„Sayonara, Chuuya“

GeschichteAllgemein / P16 Slash
Chuya Nakahara Osamu Dazai
19.04.2020
04.05.2020
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19.04.2020 2.011
 
Chuuya ließ seine Hand genervt sinken. Da war man einmal so höflich und klopfte an die Tür anstatt sie aus den Angeln zu reißen und dann machte der Trottel nicht mal auf. Dabei musste Dazai in seinem Büro sein, es war kurz nach 6 und auch wenn der Braunhaarige nie wirklich die ganzen Formulare ausfüllte und Berichte schrieb, so tat er um diese Uhrzeit zumindest immer so. Mit einem ärgerlichen Schnauben griff er nach der glänzenden Türklinke und rief:
„Dann halt nicht!" , bevor er mit dem Gesicht voraus in die kalte Panzertür lief. Allem Anschein und auch seiner schmerzenden Nase nach, war sie abgeschlossen. Der Rotschopf rieb sich wütend und verwirrt zugleich das schmerzende Gesicht. Hätte Dazai das gesehen, würde er jetzt vor Lachen auf dem Boden liegen und sich über seinen Partner lustig machen. Doch Dazai war nicht da und laut der verschlossenen Tür nichtmal in seinem Büro. Der Mafioso beschloss, dass dies eigentlich nichts zur Sache tat, er würde die Berichte, die er brauchte, schon selbst finden.

Nachdem Chuuya, mithilfe seiner Fähigkeit, die Tür aus den Angeln befördert hatte, trat er ein. Chaos empfing ihn in dem dunklen Raum, in dem sich bis auf den Schreibtisch nur ein altmodischer Schrank, eine verstaubte Glasvitrine mit Wein und Whiskey und ein abgewetztes weinrotes Sofa befanden. Der dunkle Schreibtisch in der Mitte des Raumes war unter einer dicken Schicht Papierkram verborgen, fügte sich aber trotz der weißen Unordnung gut in den dämmrigen Schein des Zimmers ein. Chuuya trat näher und begann in dem Durcheinander nach den gewünschten Zetteln zu kramen, dabei fiel ihm eine hässliche grüne Flasche mit rotem Deckel auf, die einsam in dem noch hässlicheren Metallmülleimer weilte. Er gab einen verwunderten Laut von sich und griff nach dem mysteriösen Behältnis.

Spiritus.

Stirnrunzelnd hielt Chuuya die noch mehr als halbvolle Flasche in der Hand.
Wozu hatte Dazai die brennbare Flüssigkeit gebraucht? Ein Selbstmordversuch? Ging das überhaupt mit der Menge die fehlte?
Mit einem Schulterzucken beendete er seine Gedanken und ließ den Bottich wieder in den Metallkorb fallen. Langsam etwas sehr genervt von Dazais Unfähigkeit, Akten und Protokolle zu sortieren, wischte er in seiner Wut über die glatte schwarzmarmorierte Schreibtischplatte und einige Papiere flatterten fröhlich auf den sanft glänzenden Boden. Doch nicht nur die schwarzbeschriebenen und bedruckten Protokolle und Dokumente fanden ihren Weg in die Tiefe, sondern auch ein kleiner Gegenstand, der mit einem markanten Geräusch auf dem Boden aufschlug und noch gut einen Meter weiter schlitterte, bevor er zum Stehen kam.

Ein Feuerzeug.

Chuuya legte den Kopf etwas schräg, ging zu dem kleinen roten Quader und hob ihn auf. Ein Feuerzeug war nichts ungewöhnliches für seinen Partner, manchmal nach einem besonders nervenaufreibenden Auftrag, standen sie gemeinsam am Pier und rauchten zusammen, nicht häufig, aber es kam vor. Der Rothaarige musste wieder an die angebrochene Spiritusflasche denken.
Hatte sein Partner etwas verbrannt?
Was? Und wozu?
Eigentlich war es ihm herzlich egal, was Dazai tat, wenn er alleine war und wenn er sich das Zeug jeden Tag in den Whisky goss und sich das Feuerzeug in den Arsch schob, sollte ihm doch gleich sein. Mit einem gekonnten Wurf landete der kleine Gegenstand wieder auf dem Schreibtisch und Chuuya wandte sich dem altmodischen Schrank zu, dort lagerte der Braunhaarige alle wichtigen Papiere der schon etwas älteren Aufträge. Vielleicht hatte er aus Versehen das Dokument, das Chuuya suchte, bereits dort verstaut. Als er auf das Möbelstück zuschritt, fiel sein Blick auf einen kohlschwarzen Fleck auf dem dunklen Boden. Der Mafioso rümpfte die Nase und zog eine Schnute.
Was trieb der Typ für ein krankes Spiel mit ihm? Was war sein Ziel?
Wollte er ihn in den Wahnsinn treiben, nur um dann hereinspaziert zu kommen und ihn auslachen, weil er auf seinen dummen Scherz hereingefallen war?
Obwohl Chuuya den sich lachenden, windenden Dazai gut vor Augen hatte und ihm seine Handlung nur Genugtuung geben würde, konnte er nicht widerstehen und ging auf den Aschefleck zu, um das, was im Inneren des Verbrannten lag, aufzuheben. Chuuyas Hand begann zu zittern, als er das halbverbrannte Stück Stoff aus der Asche zog.
„Scheiße...scheiße Dazai das IST NICHT DEIN VERFICKTER ERNST!"

In Bruchteilen von Sekunden hatte der Befähigte das gesamte Büro in Trümmer geschlagen, nichts stand mehr an seinem üblichen Platz. Teurer Alkohol breitete sich auf dem glatten Fußboden aus, die Scherben der alten Flaschen lagen verstreut im ganzen Zimmer. Der einst anmutige Schreibtisch lag wie ein Käfer auf dem Rücken und streckte hilflos die Beine in die Luft. Papiere, die sich im Inneren der vielen Schubladen befunden hatten, bedeckten nun das Chaos, das im Raum herrschte, sogen die vielen Flüssigkeiten auf und färbten sich in den verschiedensten braun und rot Tönen. Mit einem wütenden Schrei schmiss Chuuya das Stück Stoff mitten in den verwüsteten Raum, das Stück, das einmal zum Mantel seines Partners gehört hatte.

Wutentbrannt stürmte der Befähigte aus dem großen Hauptgebäude, er wusste genau, wo Dazai sich aufhielt, er kannte ihn in und auswendig. Die jahrelange Teamarbeit hatte sie zusammengeschweißt, trotz all ihrer Streitigkeiten und Auseinandersetzungen gab es keinen, der den anderen besser kannte. Halb rennend, halb -durch seine Fähigkeit- schwebend stürmte der Rothaarige durch die Gassen Yokohamas. Die Gegend kurz vor dem Hafen gehörte der Mafia, kaum ein unbefähigter Zivilist wagte sich an diesen Ort. Chuuya bog um eine Ecke und stockte.

„Vertrau mir! Bitte, Chuuya einmal!"

Das erste Mal, das er Dazai sein Leben anvertraute. Damals hatte er nicht die geringste Ahnung gehabt, wie oft er das im Laufe der Zeit noch machen würde. Die alte Erinnerung fachte seine Wut weiter an und mit einem abwertenden Zischen begann Chuuya wieder zu rennen. Wie konnte der Schwachmat es wagen, die Organisation zu verlassen, er hatte nichts und niemanden, wo er hingehen konnte, die Mafia war sein Zuhause, die einzige Familie, die er besaß, wie war er auf den Gedanken gekommen einfach zu gehen?

Der wütende Mafioso erreichte die letzte Häuserreihe vor dem Hafen, einige Bars, in denen er dank Dazai Hausverbot hatte, befanden sich hier.

„Ach ja, die Kleine ist schon niedlich und schwimmen kann sie auch nicht, sie wäre sooo perfekt für einen Doppel-Selbstmord."
„Kannst du einmal über was anderes reden, als über deine ganzen Frauen? Über mich
zum Beispiel oder einen unserer Aufträge?"


Dazai hatte nie aufgehört, über seine Frauen und seine Selbstmordversuche zu sprechen. Nur wenn es einen interessanten Fall zu bearbeiten gab, verschwendete sein Partner nie ein Wort über seine Eigenart. Wie oft hatte er Chuuya mit diesem Verhalten an den Rand des Wahnsinns und weiter getrieben und wie oft hatte er Dazai mitten in der Nacht kurz vor dem Koma aus einer Bahr gezerrt, nur weil sich mal wieder eine Freundin verabschiedet hatte. Der Größere hatte immer Erfolg in der Damenwelt gehabt, nur geblieben waren sie alle nie lange. Chuuya biss sich auf die Unterlippe, warum fiel ihm der ganze Dreck jetzt wieder ein?

Als er die ersten rostigen Schiffscontainer sah, schwebte er leichtfüßig auf den ersten und bewegte sich nun von Container zu Container schwebend fort. Während er so von einem zum anderen sprang und immer wieder in die Tiefe starrte, fiel ihm eine weitere Situation ein, eine Situation, an die Dazai sich vermutlich kaum noch erinnerte.

„Dazai! Shit, halt bloß durch du Intelligenz Verweigerer... verreck mir bloß nicht, klar?!"

Chuuya hatte den Braunhaarigen damals, während eines hitzigen Kampfes, bewusstlos zwischen den Containern liegen sehen und es gab kaum etwas, das Dazai umhaute. Er erinnerte sich gut an die schwierige Aktion, ihn aus dem gefährdeten Gebiet zu evakuieren und an das Gefühl in ihm, als er danach zum Schlachtfeld zurückgekehrt war. Ohne seinen Partner hatte er sich nutzlos und schwach gefühlt, Kämpfe, die mit Dazai nur Sekunden dauerten, brauchten alleine ewig und es gab viel mehr Verluste auf der eigenen Seite. Der Mafioso stieß einen ärgerlichen Schrei aus. Pah! Ohne diese Dumpfbacke war er besser dran, damals war er einfach schwächlich und unerfahren gewesen. Chuuya sprang, landete elegant und leise auf dem betonierten Boden und starrte auf das dreckige Hafenwasser, in dem sich die untergehende Sonne rotgold spiegelte. Der Gedanke an die Auseinandersetzung mit Dazai, die vor gar nicht langer Zeit hier stattgefunden hatte, ließ sein Herz schmerzhaft pochen. Er hatte nicht beabsichtigt, seinen Partner so zu verletzen.

„Komm klar, Dazai! Tote in unseren Reihen sind keine Seltenheit!"

Der Schmerz und der Zorn über seine Worte, der in Dazais schönen braunen Augen gebrannt hatte, überraschte ihn. Odasaku war ein sehr guter Freund des Größeren gewesen, doch dass das Ableben des Mannes Dazai so traf, damit hatte Chuuya nicht gerechnet.
Ob es bei der Aktion um den Verstorbenen ging? Stieg Dazai wegen diesem einen Todesfall aus?
Der Rothaarige wandte sich ab und lief langsam den Pier hinab. Als Chuuya um einen roten Container bog, entdeckte er den Braunhaarigen, er stand am Wasser und trug unbekannte Kleidung.

Dazai bemerkte den Mafioso erst, nachdem dieser vollständig hinter dem roten Kasten hervorgetreten war.

„Ich wusste, du würdest kommen, Chibi..."

Chuuya starrte Dazai an, normalerweise wäre er bei seinem Spitznamen sofort an die Decke gegangen, doch jetzt in diesem Moment blieb die übliche Wut fort.
Er war sprachlos, er wusste nicht, was er sagen sollte. Was war in diesem Moment angebracht?
Sein Partner drehte sich wieder zum Wasser und starrte an den Horizont, an den Punkt, wo Himmel und Erde sich trafen.

„Was soll das?", hauchte Chuuya. Eigentlich wollte er patzig oder beleidigt sein, doch es ging irgendwie nicht. Dazai strahlte etwas aus, das ihn nervös machte, ihm fast sogar Angst einjagte.
„Ich gehe." Der Rothaarige wollte zu einer
Frage ansetzen.
„Alleine. Und niemand wird mich daran hindern." Der Größere hatte Chuuya unterbrochen, seine Stimme war ruhig. Noch immer wusste der Mafioso nicht, was er sagen sollte und Dazai machte seine Sprachlosigkeit mit jedem Wort, das er sprach nur noch schlimmer.
„Erst wollte ich, dass du es gar nicht erfährst, anschließend habe ich es dem Zufall überlassen. Wärst du nicht aufgetaucht..."
Enttäuschung mischte sich plötzlich in Chuuyas Gefühlschaos.
„Was soll der Mist?! Bin ich dir so egal? Habe ich es nicht verdient, über so etwas Bahnbrechendes informiert zu werden? Natürlich nicht, der ach so tolle Dazai Osamu braucht ja niemanden, alle in seinem Umfeld sind bloß Marionetten, die er nach seiner Pfeife tanzen lässt! Was glaubst du, warum dich kein Arsch aushält, hn?!"
Er konnte nicht anders, er war einfach sauer und verstand Dazai nicht. Der Ex-Mafioso drehte sich um und bewegte sich ein paar Schritte auf seinen ehemaligen Partner zu.

„Chibi, du denkst auch nicht nach, bevor du sprichst, was? Ich wollte dir nicht davon erzählen, weil ein Austritt aus der Mafia kein Schulwechsel ist. Mori wird nach mir suchen lassen, er wird mich tot sehen wollen, sobald er weiß, dass ich euch verraten habe."

Er hatte recht.

Chuuya ärgerte sich plötzlich sehr über seine unüberlegten Worte, eigentlich wollte er irgendetwas erwidern, irgendwas, das seine vorherige Wut rechtfertigte, doch der Rothaarige starrte den Größeren einfach nur mit leicht geöffnetem Mund an, unfähig etwas zu sagen oder sich von den schmerzerfüllten braunen Augen zu lösen, die ihn anblickten. Dazai legte seinen Zeigefinger unter Chuuya's Kinn und fuhr vorsichtig über die trockenen Lippen des Anderen.
„Ich verspreche dir, in ein paar Jahren bin ich wieder da. Nicht bei der Mafia, aber wieder in der Stadt."
Während er dies flüsterte, kam er Chuuya immer näher, den letzten Satz hauchte er ihm nur noch leise zu, bevor er seine Lippen auf die des Anderen legte und ihn vorsichtig, fast schon schüchtern küsste.

„Sayonara, Chuuya."

Nach diesen zwei Worten ließ er den Kleineren stehen, verschwand einfach zwischen den Containern und ließ Chuuya aufgewühlt und verwirrt am Wasser zurück.
Nach ein paar Minuten, die der Mafioso regungslos da stand, berührte er wie in Trance seine Lippen, versuchte verwirrt das Gefühl, das Dazai dort hinterlassen hatte, einzufangen. Stumm stand er dort, den Zeigefinger auf seiner Unterlippe. Die erste Träne fand den Weg aus seinen schönen blauen Augen. Und so verblieb Chuuya noch eine ganze Weile, weinte leise schluchzend vor sich hin, ohne Plan,was jetzt kommen würde.



Fortsetzung folgt...
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