Made Man

GeschichteDrama, Angst / P18 Slash
Beyond Birthday Matt Mello
20.04.2020
30.04.2020
2
11.303
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20.04.2020 6.770
 
Hallöchen & Willkommen zu meiner ersten Geschichte - Freut mich, dass ihr hergefunden habt!!

Zu der Geschichte gibt es schon ein paar Kapitel und sie ist inzwischen zu meinem kleinen Baby geworden... phasenweise fühle ich mich wirklich wie eine frischgebackene Mutti. Ich weiß nicht immer genau was ich mache, da sind die Phasen der Angst ob das was man tut nicht kompletter Schwachsinn ist und am Ende hofft man einfach, dass das Kleine was gescheites wird.
Kapitel 1 ist 2017 entstanden, die Folgenden in den letzten Tagen... ich denke - hoffe - also, dass man da eine Verbesserung sieht...

Genug geschwafelt, ich hoffe sie gefällt euch! Ganz viel Spaß beim Lesen! ❤️

(Anmerkung: Bei mir ist Mello derjenige, der raucht. Matt versucht es sich abzugewöhnen. Schauen wir mal wie lange das klappt.)


Kapitel 1

„Fuck …“
Kal zu meiner Linken blickte auf meine rot gefrorenen Hände, deren Zittern nun schon mein viertes und damit letztes Streichholz erlöschen ließ.
Er als überzeugter Nichtraucher konnte mir jedoch auch nicht weiterhelfen, weshalb ich ihn gar nicht erst um Feuer bat. Ich wollte eben frustriert beginnen die Kippe in ihre Einzelteile zu zerlegen, einfach nur um meine Finger zu beschäftigen, als mir der vermummte Bulle neben der Türe, ein Feuerzeug hinhielt.
Er klebte uns an den Fersen seitdem wir vor dem Gerichtsgebäude angekommen waren, wollte – ich ging davon aus dass er dies musste – uns sogar zum Rauchen in die Kälte begleiten.
Dabei die ganze Zeit über schweigend.
Mein Blick hob sich von meiner Rettung zwischen meinen Fingern zu dem Mann, dessen Gesichtszüge ich hinter der schwarzen Maske nicht sehen konnte, jedoch ebenso unbewegt und unbeteiligt wirkend vermutete, wie er uns schon von Anfang an entgegengetreten war. Er sah mich nicht einmal an, streckte lediglich die behandschuhte Hand über den schmalen Weg zur Türe des Hinterausgangs, der uns trennte.
Kurz überlegte ich ob ich nicht zu stolz war, etwas von einem der Typen anzunehmen denen ich es zu verdanken hatte, dass ich heute hier war. Andererseits konnte ich mir jedoch auch nicht sicher sein ob er wirklich zu der Gruppe gehörte die Rodd verhaftet hatte. Die lächerlichen Masken erfüllten eben doch ihren Zweck.

„Danke.“

Das Ratschen des Feuerzeugs welches mir endlich ermöglichte, meiner Sucht zu frönen, war das einzige Geräusch das meinem Dank folgte. Keine Antwort von seiner Seite. Auch nicht als ich ihm das Feuer wiedergab. Schweigend stand er neben uns, überblickte regungslos den kleinen Hof dessen ordentlich gestutzte Büsche noch von Reif bedeckt waren.

Vermutlich würde es bald schneien, die Temperaturen sanken nachts immer öfter unter Null, würden laut Wetterbericht demnächst auch nicht mehr steigen. Der nahende Winter passte zu meiner Stimmung, passte zu unseren momentanen Situation.
Bedächtig aschte ich auf den sauber gefegten Steinboden.

„Wollen wir dann rein?“ Schon an Kals Stimme erkannte ich wie kalt ihm war, rechnete es ihm hoch an dass er mich nach draußen begleitet hatte, wollte ich heute doch so wenig Zeit wie möglich alleine verbringen müssen.
Schon der kurze Fußmarsch aus dem Verhandlungssaal bis hier her erschien mir viel zu weit, zu groß war die Angst auf den wenigen Meter einfach in Tränen der Unsicherheit auszubrechen.
Eine Blöße die ich mir niemals würde verzeihen können. Ich war dankbar über jede Stunde die ich unter den wachsamen Augen der Richter und Henker schaffte zu überstehen ohne meine bis zur Perfektion einstudierten Maske der Teilnahmslosigkeit und Unantastbarkeit zu verlieren.
„Ja, können wir.“

Sorgfältig ausgedrückt, hatte ich von Verbrennungen in meinem Leben doch wahrlich genug, ließ ich den Stummel der Zigarette in meiner Jackentasche verschwinden, erkannte aus dem Augenwinkel zum ersten Mal einen verwundert wirkenden Blick des Polizisten. Nein, ich war kein Messi. Genauso wenig erwartete ich von Außenstehenden dass sie dieses Verhalten verstanden.
Mir reichte es zu wissen dass ich meine Gründe – gute Gründe – hatte, in der Öffentlichkeit keine Zigaretten oder Ähnliches zu hinterlassen, welche man mit mir in Verbindung bringen könnte.
Rodd hatte mich gründlich erzogen, mir immer und immer wieder die selben Dinge gepredigt, mir ganz nebenbei totales Misstrauen gegenüber jedem außerhalb unserer kleinen Familie eingebläut.
Die schwere Holztüre quietschte in ihren Angeln als der Polizist sie für uns aufhielt und nach uns den dunklen Flur der in totaler Stille vor uns lag, betrat.
Im Gegensatz zu unseren Schuhen waren seine schweren Stiefel nahezu lautlos, würde ich seinen Blick nicht in meinem Rücken spüren, könnte man glatt vergessen dass er nun schon seit geraumer Zeit nicht von unserer Seite wich.
Wie ein schwarzer Schatten verfolgte er jeden unserer Schritte, immer ohne etwas zu sagen, immer mit dieser unbewegten Miene welche ich selbst hinter der schwarzen Maske zu erahnen glaubte.

Anfangs hatte ich stets dem kindischen Wunsch, ihm wenig freundliche Dinge an den Kopf zu werfen widerstehen müssen. Jetzt drängte sich mir viel mehr die Frage auf, was wohl in ihm vorging wenn er das Mündel des in Kürze zu vermutlich lebenslänglicher Haft verurteilten "Schwerverbrechers" auf Schritt und Tritt verfolgte.
Sensationslust?
Wollte er sehen ob ich nicht doch noch austickte und ihm eine Geschichte lieferte, die er heute Abend seinen Kollegen oder seiner Freundin erzählen konnte? War er stolz auf seine unheimlich wichtige Arbeit, mich bis zur Toilettentüre zu begleiten? War ihm langweilig dabei? Ich hatte keine Ahnung, vermutlich hätte alles zutreffen können und er war definitiv gut darin, sich nicht in die Karten seiner Gefühle blicken zu lassen.

Die Türe des Verhandlungssaales öffnete sich, noch ehe wir vor ihr zum stehen kamen und heraus kamen zwei weitere der vermummten Ordnungshüter, gefolgt von Rodd höchstpersönlich und Armin, unserem Anwalt. Letzterer mit wie immer bedrücktem Gesicht. Er war Deutscher, ein Koryphäe auf seinem Gebiet, erfüllt jedoch auch jedes Klischee seiner Herkunft.

„Was ist los?“

Wir waren kaum zehn Minuten weg, unmöglich also dass sie in dieser Zeit zu einem Urteil gekommen waren, vor allem da sich der Prozess über mehrere Tage erstrecken sollte. Morgen würden wir dem Zeugen der angeblich gegen uns aussagen wollte gegenüber sitzen und ich verwettete alles was ich hatte darauf, dass unseren Aufpassern schon beim Gedanken daran übel wurde.
Abgesehen davon war ich gespannt darauf ob tatsächlich jemand auftauchen würde. Wer so dumm war, sich uns freiwillig zum Feind zu machen.

„Machen Pause. Weiß jemand wo ich hier einen Kaffee herbekomme?“
Armin wischte sich imaginären Schweiß von der Stirn, seine Hängebäckchen hoben sich, stellten seine Art des Lächelns dar.

„Am Eingang.“ Einer der Polizisten nickte in besagte Richtung. „Was war noch?“, richtete ich das Wort leise an Rodd als Armin mit Kal und unserem Schatten in Richtung Kaffeeautomaten verschwanden, wurde jedoch mit einem wenig aussagekräftigen „Nichts von Bedeutung.“ abgespeist.
Rodd hatte noch nicht viel gesagt seit wir uns heute zum ersten Mal seit seiner Verhaftung im Gericht begegnet waren, schien in Gedanken versunken zu sein wie wir alle, wobei ich ihm dies kaum verübeln konnten. Die Nachricht dass er vorerst in Gewahrsam genommen war lag erst knappe zwei Wochen zurück, trotzdem war die Verhandlung schon auf den heutigen Tag angesetzt.
Ich lernte gerade nichtsahnend in meinem Zimmer als Kal mir erzählte, dass ein Sonderkommando sein Haus gestürmt und völlig auf den Kopf gestellt hatte. Dass sie dabei natürlich sowohl die unangemeldete Waffen als auch Drogen in Mengen die ihn schon alleine die nächsten Jahrzehnte sicherlich hinter Gitter brachten, finden mussten, war klar. Die Waffen waren kein Problem, jeder von uns durfte ganz legal welche besitzen und auch die Tatsache dass sie nirgends registriert waren machte uns nur bedingt Sorgen.

Das wirkliche Dilemma waren die vielen Kilo Kokain die inzwischen sicherlich gut verschlossen in irgendwelchen Kämmerchen lagerten. Eigentlich sollten sie stets so kurz wie möglich derart ungesichert bei uns bleiben und spätestens nach ein paar Tagen unters Volk gebracht werden, brachten uns nun redlich in Bedrängnis. Natürlich ging immer wieder eine Lieferung verloren, wurde hochgenommen oder verschwand auf mysteriöse Art und Weise und auch für den bisher noch nie vorgekommenen Fall dass jemand – in diesem Falle eben Rodd – verhaftet wurde und wir so um unsere Ware gebracht wurden, waren wir normalerweise vorbereitet.
Doch wie die Dinge eben immer passten, hatten wir genau jetzt ohnehin genügend Probleme an die Mengen zu gelangen die unsere Abnehmer forderten, hatten erst vor einem Monat sämtliche Vorräte abgeben müssen um zumindest das Mindestmaß zu erfüllen, saßen demnach völlig auf dem Trockenen seit unsere neue Lieferung beschlagnahmt war.
Die Konsequenzen kannte ich seit einer nicht ganz unähnlichen Krise vor gut vier Jahren nur zu gut, hatten wir uns doch nur langsam wieder davon erholt nachdem nacheinander zwei Lieferungen spurlos verschwanden und in unseren Lagern nur gähnende Leere zu finden war.
Damals hatten wir nicht nur zwei unserer besten, leider nicht sonderlich treuen – wer war das in der Szene schon – Abnehmer verloren, sondern auch einen bis dato guten Lieferanten der verständlicherweise keine Lust hatte, ständig in der Angst leben zu müssen dass die verschollene Ware irgendwann auf ihn zurückzuführen war, was beinahe noch schlimmer war.
Wirklich vertrauenswürdige und dabei nicht vollkommen überteuerte Hersteller die uns brauchbaren Stoff verkauften war in der heutigen Zeit des Käufermarktes schwerer zu finden als die berüchtigte Nadel im Heuhaufen.
Wir standen schon damals kurz vor dem Aus, Rodd kurz vor dem Nervenzusammenbruch und hatten über Monate hinweg immense Schulden die wir nur dank vieler wirklich liberaler Partner, sowohl Verkäufer als auch Käufer, wieder tilgen konnten. Was jetzt drohte auf uns zuzukommen wollte ich mir noch gar nicht ausmalen.

Ich hoffte inständig dass jemand, sei es nun Rodd selbst, oder aber Armin der vielen von uns in der Vergangenheit schon den Arsch gerettet hatte, wusste wie wir einmal mehr mit einem blauen Auge davonkamen.
Ich hatte jedoch keine Ahnung wie sie dies anstellen sollten.
Was wir planten mit dem fehlenden Stoff zu machen war mir ebenso unklar.
Im Augenblick erschien mir die Situation recht ausweglos und auch Rodd dem ich ansehen konnte dass er ähnlich dachte half nicht dazu dass ich mich besser fühlte. Wenn selbst er eine Sache nicht mehr versuchte mit Humor zu sehen steckten wir wirklich tief in Schwierigkeiten.
„Wie lange geht das heute noch?“
Noch.
Es war erst elf Uhr vormittags, jedoch saßen wir schon seit neun in den stickigen, überheizten Räumen des Gebäudes, und bis jetzt war kein Ende in Sicht.
Ihr Glück wohl kaum fassen könnend, schienen die Richter ihm jede Straftat die er vielleicht, vielleicht auch nicht, begangen hatte, anzuhängen. Würden sie ihn wirklich für jedes einzelne Vergehen zur Rechenschaft ziehen saßen wir noch bis Weihnachten hier.
„Ihr könnt vermutlich am frühen Nachmittag fahren …“
Aufmunternd strich ich über seinen Arm, bekam ein schiefes Lächeln. Ich war Rodd mehr als dankbar dass er penibel darauf achtete dass meine Weste noch immer von reinstem Weiß war - meine Akte vollkommen leer - wusste, dass er sicherging dass auch Kal und die anderen vor den Augen der Richter schuldfrei waren. Zumindest in diesem Fall weder auf dem Stuhl des Angeklagten, noch im Zeugenstand landen würden.
Trotzdem fühlte es sich falsch an ohne ihn nachhause zu fahren, ohne zu wissen was mit ihm geschah. Vorerst würde er in U-Haft bleiben, zumindest solange die Verhandlungen noch liefen. Für´s Erste hatten sie uns den Kopf auf grausame Art und Weise, vollkommen unerwartet, abgeschlagen.

„Kann ich irgendwas für dich tun? Brauchst du irgendwas?“ Selbst jetzt, trotz der hinter ihm liegenden Tage, obgleich er um seine gesamte Existenz fürchten musste, trug er einen seiner besten Anzüge, jedes einzelne Haar lag an seiner Stelle, er wirkte genauso perfekt wie ich ihn kannte.
In all den Jahren die ich inzwischen bei ihnen lebte war es noch nie, wirklich noch nie, vorgekommen dass ich Rodd auch nur ein einziges Mal in etwas wie Jogginghosen oder einem nicht maßgeschneiderten Hemd gesehen hätte.
Jetzt in Haft auf seinen Kleiderschrank oder sein Badezimmer verzichten zu müssen war vermutlich ein härterer Schlag für ihn, als sich die Beamten vorstellen konnten.

„Nein ich brauche nichts, ich will nur dass du dich um alles kümmerst. Machst du das?“ - „Klar, mache ich.“ Worum auch immer ich mich kümmern sollte, würde ich den Teufel tun und mich einer seiner Anweisungen widersetzen. „Braver Junge. Kal wird dir helfen.“ Eine meine Augenbrauen wanderte nach oben.

„Wo gibt’s hier Kaffee?“

Der Rest unserer Familie kam mit etwas Verspätung zu uns auf den Flur getreten, ich sah wie sich die Polizisten mit einem knappen Nicken verständigten, uns nicht aus den Augen ließen und sich auf unheimlich lächerliche Art und Weise so positionierten dass sie uns von sämtlichen Ausgängen abschirmten. Wir konnten augenscheinlich unschuldig sein wie auch immer wir wollten, dass wir einige unverjährte Straftaten mehr auf dem Kerbholz hatten als in unseren Akten stand, war den Polizisten ebenso klar wie den Richtern die uns nur zu gerne mitsamt Rodd hinter Gittern sähen.

Doch in diesem Fall konnten sie uns rein gar nichts.
Sicherlich recht unbefriedigend.
„Scheinbar vorne am Eingang.“ Miller – natürlich war dies nur ein Spitzname unter welchem ich ihn kennengelernt hatte und ebenso wenig sein richtiger Name wie Rodd tatsächlich Rodd hieß – lächelte mir dankend zu, ehe er sich kurzerhand an einem der Bullen vorbeischob und mit Zack als Anhang durch den stillen Flur schritt.

„Gehst du mit ihnen mit?“ Einer der schwarzen Männer verließ unsere kleine Runde. „Als wären wir kleine Kinder, hm?“

Kal, soeben mit einem der hässlichen braunen Automaten-Bechern in der Hand zurückgekommen, stupste mir mit dem Ellenbogen lächelnd in die Seite, grinste ihren Begleiter, den Kerl mit dem Feuer, an.
„Wäre mir neu dass Kindergärtner Kanonen zum Betreuen ihrer Kinder tragen.“ Mein Blick wanderte zur M1911 am Gürtel des Bullen der schwer beschäftigt nach etwas in der Tasche seiner Jacke suchte, mich nach wie vor nur anzusehen schien wenn ich vor ihm lief.
Wäre mal interessant zu erfahren wie schnell ein männlicher Betreuer gefeuert wäre, würde herauskäme dass er seinen Schützlingen auf den Arsch glotzte.
Schmunzelnd wandte sich Kal an die Polizisten. „Wisst ihr dass euer Kaffee wie Spülwasser schmeckt?“ - „Wieso denkst du trinken wir ihn nicht?“ In der tiefen Stimme schwang Belustigung mit. Froh dass ich selbst nichts trank, somit nicht in die Verlegenheit kam vor Erstaunen etwas auszuspucken wie man es so oft in zweitklassigen Komödien sah, sah ich den Feuerzeug-Kerl an, konnte nicht glauben dass er tatsächlich gesprochen hatte, noch dazu eine derart angenehme Stimme hatte die perfekt zu seiner Erscheinung passte.
Auch wenn man von seinem Gesicht nicht viel mehr sah als grüne Augen mit dichten Augenbrauen und den Ansatz einer vermutlich sehr geraden Nase, zeichneten sich selbst unter der dicken Jacke die in der Hitze des Gerichts vermutlich alles andere als angenehm zu tragen sein musste, ein breites Kreuz, sicherlich eine ordentliche Menge an Muskeln, ab. Ich war nun wahrlich kein Experte auf diesem Thema, vermutete jedoch stark dass jedes Mitglied einer Spezialeinheit relativ durchtrainiert sein musste, etwas das den möglichen Verursacher unserer beschissenen Situation in Kombination mit der Tatsache dass er mich um einiges überragte – etwas das bei Gott nicht oft vorkam – beinahe attraktiv machte.
Und das, obwohl ich keine Ahnung hatte ob er ein hübsches Gesicht hatte.

Dass mein erstes Augenmerk auf den Körpern meiner Gegenüber lag, leugnete ich schon gar nicht mehr, hatte vor langer Zeit aufgehört mich dafür selbst zu verurteilen dass ich bei der Wahl meiner Gesellschaft in erster Linie darauf achtete dass sie einen in meinen Augen attraktiven Körper hatten.
Dabei folgte ich einer wahrlich primitiven Liste an Ansprüchen, ehe ich mich mit ihrem Gesicht befasste, das dann in den seltensten Fällen noch an Gewicht hatte.
Unwillig den Kopf schüttelnd warf ich einen Blick auf mein Handy, wenn wir denn schon beim Thema waren, blickte auf drei verpasste Anrufe welche alle von der gleichen Nummer waren. Man mochte es kaum glauben, doch selbst in der heutigen Zeit sollte es noch Menschen geben die einen weiten Bogen darum machten, Nachrichten oder SMS zu schreiben. Dafür lieber fünfmal am Tag anriefen wenn sie etwas wollten, ihr Handy jedoch stets auf stumm schalteten oder ignorierten wenn man sich selbst mit einem Anliegen oder einer Frage an sie wenden wollte.

„Kann ich hier drinnen telefonieren?“

Eigentlich gab es nur einen Grund weshalb er anrief.
Ein Grund der mir gar nicht so ungelegen kam, egal wie schäbig ich mich beim Gedanken daran, an irgendwas anderes als Rodd hinter Gittern zu denken, auch vorkam. Würde ich weiterhin alleine zuhause sitzen würde es mir ohnehin nur schlecht gehen. Wenn es jemand verstand dass ich mich lieber abzulenken versuchte, dann Rodd.

„Nein.“ - „Gut.“

Mit einem Augenrollen drehte ich mich um, hatte das Handy trotzdem schon am Ohr als ich vom Ausgang noch zehn Meter entfernt war. Er hob ab als mein Begleiter, mein Schatten, gerade den Passcode der elektronisch gesicherten Türe – eine genauso nützliche wie nervige Idee – eingab, den Blick abgewandt hielt, mir so wohl ein letztes bisschen Diskretion ermöglichen wollte.

„Mello!“ Langgezogen tönte mir mein eigener Name entgegen.
„Hi.“
Ich schlang den Arm um mich, versuchte mich zu wärmen, bereute langsam mich nicht wärmer angezogen zu haben, doch wer könnte wissen dass ich derart viel in der Kälte stehen würde? Plötzlich beneidete ich den Bullen um seine Jacke in der er nahezu bewegungslos mit einigem Abstand neben mir stand, nicht so aussah als wäre ihm kalt.

„Ich habe schon versucht dich zu erreichen, aber nur deine Mailbox ging ran.“
„Ja ich habe geschlafen, musste lernen und bin dann ziemlich spät ins Bett.“ Nicht einmal unbedingt gelogen, ich hatte tatsächlich gelernt, auch wenn der Grund weshalb ich nicht geschlafen hatte ein anderer war.
Einer von dem er niemals erfahren würde.
Arbeit und Privatleben trennte ich nach wie vor strikt.
„Dann bist du ja topfit.“, freute sich die Person auf der anderen Seite der Leitung, entlockte mir ein schwaches Lächeln.
„Hast du Lust auf´s South heute Abend? René wollte auch kommen.“
Mein Gesicht verzog sich. „Du weißt dass ich René nicht mag. Lass uns wo anderes hin.“ - „Und wo?“
Schon am Klang seiner Stimme merkte ich dass es ihm so gar nicht in den Kram passte dass ich seinem Vorschlag der meist viel mehr Befehl war, nicht zustimmte, ihm Widerworte gab.
„Ins Toxic?“
Um ehrlich zu sein wäre mir jeder Club der Stadt recht gewesen, solange ich dort nicht den Typen traf der regelmäßig dafür sorgte, dass er mich links liegen ließ, unzählige Male der Grund war weshalb ich einem Mann nach heulte, der schon lange nichts mehr als Leid in mein Leben brachte.
„Das Toxic ist doch lahm.“
Galt ein Club neuerdings als lahm nur weil nicht unmittelbar neben mir zwei oder mehr Menschen miteinander fickten, dabei mehr oder weniger aufdringlich versuchten mich zum mitmachen zu animieren?
„Wir sind doch ständig im South.“, versuchte ich es erneut, warf zwischendurch einen Blick zu meinem Begleiter der wie schon vorhin die Gegend abscannte, scheinbar etwas unheimlich spannendes im Gebüsch entdeckt hatte.
Er tat als würde er nichts hören und ich war ihm dankbar dafür.
„Wieso sollten wir auch wo anders hingehen? Außerdem habe ich René schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen.“
Seit genau acht Wochen.
Ich hatte ihn am nächsten Morgen noch immer sturzbetrunken aus dessen Wohnung abholen dürfen.
„Ich will wirklich nicht da hin.“ - „Schön, dann eben nicht.“
Spätestens nun war jegliche Freundlichkeit aus seiner Stimme verschwunden.

„Weißt du, ich mache mir extra die Mühe dich anzurufen, will dich mitnehmen und du hast mal wieder nichts besseres vor als herumzuzicken, das kotzt echt an.“
„Ich zicke nicht herum.“
Feuerzeug-Kerl verstellte etwas an seinem Gürtel.
„Wie auch immer, Mello. Mach was du willst.“
„Ich will etwas mit dir machen. Nur eben nicht ins South.“
„Da gehen wir aber hin.“
Dass er sich mir zuliebe auf etwas eingelassen oder gar seine Pläne geändert hätte kam schon lange nicht mehr vor, immer hatte jeder nach seiner Pfeife zu tanzen und das Schlimmste war dass ich es niemals fertig brachte ihm ernsthaft zu widersprechen.
So souverän ich mein tägliches Leben in Rodds Reihen auch meisterte, so stolz ich auf dir mir erarbeitete Position auch war, so unbeholfen war ich dabei mein Privatleben zu regeln. In seinem kleinen Theater war ich die Hauptattraktion, sein zahmster Affe samt Zylinder und kleinem Fahrrad. Auf selbigem drehte ich brav Runde um Runde, in der stetigen Hoffnung auf etwas Zucker.
„Wann wollt ihr denn los?“
„René und ich fahren um elf los, trinken vielleicht irgendwo noch ein Bier und schauen dann mal gemütlich hin.“
„Und wo schläft er?“
Eine absolut bescheuerte Frage. Wenn er derart darauf fixiert war, den Abend mit einer anderen Person zu verbringen, konnte ich mich darauf einstellen dass ich ihm zumindest nicht für mich alleine hatte, im besten Falle irgendwann in den frühen Morgenstunden darauf beharren konnte, den Eindringling auf die Couch zu verbannen.

„Willst du hier schlafen?“
„Ähm.“ War ich unerwünscht?
Wieso sollte ich dann überhaupt mit ihnen feiern gehen?
Den Gedanken ich würde nur deshalb eingeladen werden, damit ich ihm hinterher nicht vorwerfen könnte er hätte mich absichtlich hintergangen um sich mit René zu treffen verwarf ich sogleich wieder. Er ging ständig selbst seiner Wege wobei es ihm vollkommen egal war was ich erfuhr und was nicht.
„Soll ich nicht?“
„Doch klar, schlaf ruhig bei uns.“
Bei uns.
„Ich kann auch schauen ob mich jemand abholt oder so.“
„Ja das kannst du dir ja noch überlegen.“ Was fühlte ich mich willkommen … „Holst du mich ab?“
„Um halb zwölf könnte ich bei dir sein, wenn dir das passt.“
„Ja passt.“
„Gut, dann sehen wir uns dann.“
„Okay. Ich-“
Mit zusammengebissenen Zähnen ließ ich das Handy aus welchem nur noch ein gleichmäßiges Tuten zu hören war sinken, versuchte meinen Schmerz – die sprichwörtliche Sahne auf dem ohnehin beschissenen Tag – einfach herunterzuschlucken.

Der Reif auf den Büschen schmolz langsam, scheinbar war mir wenigstens ein weiterer Tag ohne Schnee vergönnt. Wie ironisch dass ich mich so direkt zu dem momentan größten Problem unserer Familie brachte, welches jeglichen Liebeskummer bei weitem übertraf. Ich sollte mich nicht über mein Liebesleben ärgern wenn ich derart viele andere Dinge im Kopf hatte über die ich mich sorgen könnte. Ich seufzte ohne es zu bemerken, lenkte die Aufmerksamkeit des Polizisten, der sicherlich zu keiner Sekunde wirklich unaufmerksam war, somit direkt auf mich.
Die grünen Augen – sie waren moosgrün, eine Farbe wie ich sie noch nie gesehen hatte – musterten mich.
Zum ersten Mal lag etwas in ihnen das ich noch am ehesten als Neugier einschätzen würde, der desinteressierte, nichts sagende Ausdruck war zumindest gewichen.

Ich verfolgte seine Hand, noch immer geschützt von dem schwarzen Handschuh, wie sie in seine Jackentasche griff, eine Zigarettenschachtel herausholte und mir eine anbot, ohne dass er mich dabei aus den Augen ließ. Ich griff zu ohne es groß in Frage zu stellen. Einerseits weil ich wirklich etwas gebrauchen konnte um wieder einigermaßen runterzukommen, bevor ich zurück in den Saal musste, andererseits weil ich die Geste schlichtweg nett fand, mein Hass gegenüber dem Uniformierten langsam schwand.
Er machte seine Arbeit, hatte vermutlich nicht einmal etwas mit Rodds Festnahme zu tun.
Ich tat auch einige fragwürdige Dinge um mich über Wasser zu halten. Mein Unglauben wuchs als er sich tatsächlich die Handschuhe von den Händen streifte und nachlässig in seinen Gürtel steckte. Vermutlich wusste er ebenso gut wie ich dass ich ihm jetzt nichts tun würde, er mir selbst im Falle des Falles nicht viel Angriffsfläche bot, und dennoch wertete ich diese kleine Geste vermutlich vielsagender als sie in Wahrheit war. Ein völlig vermummter Mensch zeigte mir seine Hände – schlanke, gepflegte Hände – unfassbar spannend …

Um mich mich nicht weiter über mich selbst lustig zu machen schob ich mir die Zigarette zwischen die Lippen, hielt sie in die Flamme des mir angebotenen Feuerzeugs welches ich vor noch gar nicht allzu langer Zeit selbst in der Hand hatte.

„Danke.“
„Gerne.“, bekam ich dieses Mal sogar eine Antwort, ehe er das Feuerzeug weg- und seine Hände wieder einpackte.
„Willst du keine?“ - „Jetzt nicht. Eigentlich wollte ich längst aufhören...“
Ein baldiger Nichtraucher der mit Zigaretten durch die Gegend lief? Sie sogar in seiner Uniform dabei hatte?
„Wieso hast du dann welche?“, hakte ich nach als mir so gar kein Grund einfallen wollte der dieses inkonsequente Verhalten erklärte.
„Siehst doch, dass es manchmal recht nützlich sein kann.“
So zutraulich er kurzzeitig auch gewesen war, so schnell hatte er sich auch schon wieder von mir distanziert, wieder damit begonnen den wahrlich nicht sonderlich spannenden Hinterhof zu begutachten, ignorierte mich vollkommen.

„Also“, suchte deshalb nun ich das Gespräch zu ihm, war froh über jede Minute Ablenkung von meinen Problemen die bei Rodd anfingen und bei dem vor mir liegenden Abend aufhörten. „du redest nicht gerne, kann das sein.“
Schweigen.
Eine bessere Antwort hätte ich wohl kaum bekommen können.
„Wie heißt du, Unbekannter?“ Damit entlockte ich ihm tatsächlich ein Schmunzeln, was ich zwar nicht an seiner verdeckten Mundpartie, sondern an feinen Lachfältchen die sich um seine Augen legten, erkannte.

„Du glaubst doch nicht tatsächlich dass ich dir das sagen kann, oder?“ Ich hatte eher damit gerechnet dass er mich anlügen würde indem er irgendeinen Namen erfand, möglicherweise auch einfach ein Pseudonym, wie es sicherlich viele der Mitglieder irgendwelcher Einheiten benutzen, verwendete.
„Ach was. Nein, denk dir etwas aus. Irgendeinen Namen der zu dir passt.“
Es machte immerhin doch einen Unterschied ob man einen Leo oder einen Rick kennenlernte. Nun war es an mir ihn neugierig anzusehen. „Will ich dass du weißt was zu mir passt?“, kam jedoch die ernüchternde Antwort, holte mich schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, führte mir vor Augen dass ich gerade versuchte mich mit einem Bullen zu unterhalten. Mit einem dessen Kollegen für all die Probleme mit welchen wir nun klarkommen mussten, verantwortlich waren.

Ich drückte die noch beinahe ganze Zigarette an der Mauer hinter mir aus, schob sie nachlässig in meine Hosentasche und zog an dem Türgriff der ohne seine Hilfe natürlich nicht nachgeben würde.
„Mach auf.“
„Bitte.“
Seelenruhig blickte er mir in die Augen, stand so nah vor mir dass ich sah, dass er sogar ein ganzes Stück größer war als ich. So nah, dass ich die Wärme seines Körpers in der Kälte spürte.
„Was?!“
„Du willst etwas von mir also solltest du mich freundlich darum bitten. Gute Manieren, du verstehst?“
In seiner Stimme schwang etwas mit das sowohl Belustigung auf meine Kosten als auch Spott sein könnte.
Was auch immer es war, es gefiel mir ganz und gar nicht.
Ich fürchtete um meine Zukunft, stand kurz vorm endgültigen Eklat mit meinem Affäre - oder wie auch immer man bezeichnen konnte, was wir miteinander hatten - da konnte ich wahrlich nichts weniger gebrauchen als einen unverschämten Bullen der mir etwas von guter Erziehung erzählen wollte.
„Mach einfach diese Scheiß-Türe auf.“
„Sag Bitte, Mello.“ Er hatte tatsächlich die Frechheit leise zu lachen.
„Was bist du eigentlich für ein Arschloch?“
Beim Klang meines Spitznamens, vor viel zu kurzer Zeit noch so unendlich bitter in einem anderen Mund, bildete sich Gänsehaut auf meiner ohnehin unterkühlten Haut.
„Ich bin eigentlich richtig nett. Und du solltest aufpassen was du sagst, es gibt da nämlich was das nennt sich Beamtenbeleidigung und kostet richtig Geld.“
„Ach leck mich doch.“, setzte ich noch einen oben drauf.
Meine Nerven lagen ohnehin blank, ich schwankte schon den ganzen Morgen über zwischen Heul- und Schreikrampf, hatte wirklich keine Lust auf sein lächerliches Getue, wollte nur noch ins Warme, wollte endlich nach Hause und mich unter meiner Bettdecke verstecken.
„Gleiches Spiel. Wenn du mich ganz lieb darum bittest, könnte ich darüber nachdenken.“ Er zwinkerte.
„Was?“
Ich glaubte mich verhört zu haben, war mir sicher mich verhört zu haben, konnte nicht glauben was er gerade gesagt hatte, dabei noch immer dieses Grinsen um die Augen herum hatte.
Fassungslos starrte ich ihn an, wusste auch dann, als er mir auffordernd die Türe offenhielt, noch nicht was ich erwidern sollte.
Wie man auf so etwas reagierte.
„Na komm, du wolltest doch rein, oder nicht?“
Ich konnte ihm nicht antworten, wusste nicht was ich hätte antworten sollen, zudem kehrte er mit jedem Meter dem wir uns der offenen Türe des Verhandlungsraumes näherten weiter zur vorherigen, professionellen Emotionslosigkeit zurück. Er sah mich nicht mehr an, schmunzelte nicht mehr. Einer Statue gleich regte sich kein Muskel seines Gesichtes.
Beinahe unheimlich.
Worüber er jetzt nachdachte?
Erst kurz vor der Türe wurde er langsamer, würde sich wohl wieder vor ihr positionieren wo er schon vorhin stand um den Raum zu sichern, gleichzeitig vermutlich darauf wartete dass er jemanden begleiten musste.
Sicherlich kein allzu angenehmer, langweiliger Job, zumal jetzt nicht einmal eine Spur von seinem vorher noch anwesenden Kollegen zu sehen war, mit welchem er sich so immerhin hätte unterhalten können.
Und trotzdem hätte ich viel dafür gegeben jetzt mit ihm tauschen zu können, auf der anderen Seite der Türe sein zu dürfen.
Schon beim Blick den ich vorsichtig in den Verhandlungsraum war, wurde mir flau im Magen, auch wenn ich selbst gar nichts zu befürchten hatte.

Rodd saß wieder auf dem Stuhl des Angeklagten, vor ihm die Richter die ihren Unterlagen durchgingen, in den schwarzen Roben, auf ihren erhöhten Plätzen, beinahe unantastbar wirkten. Sie verunsicherten mich auch wenn ich mir dies natürlich niemals anmerken lassen würde – Rodd würde mir die Hölle heiß machen.
Meine Maske saß nach unserem kleinen Zwischenfall vor der Türe wieder fest auf ihrem Platz, auch mein Gesicht würde dem Betrachter hoffentlich keinen Aufschluss auf meine Gefühlswelt bieten.

Ich straffte die Schultern, bereit den Raum zu betreten, ihnen unter die Augen zu treten. Ich musste nur ein, zwei weitere Stunden überstehen, war dann endlich wieder zuhause wo ich meine Ruhe hatte, wo mich niemand beobachtete ich ganz ich selbst würde sein können. Schwach sein durfte.

„Wird schon werden.“, meinte mein Begleiter leise, so leise dass ich fast geglaubt hätte er würde Selbstgespräche führen, wären da nicht die durchdringenden Augen die mich aufmunternd – zumindest glaubte ich das in ihnen zu sehen – anblickten.
Ich erwiderte nichts, schon wieder nicht wissend was ich ihm hätte sagen sollen, doch jetzt fühlte es sich richtig an, hier war keine Antwort nötig.
Ich nickte ihm zu, trat in die Höhle des Löwen, hörte wie er hinter mir die Türe schloss, wie ein wohl etwas besser bezahlter Portier.
Die Augen aller schienen mich zu streifen während ich über das Parkett zu meinem Platz neben Kal ging, noch immer versuchte mich mental auf die folgenden Stunden vorzubereiten.
Sie würden Rodd heute nicht verurteilen.
Vor uns lagen noch viele Stunden in diesem Saal, ich hatte noch viele Tage die ich ihn würden sehen können und doch fühlte es sich an als würde ich auf den Sand einer Sanduhr blicken der immer schneller lief, irgendwann stehenblieb. Sie würden Rodd einsperren, daran bestand kein Zweifel, und ich war in keinster Weise darauf vorbereitet.
Ich wusste nicht wie unser Leben weitergehen würde wenn er nicht mehr bei uns war, wusste nicht wer die Führung übernehmen würde, was mit uns geschah.

Rodd war der beste Boss gewesen den man sich hätte wünschen können.
Er war ruhig und besonnen, ließ sich nicht zu irrsinnigen Machtdemonstrationen in der Öffentlichkeit hinreißen wie man es von vielen anderen hörte. Auch versuchte er stets die Zahl seiner Opfer so gering wie möglich zu halten, so zu agieren dass kein anderer zu schaden kam, so weit dies eben machbar war.
Gleichzeitig liebte er jeden einzelnen von uns auf eine Art und Weise die man in keiner anderen Familie je zu sehen bekommen hatte.
Er sorgte dafür, dass es uns stets an nichts mangelte, wir glücklich mit ihm und unserer Arbeit waren, stets genug Geld bekamen und wussten dass wir mit jeder Sorge jederzeit zu ihm kommen könnten.
Wir waren wirklich eine Familie, er unser Oberhaupt das zu verlieren einen Schmerz bedeuten würde den sicherlich keiner von uns so einfach verwinden könnte.
Ganz abgesehen davon würde seine Zwangspause je nach der Dauer seiner Haft möglicherweise auch seinen Rücktritt bedeuten – und sei es nur für begrenzte Zeit - was zur Folge hätte dass ein neuer Boss von ihm ernannt werden müsste.

Dabei würde seine Wahl entweder auf Kal, seinen leiblichen Cousin, oder Zack, seinen selbsternannten Bruder, fallen.

Dies konnte sowohl sehr gut als auch sehr, sehr schlecht ausgehen.
Entweder würde sich an der Führung unserer Familie kaum etwas ändern, würde er jedoch tatsächlich Zack zum Boss ernennen, ihm eine solche Macht an die Hand geben, würde es mit uns wohl endgültig den Bach hinunter gehen. Während Kal voll und ganz hinter Rodd und dessen Führung stand, verkörperte Zack das komplette Gegenteil, weshalb es mir noch immer nicht begreiflich war wie Rodd ihm eine solche Stellung zukommen lassen konnte.
Zack ließ sich von seinen Emotionen lenken, war beinahe klischeehaft heißblütig, bereit jeden auf offener Straße niederzuschießen der ihn nur schräg ansah. Er folgte einem seit Jahrzehnten überholten Leitfaden der Ehre und Würde, widersprach sich in seinem Handeln jedoch am laufenden Band selbst. Ihm hatten wir den Krieg mit mehreren Zuhältern zu verdanken, da er sich einbildete im Rotlicht verkaufen zu wollen, ohne zu bedenken dass diese Menschen ihre ganz eigenen Lieferanten hatten denen er damit ganz besonders dreist ans Bein pisste.
Er war Schuld an der Eskalation mit den Mexikanern die sich selbst jetzt noch als unsere erklärten Todfeinde sahen, ohnehin ihr eigenes Ding drehten ohne Rücksicht auf Reviergrenzen und Ehrenkodex und uns, seitdem Zack beschlossen hatte ihnen Kunden abzuschwatzen, das Leben schwer machten wo sie nur konnten.
Auch er war es der dafür sorgte dass nach einer von seinen Schergen indizierten Schießerei auf offener Straße die Bullen uns beinahe die Türe einrannten und mehrere unserer Männer in U-Haft landeten, aus der sie Armin nur mit Mühe und Not wieder raus boxen konnte.

Damals wäre auch Rodd fast der Kragen geplatzt, jeder andere wäre wohl kurzerhand beseitigt worden, doch anstatt ihn uns vom Hals zu schaffen beschloss er die Sache unter ihnen zu regeln.
Bis heute haben wir niemals erfahren was Zacks Strafe war und so wütend wie Rodd damals völlig entgegen seinem Naturell gewesen war, hatte es niemand gewagt nachzufragen.
Wir hatten die Sache akzeptiert. Akzeptiert, dass Zack in unseren Reihen blieb, akzeptierten auch heute alles was er sich so leistete, sahen tatenlos zu wie er sich seine Schergen zunehmend nach seinem Willen ausbildete.
Anstatt ihnen zu vermitteln dass sie ein Teil unserer Familie waren, schickte er sie auf seine merkwürdigen Alleingänge, schulte sie in Dingen und Anschauungen die wirklich niemand, nicht einmal die ältesten der Bosse, in der heutigen Zeit noch vertraten.
Gleichzeitig lebte er eine herrliche Doppelmoral indem er dafür warb, wieder zu versuchen ins Rotlichtgeschäft einzusteigen, würde nach der Ernennung zum letzten Worthaber wohl die Hälfte unserer Beziehungen in die Wüste schicken. Zack war vielleicht schlau, wirkte auf einen gewissen Schlag Menschen anziehend, hatte eine unglaubliche Begabung die Menschen durch seine Reden auf seine Seite zu ziehen, was genau die Gefahr die von ihm ausging ausmachte.
Er war ein Einzelkämpfer, niemals am Wohl der Familie sondern nur an seinem eigenen Aufstreben interessiert, der uns innerhalb kürzester Zeit zu Grunde richten würde.
Er als Rodds Ratgeber war gefährlich genug, würde ihm tatsächlich die Führung überlassen werden könnten sich viele von uns, mich einbegriffen, schon einmal ihr eigenes Grab schaufeln.

Kal schob mir seinen Kaffee zu von dessen Anblick alleine mir übel wurde.
Ich konnte beim besten Willen nichts zu mir nehmen, wollte es einfach so schnell wie möglich hinter mich bringen obwohl ich nicht wusste ob die Unwissenheit was geschehen würde vielleicht nicht doch besser war.
Und doch war ein Urteil schließlich unausweichlich.
Vielleicht war nun der Zeitpunkt gekommen an welchem wir nach und nach für unsere Fehler geradestehen und Buße tun mussten.
Vorerst jedoch tröstete ich mich mit dem Gedanken dass sie Rodd nichts konnten ehe er endgültig verurteilt war.
Ich betete dass Armin ihn irgendwie aus der Scheiße die uns allen bis kurz unters Kinn reichte, ziehen konnte, weigerte mich die Hoffnung jetzt schon aufzugeben.
Stumm auf meinem Stuhl sitzend, die Reden der Richter ausblendend, da sie mir ohnehin nur Angst machte die ich mir nicht anmerken lassen wollte, wartete ich einfach nur darauf dass wir entlassen waren.
Wartete darauf, dass sich die Geschworenen erhoben was sie erst geschlagenen drei Stunden später taten, mich erlösten, Rodd in die Händen der umher stehend Polizisten – die Damen und Herren in Blau – übergaben.
Mir war als legten sich synchron zu den Handschellen hinter seinem Rücken ein zweites Paar um mein Herz.

Ich wollte ihn nicht so sehen.

Er ging gerade, hatte den Kopf erhoben, sah gut aus in seinem Anzug und doch passte es nicht, ihn in den Handschellen, zwischen zwei Bullen zu sehen.
Rodd war stolz, war stark, ein geborener Anführer, niemand der sich von anderen in Ketten legen ließ.
Niemand sollte das Recht haben jemanden wie ihn zu fesseln.
Meine Beine liefen den Polizisten die ihn abführten hinterher noch ehe ich ihnen den Befehl dazu gegeben hatte.
Ich wusste, dass ich mit ihm reden durfte solange wir uns im Gericht befanden, wusste jedoch nicht was ich ihm sagen sollte.

„Rodd!“

Er drehte sich um, lächelte mich tatsächlich an, gab mir damit einen Anker an dem ich mich klammern konnte, eine Konstante in dem Chaos um mich herum. „Macht mir die ab, Jungs. Ich laufe schon nicht davon, meine Güte.“
Die Beamten tauschten einen unsicheren Blick aus, schlossen dann die Handschellen auf, was ihm ermöglichte mich in die Arme zu schließen.
Mich in seinem Jackett verkrallend, fast als hoffte ich ihn so bei mir halten zu können, sog ich jede Sekunde der Nähe zu ihm ein die ich noch bekam, hatte nun endgültig mit den Tränen zu kämpfen als er sachte begann meinen Rücken zu streicheln.
Die Bullen beobachteten ihn, beobachten mich, jede unserer Regung.
Ich wollte ihnen den Trumpf mich heulen zu sehen nicht geben, biss mir auf die Zungenspitze so fest ich nur konnte, hörte erst auf als ich den typischen Geschmack von Eisen schmeckte.
Es wird alles gut, okay?“, versicherte er mir beinahe das Selbe wie Feuerzeug-Kerl den ich bis jetzt noch gar nicht mehr gesehen hatte, auch nicht auf ihn geachtete hatte.
Um uns herum standen nur seine Kollegen in Blau.
„Es wird alles gut werden, Mello. Tu was ich dir gesagt habe.“
„Denkst du Armin schafft es?“
„Ich habe Scheiße gebaut und bekomme jetzt die Rechnung dafür, damit hätten wir rechnen müssen.“
Er schaffte es mir aufmunternd zuzunicken, lächelte noch immer.
„Mach mich stolz, Junge.“
„Es wird Zeit.“
Immer nervöser werdend wedelte einer der Polizisten mit den Handschellen, woraufhin Rodd gelassen seine Hände nach hinten streckte, schlau genug war keinen Widerstand zu leisten. „Bis morgen …“
„Mach mich stolz.“, wiederholte er, gab mir einen Kuss auf die Wange den ich noch auf meiner Haut spürte als er selbst mit den Beamten durch den Hinterausgang schritt, vor welchem der Wagen der ihn zur Haftanstalt bringen würde, parkte.

Einem irrsinnigen, masochistischen Verlangen nachgebend steuerte auch ich auf diesen Ausgang zu, ignorierte stur Kals Rufe in meinem Rücken, wollte Rodd noch nicht gehen lassen.
Auch dieser Ausgang würde mich auf die Straße zu meinem Auto bringen, ich müsste nur um eine Ecke des Gerichts laufen, konnte so noch einen letzten Blick auf die Person die ich mehr liebte als alles andere auf dieser Welt, erhaschen.
Auch wenn es kein schöner Anblick sein würde.

Die kühle Novemberluft schlug mir entgegen, schmerzte in meinen Atemwegen. Suchend blickte ich mich um, stand am oberen Ende der Steintreppe, sah jedoch nur noch zwei BMWs in typischem Schwarz-Weiß. Stinknormale Bullenwägen, noch dazu leer.
Keine Spur von Rodd.
Etwas entfernt parkte ein dunkler Bus, vor welchem ich den Beweis, dass Rodd tatsächlich schon abtransportiert wurde, in Form der vermummten Männern vorfand.
Scheinbar in Aufbruchstimmung beendeten sie ihren Arbeitstag, würden morgen wieder an Ort und Stelle bereitstehen.
Ich ließ mich auf die oberste Stufe sinken, ignorierte die beinahe schmerzhafte Kälte unter meinem Po, legte das Kinn in meinen Handflächen ab.
Sie trugen zwar noch ihre Sturmhauben, alberten jedoch herum, verstauten ihre Sachen im Inneren des Wagens, wirkten merklich entspannter.
Abermals beneidete ich sie darum, dass sie so einfach aus ihren Uniformen schlüpfen und zurück zum normalen Leben über kehren konnten.
Sie zogen sich einfach um, fuhren nach Hause zu ihren Familien, ihren Freundinnen, erzählten vielleicht eine bisschen etwas von der Arbeit, aßen dann zu Abend und waren wieder normale Menschen.

„Kommst du mit, Mello?“
Kal trat hinter mich und legte mir die Hand auf die Schulter.
„Er ist weg. Komm.“
Ich erhob mich, stieg die Treppe hinunter ohne zu spüren wie meine Füße den Boden berührten, fühlte mich gleichzeitig wie von tonnenschweren Gewichten nach unten gezogen, fror nicht einmal mehr im aufkommenden, kalten Wind.
Auch der Blick des vermummten Mann der mich traf als wir den Bus passierten war mir egal.
Ich hatte ihn innerhalb eines Herzschlages wieder vergessen.
Ich ließ mich von Kal zum Auto führen, zum zweiten Mal dankbar dafür, dass er mir im wahrsten Sinne des Wortes zur Seite stand.
Dankbar, dass ich nicht alleine sein musste.
Mit dem Zuschlagen der Wagentüre hinter mir war ich genauso wie die Polizisten bereit, die unwirkliche Welt des Gerichtes jenseits von Zeit und Raum zu verlassen.
Bereit dazu selbst zurück in mein Leben zu fahren welches von heute an nicht mehr so sein würde wie ich es kannte.
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