Die Schöpfungskraft im Herzen der Welt

von Saarkind
GeschichteRomanze, Fantasy / P12
Nikolai Lantsov/Sturmhond Tolya Yul-Bataar Zoya Nazyalensky
20.04.2020
03.05.2020
3
5.760
 
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20.04.2020 1.388
 
Hallo, liebe Leser.

Diese Mini-Fic besteht aus drei Kapiteln und spielt unmittelbar nach dem Ende von "King of Scars" von Leigh Bardugo. Daher: Spoiler-Alert!

Die englische Version ist hier zu lesen. Die Rechte zu Figuren und Setting liegen bei Leigh Bardugo oder sonst wem auch immer.

Über Feedback würde ich mich freuen. :-)

Viel Spaß beim Lesen.

LG
Saarkind



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Eine Krankheit ohne Heilmittel


Zweifel war wie ein lästiger Mückenstich: Schenkte man ihm zu viel Aufmerksamkeit, begann er wie verrückt zu jucken, weshalb man ihn besser ignorierte.

Zar Nikolai Lantsov von Ravka war mit beidem vertraut. Mit Mückenstichen hatte er während seiner Soldatenzeit Bekanntschaft gemacht, Zweifel begleitete ihn seit seiner unehelichen Geburt. Anstatt sich jedoch von seinen Zweifeln beherrschen zu lassen, machte er sie zu seinem Antrieb. Je stärker der Zweifel, umso größer seine Anstrengungen, die Zweifel auszuräumen. Oder wie seine Leibwächter, die magiebegabten Shu-Zwillinge Tolya und Tamar, sagen würden: 'Was dir nicht den Kopf abreißt, macht dich weiser und stärker.'

Bedauerlicherweise fand er keine Antwort auf den kolossalen Zweifel, der ihn plagte, seit der Dunkle nach Ravka zurückgekehrt war. Nun, nicht so offiziell, dass es jede Menschenseele von der Hauptstadt Os Alta im Osten bis zur Wahren See im Westen wusste, aber offiziell genug, dass sich sein engster Vertrautenkreis in höchster Alarmbereitschaft befand. Genya Safin, die Meisterschneiderin, hatte seit dem ersten Auftritt des Dunklen ihre Unterkunft nicht mehr verlassen, ihr Lebensgefährte David Kostyk, der geniale Fabrikator, fabrizierte in seinen Laborräumen eine Explosion nach der anderen und Tolya und Tamar vierteilten sich förmlich bei dem Spagat, Nikolai und die Mitglieder der Grischa-Triarchie rund um die Uhr zu bewachen und gleichzeitig ein wachsames Auge auf den Dunklen zu halten.

Und was tat Zoya Nazyalensky, Nikolais scharfzüngige Windzauberin und Seelenklempnerin deluxe? Sie mied ihn, ging ihm aus dem Weg, schien ihrer eigenen Agenda zu folgen.

Nicht, dass Nikolai es ihr verübelte. Wie ganz Ravka war Zoya unter der Herrschaft des Dunklen schweres Leid widerfahren. Und im Gegensatz zu allen anderen hatte sie an Nikolais zweifelhaftem Versuch, das düstere Monster in seinem Inneren auszutreiben, teilgenommen – ein Unterfangen, dessen Missernte die Rückkehr des Dunklen gewesen war. Allerdings wusste die machtvolle Stürmerin – so die Bezeichnung für Grischa-Magier, die Kontrolle über das Element Wind besaßen – nicht, dass die Austreibung erfolglos geblieben war. Die Ausgeburt von Nikolais düsterstem Alptraum, als er aufgrund eines schrecklichen Fluchs des Dunklen mehr geflügeltes Monster als Mensch gewesen war, bestand in seinem Körper fort, geschwächt, aber lauernd und Tag um Tag von seinen Sorgen und Ängsten zehrend.

Zu allem Überfluss musste Nikolai eine Hochzeit vorbereiten. Nicht irgendeine, sondern seine eigene. Obendrein nicht mit einer Frau, die er liebte oder von der er wenigstens hoffen durfte, dass sie ihm zugeneigt war. Das wäre ja zu einfach gewesen. Nein, Ehri Kir-Taban, die zweitgeborene Prinzessin einer verfeindeten Nation, hasste ihn, weil er ihr diese Vermählung aufzwang. Beinahe musste Nikolai lachen. Solange er denken konnte, hatte der Romantiker in ihm sich gegen eine Vernunftehe gewehrt. Zoya gegenüber hatte er unlängst sogar behauptet, dass er sich niemals auf eine Eheschließung einließe, die auf einer Lüge gründete. Und nun, da er sich – wenn auch notgedrungen – zum Wohle Ravkas dazu durchgerungen hatte, hatte er sich eine Ehefrau geangelt, die von diesem Plan keineswegs begeistert war.

Angewidert von seiner Lage fuhr Nikolai sich durch die Haare und blickte angestrengt zur Zimmerdecke. Ein Wunder käme jetzt gerade recht.

Schlussendlich rief er sich seine Verantwortung als Regent eines zerrütteten und von Feinden umgebenen Landes in Erinnerung. Er streckte sich und zupfte die Ärmel seiner Zarenjacke glatt. Bei allen Widrigkeiten, dies war keine Zeit des Grübelns sondern des Handelns. Dazu musste er Prioritäten setzen. Er musste mit Zoya reden, er benötigte die Unterstützung seiner fähigsten Generalin.

Sein Blick fiel auf die unzähligen Dokumente auf dem Schreibtisch. Das letzte Mal, dass er mit Zoya hier gesessen, zusammen über Pläne gebrütet und Verordnungen verfasst hatte, war vor ihrer Abreise nach Kribirsk gewesen. Seitdem musste er ohne sie auskommen. Oh, er kam sehr gut alleine zurecht, doch die Art und Weise, wie sie sich ergänzten, hatten aus öden Staatsangelegenheiten Stunden der Entspanntheit gemacht. Er sah sie dort sitzen in ihrer kunstvoll bestickten saphirfarbenen Seidenkefta, umgeben von einer Flut schwarzer Haare, konzentriert auf ein Schriftstück blickend. Ab und an trat eine kleine Falte auf ihre Stirn, gefolgt von einer kurzen Handbewegung, deren Ergebnis einige Blatt Papier waren, die auf den Schwingen ihrer Magie zu ihm herübergeschwebt kamen. Er würde aufblicken und einem schelmischen Grinsen begegnen.

Nikolai blinzelte. Das ist jetzt nicht gerade das Bild, das ein verantwortungsbewusster Herrscher haben sollte, wenn er vor einem Haufen Arbeit steht. Er verscheuchte jeden Anflug von Melancholie und verließ eilends das Arbeitszimmer. Sobald er einen Schritt vor die Tür setzte, tauchte Tolya, sein hünenhafter Leibwächter, neben ihm auf.

Nikolai rieb sich über die Augen, um den Kopf freizubekommen, und fragte: "Was gibt's Neues vom Dunklen?"

"Er hält sich in seinen neuen Gemächern auf und ... liest."

Verdutzt hielt Nikolai inne. "Er liest?" Rasch fasste er sich. "Hoffentlich keine Abhandlungen über die Hochzeitszeremonien der Shu-Dynastien."

Der Entherzer zog eine Grimasse. "Nein, Eure Hoheit. Er hat sich Abschriften sämtlicher Erlasse seit Beginn Eurer Regentschaft bringen lassen."

"Ah ja. Gesetzestreue ist eine vortreffliche Eigenschaft." Nicht, dass Nikolai erwartete, dass der Dunkle sich an Gesetze hielt. "Nun, dann bereiten wir uns besser darauf vor, dass er meine neuen Gesetze in irgendeiner Form gegen uns verwenden wird. Das wird sicherlich unterhaltsam werden."

"Ich würde mich lieber mit meinem Schwert in der Hand mit dieser Schlange unterhalten...."

"Tu mir einen Gefallen und nenne ihn den Dunklen," wandte Nikolai ein. "Wir sollten unseren alten Freund nicht durch grauenerregende Bezeichnungen größer machen als er sich fühlt."

"Wenn Ihr meint, Zar Nikolai."

Tolyas Sarkasmus versetzte Nikolai einen Stich. Ein Themenwechsel war angesagt. "Ist Tamar in seiner Nähe?"

"Ja, zusammen mit einer Ehrenwache." Tolya war anzusehen, dass er sich um seine Schwester sorgte.

"Ihr solltet euch auf unseren Ehrengast konzentrieren, dann könnt ihr euch abwechseln. Schlaft ihr überhaupt?"

"Wer kann schon schlafen, wenn der Dunkle sein Unwesen treibt?"

Nikolai seufzte. Die Zwillinge waren sturer als die neuen gepanzerten Fahrzeuge, die er in seinem geheimen Forschungslaboratorium östlich von Os Alta entwickeln ließ. "Na, schön. Bevor ihr auf dem Zahnfleisch kriecht, befehle ich, dass ihr euch ab sofort ausschließlich um den Dunklen kümmert. Teile das auch deiner Schwester mit."

"Aber ..."

Mit einer schroffen Handbewegung unterbrach Nikolai den Entherzer. "Ich kann mich sehr gut selbst verteidigen, Tolya. Und falls sich die ranghöchsten Befehlshaber der Zweiten Armee nicht ebenfalls selbstständig behaupten können, sollte ich mir schleunigst Gedanken über die Zusammensetzung meiner Regierung machen."

"Ihr solltet trotzdem nicht ohne Eskorte durch den Palast streifen," beharrte Tolya und verschränkte seine kräftigen Arme vor der Brust. "Die Shu ..."

"Die Shu hatten bereits das Vergnügen. Ich bezweifle, dass sie so schnell einen weiteren Versuch unternehmen werden, den zukünftigen Gatten der beliebtesten Prinzessin ihres Volkes zu beseitigen."

"Die Gerüchte aus Fjerda ...?"

"Solange der Lantsov-Anwärter keinen Fuß auf ravkanisches Territorium setzt, haben wir nichts zu befürchten. Außerdem muss ich mir nur dann Sorgen machen, wenn er mehr Charme versprühen würde als ich. Das steht jedoch zu bezweifeln." Nikolai blickte seinen Leibwächter herausfordernd an.

Tolya lenkte murrend ein. "Das gefällt mir nicht."

"Keinem gefällt die Anwesenheit des Dunklen. Aber er ist jetzt hier – , und ich lasse mir nicht von einer Gefahr, die in weiter Ferne liegt, vorschreiben, die Probleme zu missachten, die uns schon morgen auf den Kopf fallen könnten." Nikolai sah Tolya scharf an. "Deshalb werde ich jetzt ungestört meinen Staatsgeschäften nachgehen, während du dich zu deiner Schwester gesellst."

"Wie Ihr wünscht, König Nikolai."

Tolya salutierte und eilte davon. Nikolai blickte ihm kurz hinterher. Er hatte mit den Shu-Zwillingen so manche aussichtslose Situation überstanden, aber noch nie hatte er den Hünen dermaßen angespannt erlebt. Das bedeutet bloß, dass ich nicht wanken darf. Doch wenn alles in seiner unmittelbaren Nachbarschaft den Halt verlor, worauf sollte er sich stützen?

Die Antwort hoffte er in den alten Gemächern des Dunklen zu finden.


Fortsetzung folgt ...
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