehr eigenwillig, das weißt du. Ab und zu sollte man sich auch Fehler eingestehen können, besonders, wenn man jung ist. Im Alter wird es einem immer schwerer fallen, das zu tun …“
Langsam drehte sich Pan zu Penelope um. Man konnte sehen, wie seine Augen immer vom Flussbett zu der Malstelle hin und her wechselten und schließlich dann zu ihr. Seine Lippen öffneten sich. Lautlose Wörter entkamen, und hörbare …
„Ich wollte das nicht sagen, Schwesterlein. Du bist keine dumme Ziege. Eigentlich bist du richtig schlau. Auf die Idee mit den Malsachen wäre ich nie gekommen.“
Ein Moment des Schweigens stockte Pan den Atem. Es fiel ihm schwer die Stille des Moment zu schlucken und auf eine Antwort zu warten.
„Ist schon okay …“
Penelope blickte Pan in die Augen.
„Ich verzeihe dir … Du musst mir nur versprechen netter zu mir zu sein und mir nicht immer die Schuld zuzuschieben.“
„Ist gut …“
Beide Kinder schwelgten in Eintracht und Harmonie. Großvater Knospe fing herzlich an zu lachen.
„Ha! Da ihr das geklärt und eure Lektion gelernt habt, sollte ich euch jetzt wohl mal zeigen, wie man Schmetterlinge wirklich fängt.“
Pan und Penelope tauschten sich mit verwirrten Blicken aus.
„Großvater … Was meinst du?“
„Na, eben das, was ich sagte. Man braucht nur eine Angelrute, oder eine Schnur, und ein Stück faulendes Obst. Wartet ab und seid geduldig …“
Herr Knospe begann zu versuchen seinen Tornister mit etwas zittrigen Armen und Rücken abzustreifen, wobei ihm Pan zur Hilfe stand. Wie ein Maikäfer, der sich zu sehr mit seiner Last abmühte, ließ er den Tornister auf den Boden fallen.

„Puh! Kein Wunder, dass du immer Rückenschmerzen hast, Großvater. Was ist denn da alles drin?“

Ihr Großvater kniete sich langsam und behutsam in die Hocke, als wenn es gerade nicht möglich wäre für ihn zu antworten. Als er die Schnalle des Tornisters öffnete, holte er eine kleine Papiertüte mit süßlich beißendem Geruch heraus. Pan hielt sich kneifend die Nase zu. Doch Penelope sah gespannt so aus, als fragte sie sich, was da wohl drin sein könnte. Was Pan wohl auch tat.
„Es sind faulende Klementinen.“ erklärte der Großvater schließlich. „Von denen habe ich heute Morgen einer ihr ihrer Schale entledigt. Nun nehme ich diese heraus und befestige sie an meine Angelrute. Am besten so …“
Herr Knospe führte den spitzen Haken vorsichtig in das seichte matschige Fruchtfleisch ein und richtete die Schnur der gewünschten Länge nach vor sich aus. Dann drehte er seinen Körper in Richtung des Feldes und kippte die Angelrute samt Klementinenköder nach vorn. Pan und Penelope sahen erstaunt zu, doch wussten sie nicht recht, was ihr Großvater vorhatte.
„Jetzt müssen wir warten. Wisst ihr, Schmetterlinge lieben nicht nur bloß Nektar, sie mögen auch gern den Saft faulender Früchte haben.“
Nach einer guten Weile des Wartens, während die Mittagssonne immer höher stieg und mit ihrer wohligen Wärme auf die Augen, passierte nichts. Die trunkene Luft der schwülen Hitze dickte sich noch zusätzlich mit den Geräuschen zirpender Grillen an. Pan und Penelope, obschon sie der Verlockung des Schlafes beigeben wollten und gerade dabei waren, ihren trägen Lidern nachzugeben, erblickten plötzlich eines der buntesten und kuriosesten Naturschauspiele, die sie je in ihren jungen Leben sehen durften. Von überallher kamen mahagonibraune Falter und sogar königsblaue und silbergraue, welche mit langen Rüsseln heran, und setzten sich hungrig auf den süßen, runden Klementinenköder.
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