Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Schöpfungskraft im Herzen der Welt

von Saarkind
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12
Nikolai Lantsov/Sturmhond Tolya Yul-Bataar Zoya Nazyalensky
20.04.2020
03.05.2020
3
5.759
 
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
25.04.2020 1.935
 
Hallo, miteinander.

Hier kommt das zweite Kapitel meines kleinen Dreiteilers. Zoya darf nun auch endlich mitspielen. ;-)

Viel Spaß beim Lesen.  Ich hoffe, es gefällt euch.

LG
Saarkind



-------------------------------------


Ohne weiteren Aufschub begab Nikolai sich auf den Weg. Festen Schrittes passierte er Korridore und Abzweigungen des Königspalastes, immer wieder unterbrochen von Menschen, die ihm ihre Ehrerbietung bezeugten. Nikolai hätte sich gerne Zeit für seine Untertanen genommen, mit ihnen gesprochen, ihnen versichert, dass die Krone auf seinem Haupt nicht bedeutete, dass er die Mühsal und die Sorgen der kleinen Leute vergessen hatte, aber er durfte seinen Fokus nicht aufs Spiel setzen. Denn wenn er ehrlich zu sich selbst war, fürchtete er, den Mut zu verlieren, sobald er sich ablenken ließ.

Schließlich erreichte er die Tür zu den Gemächern, die der Dunkle eine halbe Ewigkeit lang bewohnt hatte. Nun waren sie das Refugium einer deutlich jüngeren Frau, einer Grischa, die dem Dunklen einst bedingungslos ergeben gewesen war. Hatte sie deshalb diese Räume bezogen? Nikolai zögerte. Was erwartete ihn hinter dieser Tür? Worauf musste er sich gefasst machen?

Was, wenn Zoya sich vor mir verschließt?

Ein Teil von ihm wollte sich umdrehen und davonlaufen, so wie er anfangs versucht hatte, dem Monster in seinem Inneren zu entkommen. Sofort spürte er die Präsenz dieses dunklen Splitters in sich selbst. Es nährte sich von seiner Furcht, selbst wenn diese völlig unbegründet war. Nikolai ballte eine Hand zur Faust und atmete einmal tief durch. Im nächsten Moment verspürte er einen scharfen Windstoß. Die Tür schwang wie von Zauberhand auf, und eine Stimme rief:

"Komm herein, Nikolai."

Der Klang der vertrauten Stimme ließ Nikolais Herz höherschlagen. Es war ein merkwürdiges Gefühl, irgendwo zwischen Erleichterung, Besorgnis und Freude. Von allem etwas, wobei die Freude überwog. Eine Freude, die sich anfühlte, als hätte man nach langer Suche etwas Liebgewonnenes wiedergefunden. Verwirrt verharrte Nikolai in seiner Vorwärtsbewegung. Welch' absurder Gedanke! In Kürze werde ich heiraten, wohingegen Zoya ihre Macht und Zielstrebigkeit auf den Dunklen richten wird. Sich seiner Vernunft ermahnend, überquerte Nikolai zügig die Schwelle und zog die Tür hinter sich zu.

Im ersten Moment glaubte er, sich in der Tür geirrt zu haben. Er erkannte die Räume nicht wieder!

Nachdem Zoya die Gemächer des Dunklen für sich beansprucht hatte, hatte sie keine Kosten und Mühen gescheut, sämtliche Räume nach ihrem Gusto zu gestalten. Am auffälligsten waren der Wolkenhimmel, der das Gewölbedach bedeckte, und die sturmbewegte See, die die Seitenwände des Wohnzimmers zierte. Die übrige Einrichtung war sparsam, aber exquisit gehalten. Doch nun platzte der Raum vor Tischen und Kommoden, die mit Wasserschalen, gusseisernen Kesseln und Pfannen übersät waren, aus allen Nähten. In einer Ecke dampfte ein aufgeheiztes Kohlebecken vor sich hin. Die Luft im Raum roch nach Asche und den Ingredienzien eines Alkemi.

Hinter einer großen Werkbank, auf der eine beachtliche Anzahl skurriler Formen und Skulpturen aus den bizarrsten Materialien sowie etliche Töpfchen und Schalen mit fremdartigen Substanzen verteilt waren, entdeckte er Zoya. Sie trug ihre gewohnte Kefta, hatte jedoch ihre langen Haare zu einem strengen Zopf geflochten, der ihre übliche Aura der Distanz verstärkte. Einzig eine mitternachtsschwarze Haarsträhne, die dem Zopf entwichen war, mühte sich den makellosen Gesamteindruck zunichte zu machen. Vergebens. Zoya hätte einem Schlammtümpel entsteigen können, sie wäre dennoch der unangefochtene Mittelpunkt der kühnsten Männerträume von Ravka bis Novyi Zem.

Doch Nikolai war nicht hierhergekommen, um zu bewundern, was jenseits aller Möglichkeiten lag.

"Wie ich sehe, bist du nicht untätig gewesen," begann er in einem amüsierten Tonfall.  "Ich weiß es zu schätzen, dass du dich um die Staatsfinanzen sorgst, aber glaubst du ernsthaft diese mit der Eröffnung eines Trödelladens zu retten?"

Kaum merklich hob Zoya den Kopf. Der Ansatz eines Lächelns flackerte über ihren hinreißenden Mund, verschwand jedoch schnell hinter einem frostigen Blick. "Ich bedaure Eure Hoheit enttäuschen zu müssen. Ich versuche gerade ein Hochzeitsgeschenk für die zukünftige Königin von Ravka anzufertigen."

"Wenn es dein Ziel ist, sie zu erschrecken, bist du auf einem guten Weg."

"Ist das nicht, wofür ich bekannt bin? Leute abzuschrecken?"

"Das ist, was du versuchst, Nazyalensky ... Angesichts all der Burschen, die Kopfstände machen, um auch nur einen Moment deiner Aufmerksamkeit zu erringen, würde ich sagen, dass du darin kläglich versagst."

"Du täuschst dich, Nikolai." Das Lächeln, das nun ihren Mund umspielte, war kühl und provozierend. "Ich achte darauf, nicht zu abschreckend zu sein ... damit ich hin und wieder einem Kerl begegne, den ich unter meinen Füßen zertreten und mit gebrochenem Herzen zurücklassen kann."

Du wärst nie imstande, mein Herz zu brechen, schoss es Nikolai durch den Kopf. Um solcherlei Gedanken keinen weiteren Spielraum zu lassen, kommentierte er trocken: "Ich stelle fest, dass deine Laune prächtig ist."

"Ich bin noch unschlüssig."

Der nachdenkliche Tonfall ließ Nikolai aufhorchen. Er folgte ihrem Blick, der über die Objekte auf der Werkbank hinwegschwebte. Neugierig trat Nikolai näher. Die Formen, besonders die menschenähnlichen Skulpturen, wirkten, als habe sich das Kind eines Töpfers erstmals an der Handwerkskunst seines Vaters versucht. Doch die Strukturen machten einen äußerst soliden und substantiell fehlerfreien Eindruck. Vorsichtig nahm er eine geweihähnliche Form aus Elfenbein in die Hand, dessen bleiche Tönung ihn unversehens an Zoyas einstigen magischen Kräftevermehrer aus Tigerzahn erinnerte.

"Das ist das Werk eines Materialki," stellte Nikolai fest.

Zoya nickte leicht, ohne aufzublicken. "Könnte man meinen, nicht wahr?"

"Hast du das alles angefertigt?" fragte er. Sein Jackenkragen fühlte sich auf einmal beengt an.

"Ja."

"Wie ist das möglich? Korrigiere mich, wenn ich falsch liege, aber das ist nicht Grischawerk aus deinem Orden. Hat da etwa Sankt Juris seine Hand im Spiel?" Sein Blick fiel auf die zwillingsartigen Schuppenarmbänder an ihren Handgelenken, die sie seit ihrem gemeinsamen Abenteuer in der Schattenflur anstelle ihres zerbrochenen Kräftevermehrers trug.

"Gewiss," gab Zoya klar und deutlich zu verstehen. Langsam blickte sie auf. "Überrascht dich das?"

"Spielt das eine Rolle?" konterte er. "Immerhin verstehe ich jetzt, weshalb Elizaveta von ihren eigenen Dornen aufgespießt worden ist. Du hast sie gegen sie gerichtet. Dabei dachte ich, mein Charme hätte sie geblendet, sodass sie sich in ihrem Ziel vertan hat."

Zoya rollte mit den Augen. "Nikolai," hob sie mit Nachdruck an. "Mir schwant, du unterschätzt die Tragweite dieser Entdeckung. Diese Gegenstände bedeuten, dass wir die gängigen Regeln der Grischa-Magie neu überdenken müssen. Die Definition unserer Orden ist keine Stütze, sondern eine Limitierung." Sie schob sich die Strähne hinters Ohr. "Juris hatte Recht. Es gibt so Vieles, von dem wir nichts wissen, so wenig, das wir begreifen. Und die Möglichkeiten ..."

"Der Dunkle hat diese Möglichkeiten offenbar vor langer Zeit entdeckt," warf er ein.

"Ja, das stimmt wohl." Für einen kurzen Augenblick schienen Zoyas Schultern zusammenzusacken, doch bevor Nikolai sie aufmuntern musste, reckte die junge Grischa ihren Rücken gerade und hob trotzig ihr Kinn. Ihre Augen funkelten, wundersam leuchtend, wie blaue Juwelen. "Allerdings hat er einen Fehler begangen und einen leichteren Weg eingeschlagen."

"Merzost," stellte Nikolai sachlich fest, "die entartete Magie." Er kannte diesen Begriff aus der Zeit, als er an der Seite von Alina Starkov, der Sonnenbeschwörerin, gegen den Dunklen gestritten hatte. "Muss ich mir Sorgen machen?" Er verzichtete darauf, das Zentrum dieser Sorgen näher zu spezifizieren.

"Nein!" Zoya schüttelte entschieden den Kopf, als hätte er sie aufgefordert, mit einem betrunkenen Stallburschen zu tanzen. "Sei jedoch versichert, dass ich es auch ohne Merzost dem Dunklen nicht leichtmachen werde, seine Macht zu alter Größe zu entfalten." Das Leuchten in ihren Augen wurde stahlhart, bis ihre Lider plötzlich zuckten und ihre Pupillen sich für den Bruchteil einer Sekunde zu reptilienähnlichen Schlitzen verformten. Gleichzeitig glitt Zoyas linke Hand über den schuppigen Armreif an ihrer Rechten.

Nikolai presste die Kiefer zusammen. Diesen speziellen Ausdruck bemerkte er nicht zum ersten Mal. "Zu welchem Preis?"

Zoya holte tief Luft. "Tu nicht so, als hättest du es nicht längst erraten. Sankt Juris, der Drache und ich, wir sind zu einer Einheit geworden. Machtvoll und untrennbar."

"Das sagt nichts über den Endpreis aus," beharrte er.

"Offen gesagt, kenne ich den Preis nicht. Ich setze darauf, dass ich das Sagen habe, wenn die Zeche erhoben wird." Sie nahm eine der Schalen in ihre Hand. Ein gelbbraunes Pulver war darin zerrieben worden. "Meine Sinne sind enorm erweitert. Ich erkenne Gerüche, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren. Ich höre Stimmen und Geräusche, die außerhalb meiner Reichweite sein müssten. Und ich erahne Bewegungen, bevor sie überhaupt getätigt werden. Ich wusste, dass du vor meiner Tür stehen würdest, obwohl du noch etliche Schritte entfernt warst."

Ihn nicht aus den Augen lassend, stellte sie die Schale wieder ab. "Die Schöpfungskraft im Herzen der Welt ist nicht länger eine Vorstellung für mich. Es ist nicht bloß ein Konzept, um jungen Grischa-Schülern den Zugang zu ihren ersten Zaubern zu erleichtern. Es ist ein Teil von mir, von dir ... von allem, das uns umgibt." Sie machte eine umkreisende Handbewegung. "Juris hat diese Tür für mich geöffnet, im Zuge unsere Vereinigung bin ich hindurchgegangen. Die Welt ist in mir und ich bin in ihr. Alle erdenklichen Dimensionen sind für mich erfassbar, erreichbar, womöglich gar manipulierbar. Inklusive ..."

"... der Zeit," schlussfolgerte Nikolai.

Zoya nickte.

Nikolai hob unbekümmert seine Schultern. "Das ist nichts Neues. Mächtige Grischa altern langsamer und leben länger."

"Ich werde noch immer so sein, wie ich jetzt bin, wenn deine Enkel und Ur-Enkel bereits Staub und Asche sind."

"Wenn das bedeutet, dass ich Kinder und Kindeskinder haben werde, soll mir das Recht sein. Du weißt ja, sie werden wunderbar, wenngleich ein wenig vorlaut sein. Umso wichtiger, dass du die Bevollmächtigung zur Protektorin Ravkas bereits signiert in deiner Tasche hast. Wer sonst ...?"

"Nikolai!" fuhr Zoya ihn wütend an. "Hörst du mir überhaupt zu?" Mit grimmigem Gesichtsausdruck trat sie um die Werkbank herum und auf ihn zu.

"Ich höre dich sehr gut, liebste Zoya." Nikolai stellte das geweihartige Konstrukt auf der Arbeitsfläche ab.

"Wieso bezweifele ich das?" Ein Kaleidoskop widersprüchlicher Emotionen huschte über ihr Gesicht, was Nikolai mehr als alles andere bestürzte. "Nikolai, ich will diese Verantwortung nicht. Sie ist dein. Du bist derjenige von uns, der die Herzen der Menschen von Ravka berührt. Sie sind bereit, dir zu folgen. Sie vertrauen dir, dein Herzschlag ist der Puls dieses Landes – und nicht der einer Hexe, die genauso langsam altert wie der Dunkle."

"Ach, Zoya." Nikolai konnte nicht anders, er umfasste ihre Hände. "Meine starke, zähe, unbeugsame Kommandeurin Nazyalensky. Es gibt nichts, das du nicht erreichen kannst. Wenn du das Vertrauen und die Herzen Ravkas erringen willst, dann wird dir auch das gelingen. Wie alles, was du dir in deinen hübschen Kopf setzt. Wer sonst hätte Sankta Elizaveta in der Schattenflur die Stirn geboten? Außerdem – du bist nicht wie er. Ganz und gar nicht. In dir ...," behutsam hob er seine Hand, bis sie auf der Höhe ihres Herzens oberhalb von ihrer Brust lag, "schlägt ein wundervolles Herz, wo bei ihm nur Trostlosigkeit und Dunkelheit vergraben liegen." Ihre Blicke begegneten sich, während seine Finger ihren Herzschlag spürten, pochend und aufgeregt.

Eine unerwartete Wärme durchzog ihn, schnürte ihm den Hals zu. Reflexartig ließ er seine Hand sinken. "Übrigens," seufzte er lakonisch, während er auf Abstand ging, "ein Teil dieser Dunkelheit hat sich in dieses Zimmer geschlichen."


Fortsetzung folgt ...
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast