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Die Nacht des Engels

GeschichteLiebesgeschichte / P16 / MaleSlash
OC (Own Character)
20.04.2020
20.04.2020
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Hell wie Diamanten blitzten die Sterne am Himmel auf und tauchten die gesamte Umgebung in eine friedliche, idyllische Kulisse, während ich hier draußen am Seeufer saß und dem leisen Rauschen des Wassers lauschte – meine Gedanken dabei stetig um dasselbe Thema kreisend, das mich nun bereits seit mehreren Wochen verfolgte, um eine Frage, auf die ich selbst trotz aller Überlegungen und Spekulationen keine wirkliche Antwort finden konnte und ich deswegen auch nicht wusste, ob es tatsächlich richtig war, jetzt hier zu sein – oder ob ein gemütlicher Abend im Kino oder ein Restaurantbesuch nicht die bessere Alternative gewesen wäre.
Warum ich mitten in der Nacht überhaupt hier draußen war, ließ sich ganz schnell und einfach erklären: Mein Freund Noah hatte mich gestern spontan mit der Idee überrascht, gemeinsam zu zelten und es uns für eine Nacht mal draußen in der Natur gemütlich zu machen. Er hatte nämlich ganz genau gewusst, dass das schon immer ein Kindheitstraum von mir gewesen war, der sich trotz meiner inzwischen fünfundzwanzig Lebensjahre nicht erfüllt hatte, weil einfach nie die Möglichkeit dazu vorhanden gewesen war.
Und mit der Zeit war es ehrlich gesagt auch ein bisschen in Vergessenheit geraten, hatte ich gar nicht mehr darüber nachgedacht, geschweige denn, überlegt, es tatsächlich mal in die Tat umzusetzen. Zumindest nicht so lange, bis wir vor kurzem durch Zufall an eine kleine Campingausrüstung gelangt waren, die wir auf einem Flohmarkt entdeckt hatten – und sofort hatte er sich wieder daran erinnert, wie ich ihm mal von meinem Kindertraum vorgeschwärmt und es mir gemeinsam mit ihm ausgemalt hatte.
Statt es jedoch dabei zu belassen, hatte er direkt die Initiative ergriffen und die Ausrüstung gekauft – wenngleich ich mehrfach beteuert hatte, dass das doch gar nicht nötig war und er sich keine Umstände wegen mir machen sollte. Aber dennoch hatte er unbedingt darauf bestanden und mich darüber hinaus wissen lassen, dass auch er sich das unheimlich schön vorstellen konnte, mit mir in einem Zelt zu übernachten und es da bestimmt so einige schöne Sachen gab, die man darin anstellen konnte.
Zugegeben, diese leicht zweideutige Anspielung war nicht die erste gewesen, die er mir gegenüber fallen gelassen hatte – und es hatte besonders in den letzten Wochen, seit wir wirklich fest zusammen waren, immer wieder den ein oder anderen Moment gegeben, in dem er mir signalisiert hatte, dass er gewisse Wünsche und Sehnsüchte hegte, die er gerne mit mir ausprobieren wollte.
Aber auch wenn ich aus eigener Erfahrung wusste, dass es durchaus etwas Schönes sein konnte, bestimmte Momente mit jemandem zu teilen – schließlich hatte es die in meinen zwei vorangegangenen, wenn auch nur relativ kurzen Beziehungen auch des öfteren gegeben –, so war und blieb es in Noahs Fall trotzdem etwas Besonderes, etwas Außergewöhnliches, das ich bisher in meinem Leben so noch niemals gehabt hatte. Und aufgrund dieses Umstandes scheute ich mich auch ziemlich davor, diesen Schritt mit ihm zu machen und mich auf etwas Intimes mit ihm einzulassen, weil ich einfach überhaupt nicht wusste, wie ich es machen oder damit umgehen sollte.
Das hatte mit mehreren, verschiedenen Faktoren und Gründen zu tun, die ich so in meinem Leben noch nicht gehabt hatte – und die mich besonders ganz am Anfang, als ich ihn durch Zufall in einer Bar kennengelernt hatte, ein wenig unsicher gemacht hatten, wie ich mit ihm umgehen sollte, was ich tun durfte und was nicht, was richtig und was falsch war.
Und um ehrlich zu sein, hatte ich bis zu diesem Abend, als wir uns da zufällig über den Weg gelaufen waren, auch rein gar nichts davon gewusst und verstanden, hatte nicht geahnt, welch bewegte Lebensgeschichte sich hinter seiner Person verbarg – und dass er anders war als die Männer, die ich bisher in meinem Leben kennengelernt hatte.
Das hatte am Anfang aber auch überhaupt keine Rolle gespielt. Da hatte ich nur einen unglaublich sympathischen, sowie darüber hinaus auch sehr attraktiven Mann gesehen, den ich unbedingt näher kennenlernen wollte. Denn bereits die erste Unterhaltung, die wir miteinander geführt hatten, hatte mich ziemlich stark gefesselt, sodass ich absolut alles daran gesetzt hatte, ihn bald wiederzusehen und noch mehr über ihn in Erfahrung zu bringen.
Und glücklicherweise hatte er mir die Chance dazu auch tatsächlich eingeräumt, hatte sich noch ein paar Male mit mir in derselben Bar getroffen – und wir hatten oft stundenlang über Gott und die Welt geredet, hatten uns intensiv ausgetauscht und er war mir dabei von Mal zu Mal sympathischer geworden.
Am Anfang hatte ich noch geglaubt, dass es schlicht und ergreifend daran lag, dass wir beide irgendwie von dem abwichen, was in der Gesellschaft als normal angesehen wurde, dass wir uns deswegen so gut verstanden, weil wir einfach ähnlich fühlten, dachten und tickten. Natürlich hatte ich nicht wissen können, dass seine Geschichte und Vergangenheit noch wesentlich bewegter waren als meine, dass es da noch ein ganz anderes Thema in seinem Leben gab, von dem ich weder etwas wusste, noch bisher jemals damit zu tun gehabt hatte.
Erst Stück für Stück, von Treffen zu Treffen hatte ich mehr darüber in Erfahrung bringen können, hatte verstanden, warum er Menschen gegenüber vorsichtig war und sich auch vehement davor scheute, mir seine Nummer oder sonstige Kontaktdaten zu geben, damit wir in Verbindung bleiben und uns auch mal außerhalb dieser Bar verabreden konnten.
Um ehrlich zu sein, hatte er von Anfang an ziemlich geheimnisvoll auf mich gewirkt, hatte trotzdessen, dass wir uns so gut verstanden und so herzlich miteinander reden konnten nie mehr von sich preisgegeben als nötig, mir weder Dinge aus seiner Vergangenheit erzählt, noch meine Nachfragen über seine Familie und ähnliches beantwortet.
Stattdessen war er bei diesen Themen immer ausgewichen und hatte sich zurückgezogen, mich damit tatsächlich ziemlich verunsichert, weil ich Angst davor gehabt hatte, zu aufdringlich und neugierig zu sein. Aber er hatte mich stets mit einem Lächeln beschwichtigt und gemeint, dass es nichts mit mir zu tun hatte und er mich überaus nett und sympathisch fand.
So war das eine ganze Weile hin und her gelaufen, hatten wir uns immer wieder verabredet und richtig schöne, heitere und unbeschwerte Abende zusammen verbracht, waren manchmal sogar bis spät in die Nacht hinein in besagter Bar gesessen und hatten unheimlich viel Spaß zusammen gehabt.
Und auch wenn ich nicht gewusst hatte, woran genau es lag, auch wenn ich nicht genau sagen konnte, was es war – aber irgendwie hatte Noahs ganze Art mich unwillkürlich angezogen. Dieses Geheimnisvolle, das er an sich hatte, hatte mich schlicht und ergreifend fasziniert – und die tiefgründigen, oft langen Gespräche mit ihm mir einen ganz kleinen Einblick in seine Person verschafft, sodass es irgendwann schließlich einfach passiert war und ich ihn plötzlich mit ganz anderen Augen gesehen hatte.
Vielleicht hatte es mit der Art zu tun gehabt, wie er zuhören konnte, vielleicht mit dieser unerklärlichen Verbundenheit, die ich ihm gegenüber empfunden hatte – aber auf alle Fälle hatte sich irgendwann, nachdem wir uns über längere Zeit immer wieder getroffen und verabredet hatten, ein Schalter in mir umgelegt, der sich nicht mehr zurückstellen ließ.
Kurz und knapp gesagt: Es war um mich geschehen gewesen. Als wir eines Abends zusammengesessen waren und er unbeschwert über einen zuvor erzählten Witz von mir gekichert hatte, da war es einfach um mich geschehen gewesen. Ich hatte mich, ohne zu übertreiben, Hals über Kopf in ihn verguckt. Und zwar wahrscheinlich so sehr wie noch niemals vorher in irgendeinen anderen Mann.
Dabei hatte ich im Grunde gar nicht viel von ihm gewusst, hatte nicht im Traum erahnen können, welche Geschichte sich hinter ihm verbarg – und wäre mir das zu diesem Zeitpunkt schon bekannt gewesen, hätte ich vermutlich ziemlich verdutzt und überfordert aus der Wäsche geguckt.
Aber so hatte ich es einfach laufen lassen, hatte meine Gefühle laufen lassen – und dabei gemerkt, wie unglaublich schön es war, meine Zeit mit ihm zu verbringen und in seiner Nähe zu sein. Und ein paar Abende später schließlich, nachdem ich nicht mehr damit aufhören konnte, ständig an ihn zu denken, hatte ich all meinen Mut zusammengepackt und seine Hand genommen – etwas, das mich angesichts meiner Verliebtheit ohnehin viel Überwindung gekostet hatte.
Welche Kette von Ereignissen ich damit jedoch in Gang setzen würde, hatte ich selbstverständlich nicht geahnt, geschweige denn, mit dem gerechnet, was er mir daraufhin unterbreitet hatte. Denn natürlich hatte ihn meine, wenngleich nur ganz dezente Annäherung ein wenig irritiert und er hatte mich gefragt, ob denn alles in Ordnung war.
Und auch wenn es mich unglaublich viel Überwindung gekostet hatte, hatte ich mir daraufhin ein Herz gefasst und ihm angedeutet, dass ich ihn ziemlich gerne hatte und mir noch mehr Kontakt mit ihm wünschte.
Auf seine Frage nach dem Warum hatte ich nur offen und ehrlich geantwortet, dass ich ihn mochte und es mir sehr gefiel, mit ihm zusammen zu sein und meine Zeit mit ihm zu teilen. Und genau diese Worte waren es schließlich gewesen, mit denen ich ungewollt ein Fass aufgemacht hatte, in das ich ganz am Anfang völlig ohne jede Vorwarnung hineingefallen war, ohne mich noch irgendwie festhalten zu können.
Mehrmals hatte er nachgebohrt, was ich meinte – doch ich hatte ihn einfach bloß angelächelt und ihm ein zugegebenermaßen ziemlich kitschiges Kompliment über seine Augen gemacht, das ihn nicht nur irritiert, sondern dazu gebracht hatte, sich reflexartig aus dem Griff meiner Hand zu entwinden.
„Henry...?“, hatte er mich dann mit leicht nervöser Stimme gefragt und kurz geschluckt, wobei sein Blick nicht einen Moment lang aus meinem eigenen gewichen war. „Ver-verliebst du dich etwa gerade in mich?“.
Zur Antwort hatte ich nur dumm gegrinst wie ein Schuljunge und ihn dann eine Weile lang angesehen, ehe ich ihm offen und ehrlich gesagt hatte, was Sache war – und dass ich viel mehr in ihm sah als nur einen netten Bekannten.
„Schon passiert, glaube ich“, hatte ich dann mit einem Schmunzeln geantwortet und leise gekichert, in keiner Art und Weise darauf vorbereitet, dass er so überfordert und abweisend reagieren und die Flucht ergreifen würde.
Aber genau das war nach diesem unerwarteten Geständnis von mir geschehen. Noch ehe ich etwas hatte hinzufügen können, war er auf Distanz gegangen und hatte aufspringen wollen, um zu gehen – doch ich hatte eilig nach ihm gegriffen und ihn aufgehalten, mir darüber bewusst, dass ich ihn gerade ziemlich vor den Kopf gestoßen hatte.
„Noah“, hatte ich gemeint und seine Hand gehalten, um es zu verhindern, dass er mir entwischte. „Noah, bitte warte. Es tut mir Leid, wenn ich...“. Noch ehe ich diesen Satz hatte zu Ende sprechen können, hatte er lautstark geseufzt und mich dann eine Weile lang angesehen, noch immer nicht richtig in der Lage dazu, zu begreifen, was ich ihm da gerade eröffnete.
„Bitte“, hatte ich noch einmal gesagt und gehofft, dass es mir gelingen würde, ihn aufzuhalten. „Bitte warte, Noah. Es tut mir Leid. Ich... ich hätte das nicht sagen sollen“.
Auf diese Worte hin hatte er nochmals geschluckt und mich dann angesehen, sich aber letztendlich zum Bleiben überreden lassen und wieder Platz genommen. „W-wirklich...?“, hatte er dann nervös gefragt und dabei zu Boden geschaut. „Du hast dich echt in mich...?“.
„Naja...“, hatte ich ein wenig unbeholfen geantwortet und war rot dabei geworden. „Überrascht dich das jetzt wirklich so sehr? Immerhin... bist du doch ein unglaublich sympathischer, toller Mann. Und ich freue mich jedes Mal, wenn wir uns hier treffen. Du gefällst mir einfach, Noah. Und naja... irgendwie... muss es da einfach passiert sein“.
Ich war selbst ziemlich verlegen gewesen, als ich das zugegeben hatte, hatte fest damit gerechnet, dass er mich auslachen würde für meinen kindischen Kitsch – aber stattdessen hatte er nur eine Weile überlegt und dann etwas gesagt, das mir für einen kurzen Moment wieder ein bisschen Hoffnung gegeben hatte.
„Ich... ich mag dich auch, Henry“, hatte er gemeint und war dabei ebenfalls leicht rot geworden. „Ich mag dich sogar sehr. Und ich genieße diese Abende mit dir hier ebenso. Du... bist schließlich auch unheimlich sympathisch. Und auch sehr... schön“.
„Schön?“, hatte ich ein wenig überrascht gefragt, was er mit einem kurzen Nicken bejaht hatte. „Ja“, hatte er eingeräumt und einen Moment lang gelächelt. „Ziemlich schön sogar. Du bist ein attraktiver Mann, Henry. Und ich glaube, das weißt du auch. Und wenn ich jetzt sagte, dass du mir nicht gefällst, dann würde ich lügen“.
Ganz schüchtern hatte er mich angesehen, als er das gesagt hatte, mir auf diese Art und Weise bewusst gemacht, dass das noch nicht alles gewesen war. „Kommt jetzt noch ein Aber?“, hatte ich wissen wollen und nervös den Blick hin und her schweifen lassen, woraufhin ihm ein tiefes Seufzen entkommen war – und ich schließlich etwas von ihm erfahren hatte, auf das ich in keiner Art und Weise vorbereitet gewesen war.
Zuallererst jedoch hatte mir noch einmal eindringlich erklärt, dass er sich geschmeichelt fühlte, dass er mich auch sehr mochte und die Zeit mit mir genoss – und dass es eine sehr schöne Zeit gewesen war, die er nie vergessen würde.
Auf meine Frage hin, wie er das denn meinte, hatte er mir schließlich erklärt, dass es einen Grund gäbe, weshalb er nicht gern über seine Vergangenheit sprach, dass sie für ihn mit sehr vielen schlechten Erinnerungen verbunden war – und dass ich, sobald ich die Wahrheit über ihn kannte, bestimmt abgestoßen und angeekelt sein würde.
Natürlich hatte ich sofort beteuert, dass das Unfug war, hatte mir nicht im Traum vorstellen können, welche Wahrheit er meinte, geschweige denn, dass sie meine bis dahin noch völlig eindeutige Weltsicht vollkommen aus der Bahn werfen würde.
Stattdessen hatte ich gedacht, dass es bestimmt nicht so dramatisch sein würde wie er dachte – aber diese Annahme hatte sich relativ rasch zerschlagen, als er die Tatsachen schließlich ausgesprochen und mir eröffnet hatte, was Sache war.
„Weißt du noch, dass ich letztes Mal ein bisschen mürrisch war?“, hatte er wissen wollen und mich dabei eindringlich gemustert, beinahe so, als hatte er erwartet, dass ich irgendeinen dummen Spruch loslassen würde.
„Ja“, hatte ich zustimmend geantwortet und mich von seinem plötzlich distanzierten Verhalten nicht aus der Ruhe bringen lassen. „Dir ging es nicht so gut. Du hattest Magenverstimmung, richtig?“.
„Auch“, hatte er kurz und knapp erwidert und die Bombe dann schließlich zum Platzen gebracht. „Das ist so ne typische Begleiterscheinung, wenn ich meine Tage habe“.
Und zack. Damit war es schließlich heraus gewesen. Und ich natürlich dementsprechend überrumpelt und überfordert.
Tage?, hatte ich gedacht und für einen kurzen Moment die Luft angehalten. Hatte er wirklich gerade gesagt, dass er seine Tage gehabt hatte? Was meinte er denn damit? Und vor allem: War es wirklich das, wonach es sich anhörte?
„Deine... Tage?“, hatte ich etwas perplex wiederholt, war noch nicht ganz fähig gewesen zu überreißen, was das bedeutete. „Du hattest... deine Tage? Wie... wie meinst du das?“.
„So wie ich es sage“, war seine etwas knappe Antwort darauf gewesen und er hatte kurz geseufzt. „Ich hatte meine Tage. Genau die Tage, an die du jetzt denkst. Ich... ich bin ein Transmann“.
Und wusch. Damit war es schließlich komplett heraus gewesen. Damit war das große Geheimnis gelüftet, das er mit sich herumtrug – und mir von einem Moment zum nächsten schlagartig klar, weshalb er stets von einer schwierigen Vergangenheit gesprochen hatte. Das steckte also dahinter. Das war das große Mysterium, das Geheimnis, welches er stets vor mir verborgen hatte. Und deswegen hatte er auch gemeint, dass er einen Weg hinter sich hatte, der noch länger war als meiner. Er war transsexuell.
Ich konnte nicht mehr mit Sicherheit sagen, wie ich mich nach dieser Bekanntgabe gefühlt hatte – aber auf alle Fälle hatte es mich ziemlich aus dem Konzept geworfen und überfordert. Denn zugegeben: Vor diesem Abend hatte ich mit diesem Thema absolut nichts zu tun gehabt, war noch nicht einmal ansatzweise damit in Berührung gekommen, geschweige denn, hatte ich mich damit auseinandergesetzt.
Alles, was ich darüber gewusst hatte, war das, was man durch Medien und Gesellschaft darüber mitbekam, dass es Menschen gab, die sich im falschen Körper geboren fühlten und ihr Geschlecht mit Operationen und Hormonen umwandeln ließen, um so leben zu können, wie sie es sich wünschten. Männer, die sich zu Frauen operieren ließen und umgekehrt, die einen langen Weg auf sich nahmen, um ihr Geschlecht zu ändern und glücklich zu sein.
Das war in etwa das, was ich über Transsexuelle wusste, sowie natürlich auch, dass sie es in unserer Welt ziemlich schwer hatten und oft angefeindet und ausgegrenzt wurden.
Natürlich hieß das nicht, dass ich irgendetwas gegen Transmenschen hatte oder sie gar irgendwie verurteilte. Ich war bisher ganz einfach noch nie damit in Berührung gekommen. Und genau deswegen hatte ich nach Noahs Offenbarung auch so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte, hatte ihn mit seltsamen Fragen genervt und seine Geduld arg strapaziert, weil ich das alles erst einmal auf die Reihe hatte kriegen müssen.
Und ich erinnerte mich auch noch gut, dass er ziemlich kühl gewesen war, ganz besonders auf meine unbeholfenen, leichtsinnigen Aussagen hin, mit denen ich ihn, wenngleich ungewollt, ziemlich verletzt und seine Männlichkeit in Frage gestellt hatte – auch wenn ich es überhaupt nicht so gemeint hatte und die Tatsache, dass er trans war, nichts daran änderte, dass ich ihn mochte und er mir sympathisch war.
Demzufolge konnte man sich natürlich vorstellen, wie schwierig die darauffolgende Zeit für uns gewesen war, wie lange ich gebraucht hatte, um wirklich zu verstehen und all die Ansichten, die die Gesellschaft über ihn hatte, richtig zu deuten und zu begreifen, dass keines dieser Klischees stimmte, dass es Lügen und Hirngespinste waren, die da verbreitet wurden und die Wahrheit völlig anders aussah. Erst mit der Zeit hatte ich erkannt, was wirklich war, hatte mich ausreichend über das ganze Thema informiert, mich intensiv damit auseinandergesetzt – und dabei vor allen Dingen erkannt, dass es für meine Gefühle keinerlei Unterschied machte, ob Noah jetzt ein Transmann war oder nicht. Und dass es mich auch nicht interessierte, ob er nun, wie man gerne sagte, operiert war oder nicht.
Ich hatte nur gewusst, dass ich ihn gerne hatte – unfassbar gerne – und dass sein trans Hintergrund daran nichts änderte, geschweige denn, mich irgendwie abschreckte oder vergraulte. Er war ein wundervoller, sympathischer und herzlicher junger Mann. Ich hatte ihn so kennengelernt, hatte ihn so lieb gewonnen – und mich auch so in ihn verliebt. Und es war mir völlig gleich, ob die Gesellschaft nun meinte, ihm nachsagen zu müssen, dass er als Frau geboren worden oder dass sein Geschlecht eigentlich „weiblich“ war.
Ich sah das nicht. Ich teilte diese Meinung nicht. Weil ich es besser wusste, weil ich verstand, dass es nicht stimmte, dass diese Klischees nur Klischees waren – und ich Noah zu lieb gewonnen hatte, um mich wegen dieser Sache von ihm abzuwenden oder ihn gar zu meiden. Schließlich hatte ich in all der Zeit, während ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt hatte, immer ganz deutlich gespürt, dass es an meinen Gefühlen nichts änderte, dass ich ihn nach wie vor gerne hatte, sehr gerne – und deswegen auch alles dafür tun wollte, um ihm zu beweisen, dass ich nicht so war wie andere, dass ich verstand, was Wahrheit und Lüge war – und ihn weder verurteilen, noch mich von ihm abwenden wollte.
Doch auch wenn ich selbst es von Anfang an klar gewusst hatte, auch wenn es für mich absolut kein Unterschied gewesen war – für Noah war er dafür umso größer und gravierender. Denn leider hatte ich relativ bald feststellen müssen, dass er Cismenschen, wie man Leute wie mich fachsprachlich nannte, zutiefst ablehnte und mied, weil genau solche Leute ihn in seiner Vergangenheit schon sehr oft ausgenutzt, schlecht behandelt und abgewertet hatten.
Er hatte schon unglaublich viel Negatives erlebt, war sehr oft ausgenutzt und vor den Kopf gestoßen worden, hatte Mobbing, körperliche Übergriffe und sogar sexuelle Belästigung in Kauf nehmen müssen, nur um seinen Weg gehen und so leben zu können, wie er war.
Sogar mit seiner Familie hatte er sich deswegen überworfen, hatte seinen Eltern immer wieder vergeblich zu erklären versucht, was Sache war – nur um am Ende ganz auf sich gestellt zu sein und sich aus eigener Kraft durch dieses Leben durchkämpfen zu müssen.
Denn statt ihm Unterstützung zu bieten, hatten sie immer wieder versucht, ihn irgendwie zu therapieren, hatten ihm eingeredet, dass das alles nur eine Phase war, ihn absichtlich mit falschem Namen angesprochen und sogar versucht, ihn deswegen stationär unterbringen zu lassen. Und seine Schwester, die seine gesamte Kindheit über seine engste Vertraute gewesen war, musste ihm wohl sogar wortwörtlich ins Gesicht gesagt haben, dass er lieber tot sein sollte als an so einer geistigen Störung zu leiden.
Kurzum gesagt hatte sein Zuhause, seine Familie und seine sicherste Zuflucht sich nach seinem Outing in die direkte Hölle verwandelt, hatte man ihn geächtet und verstoßen, nur weil er das Pech hatte, dem falschen Geschlecht zugewiesen worden zu sein.
Und da war es kein Wunder, dass er psychisch am Ende gewesen war, dass er mit Suizidgedanken gespielt und sich hatte aufgeben wollen – bei all diesen seelischen Qualen, durch die man ihn erbarmungslos gejagt hatte.
Er war stark depressiv gewesen, hatte Selbstverletzung und andere Dinge gemacht, durch die er sich nicht nur geschadet, sondern sogar in erhebliche Gefahr gebracht hatte. Und das alles nur wegen der missratenen Sippe, die sich seine Familie schimpfte, weil sie ihm sein Leben zur Hölle gemacht und ihm stets eingeredet hatten, dass er falsch war, nicht vollkommen, nur ein nutzloser Fehler, den man korrigieren musste.
Ganze zwei Jahre lang hatte Noah darunter zu leiden gehabt, hatte sich nicht getraut, sich Hilfe zu suchen und irgendwem zu sagen, wie schlecht er behandelt wurde. Zwei Jahre hatte er sich vor allen verkrochen und sich selbst gequält, sogar dafür gebetet, doch bitte endlich sterben zu dürfen.
Zwei Jahre hatten diese elenden, missratenen Menschen ihn unter ihrer Fuchtel gehalten und ihn eingeschüchtert – bis er endlich den Mut gehabt hatte, auszubrechen und aus dieser Hölle zu flüchten, sich Hilfe bei dem einzigen Menschen zu suchen, der seither immer bedingungslos hinter ihm stand, ihn schützte und behütete: Seine Tante Mathilda, die Schwester seiner sogenannten Erzeugerin.
Zu ihr war er damals gegangen, hatte sich heimlich ihre derzeitige Adresse besorgt und war dann ohne ein einziges Wort von Zuhause ausgebüxt, um diesen ganzen Mist endlich hinter sich zu lassen und das Leben zu beginnen, das ihm zustand. Bei ihr hatte er Unterschlupf gefunden, nachdem er mitten in der Nacht einfach vor ihrer Tür aufgetaucht war und ihr alles erzählt hatte. Sie hatte ihn bei sich aufgenommen, hatte ihm Zuspruch und Kraft gegeben – und sich in Ruhe seine Geschichte angehört, ohne ihn dafür zu verurteilen oder schief anzusehen.
Und das noch wesentlich Wichtigere daran: Sie hatte ihn unterstützt. Sie hatte ihn aufopferungsvoll dabei unterstützt, seinen Weg zu gehen und die Hilfe zu bekommen, die er gebraucht hatte. Hatte sich um ihn gekümmert, für ihn gesorgt – und sich seinetwegen sogar mit ihrer Schwester überworfen und ihn mehr als nur einmal vor ihr in Schutz genommen.
Und ohne sie, das hatte Noah mehr als nur einmal gesagt, wäre er mit Sicherheit heute gar nicht mehr da. Ohne sie hätte der den Kampf gegen diese ignorante, hirnverbrannte Gesellschaft erbarmungslos verloren.
Ganz ehrlich: Als ich Noahs Geschichte zum allerersten Mal gehört hatte, als er mir mit Ruhe und Geduld alles erzählt hatte, was ihm passiert war, da hatte ich geweint, hatte nicht anders gekonnt als zu weinen, weil es mich so berührt und darüber hinaus auch verletzt hatte.
Er war so ein Lieber, so ein unglaublich Lieber – und dann musste er so eine abgefuckte Scheiße durchmachen und für etwas kämpfen, das andere Leute als selbstverständlich betrachteten. Musste etwas beweisen, das ganz normal war, sich rechtfertigen und erklären – nur um am Ende doch wieder als Freak dazustehen, ausgelacht und verspottet zu werden.
Es hatte mir so weh getan. So unglaublich weh, als er sich mir gegenüber ganz ungeschminkt offenbart hatte. Und ich hatte einfach nur den Wunsch gehabt, für ihn da zu sein, ihm Halt zu geben und ihn irgendwie zu unterstützen, weil ich ganz genau gespürt hatte, dass er es verdiente. Dass er Liebe und Zuwendung verdiente, Wärme und Aufrichtigkeit – und vor allen Dingen Menschen, auf die er sich verlassen konnte, die ihm Sicherheit gaben und ihn spüren ließen, dass er nicht allein war.
Und auch wenn es mich sehr traurig machte und enttäuschte, dass er mir gegenüber so abweisend war, wenn ich genau das versuchte, so konnte ich bei all dieser Geschichte verstehen, warum er von Cismenschen abgestoßen war und sie feindlich betrachtete. Sie hatten ihm schon zu viel angetan. Und nicht nur seine sogenannte Familie, sondern auch die angeblichen Freunde, die es lediglich darauf angelegt hatten, ihn auszunutzen, die ihn genauso herablassend und unwürdig behandelt, ihn fetischisiert und als Objekt missbraucht hatten.
Ich verstand, warum er mich nicht an sich ranlassen wollte, warum er mich nur mit Vorsicht genoss und auf Distanz gegangen war, als ich ihm meine Gefühle gestanden hatte. Verstand, dass er Angst hatte, verletzt und wieder nur enttäuscht zu werden – und sich deshalb geschworen hatte, niemals etwas mit einem Cismann wie mir anzufangen.
Aber auch wenn ich seine Einstellung immer respektiert hatte, auch wenn ich mich zurücknahm und meine Gefühle zügelte – ganz aufgegeben hatte ich ihn trotzdem zu keinem Zeitpunkt. Auch wenn die Freundschaft, die wir uns trotz der ganzen Geschichte immer bewahren konnten, ohnehin viel mehr war als ich mir erhofft hatte, so wollte ein Teil von mir nach wie vor nicht kapitulieren, nicht einfach so kampflos hinschmeißen, sondern ihm zeigen, wie ernst es mir mit ihm war, dass meine Gefühle echt waren, ich es ehrlich meinte – und seine Vergangenheit für mich kein Grund war wegzulaufen, sondern ihn nur noch mehr zu lieben.
Denn ich liebte ihn. Ja, ich liebte ihn wirklich. Ganz gleich, was für eine Geschichte er hatte oder was auch früher gewesen war – es änderte zu keinem Zeitpunkt etwas an meinen Gefühlen für ihn.
Deswegen konnte ich nicht einfach aufgeben. Nicht, bevor ich nicht wenigstens den Versuch gemacht hatte, ihm zu zeigen, wie viel er mir bedeutete – und dass er der wunderbarste Mensch war, den ich je in meinem Leben getroffen hatte.
Aus diesem Grund hatte ich es auch immer wieder versucht, hatte nicht locker gelassen, um ihn zu werben – und mir am letzten Valentinstag sogar eine Überraschung für ihn überlegt, durch welche ich ihm noch einmal deutlich hatte zeigen wollen, dass meine Gefühle nach wie vor dieselben waren, dass es Liebe war, die ich für ihn empfand – und ich mir nichts schöneres vorstellen konnte als für ihn da sein und ihm das geben zu dürfen, was er zweifellos verdient hatte.
Doch so sehr ich mich auch angestrengt und bemüht hatte, war das Eis in ihm trotzdem nur ganz langsam getaut und er war nur vorsichtig bereit gewesen, sich mir noch mehr zu öffnen, mir ungeschminkt einen Blick auf seine Seele zu gewähren, die so zart und zerbrechlich und trotzdem so stark und selbstbewusst war, es bis hierher zu schaffen und seinen Weg konsequent weiterzugehen.
Denn schließlich hatte er inzwischen so viel geschafft und erreicht, was er während seiner depressiven Zeit für völlig unmöglich gehalten hatte, hatte nicht nur Anschluss bei einer Selbsthilfegruppe gefunden, sondern sich auch mit entsprechenden Fachärzten und Psychologen in Verbindung gesetzt, um die Maßnahmen in Anspruch nehmen zu können, die er benötigte.
Und ehrlich gesagt hatte ich ihn genau für diese Stärke, für diesen Willen und diese Kraft immer aus tiefstem Herzen bewundert. Er war ganz einfach ein Kämpfer. Und ganz egal, was auch immer kam – er würde es meistern. Er würde alles erreichen, was er wollte, da war ich mir absolut sicher.
Bei mir dagegen war ich mir nach einiger Zeit nicht mehr so sicher gewesen. Denn so sehr ich mich auch bemüht und angestrengt hatte, war er von seinem Standpunkt nicht einen Millimeter abgewichen, hatte sich trotz des inzwischen sehr tiefen Vertrauens zwischen uns geweigert, mehr mit mir anzufangen und meiner Liebe auch nur den Hauch einer Chance zu geben, zu wachsen.
Und eigentlich hatte ich die Hoffnung auch schon fast aufgegeben und gar nicht mehr daran geglaubt, dass er mich je auf die Art und Weise sehen würde wie ich ihn – da hatte plötzlich ein einziger, gemeinsamer Nachmittag alles geändert.
An diesem lauen Frühlingstag hatten wir uns gemeinsam im Café verabredet, wie schon einige Male vorher, um ein bisschen über dies und das zu quatschen und eine schöne Zeit miteinander zu verbringen. Und eigentlich war alles auch gewesen wie immer, nichts Besonderes oder Ungewöhnliches – bis er plötzlich unter dem Tisch damit angefangen hatte, seinen Fuß immer wieder gegen meinen zu stupsen, zuerst nur scheinbar zufällig, dann ein wenig regelmäßiger und fester.
Natürlich dachte ich mir zuerst nichts weiter dabei und hielt es einfach nur für Zufall, machte ihn stattdessen auf das angenehme Wetter aufmerksam und erkundigte mich, ob seine Eisschokolade denn schmeckte – war schlicht und ergreifend gesagt zu blöd dafür, um zu erkennen, dass hinter seinen Stupsern eine Methode steckte.
Erst nach einer Weile, nachdem die anfangs nur unregelmäßigen Berührungen in einen Rhythmus übergingen und sich ein Schmunzeln auf sein Gesicht legte, schnallte ich, dass das nicht nur Zufall war, sondern seine geschickten Füße gerade auf das Heftigste mit mir flirteten.
Ausgefallen und reizvoll umgarnten sie meine eigenen immer weiter, schlüpften letztlich sogar aus ihren Sandalen heraus, um das Spiel noch deutlicher spielen zu können und mir klarzumachen, dass ich darauf eingehen sollte.
Zuerst war ich natürlich unsicher gewesen, hatte nicht recht gewusst, ob das nun richtig war – aber das Schmunzeln auf seinen Lippen schloss jegliche Zweifel vollständig aus und ließ mich erkennen, dass es wohl tatsächlich das war, als was ich es interpretierte: Ein ungenierter, ziemlich heftiger Flirt.
Und so hatte ich schlussendlich zurückgeflirtet, zuerst nur behutsam, dann etwas fester, hatte ihn mit meinen Füßen immer wieder genauso angestupst wie er mich mit seinen – und so war schließlich das erste Eis zwischen uns gebrochen worden.
Ich sah noch genau vor mir, wie glücklich er gelacht hatte, als ich auf seine kleinen Avancen eingegangen war und sie erwidert hatte, sah das heitere, unbeschwerte Funkeln in seinem Blick, das mir eindeutig vermittelt hatte, wie sehr ihm dieser Moment mit mir gefiel.
Dass es jedoch nicht bei dieser spontanen Füßelei bleiben und ich noch etwas ganz anderes von ihm bekommen würde, das wiederum hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht gewusst. Erst eine Weile später, als wir uns gegenseitig eine Weile hin- und hergekitzelt und ich ihn offen gefragt hatte, warum er das machte, hatte er mir etwas offenbart, auf das ich in keiner Art und Weise vorbereitet gewesen war, geschweige denn, damit gerechnet hatte, dass es jemals passieren würde.
Denn statt einer Antwort hatte er mich nur leise angezwinkert und mir dann zu verstehen gegeben, dass mir etwas ins Ohr flüstern wollte, wenn ich ihm ein bisschen näher kam. Also hatte ich mich ein wenig über den Tisch gebeugt, um ihn verstehen zu können – und noch bevor ich recht gewusst hatte, was vor sich ging, hatte er mich ganz spontan und unerwartet auf die Wange geküsst.
Überrumpelt wie ich gewesen war, war ich natürlich kurzzeitig zurückgeschreckt, hatte nicht glauben können, dass er das wirklich gemacht hatte. Doch er hatte mich lediglich unbeschwert angelächelt und dann meine Hand genommen, sie behutsam mit seiner eigenen gestreichelt und seine Aktion noch einmal wiederholt.
Das hatte mich natürlich erst recht irritiert, weswegen ich ihn auch ungeschminkt gefragt hatte, was das bedeutete – und ob alles in Ordnung mit ihm war. „Entschuldige, Henry“, hatte er geantwortet und dabei wieder ein ganz leises Kichern von sich gegeben. „Das musste jetzt einfach sein. Du bist so unglaublich lieb, da kann ich nicht anders“.
Nachdem er das gesagt hatte, war er schließlich von seinem Platz aufgesprungen und hatte sich dann ohne jede Vorwarnung auf meinen Schoß gesetzt – zur Verwunderung einiger anderer Cafébesucher, von denen er jedoch keine sonderliche Notiz nahm, sondern stattdessen seine Arme um mich legte und mich dann zärtlich anschmunzelte.
„So geht’s besser“, meinte er zufrieden, ehe er es schließlich noch einmal machte und mir einen Kuss auf die Wange drückte – wobei ich natürlich nach wie vor nicht wusste, dass das nicht einfach nur aus reiner Nettigkeit passierte.
„Alles... in Ordnung?“, hatte ich ein wenig erstaunt gefragt und ihn leicht gemustert, weil ich mir sein Verhalten nicht wirklich hatte erklären können. „Bist du okay, Noah?“.
Einen Moment lang hatte er mit der Antwort gezögert, stattdessen noch einmal herzlich gekichert, ehe die Bombe schließlich geplatzt war – und mich um ein Haar vom Hocker gehauen hätte.
„Natürlich“, hatte er mir glücklich versichert und sich sanft an mir festgehalten. „Mir geht’s wunderbar. Es ist immer ein schönes Gefühl, wenn man Schmetterlinge im Bauch hat“.
Bitte was?, hatte ich völlig perplex gedacht und war versucht gewesen, den Mund aufzuklappen. Was hatte er da gerade gesagt? Hatte er gerade von... Schmetterlingen im Bauch geredet? Meinte er das ernst? Aber... was bedeutete das? Was wollte er mir damit sagen?
„W-was...?“, stotterte ich ein bisschen aufgeregt und kam mir beinahe so vor wie vor einigen Jahren bei meinem allerersten Date. „Du... du hast... was...?“.
„Ach Henry“, hatte er erwidert und entzückt gelacht, mir dabei einen Moment lang über den Kopf gestreichelt. „Du bist süß. So unglaublich lieb und einfühlsam. Ich glaube, deswegen war es auch so einfach, dich in mein Herz zu schleichen“.
In sein... Herz schleichen?, hatte ich gedacht und fast schon den Atem dabei angehalten. Ich hatte mich... in sein Herz geschlichen? Aber... hieß das etwa, dass er...? Meinte er damit wirklich...?
Ich war nicht in der Lage gewesen, meinen Gedanken zu beenden, denn sein erneutes, heiteres Lachen hatte mich unterbrochen und mir bewusst gemacht, dass ich diesen Moment nicht träumte, sondern alles um mich herum tatsächlich Wirklichkeit war.
Ohne Vorwarnung hatte er dann meine Hand genommen und sie fest mit seiner umschlossen, ehe er jegliche Zweifel und Irrtümer vollständig aus dem Weg geräumt und mir zu verstehen gegeben hatte, was er sich wünschte.
„Weißt du...“, hatte er leise gesagt und mir dabei lächelnd in die Augen gesehen. „Ich glaube, manchmal braucht man einfach Zeit, um zu erkennen, was man wirklich möchte. Manchmal sollte man einfach den Kopf ausschalten und auf sein Herz hören. Und mein Herz sagt mir gerade ganz deutlich, dass das hier richtig ist. Es fühlt sich gut an. Und ich möchte, wenn ich ehrlich bin, noch viel, viel mehr davon“.
„M-mehr davon?“, hatte ich nervös gestottert und war rot geworden wie ein Schuljunge. „Was... was meinst du damit, Noah? Was heißt das?“. „Das heißt...“, hatte er schmunzelnd geantwortet und mir durch das Haar gestreichelt. „Dass ich gerade sehr, sehr glücklich bin. Und sofern man mir keine Substanzen in die Eisschokolade gemischt hat, liegt das einzig und allein an dir“.
Mit diesen Worten hatte er mich schließlich noch einmal auf die Wange geküsst und sich dann ganz eng an mich geschmiegt, um mir deutlich zu machen, dass er wirklich meinte, was er sagte – und dass auch bei ihm ein Funke übergesprungen war, der sich nicht mehr einfach so löschen ließ.
Träume ich?, hatte ich verwirrt gedacht und noch einmal einen Blick in seine unbeschwert strahlenden Augen geworfen. Bilde ich mir das alles hier nur ein? Oder sitzt Noah gerade wirklich auf meinem Schoß und sagt mir, dass er sich mit mir wohlfühlt?
Unsicher hatte ich ihn angesehen, hatte Angst gehabt, mir tatsächlich nur etwas herbeizuhalluzinieren – doch das breite Schmunzeln in seinem Gesicht hatte jegliche Zweifel und Befürchtungen augenblicklich im Keim erstickt.
„Du...“, hatte ich etwas aufgeregt hervorgewürgt und kurz geschluckt, war mir immer noch nicht sicher gewesen, ob das tatsächlich echt war. „Du fühlst dich... wohl mit mir?“.
„Mhm“, hatte er leise geantwortet und sich ganz eng an mir festgehalten. „Sehr, Henry. Aber ich glaube, wenn man jemanden liebt, dann ist das ganz normal, dass man sich mit ihm wohlfühlt“.
Und bumm. Als er diesen Satz ausgesprochen gehabt hatte, war mein Herz beinahe stehengeblieben, hatte ich überhaupt nicht mehr gewusst, wo oben und unten war, weil alles angefangen hatte sich zu drehen.
Hatte ich mich verhört? Oder hatte Noah wirklich von Liebe gesprochen? Hatte er ehrlich gesagt, was ich meinte, verstanden zu haben? Oder ging meine Fantasie gerade vollends mit mir durch?
Unfähig zu reagieren hatte ich ihn angestarrt, war mir nicht sicher gewesen, was ich jetzt tun oder sagen sollte – doch er hatte mir diese Aufgabe glücklicherweise abgenommen, indem er mir noch einmal nähergekommen war und dann tatsächlich dazu angesetzt hatte, mich zu küssen. Doch statt einfach darauf einzugehen, war ich zurückgeschreckt und hatte ihn angestarrt, aus Angst, damit doch etwas falsch zu machen oder zu weit zu gehen.
„Bist... bist du sicher?“, hatte ich mit leicht erstickter Stimme gefragt und den Atem angehalten – doch abermals hatte er mich ganz lässig beschwichtigt und es dann noch einmal versucht.
„Absolut“, hatte er mir zugeflüstert und mich angelächelt. „So sicher war ich mir noch nie“.
Und mit diesen Worten hatte er es schließlich einfach gemacht, ohne mir auch nur die geringste Chance dazu zu lassen, ihm zu entkommen oder irgendwie auszuweichen. Aber um ehrlich zu sein war das definitiv das Letzte gewesen, woran ich in diesem Augenblick gedacht hatte. Stattdessen hatte ich es einfach erwidert und versucht, es so lange wie nur irgendwie möglich auszudehnen und mir gewünscht, einfach die Zeit stoppen und für immer so mit ihm verweilen zu können. Denn es hatte sich unbeschreiblich angefühlt. Jeden einzelnen Augenblick lang.
Nur ganz langsam hatten wir uns schließlich wieder voneinander gelöst – und noch immer hatte ich genau gefühlt, dass mein Herz laut klopfte, dass ich so aufgeregt gewesen war wie noch nie zuvor, weil diese paar Sekunden, dieser kurze und dennoch so intensive Moment mir fast den Atem raubte und noch lange nachdem er vorüber war in mir nachklang.
Noah war es wohl haargenau so gegangen, denn nachdem wir den Kuss beendet hatten, war er total verlegen geworden und errötet, hatte überhaupt nicht richtig gewusst, wie er sich verhalten oder was er tun sollte. Vermutlich war es ihm ein bisschen peinlich – zumal er das ja vorher noch nie gemacht hatte und sich daher erst an all das hier gewöhnen musste. Aber das machte gar nichts. Ganz im Gegenteil. Es zeigte mir nur umso mehr, was für ein besonderer Mensch er war. Und dass ich ihn niemals wieder aus meinem Leben gehen lassen wollte.
Glücklich und zufrieden hatte sich ein Lächeln auf mein Gesicht gelegt, hatte ich ihm gezeigt, wie unbeschwert ich mich gerade fühlte, hatte dadurch auch seine anfängliche Nervosität vertrieben und ihn ebenfalls zum Schmunzeln gebracht, ehe er mich ganz schüchtern angeschaut und mir gezeigt hatte, dass er genau dasselbe empfand wie ich.
„Mein... mein erster Kuss“, hatte er leise geflüstert und verlegen den Blick gesenkt, war total schüchtern und zurückhaltend gewesen wie ein Kind, das nicht so recht wusste, wie es mit der Situation umgehen sollte. Aber das war überhaupt nicht schlimm. Ich hatte schließlich gewusst, dass er in solchen Dingen unerfahren war, dass er trotz seiner fünfundzwanzig Jahre noch nie die Chance dazu gehabt hatte, Nähe und Zärtlichkeiten zu erleben und er das alles erst kennenlernen und entdecken musste.
Aber das machte überhaupt nichts. Jeder fing schließlich irgendwann einmal an. Der eine früher – und der andere eben später. Darauf kam es gar nicht an. Wichtig war nur, dass man sich gut dabei fühlte, dass man es genießen und sich einfach darauf einlassen konnte. Und das hatte Noah ganz ohne jeden Zweifel getan.
Still und leise hatte ich gelächelt, nachdem er das gesagt hatte, ihn dann behutsam an die Hand genommen und ihm gezeigt, dass es für mich mindesten genauso schön gewesen war wie für ihn. „Mhm“, hatte ich dann leise gesagt und ihn ganz dicht bei mir gehalten. „Ja, das war er. Dein erster Kuss. Aber, wenn du es willst, ganz sicher nicht dein letzter“.

Die Wellen rauschten noch immer ganz leise neben mir, während ich hier am Ufer des kleinen Sees saß, in dessen Nähe Noah und ich unser Zelt aufgeschlagen hatten – und dabei all die schönen Erinnerungen noch einmal gedanklich Revue passieren ließ.
Dass wir zusammen waren, dass ich ihn tatsächlich als meinen Freund bezeichnen durfte, erschien mir trotzdessen, dass es inzwischen seit mehreren Wochen ganz offiziell war wie ein schöner Traum, wie ein Märchen, aus dem ich am allerliebsten niemals wieder aufwachen wollte.
Und dennoch wusste ich ganz genau, dass es das nicht war, dass ich tatsächlich dieses unbeschreibliche Glück erleben und mit ihm zusammen sein durfte. Dass wir es trotz der anfänglichen Schwierigkeiten geschafft hatten, zueinanderzufinden und unsere Gefühle füreinander stärker waren als irgendwelche Bedenken oder die Klischees der Gesellschaft, in deren Augen Noah niemals ein richtiger Mann sein würde.
Aber das war mir offen gestanden schnurzpiepegal. Meinetwegen konnten die Leute gerne denken, was sie wollten, von mir aus komisch gucken oder tuscheln – das kümmerte mich nicht im Geringsten. Denn ich wusste schließlich genau, was für ein besonderer Mensch Noah war, dass er es verdiente, geliebt zu werden und auch Liebe geben zu können – und dass all die Dinge, die man ihm nachsagte oder die über ihn behauptet wurden, nichts weiter als bloße Einbildungen und Hirngespinste waren.
Noah war ein richtiger Mann. Um genau zu sein, sogar noch viel richtiger als ich es war – denn ich hatte im Gegensatz zu ihm nie etwas dafür tun oder leisten müssen, um als das anerkannt zu werden, was ich war. Ich hatte nie irgendwelche Hindernisse überwinden oder kämpfen müssen, um meine Männlichkeit zu beweisen, hatte mich nie mit einer verkappten Familie auseinandersetzen oder gegen gesellschaftliche Märchen rebellieren müssen. Mir war das alles einfach in den Schoß gelegt worden, ganz ohne Mühe und Anstrengung.
Und wenn man die Sache von dieser Seite betrachtete, dann war Noah der richtige Mann von uns beiden – und nicht ich. Er hatte sich die Anerkennung seines Geschlechts schließlich hart erarbeitet – und ich mich dagegen einfach nur ins gemachte Nest gesetzt. Er hatte mit Geduld und Ausdauer durchgehalten und sich nicht von den Leuten und ihren Lügen unterkriegen lassen. Er verdiente den Titel „richtiger Mann“. Mehr als irgendjemand anders.
Ein kurzes Seufzen entkam mir, als ich darüber nachdachte, wie weit verbreitet diese Irrtümer und Klischees in der Gesellschaft immer noch waren – und ich wechselte mit den Gedanken schnell zu etwas Angenehmerem, ließ sie noch einmal zurück zu unserer gemeinsamen Zeit schweifen, dachte zurück an unseren ersten Tanz, der noch gar nicht so lange her war, sowie auch zu unserem kleinen Ausflug ans Meer, bei dem ich zum ersten Mal die Ehre gehabt hatte, ein bisschen mehr von Noahs wunderschönem Körper sehen zu dürfen.
Und dass er wunderschön war, daran bestand überhaupt kein Zweifel. Auch wenn ich wusste, dass er anders aussah als der meiner beiden Ex-Freunde, auch wenn er nicht so war wie die Leute es sich vorstellten, wenn sie das Wort „Mann“ zu hören bekamen, so änderte dies überhaupt nichts daran, dass ich ihn genauso mochte wie Noah selbst auch.
Es interessierte mich nicht, wie er ausgestattet war oder nicht, kümmerte mich nicht, dass er Dinge an sich hatte, die ich bisher noch bei keinem Mann gesehen hatte. Und ebenso war es mir auch völlig egal, inwieweit das so bleiben würde, welche geschlechtsangleichenden Maßnahmen er in Anspruch nehmen wollte oder nicht.
Das ging mich nichts an, war seine Sache, wie und auf welche Weise er mit seinem Körper zufrieden war und wie er damit umging. Für mich machte das absolut keinen Unterschied. Denn wenn ich seit ich Noah kannte eins gelernt hatte, dann, dass ich deswegen schwul war, weil ich auf Männer stand – und nicht deswegen, weil ich Wert auf bestimmte Körperteile und Attribute legte. Ich hatte gemerkt, dass es mir auf die Präsentation viel mehr ankam, dass ein Mann deswegen für mich ein Mann war, weil er sich nach außen hin so zeigte und darstellte – und nicht, weil da so ein dämlicher Schwanz zwischen seinen Hüften baumelte.
Darauf kam es mir weder an, noch kümmerte ich mich sonderlich darum. Es ging mir um den Menschen, darum, dass er und sein Charakter mir gefielen – dann fand ich den äußeren Körper ganz automatisch attraktiv und anziehend. Die äußere Präsentation war das, worauf es mir ankam. Und die stimmte bei Noah rundherum. Alles andere war völlig nebensächlich.
Das änderte natürlich nichts daran, dass ich mir trotzdem Gedanken darum machte, wie es denn sein würde – und gerade aufgrund dieser verschiedenen Faktoren, die bei Noah eine Rolle spielten, sehr unsicher und nervös deswegen war, tatsächlich weiter mit ihm zu gehen und Intimität zuzulassen.
Allerdings hatte das rein gar nichts damit zu tun, dass ich mich irgendwie davor ekelte – nein, um Gottes Willen, daran lag es absolut nicht. Immerhin... wusste ich ja schon, was mich bei ihm erwarten und dass es in jedem Falle anders sein würde als das, was ich mit meinen Ex-Freunden gemacht und ausprobiert hatte.
Noah war nicht wie sie – nicht nur auf das Körperliche bezogen, sondern ganz generell. Er hatte eine ganz andere Persönlichkeit, einen ganz anderen Charakter, andere Interessen, Vorlieben, Sehnsüchte und Wünsche. Und vor allen Dingen war er noch viel unvorbelasteter, viel aufgeschlossener und neugieriger auf alles als sie. Weil er es noch nie probiert hatte, noch nicht die Möglichkeit gehabt hatte, herauszufinden, was er sexuell mochte und was nicht.
Da gab es noch so viel zu entdecken für ihn, so viele Gefühle zu erspüren, die er bislang stetig mit sich allein hatte ausleben können. Er kannte so viel noch nicht, war noch ganz rein und unschuldig in diesen Dingen – und demzufolge musste ich natürlich umso vorsichtiger und einfühlsamer mit ihm umgehen. Ich musste ihm die Möglichkeit geben, sich auszuprobieren und zu erleben, sich einfach fallen zu lassen und seine Angst davor schrittweise abzubauen.
Denn dass er Angst davor hatte, mit jemandem intim zu werden, das hatte ich inzwischen auch schon deutlich gespürt. Auch wenn ein Teil von ihm es sich schon lange wünschte und wollte – der andere war total nervös und unsicher bei dem Gedanken daran, gerade deshalb, weil ich im Gegensatz zu ihm schon das ein oder andere erlebt hatte und er, von seinen Selbsterfahrungen abgesehen, bei null stand.
Ziemlich oft hatten wir inzwischen schon darüber geredet, hatte er mir offen erklärt, welche Dinge er gerne hatte und was ihm gefiel – aber dass er trotzdem eine immense Hemmung davor hatte, dass es irgendwann wirklich passierte und er dann nicht wusste, was er tun sollte oder sich total unwohl dabei fühlen würde.
Und natürlich konnte ich das gut verstehen, dass ihm das Kopfzerbrechen machte, genau wie seine Ängste, etwas falsches zu tun oder sich zu blamieren, weil ihm die Erfahrung fehlte. Besonders belastete ihn dabei immer wieder die Tatsache, dass ich ihm ein paar Sachen voraus hatte – und dass er die verpasste Zeit nicht mehr aufholen konnte. Dieser Gedanke quälte ihn oft ziemlich, wenngleich ich ihm immer wieder versicherte, dass mich das nicht störte, geschweige denn, ich ein Problem damit hatte – und dass es auch für mich ein ganz neues, erstes Mal sein würde, wenn es irgendwann einmal mit ihm passierte.
Schließlich wusste ich genauso wenig, wie es bei ihm sein würde, hatte keine Ahnung, was mich erwartete oder wie es letztendlich ablaufen würde. Ich war genauso nervös und unsicher davor wie er. Und hatte ehrlich gesagt auch ziemliche Bedenken.
Aber so war es doch immer bei einem neuen Partner. Weil kein Mensch wie der andere war, jeder es anders fühlte und erlebte – und man daher vorher nie abschätzen oder sagen konnte, wie es werden würde. Es war doch ganz normal, dass man nervös und aufgeregt war – und sich vielleicht auch ein kleines bisschen schämte. Das tat ich schließlich genauso. Und das war auch vollkommen natürlich.
Und darüber hinaus: Ganz so unerfahren wie er behauptete war Noah bei weitem auch nicht. Immerhin hatte er mir im Zuge unserer Unterhaltungen ganz offen anvertraut, welche Dinge ihm gefielen und gut taten – wie etwa zum Beispiel, dass er es ziemlich gerne hatte, an seinen Brüsten berührt und gestreichelt zu werden. Oder dass er mit diversen Spielzeugen schon überaus aufregende Dinge erlebt hatte und glücklich war, sie dank seiner Ausstattung so erleben zu können.
Denn das war auch etwas, was er überaus gerne mochte: Seine Ausstattung. Er plante nicht und hatte nie geplant, daran irgendetwas zu verändern, wollte und brauchte keinen Penis, um männlicher zu sein oder sich in seinem Körper wohlzufühlen. Und selbst eine Mastektomie, also die Entfernung seiner Brustdrüsen, kam für ihn derzeit nicht in Frage, weil er dieses Attribut ebenso wenig ablehnte und es im Alltag gut mit einem Binder kaschieren konnte.
Das einzige, was er immer wirklich angestrebt hatte, waren seine Namensanpassung, um auch rechtlich als der Mann anerkannt zu sein, der er war, sowie eine Hormontherapie, also die Gabe von Testosteron, um seinen Körper entsprechend anzupassen. Und zu guter Letzt noch die Hysto, sprich Entfernung seiner inneren Fortpflanzungsorgane, um das durch die Hormontherapie bestehende Krebsrisiko zu senken. Doch mehr wollte er derzeit nicht in Anspruch nehmen. Und eine Genitaloperation, das hatte er einmal klar und deutlich gesagt, kam unter gar keinen Umständen in Frage. Die Mastektomie höchstens noch in ein paar Jahren – und auch nur als rein vorbeugende Gesundheitsmaßnahme, nicht deswegen, weil er irgendwie ein Problem mit seinen Brüsten, beziehungsweise, Burschis, wie er sie gerne nannte hatte. Aber mehr wollte und brauchte er nicht, war mit sich selbst vollkommen im Reinen und glücklich mit dem, was er hatte. Und das war definitiv die Hauptsache.
Sicher, natürlich musste ich offen gestehen, dass das alles neu für mich war, dass ich ein bisschen Zeit brauchen würde, um mich daran zu gewöhnen und auch noch nicht recht wusste, wie ich in der Praxis letztendlich damit umgehen würde – aber selbst bei aller Ignoranz: Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ein blödes Körperteil mich so abturnen konnte, um mich angeekelt zu fühlen oder gar panisch die Flucht zu ergreifen.
Immerhin hatte ich in meinem Leben schon genug von den Attributen, die Noah da unten hatte, gesehen. Zwar noch nie eins berührt oder mehr – aber gesehen. Und da hatte es mich auch nicht angeekelt oder abgestoßen. Angemacht zwar auch nicht – aber die entsprechenden Personen waren ja auch Frauen gewesen. Und Noah war ein Kerl.
Auch wenn das für Außenstehende nun vielleicht nicht nachvollziehbar sein mochte – aber für mich und mein sexuelles Bewusstsein machte es schon einen Unterschied, zu wem ein jeweiliges Körperteil gehörte und welches Geschlecht sein Besitzer hatte. Schließlich bestimmte das auch automatisch das Geschlecht des jeweiligen Körperteils. Und genau deswegen konnte ich mir nicht vorstellen, dass Noahs Intimzone mich irgendwie stören würde. Sie gehörte schließlich einem Mann. Somit war sie männlich – und entsprach meinem sexuellen Begehren.
Aber gut, sagte ich mir selbst, während ich darüber nachdachte. Wie es war und was ich dabei dachte und empfand, würde ich schon noch herausfinden, wenn es mal zwischen uns passierte. Und dann würde ich schon dafür sorgen, dass Noah sein erstes Mal so schön und angenehm wie möglich erlebte – und dass er sich vor allem rundherum wohlfühlte und es bis zum letzten Moment genießen konnte. Wir würden schon rausfinden, was uns gefiel und wie wir es machten, da war ich mir sicher.
Die Hauptsache war nur, dass ich behutsam vorging, dass ich mich auf ihn einstellte und ihn nicht überrumpelte oder gar zu irgendetwas drängte. Ich durfte einfach nicht vergessen, dass er das nicht kannte, dass es neu für ihn war und er das alles erst erkunden und entdecken musste. Genau wie ich selbst mich dabei ganz neu entdecken musste. Schließlich war das alles für mich ebenso unbekannt wie für ihn. Und dementsprechend war ich auch ein kleines bisschen nervös deswegen. Ehrlich gesagt sogar ein kleines bisschen sehr.
Denn auch wenn er sie geschickt zu tarnen versucht hatte, gab es trotzdem nicht ganz unbegründete Anzeichen dafür, dass Noah mir diesen Zeltausflug nur deswegen vorgeschlagen hatte, weil er dabei ganz bestimmte Hintergedanken hegte und darauf aus war, die Gelegenheit zu nutzen und endlich diesen Schritt zu machen.
Dass er es wollte, hatte er mir ja inzwischen schon mehrfach signalisiert, mir sogar erzählt, welche Hilfsmittel und Spielzeuge er gerne benutzte – und dass selbige bestimmt auch zu zweit sehr viel Spaß machen konnten. Außerdem hatte er mich auch immer wieder mit ausgefallenen Aufzügen gereizt und verlockt, um mich in die entsprechende Stimmung zu bringen, mir sogar einmal – natürlich nur rein zufällig – einen Blick auf seine Burschis gewährt, vermutlich, um zu testen, ob er mich damit wirklich anmachen konnte.
Und auch wenn er es nicht mitbekommen hatte, dass ich kurz darauf für eine Weile im Bad verschwunden war, so durfte ich doch mit absolutem Recht behaupten: Ja, das konnte er. Inzwischen hatte ich ihn ja schon mehrfach an dieser Stelle berührt – wenngleich meist nur ungewollt – und es hatte sich jedes Mal alles andere als unangenehm für mich angefühlt. Ganz im Gegenteil: Es hatte mir überaus gut gefallen, sowie ehrlich gesagt auch ein bisschen meine Fantasie angeregt. Und da ich ja ohnehin wusste, dass er es gerne hatte, dort angefasst zu werden, war ich mir ganz sicher darüber, dass das bestimmt ziemlich aufregend werden würde.
Und das möglicherweise sogar noch heute Nacht. Einige Anzeichen dafür waren definitiv vorhanden. Kein Wunder also, dass ich mich ein wenig davor drückte, endlich zu ihm ins Zelt zu gehen. Denn zugegeben: Ein wenig Bammel davor hatte ich ja schon. Und vor allem auch die Sorge, dass ich ihm unangenehm war oder er sich unwohl mit mir fühlte. Sowie natürlich auch, dass es am Ende Dysphorie bei ihm auslöste, die zwar in den Momenten, in denen wir unter uns waren nur sehr gering, aber dennoch vorhanden war. In der Öffentlichkeit tat er schließlich auch alles dafür, um so stealth wie möglich rüberzukommen und besonders seine beiden Burschen bestmöglich zu kaschieren und zu verstecken. Und vielleicht ging es ihm ja, wenn er sich mir gegenüber zeigte oder zeigen sollte, genauso.
Oder aber ich machte mir einfach viel zu viele unnötige Gedanken um die ganze Sache. Vielleicht grübelte ich zu viel nach, überlegte zu stark hin und her, anstatt es einfach auf mich zukommen zu lassen und abzuwarten, wie die Dinge sich entwickeln würden. Schließlich war ich mir ja noch nicht einmal sicher, ob es heute Nacht überhaupt passierte – oder ob ich die Anzeichen einfach nur falsch gedeutet hatte und er mir mit diesem Zeltausflug einfach eine Freude machen wollte.
In jedem Falle hatte ich mich aber sicherheitshalber auf alles vorbereitet und vor unserem Aufbruch Kondome eingeschoben – nur für den Fall, dass es tatsächlich zum Äußersten kam und er wirklich auf diese Art und Weise mit mir schlafen wollte. Denn auch wenn er inzwischen seit knapp zwei Monaten auf Testosteron war – das schloss eine mögliche Schwangerschaft deshalb nicht aus. Und selbst wenn wir nicht auf diese Weise miteinander intim wurden, war es trotzdem ganz gut, sich sicherheitshalber zu schützen, ganz besonders bei seinem allerersten Mal.
Schließlich war ich da ganz genau so unerfahren wie er. Das hieß, natürlich wusste ich, wie eine Schwangerschaft zustande kam und auch, dass bei ihm und mir die Möglichkeit, beziehungsweise Gefahr dazu bestand, dass es passieren konnte. Aber dennoch hatte ich nicht wirklich Ahnung davon, wie sich das mit den Hormonen verhielt, inwieweit sie das beeinflussten und eine Fruchtbarkeit verhinderten, weil mir auf dem Gebiet schlicht und ergreifend die nötigen Kenntnisse fehlten. Deswegen war es das Beste, einfach auf Nummer sicher zu gehen und auf alles vorbereitet zu sein. Das war schließlich sowohl in meinem, als auch natürlich in seinem Sinn.
Eine Weile ließ ich meine Gedanken noch kreisen und schaute auf das ruhige, glitzernde Wasser hinaus, auf dem Millionen von kleinen Reflexionsdiamanten tanzen und sich in harmonischem, gleichmäßigem Reigen drehten, akustischen untermalt von den nächtlichen Geräuschen der Landschaft, sowie meiner leisen Atmung, die sich fast schon an den Takt des Wassers angepasst hatte, überlegte mir, was ich jetzt tun sollte und spürte abermals diese jugendliche Aufregung in mir, bei dem Gedanken daran, dass heute Nacht möglicherweise die Nacht war, in der Noah und ich endlich vollständig zusammenkamen. Und vielleicht auch... zusammen kamen.
Meine Güte, ja. Ja, ich konnte es nicht bestreiten. Der Gedanke daran, mit ihm intim zu werden, übte schon ziemlich viel Kraft auf mich aus und ließ mich auch verschiedene Vorstellungen entwickeln, wie es sein und sich anfühlen würde. Aber das änderte absolut nichts daran, dass die Rücksicht auf ihn das oberste Gebot war, dass es höchste Priorität hatte, mich nach ihm zu richten und auf seine Wünsche und Sehnsüchte einzugehen. Es war schließlich sein erstes Mal. Und das sollte so perfekt wie nur irgendwie möglich werden.
Abgelenkt von meinen Gedanken, sowie dem ruhigen, gleichmäßigen Funkelspiel vor mir auf dem See bemerkte ich zunächst gar nicht, dass Noah inzwischen unser Zelt verlassen hatte und zu mir herübergeschlichen kam. Erst als er ganz dicht hinter mir stand und ich seinen deutlichen, markant-frischen Duft wahrnehmen konnte, registrierte ich seine Anwesenheit und tauchte augenblicklich aus meinen Überlegungen auf.
„Hey“, meinte ich sanft, als ich mich zu ihm herumdrehte und ihm ein kleines Schmunzeln zuwarf. „Ich dachte, du hast dich schon hingelegt“. Auf diese Worte hin ging er hinter mir in die Knie und legte mir dann seine Arme um den Körper, beugte seinen Kopf ganz dicht über meine Schulter. „Und ich dachte...“, flüsterte er mir dann ganz leise ins Ohr und verursachte mir dadurch eine angenehme Gänsehaut. „...dass du bald nachkommen willst. Du hast doch gesagt, du machst nicht mehr so lange. Das ist jetzt fast eine Stunde her. Und ich warte immer noch“.
Er murrte mir ein kleines bisschen ins Ohr, nachdem er das gesagt hatte, drückte mir im Anschluss daran einen sanften Kuss auf den Hals und ließ sich dann kurz neben mir nieder, wobei er sich ziemlich dicht an mich schmiegte und ein leises Seufzen von sich gab.
Dabei dachte ich mir selbstverständlich nichts weiter, schließlich hatten wir schon des öfteren zusammen gekuschelt, weshalb ich es auch als nichts Ungewöhnliches oder gar Besonderes ansah, dass er sich mir so dicht andrängte und meine Nähe suchte.
Erst einige Zeit später, nachdem wir noch eine Weile zusammen dagesessen waren und dem leisen Rauschen des Wassers zugehört hatten, schien meine anfängliche Vermutung, dass dieser Nacht völlig anders werden würde als alle jemals zuvor, sich ganz schleichend zu bestätigen, denn er ging plötzlich ein kleines bisschen auf Abstand und schob dann, ganz gekonnt und geschickt, seinen linken Fuß ein wenig näher an meinen heran, stupste mich damit ganz dezent an und ließ es nach außen hin so wirken als sei es lediglich ein Versehen gewesen.
„Oh“, meinte er schnell, um sein Schauspiel möglichst glaubhaft rüberzubringen, wenngleich ich haargenau gesehen hatte, dass er es ganz bewusst gemacht hatte. „Entschuldige. Das war keine Absicht“.
Natürlich nicht, dachte ich leicht sarkastisch und richtete meine Konzentration beinahe wie automatisch auf seine Beine, die er lässig ein bisschen hin- und herbewegte, es ebenfalls so wirken ließ, als sei das lediglich ein reiner Zufall. Natürlich war das keine Absicht, Noah. Du nutzt meine kleine Schwäche nicht aus, um zu bekommen, was du willst. Von wegen, du hast keine Ahnung, wie man flirtet und seine Reize ausspielt. Du frecher Schwindler, Noah.
So langsam aber sicher ahnte ich schon, dass meine anfängliche Annahme sich wohl tatsächlich bestätigen und er auch heute wohl wieder ein paar Tricks anwenden würde, um mich rumzukriegen und das zu erhalten, was er von mir haben wollte. Wie gut nur, dass ich mitgedacht und die Kondome eingeschoben hatte. Denn ganz offensichtlich war er sich seiner Sache ziemlich sicher. Heute sogar so sehr wie noch niemals zuvor.
Wortlos und gekonnt führte er dieses Spiel eine Weile fort, stupste mich immer wieder scheinbar zufällig mit seinem Fuß an, dabei haargenau um meine kleine Schwäche wissend, die ich ihm im Zuge unserer offenen Unterhaltung vor einiger Zeit anvertraut und ihm erzählt hatte, dass schöne Füße eine Eigenschaft waren, die mich wahnsinnig anziehen und erregen konnte, weil ich bereits seit meiner Jugend eine ganz deutliche Schwäche dafür hatte, die bislang jedoch kaum eine Rolle für mich gespielt hatte.
Allerdings musste ich auch einräumen, dass ich bisher auch noch nie jemanden getroffen hatte, der es verstand, mich so gekonnt mit seinen Füßen anzuflirten wie Noah. Schon mehrere Male hatte er das inzwischen gemacht, immer scheinbar ganz zufällig und harmlos, um mich anzuheizen – aber bisher war ich immer noch stark genug gewesen, dem zu widerstehen und nicht darauf einzugehen. Heute Nacht allerdings, das wusste ich, würde mir das nur äußerst schwer gelingen – zumal ohnehin schon die ganze Zeit ein deutliches Knistern in der Luft lag, seit wir hier angekommen und unser Zelt aufgeschlagen hatten. Denn zugegeben: Er beherrschte schon ziemlich raffinierte Tricks, um mich einzulullen und meine Fantasien zu wecken. Ganz gleich, ob nun dadurch, dass ihm scheinbar versehentlich das Shirt verrutschte – oder er, wie jetzt gerade auch, seine Füße einsetzte, um mich auf Touren zu bringen. Und da wollte er mir allen Ernstes noch erzählen, dass er keine Ahnung hatte, wie man flirtete? Was für ein kleiner Schlingel. Von wegen, er hatte keine Erfahrung. Und was war dann das, was er da gerade anstellte?
Auch wenn ich mich ehrlich bemühte, es ganz einfach zu ignorieren und so zu tun, als würde ich es gar nicht bemerken, fiel es mir ziemlich schwer, mich zu beherrschen und nicht auf diesen unmissverständlichen Flirt, den er mit seinen Füßen vollführte, anzuspringen. Ganz besonders dann, als er sie auch noch leicht ins Wasser stupste und dann in die Nähe meiner eigenen brachte, dabei natürlich ganz ahnungslos und scheinheilig, so als wüsste er gar nicht, wie sehr er mich damit eigentlich reizte.
Und natürlich tappte ich ihm auch direkt in die Falle, weil ich gar nicht anders konnte als mich darauf zu konzentrieren und ihm dabei zuzusehen, wie er sie für mich tanzen ließ, mich geschickt damit umgarnte, zuerst nur ganz dezent, dann ein bisschen deutlicher.
Und irgendwann schließlich, als ich zu spüren bekam, dass seine Taktik Wirkung zeigte, entrann mir versehentlich ein wohliges Flüstern, das allerdings laut genug zu sein schien, um seine Aufmerksamkeit zu erregen und ihm klarzumachen, dass er gewonnen hatte.
Aber statt diesen Sieg einfach anzunehmen und sich darüber zu freuen, dass ich Wachs in seinen Händen – oder besser gesagt – Füßen war, musste er natürlich noch eines draufsetzen und mich damit konfrontieren.
„Henry?“, fragte er ganz scheinheilig und unschuldig, als er merkte, worauf ich meine Aufmerksamkeit gerichtet hatte. „Alles in Ordnung?“. „Hm?“, antwortete ich eilig und tat ganz cool, wenngleich sich das spürbare Problem zwischen meinen Beinen nicht einfach wegignorieren ließ und genau spüren konnte, dass ich rot wurde. „Ja. Ja, natürlich. Was... soll denn nicht in Ordnung sein?“.
Doch anstatt etwas darauf zu antworten, folgte er meinem nach wie vor gefangenen Blick und zog seine Beine dann wieder ein Stückchen zurück, ehe er mich ganz ungeschminkt mit seiner Beobachtung konfrontierte.
„Gefällt dir das?“, erkundigte er sich frech und grinste leise vor sich hin. „Findest du das gut?“. „Äh... was denn?“, erwiderte ich hastig und tat so, als hätte ich überhaupt keine Ahnung, was er meinte. „Na... das“, antwortete er und setzte zu einem neuerlichen, betörenden Flirt an, dieses Mal sogar noch ein bisschen ausgedehnter – woraufhin auch mein Problem sich noch weiter ausdehnte und schließlich anfing, leicht unangenehm zu werden.
„A-also...“, gab ich so konzentriert wie möglich zur Antwort und versuchte, dabei an irgendetwas Beruhigendes, Abturnendes zu denken. Aber so sehr ich mich auch anstrengte, die Quelle des Reizes vor meinen Augen war deutlich stärker. „Ich... ich...“.
„Magst du es?“, wiederholte Noah seine Frage und grinste leise. „Dann komm jetzt ganz schnell zu mir ins Zelt. Dann kriegst du noch ein bisschen mehr davon“. Mit diesen Worten stand er schließlich wieder auf und marschierte voraus, hielt allerdings noch einmal inne, als ich ihm nicht folgte, sondern starr auf meinem Platz hocken blieb.
„Na komm“, wiederholte er und winkte mir einladend, um mir zu verstehen zu geben, dass er sein Angebot ernst meinte. „Du willst doch nicht die ganze Nacht hier draußen sitzen bleiben, oder? Das wäre echt schade. Findest du nicht?“.
Erwartungsvoll sah er mich an und ich stieß ein Seufzen aus, ehe ich meine Schwäche schließlich eingestand und einräumte, dass seine Einlage ihre Wirkung nicht verfehlt hatte. „Nur...“, antwortete ich ein bisschen verlegen und atmete durch. „Nur noch ein paar Minuten. Ich... ich kann gerade... nicht aufstehen“.
„Du kannst... nicht aufstehen?“, wollte er ein bisschen verwundert wissen und sah mich kurz an, weil es einen Moment dauerte, bis er begriff. „Warum das denn ni... oh“. Als er registrierte, was los war und weswegen ich mich gerade so verhielt, musste er leise kichern, freute sich über seinen kleinen Siegeszug und brachte mich damit noch mehr in Verlegenheit als ohnehin schon.
„Hatte das denn jetzt so eine... große Wirkung auf dich?“, wollte er dann wissen und grinste ganz entzückt. „Ist ja goldig. Dabei habe ich ja noch nicht einmal für dich gestrippt“.
Wieder lachte er in Wohlgefallen und ließ mich noch mehr erröten, weil ich mich ziemlich für meine mangelte Beherrschung schämte und mir vorkam wie ein pubertierender Junge, dem die Hormone durchgegangen waren.
„Ha ha“, beklagte ich mich ein wenig mürrisch und wandte meinen Blick von ihm ab. „Sehr witzig. Du kannst echt mal froh sein, dass du dich mit solchen Problemen nicht rumschlagen musst“.
Nachdem ich das gesagt hatte, lachte er natürlich nur noch heftiger, was meine Unbeholfenheit noch zusätzlich schürte und mich dazu brachte, leise zu seufzen. „Ja“, musste er dann offen zugeben und grinste mir vergnügt zu. „Das stimmt wohl. Aber dafür habe ich Probleme, mit denen du dich nicht rumschlagen musst. Es hebt sich also auf, würde ich sagen“.
Mit diesen Worten kam er schließlich noch einmal zu mir und ließ sich dann neben mir nieder, um mir zu verstehen zu geben, dass es mir nicht peinlich oder unangenehm sein musste. „Schon gut, Henry“, versicherte er mir ganz einfühlsam und legte seine Hand auf meinen Rücken. „Ich lach dich doch nicht aus. Im Gegenteil. Ich finde es ziemlich süß, dass du eine Vorliebe für Füße hast. Und ehrlich gesagt... könnte ich daran vielleicht auch meinen Gefallen finden. Wer weiß“.
Er zwinkerte mir leise zu und stupste mich dann an, wieder auf diese zweideutig-eindeutige Art und Weise, die er schon die ganze Zeit über an den Tag legte. Und genau aus diesem Grund, auch wenn es möglicherweise der totale Stimmungskiller war und ich das sonst nie machte, entschied ich mich auch dazu, das Thema ganz offen anzusprechen und ihn zu fragen, wie er sich diese Nacht vorgestellt hatte und was er sich wünschte. Denn dass er nicht nur die Absicht hatte, mir einen Kindheitstraum zu erfüllen, lag eigentlich ziemlich klar auf der Hand.
„Deinen Gefallen?“, wiederholte ich leicht überrascht und sah ihn einen Moment lang an. „Meinst du denn... dass dir das Spaß machen könnte?“. „Hmm... vielleicht“, antwortete er und zuckte schmunzelnd seine Schultern. „Vielleicht würde es das tatsächlich. Ich hab das ja noch nie ausprobiert. So wie ich viele Dinge noch nie ausprobiert habe“.
Ein kleiner Anflug von Verlegenheit mischte sich in seine Stimme, als er das gesagt hatte, zeigte mir ganz deutlich, dass er wohl schon neugierig darauf war – allerdings auf der anderen Seite wohl nicht recht wusste, wie er damit umgehen und seine Wünsche klar zum Ausdruck bringen konnte. Sie war plötzlich wieder da, diese leichte Aufregung in seinem Verhalten, die er jedes Mal zeigte, wenn unser Gespräch in diese Richtung ging, ließ mich erkennen, dass er zwar bestimmte Fantasien und Sehnsüchte hegte, jedoch nicht so wirklich zu wissen schien, wie er sie mir vermitteln und klarmachen konnte.
Genau deswegen entschied ich mich auch dazu, ihn ganz behutsam an die Sache heranzuführen und mich zu erkundigen, ob mein Verdacht, dass seine Anspielungen in letzter Zeit wirklich das bedeuteten, was ich glaubte, auch tatsächlich stimmte.
Behutsam und vorsichtig griff ich nach seiner Hand, ehe ich ihn anschaute und seinen verlegenen Gesichtsausdruck erwiderte. „Würdest du es denn... ausprobieren wollen?“, erkundigte ich mich leise, versuchte, so empathisch wie möglich vorzugehen, damit er sich in Ruhe auf den Gedanken einlassen konnte.
Auf diese Frage hin senkte er leicht seinen Blick und lächelte dann ganz flüchtig, legte wieder die niedliche Schüchternheit an den Tag, die er schon des öfteren gehabt hatte. „Also...“, gab er zu, während er mir ein kleines bisschen näher kam und seine deutliche Aufregung zu überspielen versuchte. „Um ganz ehrlich zu sein... versuchen würde ich es schon gerne mal. Genau wie auch so viele andere Dinge. Der Gedanke daran ist nämlich ziemlich... aufregend“.
„Ja?“, fragte ich nach und konnte mir ein kleines Schmunzeln dabei nicht verkneifen. „Du meinst der Gedanke, dass... etwas passieren könnte?“.
Er sah kurz zur Seite, als ich das gesagt hatte, war plötzlich wieder total schüchtern und zurückhaltend, bevor er schließlich ganz offen einräumte, dass ich damit wohl den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. „Mhm“, erklärte er mir leicht nervös und rückte mir mit leichter Unbeholfenheit ein bisschen näher. „Ja, genau. Ich... ich denke ziemlich oft darüber nach, weißt du. Und stelle mir auch immer wieder vor, wie es sein könnte, wenn mehr passiert. Ich... ich sehne mich ja schon sehr lange danach“.
Hm, dachte ich leise für mich und hätte am liebsten vor Entzückung gekichert. Ja, allerdings. Das hatte ich in den letzten Wochen schließlich immer wieder gemerkt, hatte seine leichten Annäherungsversuche immer ganz genau zur Kenntnis genommen und mir dabei schon denken können, dass der Wunsch in ihm schlummerte, es endlich einmal zu erleben. Und möglicherweise hatte ich ja von Anfang an Recht gehabt – und diese Nacht heute würde tatsächlich vollkommen anders sein als die, die wir bisher zusammen erlebt hatten. Vielleicht war wirklich der Moment gekommen, um uns einfach von unseren Gefühlen leiten zu lassen und den Kopf komplett auszuschalten.
Aber das hieß natürlich nicht, dass ich etwas überstürzen wollte, sondern ihn geduldig und mit Vorsicht an die Sache heranführen, sowie mich vergewissern würde, dass er sich auch tatsächlich bereit dazu fühlte. Denn nur dann, wenn ich diese Bereitschaft bei ihm erkannte, würde mich auch guten Gewissens darauf einlassen.
„Also“, erwiderte ich schließlich leise und fing dabei an, über seine Hand zu streicheln. „Würdest du denn wollen, dass... mehr passiert? Machst du deshalb schon seit längerer Zeit immer wieder Andeutungen in diese Richtung?“.
„Andeutungen?“, entgegnete er legte den Blick einen Moment lang nach unten auf unsere Beine. „Du meinst... so wie... das hier?“. Mit diesen Worten fing er noch einmal damit an, seine Füße für mich tanzen zu lassen und stupste darüber hinaus meine eigenen mehrfach an, legte dadurch einen weiteren Flirt an den Tag, der mir ziemlich gut gefiel.
„Ganz genau“, stimmte ich ihm zu und konnte meinen Wohlgefallen an seiner Handlung nur sehr schwer verbergen. „Genau diese Dinge meine ich. Solche Signale schickst du mir inzwischen ja schon seit längerem. Und um ganz ehrlich zu sein, weiß ich nicht so recht, wie ich sie deuten soll“.
„Wie... wie deutest du sie denn?“, wollte er wissen, wohl in der irrtümlichen Annahme, dass er damit irgendetwas falsch gemacht hatte. „Ist es dir unangenehm, wenn ich...?“. „Nein“, unterbrach ich ihn rasch und schmunzelte entzückt, um ihm die Bedenken zu nehmen. „Nein, so habe ich das nicht gemeint. Ganz im Gegenteil. Es gefällt mir sehr, wenn du auf diese Weise mit flirtest. Und wie du merkst, flirte ich ja auch immer sehr gerne zurück. Mir geht es einfach nur darum, nichts falsch zu interpretieren, verstehst du? Aber... wenn ich mir deine Signale so anschaue, dann kann ich mir eigentlich schon denken, was du möchtest und dir wünscht“.
Mit diesen Worten und noch ehe er die Gelegenheit dazu hatte, etwas darauf zu erwidern, nahm ich ihn an die Hand und sah ihm dann mit einem Schmunzeln ins Gesicht. „Du würdest schon wollen, dass mehr passiert, richtig?“, mutmaßte ich etwas entzückt. „Du würdest gerne diese Dinge ausprobieren und kennenlernen. Aber du traust dich nicht so recht, es ganz offen mit mir zu kommunizieren. Daher immer wieder diese versteckten Andeutungen. Und deswegen auch deine Idee zu diesem spontanen Zeltausflug“.
Irgendwie schien er sich total ertappt zu fühlen, als ich das gesagt hatte, weil er wohl ahnte, dass ich ihn durchschaut hatte und seine heimlichen Signale auch immer ganz genau erkannt hatte. „Also...“, gab er verlegen zu und räusperte sich aufgeregt. „Wenn... wenn ich ehrlich bin... ich würde schon gerne. Sehr gerne sogar. Aber... auf der anderen Seite... da habe ich auch Bammel davor. Auch wenn es mit Sicherheit total albern ist“.
„Das ist nicht albern“, machte ich ihm klar und rückte noch ein bisschen näher mit ihm zusammen, um ihm direkt ins Gesicht sehen zu können. „Das ist überhaupt nicht albern, Noah. Dass du nervös bist, ist vollkommen normal und verständlich. Und ebenso, dass du oft darüber nachdenkst, aber Angst davor hast, es wirklich zu machen. Wenn man etwas Neues ausprobiert, etwas macht, das man vorher noch nie gemacht hat, ist man immer angespannt und unsicher. Mir ging es ganz genauso, als ich mein erstes Mal hatte. Dafür musst du dich nicht schämen“.
„Ja...“, murmelte er daraufhin ein wenig geknickt und schluckte. „Genau das ist es ja, Henry. Du hattest das schon. Du bist so viel erfahrener als ich und hast schon so viele Dinge ausprobiert. Und für mich ist das alles total unbekanntes Land. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich mich verhalten soll oder was ich wie und wann machen muss. Und wenn es dann tatsächlich passiert, bin ich vielleicht total überfordert und kann nicht damit umgehen. Mich hat schließlich noch nie jemand so... berührt. Und ich auch noch nie jemanden“.
Er seufzte leise, als er das gesagt hatte, war total schüchtern und unbeholfen – aber ehrlich gesagt war es genau das, was mir in diesem Moment so sehr gefiel. Und darüber hinaus war er mit diesem Gefühl alles andere als allein. Schließlich war ich mindestens genauso aufgeregt und wusste auch nicht, was mich erwarten würde, wenn es passierte. Aber genau das war doch im Endeffekt das Spannende daran.
„Das ist verständlich“, machte ich ihm klar und streichelte ihm dabei behutsam über den Rücken. „Es ist vollkommen normal, dass du dir darüber Gedanken machst. Und du musst ehrlich nicht denken, dass er nur dir so geht. Oder glaubst du etwa, dass ich nicht genauso nervös und unsicher bin wie du? Für mich ist das alles ebenso neu und unbekannt wie für dich. Ich weiß auch nicht, was mich erwartet, was passieren wird oder wie es passieren wird. Und du kannst mir glauben: Ich hab genauso große Angst davor, etwas falsch zu machen und nicht zu wissen, was ich tun muss. Es ist immer etwas Unbekanntes mit einem neuen Partner“.
„Du...?“, erkundigte er sich ein bisschen überrascht und musterte mich einen kurzen Augenblick. „Du bist... nervös?“. „Natürlich bin ich das“, räumte ich offen ein und deutete mit einer Handbewegung auf meine Brust. „Hier. Fühl mal“.
Mit diesen Worten schnappte ich mir seinen Arm und drückte seine Handfläche dann vorsichtig dagegen, damit er spüren konnte, dass es mir mindestens genauso ging wie ihm – und ich mich auch mindestens genauso unbeholfen fühlte.
„Ich hab auch Bammel davor“, sagte ich schüchtern und senkte dabei kurzzeitig meinen Blick. „Sogar ziemlichen Bammel, wenn ich ehrlich bin. Ich möchte genauso wenig wie du etwas falsch machen oder dir am Ende gar unangenehm sein. Vor allem deswegen, weil ich dich zu nichts drängen und mich ganz auf dich einstellen möchte. Und weil ich überhaupt nicht weiß, was mich erwartet oder wie es sich anfühlt. Du bist nicht allein mit diesen Gefühlen, Noah. Und sie sind auch überhaupt nichts Schlimmes, sondern vollkommen natürlich“.
Nachdem ich das gesagt hatte, dachte er ziemlich lange nach, erkannte wohl, dass es gar keinen Grund dazu gab, sich wegen seiner Nervosität Gedanken zu machen oder gar verlegen deswegen zu sein. „Hmm...“, murmelte er dann unentschlossen und seufzte. „Vielleicht hast du Recht, Henry. Vielleicht sollte ich mir deswegen wirklich nicht so viele Sorgen machen. Aber... nervös bin ich trotzdem“.
„Ich auch“, wiederholte ich noch einmal und lächelte ihn ganz offen an. „Ich bin auch unheimlich aufgeregt, wenn ich daran denke. Aber das gehört dazu. Das ist völlig normal“. „Oder albern“, erwiderte er und schmunzelte kurz. „Du hältst mich bestimmt für total unentschlossen, oder? Weil ich es auf der einen Seite will... und auf der anderen so einen Aufriss darum mache“.
„Quatsch“, versicherte ich ihm einfühlsam und schüttelte leicht den Kopf. „Du bist nicht unentschlossen. Schließlich hast du ja genaue Vorstellungen von deinen Wünschen. Du brauchst vielleicht einfach nur noch ein bisschen Zeit, um sie wirklich umzusetzen. Und das ist auch völlig in Ordnung so. Es muss nicht passieren, nur weil du das Gefühl hast, es dir oder mir irgendwie schuldig zu sein. Es geht darum, dass du dich sicher dabei fühlst und dich darauf einlassen kannst. Also mach dir keinen Druck, ja? Und denk daran: Du hast alle Zeit der Welt dafür. Und wenn der Moment gekommen ist, dann wirst du es ganz bestimmt spüren“.
Mit diesen Worten kam ich ihm schließlich ein wenig näher und gab ihm einen Kuss auf die Wange, ehe ich damit begann, ihm über den Rücken zu streicheln. „Mach dir keinen Kopf“, bat ich ihn erneut und drückte ihn vorsichtig an mich heran. „Wir haben alle Zeit der Welt, okay? Dein Gefühl wird dir schon sagen, wenn du bereit dafür bist. Und bis dahin genießen wir einfach die Zeit, die wir zusammen haben“.
Ich schenkte ihm ein offenes Lächeln, als ich das gesagt hatte, vertrieb auf diese Weise seine Unsicherheit und machte ihm dann den Vorschlag, noch ein wenig hier draußen sitzenzubleiben und die angenehme, klare Sommernacht zu genießen. Und wie schon einige Male zuvor, kuschelte er sich dabei ganz dicht an mich heran, wohl genau wie ich erleichtert darüber, dass wir offen darüber geredet hatten und ich ihm seine Bedenken hatte nehmen können.
„Danke, Henry“, hörte ich ihn ganz leise flüstern, als wir uns ein wenig zurücklehnten und spürte, wie er mir einen Kuss auf die Wange gab. „Danke für dein Verständnis. Ich liebe dich“.
„Ich dich auch, Noah“, antwortete ich zufrieden und entspannte mich, während wir zusammen auf das funkelnde Wasser hinausschauten. „Ich dich auch“.

Die Morgendämmerung war fast schon herangebrochen, als wir uns schließlich gemeinsam in unser Zelt zurückzogen, nachdem uns einige Zeit zuvor die Müdigkeit übermannt hatte und wir einfach hier draußen eingeschlummert waren.
Aber das hatte mich nicht sonderlich gestört. Vielmehr ganz im Gegenteil: Es hatte mir überaus gut gefallen, hier draußen mit ihm zu übernachten, die schöne Sommernacht zu genießen und ihm einfach nahe zu sein. Und ich war auch mehr als gerne dazu bereit, so etwas bei Gelegenheit noch einmal zu wiederholen. Denn auch wenn diese Nacht völlig anders gelaufen war als er und ich es erwartet hatten, so war sie trotzdem etwas ganz Besonderes gewesen – um ehrlich zu sein, sogar die schönste, die ich seit langer, langer Zeit erlebt hatte.
Dass dies jedoch längst noch nicht alles gewesen sein sollte, ahnte ich selbstverständlich nicht, als ich mich ganz langsam aufrappelte, um ihm nach drüben zu unserem Zelt zu folgen – und ebenso wenig, dass unser offenes, ausführliches Gespräch von heute Nacht viel mehr in ihm ausgelöst hatte als ich mir überhaupt vorstellen konnte.
Stattdessen freute ich mich einfach nur über die schöne Zeit, die wir verbracht hatten, über seine Aufgeschlossenheit und seine ehrlichen Worte, während wir zusammen hinüber zu unserem Zelt liefen und schließlich hineinkrochen, um die letzten paar Stunden, bis wir wieder nach Hause aufbrechen würden, noch ein bisschen gemütlicher zu verbringen.
Das bedeutete selbstverständlich nicht, dass es unten am See ungemütlich gewesen war – nein, vielmehr ganz im Gegenteil. Aber nachdem wir uns nun schon einmal die Mühe gemacht hatten, alles aufzubauen und herzurichten, da wollten wir auch noch ein bisschen zelten. Wenngleich vielleicht ein klein wenig anders als wir es uns am Anfang vorgestellt hatten.
Gentlemanlike überließ ich ihm natürlich den Vortritt, ehe ich selbst in das Innere des kleinen Zeltes schlüpfte und es mir im Anschluss darin gemütlich machte, währenddessen nach dem Rucksack tastete, den ich mitgenommen hatte und in dem unser kleines, improvisiertes Frühstück verstaut war, bei dem es sich im Grunde lediglich um ein paar Süßigkeiten und Limonade handelte.
Rasch kramte ich ein wenig herum, stieß dabei auch unweigerlich auf die Kondompackung, die ich sicherheitshalber mitgenommen hatte – und erinnerte mich dabei natürlich wieder an unsere offene, ausführliche Unterhaltung, im Zuge derer ich ihm versprochen hatte, ihm alle Zeit zu geben und so lange zu warten, bis er sich wirklich bereit dazu fühlte, diesen Schritt mit mir zu machen.
Dass ich jedoch nicht der einzige war, der sich vorbereitet hatte, ahnte ich in dem Moment selbstverständlich noch nicht, holte stattdessen einen kleinen Schokoriegel aus meinem Rucksack hervor und warf ihm dann einen kurzen Blick zu. „Hunger?“, fragte ich mit einem Lächeln und hielt ihn ihm entgegen, nicht ahnend, dass er mich gleich ziemlich überraschen würde.
Denn anstatt ihn anzunehmen, schob er meine Hand sacht beiseite und krabbelte dann ein bisschen näher an mich heran und erwiderte mein Lächeln – allerdings auf eine Art und Weise, die ich nicht wirklich deuten konnte. „Hmm... ja“, räumte er dann ehrlicherweise ein und beugte sich ganz dicht an mein Gesicht heran. „Ja, hab ich. Allerdings... nicht auf Schokoriegel“.
Und noch ehe ich recht wusste, wie mir geschah, überraschte er mich mit einem langen Kuss und stupste mich mit seiner Nase an, wobei ich zunächst noch glaubte, dass es sich dabei um eine ganz harmlose, alltägliche Zärtlichkeit handelte, die er mir schon des öfteren geschenkt hatte.
Statt den Kuss aber nach einer Weile zu lösen, vertiefte er ihn von Augenblick zu Augenblick immer weiter, brachte schließlich sogar seine Zunge mit ins Spiel und umgarnte damit meine eigene ganz geschickt – etwas, das bislang zugegebenermaßen nur sehr selten passiert war.
Und auch wenn es mich einen kurzen Moment lang irritierte, dachte ich mir nichts weiter dabei und erwiderte es stattdessen einfach – zumindest so lange, bis ich auf einmal seine Hand auf mir fühlen konnte, die sich bedächtig und langsam über meinen Körper streichelte, mich auf eine Art und Weise berührte, die ich so noch überhaupt nicht erlebt hatte. Und als sie sich schließlich unter mein Shirt schob und meine Haut berührte, realisierte ich langsam aber sicher, dass irgendetwas gerade völlig anders war als sonst, dass er es nicht nur darauf abgesehen hatte, sich ein bisschen mit mir zusammenzuschmusen.
Und wenngleich es sich unheimlich schön anfühlte, wenngleich ich diese Berührung von ihm sehr mochte, verunsicherte sie mich trotzdem und ich schreckte zurück – gerade deshalb, weil es so überraschend kam, weil ich nicht darauf eingestellt war und es mich daher auch ein bisschen überforderte.
Etwas abrupt brach ich den Kuss mit ihm schließlich ab und ging auf Abstand, sah ihn im Anschluss daran lange an und suchte in seinem Gesichtsausdruck eine Erklärung für seine plötzliche, unerwartete Annäherung. „Noah...?“, fragte ich ein bisschen nervös und musterte ihn, etwas irritiert von diesem Lächeln, das er da gerade auf den Lippen hatte.
„Was denn, Henry?“, antwortete er ganz gelassen und ruhig, so als wäre überhaupt nichts Besonderes daran. „Magst du es etwa nicht, wenn ich dich anfasse?“.
Er grinste ganz verspielt, als er das gesagt hatte, woraufhin ich nicht wirklich wusste, was ich erwidern, geschweige denn, wie ich mich jetzt verhalten sollte. Hatte er das gerade eben nur aus reiner Provokation gemacht? Oder war es Zufall gewesen? Um ehrlich zu sein: Ich hatte keine Ahnung. Ich wusste nicht wirklich, was es zu bedeuten hatte, geschweige denn, wie ich richtig darauf reagieren sollte.
„Ich... ich...“, stotterte ich ein bisschen dümmlich vor mich hin und wurde beinahe rot dabei – ganz besonders, als ich seine Hand erneut auf mir spüren konnte und sie vorsichtig damit begann, über meine Brust zu wandern.
„Gefällt dir das?“, erkundigte er sich mit einem Schmunzeln und schien es sehr amüsant zu finden, wie unbeholfen ich in diesem Augenblick war. „Magst du es, wenn ich dich berühre? Ich mag es nämlich sehr, Henry“.
Er musste kichern, als er das gesagt hatte, ließ durchschimmern, dass er tatsächlich meinte, was er sagte – und auch wenn ich nicht leugnen wollte, dass es mir überaus gut gefiel, hatte ich trotzdem ein bisschen Bedenken, ganz besonders darüber, wohin es führen würde, wenn ich es zuließ. Und ob es ihm am Ende vielleicht nicht doch Leid tun würde, wenn wir jetzt irgendetwas überstürzten.
Doch er ließ sich von meiner Unsicherheit gar nicht beirren, blieb stattdessen ganz nah an meiner Seite und schmunzelte mich zufrieden an, während seine Hand sich noch einmal ihren Weg unter mein Shirt suchte. „Magst du es?“, wiederholte er dann flüsternd seine Frage und zwinkerte mir verspielt zu. „Gefällt dir das, Henry?“.
„Noah...“, antwortete ich ein bisschen aufgeregt und hielt seine Hand auf, als sie nach oben zu meiner Brust gleiten wollte. „Warum...?“. Es gelang mir nicht, meinen Satz vernünftig zu Ende zu sprechen und ich brach wieder ab, fühlte mich trotz der unbestritten angenehmen Situation ziemlich nervös.
„Warum ich es mache?“, wollte er daraufhin schließlich wissen und schmunzelte mir zu. „Wolltest du das fragen? Nun... vielleicht deswegen, weil ich herausfinden möchte, wie du dich anfühlst. Ich möchte dich entdecken. Und ich wünsche mir auch, dass du mich entdeckst“.
Mit diesen Worten gab er mir noch einen ziemlich langen, intensiven Kuss, machte mir dann unmissverständlich deutlich, wie groß seine Sehnsucht war, wie sehr er dieses Gefühl erleben und spüren wollte.
„Ich hab ziemlich lange nachgedacht“, erklärte er mir, als er sich wieder von mir löste. „Über das, was du heute Nacht zu mir gesagt hast. Und ich habe festgestellt, dass ich einfach nicht mehr länger warten möchte. Ich bin bereit, Henry. Ich bin wirklich bereit dafür. Weil ich dir so sehr vertraue wie noch nie einem anderen Menschen. Ich fühle mich sicher bei dir. Absolut sicher“.
Mit diesen Worten schnappte er sich schließlich meine Hände, spürte wohl, dass ich mir nicht ganz sicher war, wie ich mich verhalten sollte, weswegen er mir diese Aufgabe einfach abnahm. „Ich möchte nicht mehr warten“, ließ er mich dann leise wissen und hielt sich dicht an mich gedrückt. „Ich möchte mich einfach nur fallen lassen und es mit dir erleben. Weil ich ganz genau weiß, dass es richtig ist. Du bist der Richtige, Henry“.
Abermals lächelte er ganz verspielt, ließ seine Neugier offen durchschimmern und schaffte es auf diese Art und Weise auch, mir meine eigene Unsicherheit ein bisschen zu nehmen. Denn was ich ihm vor kurzem unten am See gesagt hatte, das galt auch immer noch: Ich war dazu bereit, wenn er es auch war. Ich wollte ihm die Zeit geben, ihn nicht drängen oder überrumpeln, weil er ein viel zu wichtiger und besonderer Mensch für mich war. Und erst dann, wenn ich wirklich spürte, dass er sich sicher war, würde ich mich darauf einlassen. Und jetzt gerade, das musste ich gestehen, hatte ich dieses Gefühl tatsächlich.
Ich las es in seinem Blick, seinen Gesten, seinem Verhalten, dass sein größter Wunsch in diesem Moment einfach nur war, sich darauf einzulassen und es auszuprobieren. Konnte sehen, dass er mich wollte, dass es eine begehrende Leidenschaft war, die da gerade tief in seinen Augen brannte. Und deshalb war es vielleicht jetzt an der Zeit, meine Unsicherheiten einfach über Bord zu schmeißen und ganz auf mein Herz zu vertrauen. Mein Herz sagte mir nämlich, dass er absolut Recht mit dem hatte, was er sagte. Es fühlte sich gerade alles richtig an. Sogar so richtig wie noch nie irgendwann zuvor.
„Du bist dir sicher?“, fragte ich vorsichtshalber nochmals nach, inzwischen etwas beruhigter und entspannter. „Du möchtest es wirklich?“. „Ja, Henry“, bestätigte er mir ausdrücklich und lächelte zufrieden. „Ja, ich möchte es. Ich möchte dich. Ganz nah bei mir“.
Und nachdem er diesen Satz zu Ende gesprochen hatte, drehte er sich schließlich kurz herum und schnappte sich seinen Rucksack, zeigte mir ganz deutlich, dass auch er mit denselben Gedanken wie ich zu diesem Zeltausflug aufgebrochen war. Denn die Dinge, die er kurz darauf herausholte, schlossen jeglichen Irrtum vollständig aus – und gaben mir darüber hinaus auch zum ersten Mal einen kleinen Einblick in seine Sexualität: Verschiedene Spielzeuge und Hilfsmittel, die er wohl gerne für sich selbst benutzte, Gleitmittel, sowie darüber hinaus auch eine Packung Kondome, die auch ich vorsorglich eingeschoben hatte, um vorbereitet zu sein. Und ehrlich gesagt, während ich mir den Inhalt des kleinen Rucksacks so anschaute, konnte ich schon ziemlich eindeutig fühlen, dass mir heiß wurde und sich anregende Gedanken in mir ausbreiteten, die dementsprechende Körperreaktionen auslösten.
Noah bemerkte das natürlich genau und musste schmunzeln – vermutlich deshalb, weil er sich schon ganz genau denken konnte, dass solche Hilfsmittel für mich ganz unbekanntes Neuland waren. „Glaubst du...“, wollte er dann wissen und stellte den Rucksack zwischen uns ab. „Du kannst dich damit auch anfreunden?“.
„Sind das... deine Sachen?“, erkundigte ich mich behutsam, auch wenn die Antwort natürlich schon ziemlich klar auf der Hand lag. „Das sind die Dinge, die du gerne magst?“. „Mhm“, stimmte er mir zu und fing dabei an zu grinsen. „Ja. Ja, das sind sie. Besonders...“.
Er hielt kurz inne und griff dann in den Rucksack hinein, um kurz darauf eines der darin befindlichen Utensilien herauszuholen und es mir zu zeigen. „...den hier“, ergänzte er dann und hielt mir das gute Stück entgegen. „Das ist mein absoluter Liebling. Mein bester Freund sozusagen. Und wir haben schon ziemlich schöne, aufregende Stunden zusammen verbracht“.
Ich betrachtete es einen Moment, ehe ich es ganz behutsam anfasste, beinahe so, als hätte ich Angst, damit etwas Falsches zu tun. „Ein Vibrator“, stellte ich nach kurzer Inspektion fest und sah abermals ein ziemlich angenehmes Bild vor meinem inneren Auge ablaufen. „Ist der... zur... naja... zur...?“.
„Klitoralen Stimulation?“, wollte er ein bisschen entzückt wissen und kicherte. „Ja, genau. Richtig erkannt. Und er hat mir schon ziemlich oft dabei geholfen, sehr schöne und angenehme Gefühle zu erleben. Ich mag es nämlich sehr, wenn man mich auf diese Art und Weise reizt“.
Sein Lächeln verschwand für einen Augenblick, als er das gesagt hatte, beinahe so, als wäre das irgendetwas Unrechtes oder gar Falsches.
„Du...“, erklärte er mir dann noch einmal und zuckte etwas unsicher die Schultern. „Du weißt ja, wie es bei mir da unten aussieht, oder?“. „Ja“, stimmte ich ihm rasch zu und legte den Vibrator wieder zurück in den Rucksack. „Ja, das weiß ich. Aber das ist doch völlig okay. Du musst dich mit deinem Körper gut fühlen und zufrieden sein. Das ist doch das Wichtigste“.
„Naja... schon“, entgegnete er zurückhaltend und senkte seinen Blick zu Boden. „Schon, Henry. Und ich möchte auch niemals etwas daran ändern. Und natürlich haben wir auch schon mal darüber gesprochen. Aber trotzdem weiß ich überhaupt nicht, wie das für dich ist – und ob du tatsächlich so gut damit klarkommst wie du glaubst“.
Er seufzte ein wenig bedrückt, als er das gesagt hatte, zeigte ungeschminkt, dass er ziemlich große Bedenken deswegen hatte und sich unsicher war, wie ich damit umging, dass er anders ausgestattet war als meine Ex-Freunde. Und natürlich musste ich offen zugeben, dass mir die Erfahrung fehlte, um es wirklich beurteilen zu können, dass ich tatsächlich nicht wusste, wie es sein würde – aber selbst bei aller Engstirnigkeit konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass ich ein Problem damit haben würde. Schließlich war er doch ein unglaublich attraktiver, einzigartiger Mann. Und ob da unten jetzt ein Penis hing oder nicht – das änderte für mich rein gar nichts daran. Ich wollte ihn trotzdem. Liebte ihn trotzdem. Und das einzige, wovor ich diesbezüglich tatsächlich Angst hatte, war ihm unangenehm zu sein oder etwas zu tun, bei dem er sich unwohl fühlte. Aber doch nicht vor seiner abweichenden Ausstattung.
„Ob ich damit klarkomme?“, fragte ich schließlich nach und musterte ihn kurz, als ich merkte, dass er deswegen ziemlich nervös war. „Du meinst, dass du eine... ähm... Vagina hast?“.
Ich räusperte mich leicht, als ich das gesagt hatte, und schaute ihn dann ein bisschen verlegen an. „Entschuldige“, meinte ich leise und streichelte bedächtig seine Hand. „Ich weiß, dass du dieses Wort nicht so gerne magst“.
„Schon in Ordnung“, meinte er verständnisvoll und erwiderte leicht mein Streicheln. „Ich musste mich da auch erst umgewöhnen. Also mach dir keinen Kopf, okay?“. Er lächelte kurz, dann wurde er wieder ernst und konfrontierte mich abermals mit seinen Bedenken. „Du hast gesagt, es wäre kein Problem für dich“, meinte er dann schließlich und musterte mich für ein paar Sekunden. „Und dass es für dich nichts ändert, was da unten ist oder nicht. Aber meinst du ehrlich, dass du... das könntest? Würde es dich nicht ekeln, wenn du mich so sehen würdest? Oder wenn wir... mehr machen würden? Sei ganz ehrlich, Henry“.
Ach Noah, dachte ich etwas entzückt von seiner Unsicherheit und hätte am liebsten gekichert, weil es irgendwie total niedlich war. Er dachte tatsächlich, dass ich Ekelgefühle haben oder mich gar davon abschrecken lassen würde, dass er anders war als meine beiden Ex-Freunde. Und ja, natürlich mochte es wohl stimmen, dass ich keine Erfahrung damit hatte, dass ich mich wohl erst darin einfinden und daran würde gewöhnen müssen, dass seine Ausstattung von dem abwich, was ich kannte.
Aber das war doch noch lange kein Grund mich zu ekeln – oder gar ein Problem damit zu haben. Und selbst wenn ich vielleicht Zeit brauchen und es neu für mich sein würde, änderte das doch nichts an meinen Gefühlen für ihn oder daran, dass ich es mit ihm probieren wollte. Denn erstens war ich, seit ich ihn kannte, ohnehin viel aufgeschlossener und weitsichtiger geworden, was Geschlechterdenken anging. Zweitens hatte es in meiner Fantasie durchaus viele, unglaublich schöne Seiten, die ich mehr als gerne zu entdecken bereit war. Drittens liebte ich ihn viel zu sehr und fühlte mich zu wohl mit ihm, als dass irgendsoein unwichtiges Genital mir die Stimmung verderben oder mich gar abschrecken konnte. Und viertens würde ich an diesem Neuen, Unbekannten vielleicht sogar meinen Gefallen finden und feststellen, dass es auch auf diese Weise unheimlich schön und aufregend sein konnte.
Denn aufregend würde es werden. Da war ich mir jetzt schon absolut sicher. Und deshalb waren seine Gedankengänge und Ängste auch vollkommen unbegründet. Schließlich kam es mir auf ihn an, auf seine Person, auf den Menschen, der in ihm steckte. Und ganz gleich, was auch immer die Gesellschaft sagte oder behauptete – nur wegen dieser abweichenden Ausstattung war er nicht mehr oder weniger Mann als alle anderen. Und falls, ausdrücklich falls, ich tatsächlich nicht klarkommen würde, dann konnte ich das ganz offen mit ihm kommunizieren – und mich nicht vorher schon abschrecken oder verrückt machen lassen. Aber das würde sowieso nicht passieren. Da war ich mir trotz meiner mangelnden Erfahrung mit Transmännern absolut sicher.
„Hey“, sagte ich schließlich zu ihm, nachdem ich meine Gedanken beendet hatte, und streichelte ihm vorsichtig über den Arm. „Was ist denn los, Noah? Warum bist du auf einmal so ängstlich? Wir haben doch schon mal ganz offen darüber geredet, oder? Hab ich dir nicht gesagt, wie ich dazu stehe?“.
„Hmm... doch“, erwiderte er leise und seufzte kurz. „Doch, schon, Henry. Aber darüber reden und es tatsächlich tun sind zwei paar Schuhe. Und auch wenn du in der Theorie vielleicht offen dafür bist – in der Praxis sieht es möglicherweise ganz anders aus. Und was ist, wenn du dann...?“.
Bevor er in der Lage war, seinen Satz zu Ende zu sprechen, legte ich ihm meinen Finger an die Lippen und brachte ihn zum Schweigen, lächelte ihn noch einmal aufrichtig an. „Kein Wenn“, erklärte ich ihm und machte eine demonstrative Geste. „Und auch kein Aber. Ich liebe dich, Noah. Und ich liebe auch deinen Körper. So wie er ist. Ein bisschen was davon hast du mir ja schon gezeigt. Und ich fand ihn wunderschön und einzigartig. Und genauso werde ich auch den Rest von dir wunderschön und einzigartig finden. Darum tu mir jetzt bitte einfach einen Gefallen, okay?“.
Behutsam entließ ich seinen Mund wieder in Freiheit, damit er mir antworten konnte, und rückte dann noch einmal dicht mit ihm zusammen. „Schalt einfach den Kopf aus“, bat ich ihn flüsternd und begann währenddessen damit, ihn ein bisschen zu berühren – genau wie er es kurz zuvor bei mir gemacht hatte. „Hör einfach nur auf dein Gefühl. Und dann wirst du schon sehen, dass das alles ganz von alleine geht“.
Mit diesen Worten offerierte ich ihm wieder einen Kuss, drückte ihn dabei mit meiner Hand ganz langsam nach unten und wies ihn dazu an, sich einfach fallen zu lassen und alles andere zu vergessen. Und auch wenn er noch einen Augenblick lang zögerte, ließ er sich schließlich darauf ein und legte sein ganzes Vertrauen vollständig in meine Hände, die sich spielend leicht über seinen Körper bewegten, ihn streichelten, reizten und verführten.
Und nur wenige Augenblicke später, im matten Licht der aufgehenden Sonne, geschah es schließlich mit uns, erlagen wir zusammen der geradezu magischen Anziehung, die in der Luft lag und uns vollständig in sich einhüllte.
Wir berührten uns inniger, immer näher und tiefer – bis schließlich auch die Hüllen schrittweise fielen und ich so die Möglichkeit erhielt, seine unvergleichliche, einzigartige Schönheit zum allerersten Mal ganz ungeschminkt bewundern zu dürfen. Und wie schon erwartet wurde ich fast von ihr geblendet, von dieser reizvollen, einmaligen Ausstrahlung, die er besaß.
Langsam tasteten wir uns immer weiter, spielten meine Hände eine Melodie auf seiner weichen, warmen Haut, die so makellos und rein war, so zart und überwältigend schön, dass sie mir beinahe den Atem raubte. Und nach anfänglichem Zögern, nach unsicherer Beobachtung und Empfindung begann er damit, es zu erwidern, umgarnte und liebkoste mich auf dieselbe Art und Weise wie ich ihn, fielen wir immer tiefer in unser Gefühl hinein, bis schließlich auch noch die letzten Barrieren zwischen uns entzwei brachen und ich zum allerersten Mal sah, was für ein wunderschöner, besonderer Mann er war. Der aufregendste, den ich je in meinem Leben kennengelernt hatte.
Und als es dann schließlich passierte, als unsere Leidenschaft die Oberhand gewann und wir miteinander schliefen, da wusste ich endlich, dass das der Moment war, nachdem ich mein ganzes Leben lang gesucht hatte.

Der Tag war inzwischen herangebrochen und tauchte die Welt draußen in ein helles, gleißendes Licht, während ich hier drin im Zelt lag, die Augen leicht geschlossen und meine Atmung gleichmäßig und ruhig, um den Nachklang der Gefühle, die ich gerade eben mit Noah geteilt hatte, so lange wie nur irgendwie möglich spüren zu können.
Er hatte sich ein bisschen an mich geschmiegt, sich fast wie ein junges Kätzchen zusammengerollt – und war mit seinen Gedanken in genauso endlos weiter Ferne wie ich selbst, offensichtlich auch noch immer nicht in der Lage dazu, zu begreifen, was da gerade zwischen uns passiert war. Dass wir tatsächlich die Grenze gesprengt und uns aufeinander eingelassen hatten, uns bedingungslos vertraut und alles gegeben hatte, was uns zu geben möglich gewesen war – noch viel schöner und überwältigender als ich es mir jemals hätte träumen lassen.
Ich konnte es nicht fassen. Ich konnte es einfach nicht so richtig fassen. Konnte nicht glauben, wie überwältigend es gewesen war, wie intensiv und nah ich es erlebt und empfunden hatte – so sehr wie noch niemals zuvor in meinem gesamten Leben.
Und wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich doch glatt gedacht, dass ich mir das alles lediglich einbildete, dass es nur ein Wunschtraum war, der meiner lebhaften Fantasie entsprang und sich bald in den Fluten der Realität verlieren würde.
Aber dieser Gedanke zerwarf sich vollkommen, sobald ich meinen Blick ein bisschen zur Seite gleiten ließ und ihn erblickte, seinen wunderschönen, einzigartigen Körper erblickt hatte, der mir Dinge gezeigt und gegeben hatte, die sich mit nichts auf der Welt vergleichen ließen. Sobald ich seine Augen erblickte, in denen eine tiefe, innere Gelassenheit und Entspannung ruhte, die mir vermittelte, dass er sich in diesem Moment so fühlte wie ich, dass auch er unsere Begegnung bis zum allerletzten Augenblick und in vollen Zügen genossen und ausgekostet hatte.
Er strahlte. Ja, er strahlte wirklich. Sein ganzes Gesicht, seine gesamte Haltung drückten unmissverständlich aus, was in dem Augenblick in ihm vorging, wie unbeschwert und federleicht er sich fühlte – und dass er genau wie ich den tiefen Wunsch danach hegte, die Zeit anhalten und für immer hier verweilen zu können. Denn wenn es den perfekten Moment, das Gefühl, endlich angekommen zu sein tatsächlich gab, dann hatten wir es hier und jetzt gerade gemeinsam entdeckt und gefunden. Und es war atemberaubend. Atemberaubend und unvergleichlich.
Ganz langsam und bedächtig suchte ich schließlich nach seiner Hand, während ich still neben ihm liegen blieb, seine warme Haut noch immer auf meiner eigenen fühlte, sowie auch diese tiefe, innere Verbundenheit, die mich dabei durchrauscht und mitten in ihren Bann gezogen hatte. Noah, dachte ich leise für mich und hätte am liebsten vor lauter Glück gelacht. Ja, er war es. Er war tatsächlich das, was ich auf dieser Welt niemals zu finden geglaubt hatte: Der Mann meines Lebens. Und ich schwor mich auch, alles in meiner Macht Stehende dafür zu tun, damit sich daran niemals mehr etwas änderte.
„Mh...“, murmelte er leise, als meine Hand ihn berührte, riss mich damit aus meinen Gedanken heraus und brachte mich dazu, mich noch einmal herumzudrehen und ihn anzusehen. Und auch wenn es sonst absolut nicht meine Art war, auch wenn ich an seinem Verhalten und seiner Reaktion eigentlich schon ablesen konnte, dass er sich gerade alles andere als schlecht fühlte, so wollte ich trotzdem auf Nummer sicher gehen und mich vergewissern, dass alles in Ordnung war und ich mir keine Gedanken um ihn machen musste.
„Alles... okay?“, wollte ich ein bisschen unbeholfen wissen und musterte ihn flüchtig, obwohl mir die Antwort im Grunde schon klar war. Doch anstatt etwas zu sagen, schaute er mich nur mit diesem durch und durch unbeschwerten Lächeln an und kam mir dann ein wenig näher, um mir einen Kuss auf den Mund zu drücken und mir dadurch zu zeigen, dass meine Frage völlig überflüssig gewesen war.
„Reicht das als Antwort?“, wollte er dann leise wissen und schmunzelte so glücklich wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte, ehe er sich ein kleines Stückchen an mich drückte und den Kopf auf meiner Schulter ablegte.
Daraufhin begann ich damit, ihn noch ein bisschen zu streicheln, seine Haut ein weiteres Mal mit meiner eigenen in Kontakt zu bringen, während ich mir überlegte, wie wir den Rest des Tages wohl verbringen würden. Denn eines stand bereits jetzt zweifellos fest: Ganz egal, was auch immer uns einfiel und was wir auch machten – mit diesem wunderschönen Moment jetzt gerade ließ sich absolut gar nichts vergleichen.
Noch ehe ich jedoch weiter darüber nachdenken konnte, hörte ich ihn ganz leise in mein Ohr kichern, seinen Gefühlen auf diese Art und Weise noch einmal Ausdruck verleihen. Und wieder konnte ich nicht anders als mich abzusichern und danach zu erkundigen, ob alles okay war – doch er lachte nur ganz heiter und zufrieden, stieß dann ein tief entspanntes, unbeschwertes Seufzen aus.
„Mein erstes Mal“, meinte er gedankenversunken und strahlte wie der Sonnenschein. „Mein allererstes Mal. Wow“. „Ja“, musste ich ihm unweigerlich Recht geben und schmunzelte glücklich. „Ja, das war es. Wow“.
„Danke, Henry“, entgegnete er leise und seufzte ein weiteres Mal auf. „Danke, dass du mir das geschenkt hast. Ich liebe dich“. „Ich liebe dich auch, Noah“, erwiderte ich flüsternd und drückte einen Kuss auf seine Wange. „Und ich hoffe, dass es ungefähr so war wie du es dir vorgestellt hast“.
Ja, natürlich klang diese Aussage ein bisschen dumm, das wusste ich. Aber er nahm es glücklicherweise ganz entspannt und locker auf und warf mir dann einen tiefen, langen Blick zu.
„Nein“, gab er im Anschluss ganz offen bekannt und schüttelte den Kopf, verunsicherte mich durch diese Reaktion tatsächlich einen Moment, ehe er mir wieder ganz nahe kam, so dicht, dass unsere Augen sich dabei fast schon berühren konnten. „Nein, war es nicht, Henry. Es war noch schöner. Noch tausendmal schöner“.
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