Schuld

OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12
Ray
20.04.2020
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Es war ihre Schuld.

Rays Atem stockte; seine Hände krallten sich in den groben Stoff seiner Hose. Die Welt um ihn herum begann sich zu drehen, und hätte er nicht bereits auf einem Stuhl Platz genommen, er hätte sich augenblicklich setzen müssen.

Es war ihre Schuld.

Dass es ihm nicht schon viel früher aufgefallen war... Als sie den Bunker erreicht und nicht William Minerva vorgefunden hatten, sondern nur einen Fremden, der sie hatte vertreiben wollen aus dem Ziel ihrer Reise. Als er davon sprach, was seine Geschwister und er angerichtet hatten. Als auch sein verlorener Bruder ihnen begegnet war.

Es hätte ihm spätestens auffallen müssen, als sie über die Zeit von vor dreizehn Jahren sprachen.

Ray zwang sich weiterzuatmen, gleichmäßig ein und aus. Ihm war schlecht. Furchtbar schlecht und heiß. So heiß wie damals, als er hatte brennen wollen.

Seine dunklen Augen richteten sich von seinen noch immer geballten Händen zu den Männern vor ihm. Lucas und Yuugo. Erwachsene. Kampferprobt. Stark. Gezeichnet von den Jahren, die sie hatten leben dürfen. So ganz anders als er selbst.

Und im Grunde doch genau das Gleiche.

Sie bemerkten nicht Rays Starren, wie sie einander gegenüberstanden, zwischen ihnen das Telefon Minervas. Alle drei warteten auf einen Anruf, eine Nachricht, auf das allerkleinste Lebenszeichen ihres Wohltäters.
Bislang warteten sie vergeblich.

Es blieb ihnen nichts weiter übrig als zu warten. Gab es ihn noch, Minerva, gab es ihn noch und würde er auf sie vertrauen, wie er es all die Zeit über bereits getan hatte, sie würden ihm eine Antwort geben. Sie, die Kinder des Nimmerlandes, die doch nichts sehnlicher wollten als erwachsen zu werden.

So wie die beiden Jungen da vor ihm.

Ray musterte sie noch immer, während sein Gehirn versuchte die Erkenntnis zu verarbeiten, die da über ihn gekommen war. Weder Yuugo noch Lucas nahmen es wahr. Sie waren viel zu sehr in ein Gespräch vertieft, redeten und lachten über Zeiten, über die sie wohl nur lachen konnten. Die Alternative wäre gewesen, zusammenzubrechen und zu verzweifeln, so schrecklich war das, was endlich hinter ihnen lag.
Und während sie sich gegenseitig neckten, Witze rissen über Yuugos seltsamen Bart, den er sich hatte stehen lassen und dem Umstand, dass Lucas mit kaum dreißig Jahren bereits auf einen Krückstock angewiesen war, brach Ray in sich zusammen und verzweifelte.

Es war ihre Schuld.

Er hatte die Linie gezogen zwischen zwei Punkten, die bislang eine Unendlichkeit weit voneinander gelegen hatten.

Es war ihre Schuld.

Er würde diese Männer nie wieder mit den gleichen Augen sehen, nie wieder mit der gleichen Unbefangenheit konfrontieren können.

Es war ihre Schuld.

Ray hatte die Schuldigen gefunden und hasste sich mit jeder Faser seines Körpers dafür.

Dreizehn Jahre. Yuugo und Lucas waren vor dreizehn Jahren mitsamt ihren Geschwistern aus dem Waisenhaus Glory Bell geflohen, so wie Emma und er mit einem Teil ihrer Brüder und Schwestern Grace Field verlassen hatten. Vor dreizehn Jahren war wertvolles Vieh der Dämonenplantagen getürmt und hatte eine klaffende Wunde in ihr System geschlagen.

Ray war zwölf Jahre alt. Eine Schwangerschaft dauerte etwa ein Jahr.

Wenn Yuugo und Lucas nicht geflohen wären, hätten die Dämonen Mama nicht zu ebendiesem Zeitpunkt ein Kind eingepflanzt.

Wenn Yuugo und Lucas nicht geflohen wären, hätte sie nie dieses eine Kind zur Welt gebracht.

Wenn Yuugo und Lucas nicht geflohen wären, säße Ray wohl heute nicht hier.

Ein Schauer jagte über seinen Rücken, wie er weiter die Männer taxierte, zähnefletschend, die Fingernägel schmerzhaft fest in seine Handflächen bohrend. Er sollte nicht so denken. Er wollte es auch nicht. Sie konnten doch nichts dafür. Das hatten sie unter keinen Umständen bedacht, als sie Glory Bell hinter sich ließen.

Aber allein die Vorstellung, sie hätten es nicht getan… dass Mama zu einer anderen Zeit einen ganz anderen geboren hätte… dass er niemals die Melodie gehört hätte, sich nicht an alles erinnern müsste, nicht gezwungen gewesen wäre zuzusehen, wie seine Geschwister sterben, einer nach dem anderen…

Wie Norman…

Rays Hand schlug vor seinen Mund, als er ein Würgen unterdrückte; ein lautloses Gefecht gegen seinen rebellierenden Magen und das abscheuliche Lachen, das aus ihm herauszudrängen versuchte.
Er hätte das alles nicht durchmachen müssen. Nicht um sein Leben lesen, verhandeln um einen allzu späten Tod mit der Frau, die ihn schlussendlich auf die Schlachtbank führen würde. Nicht das Streichholz entzünden und fallen lassen.

All das hätte Ray sich erspart, wenn Lucas und Yuugo nicht so verzweifelt hätten leben wollen.

Aber auch den Duft der Freiheit, den der Wind im Sonnenaufgang seines Geburtstages an ihn herantrug, hätte er nie kennengelernt. Das Lachen seiner geliebten Geschwister, ihre Scherze und Tränen und ihre kleinen Hände, die sich an ihn klammerten. Die Zuversicht, dass nach jeder dunklen Nacht wieder ein neuer Tag kommen wird.

Emmas und Normans warme Arme, die ihn retteten.

Ray erhob sich, ging auf Yuugo und Lucas zu. Sie wandten ihrerseits ihm den Blick zu, und stutzen, als sie seine düstere Miene sahen.

„Alles in Ordnung, Kurzer?“, fragte Yuugo sogleich und schnippte eine seiner widerspenstigen Strähnen aus seinem Gesicht.

Der Junge nickte nur, starrte zu Boden, während seine Hände sich ineinander krallten. Dann tat er einen schnellen Schritt und umarmte sie, den Kopf gegen beider Brust lehnend.

Im ersten Moment war es totenstill, ehe sich die Brüder einen verwirrten Blick zuwarfen, während sich Rays Arme noch fester um sie schlangen.

„Danke.“

Seine Stimme war nicht mehr als ein Murmeln gewesen, aber es erreichte die, für die es bestimmt gewesen war.

„Wofür denn?“, hakte Lucas nach, derweil Yuugo eine Hand sanft auf Rays Haarschopf legte und darüber strich, so sanft lächelnd, wie er es seit dreizehn Jahren bei niemanden mehr hatte tun können.

„Für alles. Einfach alles.“

Ray hatte keine Mama mehr.

Dafür hatte er jetzt zwei Väter.


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Ganz genau, und keiner davon ist Peter Ratri! Seid ihr auch noch so sauer wie ich, dass der Typ behauptet, er wäre der Dad der ganzen Bande? Jedenfalls ich bin es weiterhin!

Okay, ich beruhige mich schon wieder. Ein wirklicher kurzer Oneshot, den ich da dieses Mal fabriziert habe, aber als mir die gleiche Erkenntnis wie Ray hier kam, war ich echt einmal baff. Natürlich kann das alles auch nur Zufall sein, aber warum wohl ist Isabella so jung eine Mama geworden? Sicher doch nicht nur, weil die Großmutter so einen Narren an ihr gefressen hatte...



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