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Interview mit einem Dunkelelfen

von Robidu
GeschichteAllgemein / P12 / MaleSlash
OC (Own Character) Piergeiron "Paladinsohn" Paladinstern
19.04.2020
19.04.2020
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1.583
 
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Prolog

Volothamp Geddarm war aufgeregt. Wann bot sich denn schon mal die Gelegenheit, sich mit einem Dunkelelfen zu unterhalten, und jetzt hatten sie einen direkt in Tiefwasser sitzen, ausgerechnet als der Offene Lord! Man konnte sich wirklich keine besseren Voraussetzungen für ein Interview wünschen!
Zugegeben, es hielten sich seit Längerem schon Gerüchte, daß es irgendwo in den Tiefen des Unterreiches eine ganze Stadt mit Dunkelelfen geben mußte, die so überhaupt nicht in das landläufige Bild, das man von ihnen hatte, paßten. Immerhin hatten gerade in letzter Zeit wiederholt irgendwelche Dunkelelfen in brenzligen Situationen eingegriffen. So war es anscheinend ihnen zu verdanken, daß ein Angriff von Drow auf eine elfische Ansiedlung vereitelt worden war und zudem einige elfische Sklaven aus den Händen der Drow befreit werden konnten. Kurz darauf hatte sich einer von ihnen in die Geschehnisse in Niewinter eingemischt, als die Stadt durch den Heulenden Tod arg gebeutelt gewesen war, und zu guter Letzt ein Komplott übelster Sorte aufgedeckt und vereitelt.

Darüber hinaus gingen Volothamp die Aussagen einiger Leute, die er auf seinen Reisen getroffen hatte, nicht aus dem Sinn. Wenn auch nur die Hälfte dessen, was er erfahren hatte, stimmte, handelte es sich bei diesen Dunkelelfen um treue Anhänger der Triade, also der Götter Tyr, Torm und Ilmater, wobei gerade Tyr bereits seit über elftausend Jahren dort verehrt wurde. Allerdings fragte er sich, wie das denn funktionieren sollte, da Tyr erst vor etwas über tausendsechshundert Jahren in den Reichen in Erscheinung getreten war. Wer erzählte hier also solch einen Unsinn? Einzig verwunderlich war, daß sich dieses Gerücht hartnäckig hielt, egal wie sehr die Gelehrten versuchten es aus der Welt zu schaffen.
Doch egal was er über diese Dunkelelfen herausfand, es wäre auf jeden Fall der Aufmacher für die Waterdhavian News! Da dürfte die komplette Auflage sicherlich innerhalb kürzester Zeit ausverkauft sein, weshalb er bei seinem Verleger lieber gleich eine größere Auflage bestellt hatte, im Bedarfsfalle auch als Extraausgabe, je nach Umfang der erhaltenen Informationen. Doch zuvor wollte er sich gründlich auf dieses bevorstehende Interview vorbereiten.

Nach den Erzählungen einiger Leute zu urteilen, gab es sehr wohl einige Dinge, die es beim Umgang mit diesen Dunkelelfen zu beachten, einerseits was ihre Gesellschaftsstruktur betraf – es gab keinen Adel, und jeder Bürger hatte bei ihnen offenbar ein Mitbestimmungsrecht – und andererseits ihre etwas eigentümlich anmutende Sprechweise. Anscheinend kannte ihre Sprache, eine Abart des De'shineth, einige grammatikalische Konstrukte nicht, die in anderen Sprachen vorhanden waren, was vielfach zu Verständnisschwierigkeiten bei ihnen führte. Dann wiederum gab es einige Besonderheiten in ihrer Variante des De'shineth, die sich nicht einfach so auf andere Sprachen abbilden ließen, was ebenso zu interessanten Übersetzungen führen dürfte. Doch glücklicherweise war der Dunkelelf der allgemeinen Handelssprache mächtig und konnte sich mittlerweile auch hinreichend gut auf Illuskisch verständigen, was die Sache deutlich vereinfachen sollte.
Worauf sie jedoch äußerst ungehalten reagierten, war die Bezeichnung „Drow“, die, so hatten die Gelehrten Tiefwassers mittlerweile herausgefunden, einen Verräter übelster Sorte bezeichnete. Woran das lag, konnte Volothamp bestenfalls erahnen, doch dies schien in der länger zurückliegenden Geschichte ihres Volkes begründet zu sein. Einzig was da jetzt genau vorgefallen sein möchte, entzog sich bisher seiner Kenntnis. Noch. Zwar war allgemein bekannt, welches Geschehen die Dunkelelfen zu dem gemacht hatte, was sie heutzutage waren, doch in irgendeiner Sache mußte sich die Geschichte dieser Dunkelelfen von der der übrigen unterscheiden. Sonst ließ sich die Treue zur Triade und die teils äußerst ungehaltenen Reaktionen, wenn man einen von ihnen als Drow bezeichnete, nicht erklären. Doch egal was es war, er gedachte, hier endlich Licht ins Dunkel zu bringen. Volothamp wäre nicht er selbst, wenn es ihm nicht gelang, dieses Geheimnis zu lüften!

Was zudem half, war die Tatsache, daß sie mittlerweile einen jener Dunkelelfen als Offenen Lord hatten. Dieser war ursprünglich alles andere als begeistert davon gewesen, jetzt zum Adel zu gehören, doch schien er sich mittlerweile in sein Amt hineingefunden zu haben. Jedenfalls war seine Hauptsorge der Schutz von Tiefwasser und die Bewahrung der Gerechtigkeit innerhalb der Stadt. Zugegeben, als Priester Tyrs war dieser wie geschaffen dafür, doch gab es eine Sache, die ihn dabei störte: Weshalb hielt er sich Piergeiron Paladinstern als Sklaven?
Auch hier war die Gerüchteküche natürlich fleißig am Köcheln gewesen, und wenn man dem Gesagten Glauben schenken durfte, dann war es wohl Piergeiron gewesen, der sich dem Dunkelelfen angeboten hatte. Doch weshalb sollte sich ausgerechnet ein Priester Tyrs auf so etwas einlassen? Oder anders ausgedrückt: Was war geschehen, das dies erklärlich machte? Also blieb nur zu hoffen, daß der Dunkelelf ihm diese Information gab.

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„Was macht Euch so sicher, daß die Leute diese Geschichte überhaupt lesen?“ Justin Tym wirkte nicht sonderlich überzeugt. Immerhin schien ihm das Ganze doch ein wenig zu abwegig zu sein. Schließlich konnte er den Ruf der Waterdhavian News mit einem unbedachten Artikel von einem Moment auf den anderen gründlich ruinieren. Immerhin hatte die Zeitung in Jahrzehnten den Ruf erworben, über das zehntägliche Geschehen akkurat zu berichten, ohne Schönfärberei, Ausschmückungen oder Auslassungen.Zugegeben, es gab auch noch andere Dunkelelfen, die nicht in das allgemeine Bild paßten, beispielsweise die Anhänger Eilistraees oder der Waldläufer Drizzt Do'Urden, doch diese waren nur wenige und zudem weit verstreut, so daß man nicht viele von ihnen zu Gesicht bekam. Aber daß jetzt einige zehntausend Dunkelelfen friedlich auf einem Haufen hocken und dazu ausgerechnet Götter der Menschen verehren sollten, erschien ihm äußerst absurd zu sein. Dies jedoch wollte Volothamps Enthusiasmus keinen Abbruch tun, und egal wie er auf den anderen einredete, dieser ließ sich von seinem Vorhaben absolut nicht abbringen!„Weil ich gedenke, den Leuten Informationen aus erster Hand zu liefern,“ erklärte der Autor trocken. „Immerhin hat sich Lord Khorim bereiterklärt, über seine Heimat und die dortigen Bewohner zu berichten. Wußtet Ihr übrigens, daß ein Bronzedrache dort unten lebt?“
„Wie bitte?“ Der Inhaber derWaterdhavian News schaute Volothamp an, als hätte dieser sich vor seinen Augen in einen schwarz-weiß karierten Hund verwandelt.
„Ihr habt mich schon richtig verstanden,“ meinte Volothamp grinsend. „Das ist eines der vielen Gerüchte, die mir zu Ohren gekommen sind. Könnte interessant sein zu erfahren, was ausgerechnet einen Bronzedrachen dazu veranlaßt hat, sich dort unten anzusiedeln.“
„Das ist doch vollkommen absurd,“ meinte Justin Tym konsterniert. „Das wäre ja in etwa vergleichbar mit einem Dämon, der sich zu Tyr bekennt!“
„Damit liegt Ihr gar nicht mal so falsch,“ erwiderte der Reporter. „Vergeßt nicht, daß die Triade bei diesen Dunkelelfen eine besonders starke Präsenz zu haben scheint. Das dürfte, denke ich, hervorragend erklären, weshalb diese nicht so geworden sind wie der Rest ihres Volkes. Eine Reise dorthin könnte sich als äußerst lohnend erweisen!“
Volothamp rieb sich die Hände. Irgendetwas sagte ihm, daß sein Artikel nicht nur von den Leuten gelesen werden würde, sondern einige von ihnen dürften im Anschluß sicherlich mehr wissen wollen. Anscheinend war es mal wieder Zeit, einen seiner Regionsführer zu schreiben!
Der Verleger wiederum hob eine Augenbraue. „Worüber denkt Ihr jetzt wieder nach?“
„Über mein nächstes Projekt,“ erwiderte Volothamp. „Ich denke, daß ich mir die Stadt dieser Dunkelelfen einmal genauer anschauen werde. Könnte interessant sein, was sich da so alles herausfinden läßt. Das werde ich dann in mein neues Buch packen: Volo's Guide to Hirathar!“
„Hirathar?“ Der Verleger wußte nicht, was sein Reporter damit meinte.
„Der Name der Stadt dieser Dunkelelfen. Der Beiname lautet ‚Die Strahlende‘.“
„Aber woher kennt Ihr den eigentlich, wenn sonst niemand überhaupt von der Existenz dieser Stadt geschweige denn ihrer Bewohner wußte?“
„Lord Nasher war so frei, mir mehr darüber zu erzählen, was da in Niewinter passiert war,“ meinte Volothamp süffisant. „Dabei hatte er einige Informationen über diese Dunkelelfen, insbesondere deren Hohepriester Tyrs, herausgerückt. In dem Zuge ist dann auch der Name der Stadt gefallen. Nur mal so als Randnotiz: Besagter Priester ist allem Anschein nach wohl ein Tiefling.“
„Blödsinn,“ rutschte es Justin Tym unvermittelt heraus. Immerhin war allgemein bekannt, was es mit Tieflingen auf sich hatte, insbesondere daß man ihnen höchstens so weit trauen konnte, wie man sie werfen konnte. Und jetzt behauptete jemand ernsthaft, daß einer von ihnen nicht nur dem Gerechten folgte, sondern weil es besser war ausgerechnet dessen Hohepriester war?
„Glaube ich nicht,“ meinte der Reporter. „Immerhin muß er dort ganz schön gewirbelt haben, jedenfalls verdankt Lord Nasher es letztlich wohl ihm, daß Niewinter überhaupt noch existiert. Solltet Ihr mal nach Niewinter kommen, macht Euch einfach mal den Spaß und fragt Euch nach Ra'thir Schattenlied schlau.“
Justin Tym dachte nach. Wenn auch nur die Hälfte dessen, was Volothamp Geddarm ihm da erzählt hatte, stimmte, dann hatten sie es mit einer fürwahr ungewöhnlichen Konstellation im Unterreich zu tun: Eine dunkelelfische Stadt, die sich als sicherer Hafen erwies!
Langsam kam er selbst nicht mehr umhin, seinem Reporter zuzustimmen. Nach all dem Schlechten, was man über Drow hörte, ausnähmlich einiger Weniger, denen es gelungen war, ihrem Volk den Rücken zu kehren, oder den Anhängern Eilistraees, war es sicherlich nicht verkehrt, wenn es zur Abwechslung mal etwas Positives zu berichten gab. Volothamp schien hier über eine überaus heiße Spur gestolpert zu sein, denn wenn man ins Kalkül zog, wie akkurat die Informationen, die er bisher hatte zusammentragen können, doch zueinander paßten, dann gab es dort unten eine Menge zu entdecken. Das erklärte dann hoffentlich auch, weshalb gerade in letzter Zeit so viele ins Unterreich verschleppte Leute wieder an die Oberfläche zurückgekehrt waren!
„Gut,“ sagte der Verleger schließlich. „Ihr habt Eure Extraausgabe. Und über Euer Buch werden wir uns danach auch noch unterhalten.“
„Das heißt also, wir sind im Geschäft?“
Justin Tym nickte und hielt Volothamp die Hand hin, woraufhin dieser einschlug.
 
 
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