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Ich bin Nummer 001

von Applepie
OneshotAngst / P18 / Gen
Dr. Martin Brenner OC (Own Charakter)
20.04.2020
20.04.2020
1
680
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Dieses Kapitel
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20.04.2020 680
 
Triggerwarnungen, sensible Motive und sonstige Hinweise:
Dieser Oneshot beinhaltet die Themen Depression, Suizidalität und posttraumatische Belastungsstörung.



oOo



Ich will schreien. Aber meine Kehle ist wie zugeschnürt.

Sie marschieren.

Ich lausche und höre Schritte im gleichen Takt.
Absätze klappern auf Beton. Die Ärzte kommen wieder.
Wie an dem Tag, als sie mich mitnahmen.
Meinem Zuhause entrissen, ohne ein Wort des Abschieds.
Ich höre mein Herz gegen die Rippen trommeln, als wollte es aus meinem Brustkorb entfliehen.
Wenn ich ihm nur folgen könnte.
Die Nächte hier sind am schlimmsten. Ich horche in die Dunkelheit und versuche zu vergessen, dass Mummy zuhause eine Lampe für mich brennen ließ.
Manchmal kann ich Stimmen flüstern hören. Wie Wind, der über raue Felsen streicht.
Die Stille ist mein einziger Freund.

Sie reden.

Ob ich mich heute wieder auf den kalten Metalltisch legen muss?
Mein Nacken schmerzt noch immer. Der beißende Geruch klebt an mir wie Baumharz an eifrigen Kinderhänden.
Die Nadeln, die sie tief in meine Haut versenken, tun mir weh. Sie hinterlassen rote Punkte auf meinem Körper. Jeden Tag kommen neue hinzu. Insgeheim gebe ich ihnen Namen.
Ich muss Wasser trinken, das eigenartig schmeckt. Wenn ich es ausspucke, kommen sie mit einer neuen Spritze.
Es gibt kein Entkommen.
Mit bebenden Fingern umfasse ich mein Handgelenk. Suche nach einem Puls.
Aber ich treffe nur auf kalte Haut und ein schwaches Pochen unter den Fingerspitzen.
Mummy sagt, solange mein Herz schlägt, bin ich am Leben.
Ich wünschte, ich könnte nichts spüren.

Sie beobachten.

Ich sehe ihre Gesichter hinter Glasscheiben. Stifte kratzen auf Papier.
Die Augen hinter Brillengläsern sind auf mich gerichtet.
Sie beobachten mich wie ein Tier, das zu studieren ihnen aufgetragen wurde.
Aus diesem Käfig kann ich nicht flüchten. Niemals.
Eine Gänsehaut kriecht meine Arme entlang. Ich schaue zu, wie sich die Härchen darauf aufstellen.
Schwarze Zahlen stehen auf meinem Unterarm.
0 0 1
Die Bettfedern unter mir ächzen, wenn ich mich bewege. Also sitze ich ganz still.
Ich kann fühlen, wie sich Schweißperlen auf meinem Rücken sammeln und das dünne Hemd durchtränken.
Es ist kalt. Der nassgeschwitzte Stoff klebt an meiner Haut.  
Ich zittere.

Er marschiert.

Der Mann in Weiß betritt das Zimmer. Er sieht durch mich hindurch.
Feste Schritte hallen durch den Raum. Ihr Echo verhöhnt mich von allen Seiten.
Ich glaube, er hat es nicht gern, wenn ich auf dem Bett sitze, statt meine Aufgaben zu machen.
Doch die Kopfschmerzen sind wieder da. Mein Schädel fühlt sich an, als würde jemand von innen dagegen hämmern. Poch, poch, poch.
Bald ist er entzwei. Zertrümmert wie das Glas der Scheibe, gegen die ich in blinder Verzweiflung schlug.
Sie haben die Blutspuren davon entfernt und eine neue Scheibe eingesetzt. Doch wer ersetzt mir meine Freiheit?
Ich verstehe nicht, was der Mann von mir erwartet.
Das dumpfe Klopfen hinter der Stirn wird stärker.
Auch ein Wimmern kann mir nicht helfen.

Er redet.

Der Mann kommt näher und hockt sich vor mich.
Ich sehe in sein zerfurchtes Gesicht. Weiße Haare wie frisch gefallener Schnee, auf dem noch nie jemand gegangen ist.
Sein Mund verzieht sich zu einem Lächeln, doch seine Augen kann es nicht erreichen.
Blaugrau, wie das Eisen meines Bettgestelles.
Seine Hände sind groß. Und stark genug, mich festzuhalten.
Manchmal zappele ich besonders viel. Die Blutergüsse sind so schön bunt. Ein schmerzhafter Regenbogen auf weißer Leinwand.
Die Worte, die aus seinem Mund sprudeln wie Wasser, beachte ich nicht. Ich habe sie noch nie verstanden. Er spricht in einer fremden Sprache.
Was will er mir nur sagen?

Er beobachtet.

Der Mann in Weiß berührt meinen Kopf. Ich zucke zurück.
Meine Hände flattern und mein Atem rasselt in den Lungen.
Was für eine seltsame Melodie.
Jetzt kann ich das Blut in meinen Ohren pulsieren hören. Es klingt wie das Meer an einem stürmischen Tag.
Mummy, fahren wir bald wieder ans Meer?
Die Wände hier sind kalt und grau. In ihnen kann ich nicht ertrinken.
Der Mann in Weiß steht auf und streckt mir die Hand hin. Er will, dass ich mit ihm gehe.
Zu einer neuen Untersuchung, einer neuen Folter.

Ich will schreien. Aber …

Ich schweige.
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