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Willkommen auf Horseland

OneshotFreundschaft / P12
19.04.2020
12.08.2020
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19.04.2020 1.035
 
Andächtig sah Nani aus dem Fenster. Sie dachte immer sie kenne die USA, aber solch ein Bild war ihr neu. Die Kleinstadt, welche sie vor ca einer halben Stunde verlassen hatten, verwandelte sich in eine  bergige Landschaft. Wälder und Felder wechselten sich ab und Flüsse und Seen durchzogen scheinbar wahllos die Landschaft. Rehe flitzten umher, Kaninchen suchten sich Futter und sogar einen Fuchs meinte das Mädchen im Dickicht entdeckt zu haben.
Noch eben war sie traurig gewesen. Traurig, dass ihr Vater in einem anderen Bundesstaat Arbeit fand und zusammen mit ihr, seiner Tochter und seiner Frau nach Tenesse zog. Traurig darüber, dass sie ihre Freunde in Oklahoma lassen musste und traurig darüber, dass sie nicht, wie sonst üblich, den ganzen Tag auf der Ranch ihres Onkels Charly verbringen durfte.
Ein Gutes hatte die Sache dennoch. Ihr Onkel schenkte vor ein paar Wochen dem Mädchen eines seiner Pferde. Ihr, schon seit etlichen Jahren, erklärter Liebling: Sunburst.  
Das Bild hinter dem Autofenster änderte sich. Zwischen den Landschaften tauchte ein dunkles Dach auf. Beim Näherkommen erschien unter dem Dach ein imposantes blaues Herrenhaus. Drumerheum sah Nani einen Pferdestall, ein Paddock, Weiden und etliche Schuppen und Gartenhäuser.
Das Schild, unter das sie hindurchfuhren, zierte den Namen „Horseland“.

„Und das sind meine Eltern.“ Benny und Nani waren gerade am Ende der Vorstellungsrunde angekommen. Sie befanden sich in dem Herrenhaus, in einem großen Speisesaal.
In dem Raum stand ein großgewachsener, muskulöser Mann mit braunen Haaren und braunen Augen. Er sah Benny ziemlich ähnlich. Ein dreitage-Bart zierte das sanfte Lächeln, welches auch seine Augen erreichte. Er hielt eine Frau in dem Armen, mit wilden, dunkelblonden Locken. Die dunkelblauen Augen glichen denen von Bennys und ihr Lächeln war breit und ansteckend.
„Hi, ich bin Eva-Marie und das ist mein Mann John. Willkommen auf Horseland.“

„Wir werden uns hier ganz bestimmt wohl fühlen.“ Zärtlich klopfte Nani Sunburst Hals. Der Schecke gab ein zustimmendes wiehern von sich.
Es war der Abend des Ankunftstag der beiden. Nachdem Benny Nani den Hof, inklusive Stallungen, Reitplatz, anliegenden Weiden und Haus gezeigt hatte, aß das Mädchen mit den anderen Teenagern noch zu Mittag und half beim Ställe ausmisten.
Inzwischen waren Alma, Molly, Sarah, Zoe und Chloe nach hause gegangen und auch Benny war Richtung Haupthaus verschwunden. Ein kurzer Blick auf ihre Taschenuhr verriet der Nachfahrin der Cherokkes, dass ihre Fahrgelegenheit erst in einer dreiviertel Stunde kommen sollte. Ihre Eltern wollten ihr am ersten Tag so viel Zeit wie möglich auf Horseland lassen.
„Wir könnten uns ein bisschen in der Umgebung umsehen, oder was meinst du Sunburst? Benny sagte, hier gäbe es eine Apfelbaumwiese ganz in der Nähe.“ Das Schnauben des Pferdes wertete das Mädchen als Zustimmung und zu legte sie dem Wallach die Zügel an. Ein heranfahrendes Auto lies das Pferd ruckartig den gesenkten Kopf hochnehmen, sodass seine Besitzerin im Dreck landete.
„Och man Sunburst.“, meinte diese nur, stand auf und führte ihn nach draußen. Außerhalb der Stallung, schwang sich das Mädchen auf den sattellosen Rücken.
„Ich wünschte wir könnten morgen beim Querfeldein-Wettkampf auch ohne Sattel reiten.“, seufzte sie und brachte ihr Pferd in den Schritt. Dabei wanderten ihre Gedanken immer wieder zu dem kleinen Wettkampf morgen. Wie wird er laufen? Wie gut ist Zoe wirklich?
Das plötzliche Halten von Sunburst ließ das Mädchen aus ihren Gedanken hochschrecken. Als sie sich nach einem Grund umsah, entdeckte sie neben ihrem Pferd einen Jungen, der Sunburst Zügel fest in der Hand hielt. Die andere behandschuhte Hand tätschelte beruhigend den Hals des Pferdes.
Hellblaue Auge schauten ernst zu ihren hoch. Das hellblonde Haar lugte teilweise unter dem schwarzen Cowboyhut hervor. Ein rotkariertes Hemd und eine schwarze Hose, sowie eine Kette mit einem Hufeisenanhänger, vervollständigten das Bild des Cowboys.
„Hey, was soll das?“, fauchte Nani. Niemand hatte das Recht, ohne sie zu fragen, Sundburst anzufassen.
„Nach Einbruch der Dunkelheit wird nicht mehr ausgeritten. Zumindest nicht alleine und nicht ohne Erlaubnis der Besitzer der Ranch. Vor allem wenn man neu ist und sich nicht auskennt und dazu noch sattellos.“, die sachliche Stimme des Jungen kennzeichnete ein Südstaatenakzent.
„Erstens: Wer sagt, dass das ich erlaubt ist? Zweitens: Woher willst du wissen, dass die Ranchbesitzer mir das nicht erlaubt haben? Wer sagt denn überhaupt, dass ich mich nicht auskenne? Und lasse gefälligst mein Pferd los“, der sowieso schon kurze Geduldsfaden des dunkelhaarigen Mädchens, schien durch die heutige Aufregung noch strapazierter zu sein als sonst.
„Erstens: Das sagen die offiziellen Regeln der Horseland Akademie. Zweitens: John und Eva-Marie erlauben so was nur in Ausnahmefällen. Es wimmelt hier in der Gegend von dämmerungs- und nachtaktiven Jägern. Dass du dich nicht auskennst, beweist alleine dieses fehlende Wissen.“, obwohl der Junge ihre Worte nachahmte, blieb seine Stimme noch immer ruhig und sachlich. Auch ihren Wunsch, Sunburst los zu lassen, befolgte er und steckte seine Hände in die Hosentasche.
„Ach du kannst mich mal....“, murmelte das Mädchen und trieb ihr Pferd voran, welches allerdings nur unsicher den Vorderhuf hob und dann wieder absetzte.
„Sunburst, was ist los?2 Dann sah Nani selber, dass ihr Gegenüber seine Schulter nur ein Stück vor ihr Pferd geschoben hatte. Diese kleine Geste reichte aus, um das Pferd am Weitergehen zu hindern.
„Du gehst mir echt tierisch auf die Nerven.“ Nanis Worte verursachten lediglich ein leichtes Schmunzeln.
„Okay!“, frustriert seufzte das Mädchen nach einigen Sekunden auf, „Dann gehen wir halt zu den Ranchbesitzern und fragen wer recht hat.“
„Ganz wie die Dame möchte.“, der Cowboy hatte sichtlich Spaß.  
„Ach übrigens.“, meinte dieser beim Betreten des Herrenhauses, nachdem sie Sunburst wieder in den Stall gebracht hatten, „Ich bin Will. Du bist Nani, richtig?“
Abrupt bliebt das Mädchen stehen und drehte langsam den Kopf in die Richtung von William.
„Will? William Taggert? Bennys Cousin? Der Vize Chef der Ranch? Mein zukünftiger Reitlehrer?“
„So ungefähr.“, grinste der blonde Junge und Nani schlug die Hände vor ihr Gesicht.
„Mist. Ich bin echt geliefert“, murmelte sie. Nun lachte Will leise.
„Ach was. Vergessen wir´s einfach, okay? Allerdings mit der Bedingung, dass du dir das Regelwerk von Horseland durchliest. Ich kann es dir gerne mitgeben. Deine Eltern müssten es aber mit den Anmeldeformularen bekommen haben.“
„Ich lese es mir durch.“, versprach Nani und nahm Will´s dargebotene Hand dankbar an.
„Na dann: Willkommen auf Horseland.“
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