Verstoßen

GeschichteFreundschaft / P12
Dr. Alexander Kahnweiler Dr. Martin Gruber Dr. Vera Fenrich
18.04.2020
30.06.2020
23
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30.06.2020 1.359
 
Am nächsten Morgen begann Martin tatsächlich den vergangenen Abend zu bereuen – er wachte mit einem recht ordentlichen Kater auf. Er stöhnte leicht, als ihm die Sonne in die Augen schien. Normalerweise vertrug Martin mehr, aber die unruhigen Nächte, die er seiner Familie wegen hatte, trugen wohl ihr übriges zu dem Kopfschmerz bei.

Gähnend sah Martin auf die Uhr. Es war bereits kurz nach acht, höchste Zeit aufzustehen, wenn er sich seinen Gastgebern gegenüber keine Blöße geben wollte. Seufzend quälte Martin sich aus dem Bett und kramte nach einer Kopfschmerztablette in seiner Arzttasche. Schnell wurde er fündig. Es hatte schon durchaus Vorteile, wenn man von Berufswegen gut ausgestattet war.Derartig gewappnet für den Tag begab Martin sich in die Küche. Dort bot sich ihm das vertraute Bild Alexanders, der den Tisch deckte. Mit einem überlegenen Grinsen sah er von seiner Arbeit auf, als Martin eintrat.

„Na? Ausgeschlafen?“, fragte er. „Scheint ja eine wilde Nacht gewesen zu sein. Schließlich hättest du fast im Auto übernachtet. Martin, Martin, dich kann man aber auch keinen Moment aus den Augen lassen.“

Stumm griff Martin nach einer Tasse Kaffee und nahm einen tiefen Schluck. Dann sah er seinem feixenden Freund fest in die Augen. „Lass gut sein, Alexander.“

Unter Martins Blick gab dieser schnell klein bei, zog den Kopf ein und wechselte als Vera eintrat rasch das Thema. Dr. Fendrich war zum Glück taktvoll genug Martin nicht auf den letzten Abend anzusprechen. Trotzdem verspürte er den starken Drang sich der Situation zu entziehen. Nach einem schnellen Frühstück, schnappte er sich eine zweite Tasse Kaffee und verließ die Küche. Mit einem Blick nach draußen nahm er davon Abstand auf die Terrasse zu verschwinden und ließ sich stattdessen im Wohnzimmer auf das Sofa fallen. Während des Frühstücks hatte draußen ein steter Nieselregen eingesetzt.

Es dauerte nicht lange, da ließ sich Alexander neben ihm auf das Sofa fallen und schaltete den Fernseher ein. Der Oberarzt schaltete eine Weile durch die Sender, bis er auf ein Sportprogramm stieß, auf dem Formel 1 lief. Zufrieden lehnte sich Alexander zurück und verfolgte gebannt das Geschehen auf dem Bildschirm. Er bemerkte Vera nicht einmal, als diese wenig später einen Blick ins Wohnzimmer warf. Bei dem Bild, das sich ihr dort bot, kniff sie ihre Lippen zusammen. Ihre Augen wurden schmal und sie zog sich rasch in ihr Büro im nebenan zurück.

Martin ignorierte das leichte Pochen in seinem Kopf, das die Motorengeräusche auslösten und konzentrierte sich stattdessen auf das Rennen. Wenigstens hatte er so etwas womit er sich ablenken konnte und die Zeit rumbringen. Auch Alexanders stille Gegenwart war ihm willkommen. Martin war gerade nicht nach Alleinsein zumute.

Nach einer Weile brach sein Freund ihr Schweigen.

„Martin, vielleicht solltest du mal deine Patientin anrufen – diese Caro. Ich bin mir sicher die Ablenkung würde dir gut tun.“

Martin schnaubte nur. „Da habe ich im Moment echt keinen Kopf für. Und außerdem wäre das Caro gegenüber nicht fair, nicht solange Anne… Nicht solange es in meinem Leben so viele Baustellen gibt.“

„Aber sie gefällt dir doch oder nicht? Und nach dem was du erzählt hast, klang es nicht so, als wäre sie auf eine feste Beziehung aus.“

„Mensch, Alexander…“

Martin starrte gebannt auf den Bildschirm, während er überlegte, wie er darauf jetzt antworten sollte. Da befreite ihn das Klingeln seines Handys aus der Situation. „Saved by the bell“, dachte er bei sich und hob ab.

„Hallo Martin“, begrüßte ihn eine junge Stimme am anderen Ende der Leitung.

Alexander beobachtete seinen Freund, als dieser an sein Handy ging. Martins Augen weiteten sich überrascht, ein Funken Hoffnung flammte in ihnen auf und ein leichtes Lächeln legte sich für einen kurzen Moment über seine sorgenvollen Züge. Alexander sah Martin einmal tief durchatmen, dann stand er auf und verließ den Raum, um ungestört zu telefonieren. „Lilli, mein Schatz! Wie geht es dir?“, hörte er Martin noch fragen, bevor dieser außer Hörweite war.

Alexander wandte seinen Blick wieder dem Fernseher zu, konnte sich allerdings nicht so recht auf das Geschehen konzentrieren. Er hoffte sehr, dass dieses Gespräch endlich einmal positiv verlaufen würde.

Kaum hatte Martin den Raum verlassen, betrat Vera die Stube. Sie hatte das Klingeln des Handys gehört und ihre Chance erkannt allein mit Alexander zu sprechen. Fragend blickte ihr Freund ihr entgegen.

„Alexander, ich halte es für keine gute Idee, wenn Dr. Gruber etwas mit seiner Patientin anfängt“, kam sie gleich zum Punkt.

Alexander sah sie erstaunt an. „Aber warum denn nicht, mein Schatz?“

„Weil Dr. Grubers Liebesgeschichten die Angewohnheit haben im Chaos zu enden und damit ist keinem geholfen.“

„Aber warum sollte er denn nicht auch mal Glück haben?“, fragte Alexander. „Ich meine, wenn sogar ich das große Glück hatte, so eine wundervolle, kluge Frau zu finden, die es mit mir aushält…“

Vera lächelte ihren Freund verliebt an und vergaß darüber ihren Protest. In solchen Momenten erinnerte sie sich immer daran, wie Alexander es damals geschafft hatte mit seiner charmanten und aufrichtigen Art, ihren Panzer zu durchdringen.

***

„Lilli, mein Schatz! Wie geht es dir?“, fragte Martin seine Tochter und wartete mit Spannung auf ihre Antwort. Sie hatte ihn zurückgerufen, das war doch sicher ein gutes Zeichen, oder?

„Wie soll es mir schon gehen? Meine Väter reden kein Wort mehr miteinander.“

Martin seufzte. „Lilli, ich…“

„Ja, ich weiß, du wolltest den Papa nicht verletzen und so weiter… Das hast du aber! Und ich weiß, was zwischen dir und Susanne ist oder nicht ist geht mich nichts an, aber darum geht es auch gar nicht. Der Papa und du, ihr seid meine Väter und ich brauche euch – euch beide. Du musst das wieder in Ordnung bringen, Martin! Wenn ihr nicht mehr miteinander redet, wenn unsere Familie daran zerbricht – wo bleibe dann ich?“

Martin schluckte schwer und fuhr sich mit der Hand über die Augen.

„Ach Lilli… Es tut mir leid, was passiert ist. Ich spreche mit dem Hans und dann kriegen wir das schon irgendwie wieder hin….“

Für einen Moment herrschte Schweigen in der Leitung.

„Dann wohnst du also im Moment bei diesem Franz, ja?“, wechselte Martin das Thema.

„Ja und wenn du mich überreden willst auf den Hof zurück zu gehen, dann kannst du dir das gleich sparen. Da halte ich es im Moment nicht aus. Du hast echt Mist gebaut, Martin.“

Martins Kiefer zuckte, aber er riss sich zusammen. Er wollte nicht schon wieder mit seiner Tochter streiten.

„Nein, nein. Du bist alt genug, um mal eine Weile woanders zu wohnen. Aber vergiss dabei nicht für die Matura zu lernen. Ich weiß das ist im Moment alles ein bisschen viel, aber es ist wichtig, dass du auch an deine Zukunft denkst.“

„Pff, als ob ich im Moment keine anderen Probleme habe, als diese blöde Matura.“

„Lilli!“, mahnte Martin.

„Ja, schon gut, ich werd dran denken. Du, Martin, i muss Schluss machen. Franz bekommt heute Nachmittag noch Besuch von ein paar Kumpels und wir wollten noch aufräumen.“

„Mach’s gut, Prinzessin. Und pass auf dich auf.“

„Mach i. Tschüss, Martin.“

Mit gemischten Gefühlen beendete Martin den Anruf. Es war unüberhörbar gewesen, dass Lilli die ganze Situation sehr nahe ging, aber sie war stark und würde sicher lernen damit umzugehen, wie auch immer die Geschichte ausging – doch konnte er das Gleiche von sich behaupten? Wenn Hans ihm nicht verzieh, dann würde er für immer ein Außenseiter in seiner Familie bleiben.

Aufgeben war keine Option. Und auch, wenn Lilli sicher lernen würde damit umzugehen, wenn Hans ihm tatsächlich nicht verzieh, so würde es sie doch sehr verletzen. Martin machte sich nichts vor: Lilli war seine Tochter – wenn sie Pech hätten, würde sie in dem Fall schnellstmöglich irgendwo ans andere Ende der Welt verschwinden.

Naja, wenigstens sprach sie wieder mit ihm…

Da bin ich mal wieder… Tut mir leid, dass es im Moment so lange dauert, bis ich wieder ein neues Kapitel für euch habe. Ich habe eine Deadline für die Uni und nicht so viel Zeit. Trotzdem tut es mir nach wie vor gut mich beim Schreiben zu entspannen, also danke fürs Anschubsen :)

Die Geschichte entwickelt sich irgendwie langsamer, als ich am Anfang erwartet habe, deshalb meine Frage: Ist sie euch zu langatmig? Zu viele Gedanken und Gefühle? Oder kurz: Was kann ich besser machen?

Bis hoffentlich bald.
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