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Willkommen auf Horseland

OneshotFreundschaft / P12 / Gen
19.04.2020
13.09.2021
8
9.901
4
Alle Kapitel
12 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
08.03.2021 1.210
 
Hey,
hier das Kapitel zu Will.
Warung: Hier wird der Verlust von Nahestehenden Menschen in Folge eines Autounfalls thematisiert. Wenn ihr damit Probleme habt, bitte nicht lesen.
Lg
Cruella de Vil
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Still saß William im Auto. Den Kopf gesenkt, betrachtete der Neunjährige seine Hände. Sie waren kalt und die Innenseite voller Schürfwunden und Kratzer, welche sich seinen Unterarmen hinaufzogen und schließlich unter den Ärmel seines Schlamm verschmierten Pullovers verschwanden.
Tranceartig fuhr Will einen dieser Kratzer nach. Er fühlte sich so surreal an. Wie gerade alles um ihn herum: Das Polizei-Auto in dem er saß, die beiden Polizisten auf den vorderen Sitzen, die Dame zu seiner rechten vom Jugendamt und der Notfall-Seelsorger wiederum zu ihrer rechten.
„Hey, möchtest du nicht doch ein Verband für die Hände haben? Ich habe da einen ganz schicken mit Elefanten.“, hörte der Junge die Frau neben sich die bedrückende Stille durchbrechen. Beinahe schon trotzig verschränkte Will die Arme und erntete ein leichtes Seufzen.
„Lassen Sie ihn. So ein traumatisches Ereignis ist nicht leicht. Insbesondere nicht für Kinder. Die verstehen das Geschehene noch nicht.“, mischte sich nun auch der Seelsorger ein. Will schnaufte. Und ob er es verstand. Seine Eltern und seine Schwestern sind gestorben. Vor nicht einmal 24 Stunden. Er verstand es. Zumindest sein Kopf. Aber sein Herz wollte es noch immer nicht begreifen. Er sollte seine Lieblings-Menschen nie wieder sehen? Nie wieder den spannenden Geschichten seines Vaters lauschen? Nie wieder von seiner Mutter durch gekitzelt werden? Nie wieder sich mit seiner 7 Jährigen Schwester Clara streiten? Nie wieder das fröhliche Glucksen seiner 4 Jährigen Schwester Lisa hören?
„Du darfst ruhig weinen, William. Das muss dir nicht peinlich sein.“ Schon wieder die Stimme der Jugendamts-Mitarbeiterin. Will wollte und konnte aber nicht weinen. Es war, als würde irgendetwas in seinem Kopf blockieren. Als müsse er das ganze Ausmaß erst richtig begreifen. Anstatt einer Antwort, sah der Junge stumm aus dem Fenster.  Augenblicklich zuckte er zusammen, als ihm die Erinnerungen einholten.

Flashback
„Und wenn wir bei Grand-mére sind im Sommer, werde ich mein Marienkäferkleid mit diesen Schuhen anziehen.“, stolz hielt die blonde siebenjährige ihre schwarzen, glitzernden  Sneaker zwischen die Vordersitze nach vorne, um sie ihren Eltern zu präsentieren.
„Das passt ja auch super zusammen.“, kam schon das erwartete Lob der Mutter, während der Familienvater auf der Autobahn die Spur wechselte.
„Finde ich auch, oder Willi?“, beifallserhaschend sah Clara ihren älteren Bruder an. Dieser schob allerdings nur unwirsch den Fuß aus „seinem“ Fußraum. In der Mitte, zwischen seinen beiden Schwestern, hatte der Neunjährige eh nicht genügend Beinfreiheit, fand er.
„Ich will nicht zu Grand-mére diesen Sommer. Das ist da so langweilig! Wieso fahren wir nicht zu Onkel John? Pferde sind echt viel besser als die Wohnung von Grand-mére, die riecht , wie dieser komische Duftladen.“
„Du meinst Douglas?“, bei dem Vergleich stahl sich ein leichtes Grinsen auf das Gesicht von Will´s Vater. Als seine Lebensgefährtin dies sah, schlug sie ihn leicht gegen den Arm und wandte sich dann zu ihrem Sohn um.
„Wir hatten das Thema schon. Grand-mére freut sich darauf, euch mal wieder zusehen. Und Pferde hast du Zuhause schließlich genug. Nehme dir ein Beispiel an Lisa. Sie strahlt jedes Mal, wenn sie Grand-mére sieht.“
„Lisa ist vier Jahre alt und freut sich nur auf die Kekse. Dabei macht Tante Eva-Marie viel bessere.“
Die dreifache Mutter seufzte leise. Es hätte keinen Sinn, weiter zu diskutieren. Für Willi waren die Handlers unangefochtene Engel in Menschengestalt.
„Tante Eva?“, erwartungsfroh strahlend sah Lisa sich suchend um und erntete einen bedeutungsvollen Blick von ihren Bruder.
Ihre Mutter musste sich allerdings nun ein kleines Lächeln verkneifen.
„Ich habe euch alle ganz doll lieb, wisst ihr das?“
Will sah, wie sein Vater ebenfalls etwas sagen wollte. Ein lautes Klirren unterbrach den Moment. Ein großer Stein flog von der obigen Autobahnbrücke, durchbrach die Windschutzscheibe des Autos und traf den Familienvater an Brust und Hals. Ein leisen Röcheln verließ den Körper des Mannes, während sein schlaff werdender Körper das Lenkrad veriss. Schrill schrie die Mutter auf. Wie in Zeitlupe durchbrach der Kombi die Leitplanke und rutschte den Steilen Abhang hinunter. Will, welcher nur durch den Bauchgurt gesichert war, merkte wie er plötzlich aus deinen  Sitz rutschte. Verzweifelt versuchte er sich fest zu halten. Erwischte aber nur die aufgesplitterte Windschutzscheibe. Gras und Moos federten seinen Aufprall ab. Erschreckt hob der Junge den Kopf und sah den Wagen mitsamt seiner Familie gen Abgrund fallen.


„Und Sie glauben, die Familie wird den Jungen aufnehmen?“, die besorgte Frage eines Polizisten durchbrach Wills Gedankengang.
Diese schien die Jugendamts Mitarbeiterin etwas zu verunsichern.
„Nun ja, wir haben die Familie Handler auch nach mehrmaligen Versuchen nicht telefonisch erreicht. Aber es ist der einzige Anhaltspunkt zu lebenden Verwandten, den wir momentan haben. Und in seinem Zustand ist William bei Menschen, welche er kennt, am besten aufgehoben.“
Zustimmendes Nicken seitens des Seelsorgers folgte.
Nach einer weiteren halbstündigen Fahrt, bog das Polizeiauto auf Horseland ein. Wehmütig betrachtete Will den Hof, auf den er einen Teil seiner Kindheit verbrachte. Nun sollte das wirklich sein neues Zuhause werden?
„Sie warten bitte mit dem Jungen im Auto. Ich glaube es ist besser, wenn wir erst mal alleine mit der Familie reden.“, wies der Seelsorger an und kurze Zeit spätere waren Will und die Dame vom Jugendamt alleine im Wagen. Will beobachtete wie die drei Herren am Haupthaus klingelten. Als Eva-Marie die Tür öffnete und mit den Herren sprach, entwich Will ein leises Schluchzen. Nun verschwanden alle vier ins Innere des Hauses.
„Du darfst gleich rein, okay? Wir wollen es deiner Tante und deinem Onkel so schonend wie möglich beibringen. Hey, wohin möchtest du?“. Während der Worte der Frau, hatte sich Will abgeschnallt und ruckelte an dem Türöffner. Es war allerdings die Kindersicherung drin.
„Wir können noch nicht ins Haus.“, wurde sanft auf den Jungen eingeredet. Dieser deutet aber auf etwas, was relativ nah am Auto stand. In der hereinbrechenden Dunkelheit konnte die Frau einen Collie ausmachen.
„Du möchtest zum Hund? Er scheint irgendwie auf dich zu warten... Ihr beide kennt euch wohl. Okay, aber du musst mir versprechen nicht wegzulaufen, ja?“ Ungeduldig nickte der blonde und kaum war die Autotür offenen, rannte er zu Chef und vergrub sein Gesicht in dessen Fell. Stumm rannten ihn die Tränen über das Gesicht, während der junge Collie sich leise winselnd an den Menschen schmiegte. Will blendete alles um sich herum aus. Hockte einfach nur auf dem Boden und weinte. Plötzlich merkte er, wie jemand ihn hochnahm. William blickte in das weinende Gesicht seines Onkels. Sanft wurde er an die Brust gedrückt und wie ein kleines Kind hin und her gewogen. Ein zweiter Körper umarmte ihn von hinten. Will erkannte Eva. Marie. Nach einer Wile löste sich das Trio voneinander. Will wurde wieder auf den Boden gesetzt. Mit verweinten, aber ernsten Augen sahen die beiden Erwachsenen auf ihren Neffen.
„Möchtest du bei uns bleiben? Wir wissen, das ist eine total blöde Situation. Aber wir müssen wissen, ob du überhaupt hier sein möchtest? Wenn nicht, sind wir dir auch nicht böse, obwohl wir dich gerne....“ Will unterbrach Johns hilfloses Gerede, indem er seine Tante und seinen Onkel an den Händen nahm und Richtung Haus zog.
„Na dann, Willkommen auf Horseland.“, flüsterte ihn Eva ins Ohr und gab ihn einen Wangenkuss.
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