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120 kleine Augenblicke

von Amarice
SammlungFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / FemSlash
Gabrielle Xena
18.04.2020
03.04.2021
17
44.947
5
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8 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
25.08.2020 2.953
 
Disclaimer: Alle Charaktere aus „Xena: Warrior Princess“ gehören MCA/Universal und Renaissance Pictures. Keine Copyright-Verletzungen sind mit dieser Geschichte beabsichtigt.

Einordnung: „Return of Callisto“ – „Callistos Rückkehr“ (Staffel 2, Episode 5).

Genre: Liebe (Xena/Gabrielle), Drama

Inhalt in einem Satz: Alternative Version von Gabrielles Hochzeitsnacht. Das Original gefällt mir nicht.
Die Dialoge sind zum Teil der Serie entnommen.


Innocence - Unschuld

Sie trat vom Fenster weg und auf das Bett, auf Perdicas zu. Sie hatte an Xena denken müssen, daran, wie alleine diese jetzt war. Und daran, dass sie eine eventuelle Tochter gerne nach Xena benennen wollte. Nun aber verbannte sie Xena aus ihrem Kopf, war entschlossen, sich auf ihren Ehemann zu konzentrieren. Leise gestand sie ihm, noch unschuldig, nie zuvor mit einem Mann zusammen gewesen zu sein. Und sie musste zugeben, dass es ihr nicht gefiel, als er ihr sagte, bereits andere Frauen in seinem Bett gehabt zu haben. Doch sie schüttelte ihre Enttäuschung ab und versuchte sich an einer scherzhaften Bemerkung. Er ging darauf ein, bevor er schließlich ihre Schulter vom Stoff des Nachthemds befreite, um kurz darauf ihre Hände zu ergreifen, zu halten und schließlich ihre Lippen zu küssen. Zwei, drei Sekunden lang erwiderte sie seinen Kuss oder zwang sich vielmehr dazu, ihn zu erwidern. Denn ihre Gedanken schweiften ab. Schweiften hinaus aus dem Raum, weit weg, hin zu einer anderen Person. Sie bemühte sich darum, die Gedanken zu bremsen, sie zurück auf Perdicas zu lenken. Als seine Hand jedoch auf ihre Schulter glitt und sie wie automatisch die Augen schloss, sah sie abermals das Gesicht einer ganz anderen Person vor sich, stellte sich vor, deren Hände würden sie berühren. Schnell riss sie ihre Augen wieder auf. So sollte es nicht sein, dachte sie. So konnte es doch nicht sein! Verwirrt trat sie einen Schritt zurück. „Ich … ich glaube“, stammelte sie mit rauer Stimme, allmählich begreifend, was in ihr vorging. „Ich glaube, ich kann das nicht.“ Sie stockte. Unschlüssig, wie sie sich erklären sollte. Doch als er bloß milde lächelnd, so als nähme er sie gar nicht ernst, wieder nach ihren Händen griff, kam Leben in sie. „Tut mir leid, ich kann das einfach nicht!“, rief sie, diesmal energischer, riss sich von ihm los und ging rückwärts zur Tür.

„Gabrielle …“ Überrascht von ihrer Reaktion streckte Perdicas eine Hand in ihre Richtung aus, was Gabrielle jedoch nicht innehalten ließ. Sie schüttelte lediglich ihren Kopf und als er dennoch einen Schritt auf sie zu tat, wirbelte sie herum und eilte zur Tür hinaus. Ohne sich noch einmal umzusehen, begann sie zu rennen.  Sie lief, lief hinaus in den Wald, weiter und weiter, darauf hoffend, dass Xena noch immer dort draußen in ihrem Lager war und nicht bereits weitergezogen. Sie lief immer schneller, lief so lange, bis sie von Ferne einen kleinen Feuerschein durch die Bäume hindurchschimmern sah. Xena!, dachte sie und ihr war, als fiele ein Stein von ihrem Herzen. „Xena!“, rief sie nun laut aus und stürzte sich in die Arme ihrer Freundin, die erstaunt aufgesprungen war.

„Aber was machst du denn hier?“, murmelte Xena besorgt, während sie Gabrielle fest an sich drückte, die das nur allzu bereitwillig geschehen ließ. Stumm schmiegte sie sich an ihre Freundin, froh, einen sicheren Hafen erreicht zu haben. In Xena dagegen wuchs mit jeder Sekunde, die in Stille verstrich, die Angst an. Vor ihrem geistigen Auge spielten sich die schrecklichsten Szenarien ab. Mit zitternden Fingern strich sie durch Gabrielles Haar, bevor sie leise fragte: „Was ist denn passiert? Was hat er dir angetan?“ Als Gabrielle nichts sagte, schob sie sie ein Stück weit von sich und suchte ihren Blick. „Hat er dir weh getan? Gabrielle, sprich mit mir! Ich schwöre dir, wenn er dich angefasst hat ohne deine Einwilligung, dann  …“

„Nein“, seufzte Gabrielle schwach, löste sich von Xena und ließ sich zu Boden sinken. „Das hat er nicht. Er hat nichts getan.“

Xena atmete auf. Einen Augenblick lang hatte sie befürchtet, sich in Perdicas geirrt und ihre Freundin in die Arme eines Monsters entlassen zu haben. Erleichtert, dass dem nicht so war, und trotzdem noch besorgt, strich sie Gabrielle sanft über den Arm, während sie sich neben sie setzte.  „Aber irgendetwas ist doch vorgefallen, oder nicht?“

„Ich … ich bin einfach weggelaufen. Das ist alles.“ Zerknirscht, fast schon verschämt senkte sie den Kopf. Xena dagegen war so erleichtert, diese Worte zu hören, dass sie ein Lächeln unterdrücken musste. „Du hast Angst bekommen. Das ist doch nur verständlich.“

„Du verstehst das nicht. Ich hatte keine Angst. Ich hab …“

„Psst“, machte Xena da, wobei sie sich einen Finger gegen die Lippen presste. Nun vernahm auch Gabrielle die Schritte, die sich dem Lager näherten. Enschrocken riss sie die Augen auf, wobei sie hektisch ihren Kopf schüttelte. Xena verstand. Beruhigend legte sie ihr eine Hand auf die Schulter, ehe sie aufstand, um dem Eindringling entgegenzutreten.

„Perdicas“, sagte sie, aus dem Schatten eines Baumes hervorkommend und sich ihm in den Weg schiebend. Er hielt inne und eine Weile lang musterten sie sich gegenseitig. Schweigend. Xena bemerkte, wie blass er war, wie fahrig und zittrig seine Hände. „Ist Gabrielle bei dir?“, durchbrach er schließlich als Erster die Stille.

„Ja“, entgegnete sie ruhig.

„Ich muss zu ihr“, rief Perdicas und versuchte, sich an Xena vorbeizudrängen, doch eine Hand landete schwer auf seiner Schulter. „Lass mich! Ich muss mit ihr reden!“ Seine Stimme, obwohl er versuchte, sie kräftig und resolut klingen zu lassen, zeugte von Unsicherheit und mehr. Xena empfand beinahe schon Mitleid für diesen Mann, doch sie gab nicht nach, verstärkte stattdessen den Druck ihrer Hand. „Nicht heute. Sie braucht Zeit.“

„Aber … Was ist denn los?“ Nun konnte er seine Unsicherheit, ja Verzweiflung nicht mehr verbergen. Ein ganzes Konglomerat an Gefühlen schwappte Xena entgegen und sie verstand ihn. Verstand ihn so gut. „Perdicas …“ Vorsichtig nahm sie ein wenig Druck von seiner Schulter. „Sie ist erschöpft. Sie braucht den Schlaf. Morgen wird sie mit dir sprechen.“

„Und wenn nicht?“, fragte er, wobei er sichtlich in sich zusammensank. „Sie läuft scheinbar gerne vor mir weg. Was hab ich denn getan?“

„Geh nach Hause, Perdicas.“ Sie zog ihre Hand zurück und Perdicas, nach einem langen, verzweifelten Blick in ihre Augen, machte schließlich kehrt und schlich zurück in die Richtung, aus der er gekommen war. Einen Augenblick lang sah Xena ihm hinterher, nun wirklich erfüllt von Mitleid, dann ging sie zurück ins Lager. Großäugig schaute Gabrielle ihr entgegen. „Ist er weg?“, wollte sie wissen und atmete erleichtert auf, als Xena nickte.

„Erzählst du mir nun, warum du weggelaufen bist, Gabrielle?“, fragte Xena sanft, wobei sie sich wieder neben Gabrielle niederließ. „Ihr wart doch glücklich, oder nicht?“

„Ja“, murmelte Gabrielle. „Ich dachte, dass ich glücklich bin. Vor der Hochzeit und währenddessen und danach ja auch noch. Aber dann, abends, wollte er mit mir schlafen und ich …“ Sie brach ab, senkte den Blick, unfähig, Xena weiter in die Augen zu sehen.

Xena wartete ab, ließ ihr Zeit, um fortzufahren, doch als sie dies auch nach Minuten noch nicht tat, meinte sie: „Was ist passiert?“ Wieder wartete sie lange, dann versuchte sie erneut, zu ihrer Freundin durchzudringen. Eine Prise von Ungeduld schwang in ihrer Stimme mit: „Gabrielle, du wusstest doch, dass es dazu kommen würde. Ich verstehe nicht …“

„Du verstehst wirklich nicht!“, rief Gabrielle aus, mit einem Mal aufgebracht, weil Xena das Thema einfach nicht ruhen lassen konnte. „Gar nichts verstehst du! Er hat mich angefasst und alles, an das ich denken konnte dabei, warst du! Bist du jetzt zufrieden?!“

Überrascht sog Xena die Luft ein. „W-was?“

„Du! Dein Gesicht! Deine Hände! Ich konnte nur an dich denken! Er hat mich geküsst, und ich stellte mir vor, du seist es. Was erwartest du da von mir?! Dass ich mich ihm hingebe und dabei wieder nur an dich denke?!“

„Aber …“

„Nein, Xena. Kein Aber. Ich habe den größten Fehler meines Lebens begangen. Ich habe ihn geheiratet, obwohl ich dich liebe.“ Nun brach sie in Tränen aus. „Ich hab es nicht gewusst. Ich hab es erst vorhin begriffen. Ich dachte, dass … dass wir einfach Freundinnen sind. Ich hab einfach nicht … ich wusste einfach nicht, dass … Ich bin so dumm!“ Sie schlug sich die Hände vors Gesicht und weinte nun so heftig, dass ihre Schultern, ihr ganzer Körper bebten. Sie wünschte sich, Xena würde irgendetwas tun, irgendetwas sagen, doch nichts geschah. Die Kriegerin saß einfach nur da, die Augen groß und weit. „Ich hab alles kaputt gemacht, oder?“, fragte Gabrielle nach langer Zeit, in der nichts als Schweigen um sie herum verklungen war, nahm die Hände herab und sah Xena aus tränenroten Augen verzweifelt an. „Meine Ehe. Unsere Freundschaft. Alles kaputt.“

Und erst da, als Gabrielles verweinte Augen auf die ihren trafen, kam Xena zu sich. „Gabrielle“, sagte sie leise und griff zitternd nach deren Hand. „Deine Ehe ist vielleicht kaputt, aber unsere Freundschaft doch nicht. Du bist mir das Wichtigste im Leben und nichts könnte daran etwas ändern.“

„Aber …“

Xena schüttelte ihren Kopf. „Versuch gar nicht erst dagegenzureden. Du bedeutest mir alles, Gabrielle. Und …“ Sie stockte, dann sagte sie schnell: „… du bist auch nicht die Einzige, die … die solche Gefühle hat.“

„Solche … Gefühle? Was für Gefühle?“

„Na ja …“ Eine leichte, für Xena gänzlich ungewöhnliche Röte verteilte sich auf deren Wangen. „Mehr als freundschaftliche eben.“

„Aber …“ Verständnislos blinzelte Gabrielle sie an. „Du hast doch … Du wolltest doch … Ich meine, du hast mir doch deinen Segen gegeben.“

„Ich wollte, dass du glücklich wirst. Ich dachte, dass du Perdicas liebst, und ich wollte nicht … dazwischenstehen.“ Sie senkte ihren Blick.Gabrielle schluckte. „Oh“, sagte sie dann und spürte, wie abermals Tränen aus ihren Augen hervorzubrechen drohten. „Und nun ist alles zu spät. Ich bin verheiratet und soll meine Unschuld an Perdicas verlieren, für den ich doch nichts anderes empfinde als Freundschaft.“

„Ach Gabrielle …“ Vorsichtig wischte Xena eine Träne aus dem Augenwinkel ihrer Freundin. Kurz trafen sich dabei ihre Blicke und dann, einem Impuls folgend, nahm Xena Gabrielle in den Arm. „Es ist alles nicht so schlimm, wie es dir im Moment erscheint. Du bist verheiratet, ja, aber niemand wird  dich dazu zwingen können, diese Ehe tatsächlich zu vollziehen. Rede mit Perdicas. Er wird es verstehen. Er ist ein guter Mann.“

„Es wird ihm das Herz brechen.“

„Ja, das wird es“, murmelte Xena leise in Gabrielles Ohr. „Aber du musst auch und vor allem an dein eigenes Herz denken.“

„Ich verstehe nicht, wie ich so dumm sein konnte!“

„Du dachtest, ihn zu lieben. Schau mal, Gabrielle …“ Sanft hob Xena das Kinn ihrer Freundin etwas an, um ihr in die Augen sehen zu können. „Du hast so wenig Erfahrung auf diesem Gebiet. Du konntest es nicht wissen. Selbst ich habe viel zu lange gebraucht, um meine Gefühle für dich richtig zu fassen …“ Sie brach ab. „Aber deine Hochzeit bedeutet noch lange nicht das Ende von allem. Ruh dich aus und morgen früh, sprichst du mit ihm. Er liebt dich, Gabrielle, und wird deinem Glück nicht im Wege stehen. Und eines Tages wird er darüber hinwegkommen.“

„Aber ich bin und bleibe verheiratet. Ich will … frei sein. Für dich.“

Einen Moment lang sagte Xena nichts. Sie schluckte, zu paralysiert von dem, was sie soeben gehört hatte. Die Worte berührten sie mehr als alles, was Gabrielle hätte sagen können. Doch als die junge Frau in ihren Armen wieder begann, still vor sich hinzuweinen, fing sie sich: „Dein Herz ist frei für mich und das ist doch alles, was zählt“, sagte sie sanft, wobei sie Gabrielles Haar streichelte.

„Hmm.“

„Gabrielle …“ Vorsichtig löste sich Xena von Gabrielle. Sie suchte deren Blick und eisiges Blau verschmolz mit zartem Grün. Tief versanken sie ineinander. „Xena …“, murmelte Gabrielle nach einiger Zeit verunsichert, brach jedoch aus Ermangelung an Worten wieder ab. Ganz still wurde es da um sie herum und nichts war mehr zu hören, als das Rascheln der Bäume im leisen Wind und der Herzschlag der beiden Frauen. Schließlich war es Xena, die eine kleine Bewegung tat, und im nächsten Moment berührten sich ihrer beider Lippen. Sanft küsste sie Gabrielle, wartete, bis diese den Kuss erwiderte. Dann verstärkte sie den Druck, sowohl ihrer Hände als auch ihrer Lippen. Der Kuss wurde tiefer, leidenschaftlicher, zugleich inniger. Nach einer Zeit, die beiden Frauen lang und doch gleichzeitig viel zu kurz erschien, löste sich Xena, leicht außer Atem, von Gabrielles Lippen. „Du solltest ein wenig schlafen. Morgen wird ein schwerer Tag“, wisperte sie, Gabrielle noch immer in den Armen haltend.

„Ich will nicht schlafen“, widersprach diese. „Ich will mehr.“

„Glaub mir, das will ich auch. Aber nicht in deiner Hochzeitsnacht.“ Sie lächelte etwas verschämt, kicherte plötzlich. „Entschuldige, Gabrielle, aber …“

Nun kicherte auch Gabrielle, obwohl einem Teil von ihr nach Weinen zumute war. „Schon verstanden. Erst mit Perdicas sprechen. Dann die Ehe brechen.“

Wieder kicherten beide, bevor sie, wie auf ein stummes Zeichen hin, ernst wurden. „Komm, lass uns schlafen“, sagte Xena. Sie stand auf, reichte Gabrielle die Hand. Als diese sie ergriff, führte sie sie hinüber zu ihrem Schlafplatz. Eng nebeneinander ließen sie sich nieder, schlangen eine einzige Decke um ihre Körper. Gabrielle schmiegte sich dicht an Xena, die sogleich den Arm schützend um ihre Freundin legte.

*****

Nur zögernd betrat Gabrielle das Haus, das sie zusammen mit Perdicas kurzfristig bezogen hatte. Leise schlich sie sich ins Schlafzimmer auf der Suche nach ihrer Kleidung, denn sie trug noch immer nur das Nachthemd. Auf dem Bett saß Perdicas, den Kopf in den Händen vergraben. Viel Schlaf schien er in der Nacht nicht bekommen zu haben. „Hallo“, murmelte Gabrielle verlegen, und erst da schien er sie zu bemerken.

„Gabrielle!“ Er sprang auf und eilte auf sie zu, doch sie hob abwehrend ihre Hand. „Ich wollte nur … meine Kleidung“, sagte sie entschuldigend, während sie Rock und Top an sich nahm. „Wenn ich angezogen bin, können wir reden, ja?“

Perdicas brauchte einige Sekunden lang, um zu verstehen, doch dann nickte er schnell, viel zu schnell, deutete mit einer unsicheren Geste in Richtung Tür und ließ Gabrielle allein. Diese zog sich um und fühlte sich sogleich etwas besser. Schließlich nahm sie noch zwei, drei tiefe Atemzüge, dann folgte sie Perdicas, der vor der Hütte in der Sonne stand. Er wirkte wie ein Schatten seiner selbst. Es versetzte Gabrielle einen Stich im Herzen, ihm so weh tun zu müssen, doch sie gehörte zu Xena und alles, was sie sich vorzuwerfen hatte, war, es nicht früher bemerkt zu haben. „Perdicas …“ Er hob seinen Blick und versuchte ein verzagtes Lächeln. Gabrielle schluckte und alle Worte, die sie sich bereits zurechtgelegt hatte, waren mit einem Mal verschwunden. „Ich … Wir …“, stammelte sie und verstummte wieder. Hilflos. Wie konnte sie ihm nur sagen, was sie zu sagen hatte, ohne sein Herz in Stücke zu reißen?

„Xena“, sagte er plötzlich tonlos, die Augen wissend auf sie gerichtet.

Stumm nickte sie. Mehrere Sekunden verstrichen in Stille, dann sagte sie: „Es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid.“ Mit Schrecken bemerkte sie da, wie Tränen in seine Augen stiegen, und aus einem Impuls heraus schlang sie ihre Arme um ihn. „Du bist ein so guter Mann, Perdicas“, flüsterte sie. „Du bist mein Freund. Aber erst … erst durch Xena weiß ich wirklich, was Liebe ist.“

„Das ist dir ein wenig spät aufgefallen.“

„Es … es tut mir so schrecklich leid.“

Eine Weile lang standen sie einfach nur eng umschlungen da, und wer weiß, wie lange sie noch so dagestanden hätten, wenn nicht plötzlich Callisto aufgetaucht wäre. „Oh, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe“, grinste sie von ihrem Pferd hinab, die die Szene ganz anders interpretierte, als sie tatsächlich war. „Die Liebe vereint und der Hass trennt.“ Sie warf einen verzückten Blick nach unten, aber mit einem Mal verfinsterte sich dieser. „Jetzt werden wir ja gleich sehen, was stärker ist.“ Mit diesen Worten sprang sie vom Pferd, das Schwert in der Hand.

„Was willst du?“, fragte Perdicas, ihr entgegentretend. „Wir sind unbewaffnet.“

„Gut. Das macht es einfacher, nicht wahr?“, sagte Callisto, bevor sie ihm einen Schwerthieb versetzte, ihn zu Boden trat und nun auf Gabrielle zusteuerte, die ihr eigentliches Ziel war. Es war Xena, deren Eingreifen das Schlimmste verhindern konnte. Sie hatte aus einer inneren Unruhe heraus entscheiden, dass Gabrielle und Perdicas nun genug Zeit gehabt hatten, um zu reden, und die Lichtung vor dem Haus gerade noch rechtzeitig erreicht, um zu verhindern, dass Callisto den tödlichen Stoß vollführte.

Wütend parierte Callisto mehrere von Xenas Schwerthieben. „Ich will dich über dem Leichnam deiner Freundin weinen sehen!“, zischte sie, wohlwissend, wie schwer Xena dieser Verlust treffen würde. Diese baute sich schützend vor Gabrielle auf, bestrebt, Callisto nicht an sich vorbeizulassen. „Das Vergnügen wirst du nicht haben“, sagte sie, und tatsächlich hatte Callisto keine Chance, hinter sie zu gelangen. Und so änderte Callisto ihren Plan. Sie machte Perdicas zu ihrer neuen Zielscheibe, fest im Glauben, dass sie zumindest Gabrielle damit das Herz brechen würde. Ihn zu töten war ihr ein Leichtes. Der Weg zu ihm war frei. Ungehindert durchbohrte ihr Schwert seinen Leib, woraufhin sie sich mit einem triumphierenden Grinsen in den Sattel schwang. „Das reicht doch“, sprach sie spöttisch, den Blick auf Gabrielle gerichtet, die sich schockiert über Perdicas‘ noch warmen Körper warf. Dann ergriff sie die Flucht. Xena sah ihr kurz hinterher, bevor sie sich neben Gabrielle kniete, die entsetzt auf Perdicas hinabblickte. „Es tut mir leid, es tut mir so schrecklich leid“, wiederholte sie mehrfach mit zitternder Stimme, erfüllt von einem Gefühl der Schuld. Nur sie, nur ihre Hochzeit, die ihr doch gar nichts bedeutete, hatte Perdicas zur Zielscheibe gemacht und ihn das Leben gekostet. Fassungslos schüttele sie ihren Kopf.

„Jetzt bin ich frei“, murmelte sie nach langer Zeit. Begreifend. Sie sah auf, und ihr Blick verschmolz mit demjenigen Xenas. Einen Moment lang tauchte die Kriegerin ein in den tiefen Schmerz, den ihre Freundin empfand, dann senkte Gabrielle den Kopf. Sie begann zu weinen, und alles, was Xena blieb, war, ihre Arme um sie zu legen und sie zu halten.
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