Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

120 kleine Augenblicke

von Amarice
Kurzbeschreibung
SammlungFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / FemSlash
Gabrielle Xena
18.04.2020
14.02.2022
23
68.733
6
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
10.06.2020 1.380
 
Disclaimer: Alle Charaktere aus „Xena: Warrior Princess“ gehören MCA/Universal und Renaissance Pictures. Keine Copyright-Verletzungen sind mit dieser Geschichte beabsichtigt.

Einordnung: „Return of Callisto“ – „Callistos Rückkehr“ (Staffel 2, Episode 5)

Genre: Liebe

Inhalt in einem Satz: Xenas Perspektive auf Gabrielles Liebe zu Perdicas und ihre Entscheidung, ihn zu heiraten.


6. Break Away – Sich lösen

Ich musste mich von ihr lösen. Das wurde mir spätestens in dem Moment klar, als Perdicas Gabrielle den Heiratsantrag machte. Im Grunde genommen war mir seit Troja bewusst, dass es zu dieser Situation kommen konnte, mehr noch, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu kommen würde. Ich hatte diesen Gedanken nicht wirklich wahrhaben wollen und ihn erfolgreich verdrängt. Doch nun, da er da kniete, vor Gabrielle, musste ich der Realität ins Gesicht sehen. Ich musste erkennen und akzeptieren, dass das Band zwischen mir und Gabrielle nicht für die Ewigkeit war.

In dieser Nacht konnte ich keinen Schlaf mehr finden. Ich lag wach und wälzte mich von einer Seite zur anderen. Nicht weit von mir schwatzten Gabrielle und Perdicas am Lagerfeuer. Ich wollte nicht hören, was sie einander zu sagen hatten. Und im selben Atemzug wollte ich es doch, wollte lauschen, was er ihr schwur und versprach. Ich wünschte mir, er würde die falschen Worte wählen. Würde sich von seiner schlechtesten Seite präsentieren. Doch im Grunde war mir klar, dass das nicht passieren würde. Perdicas war ein durch und durch guter Mann. Er war ein Mann, wie eine Mutter ihn für ihre Tochter, wie eine Frau ihn sich für ihre beste Freundin wünschen würde. Und obwohl ich das wusste, konnte ich nicht verhindern, dass mein Herz bei dem Gedanken an Gabrielle und Perdicas schmerzvoll stach. Ich warf mich auf die andere Seite und dann auf den Rücken. Wie schäbig ich mir doch vorkam! Warum konnte ich mich nicht einfach für Gabrielle freuen? Sie hatte es verdient, glücklich zu sein, und ich hatte kein Recht dazu, ihr dieses Glück zu missgönnen. Und das tat ich auch nicht. Wirklich nicht. Ich hatte nur gehofft, insgeheim und im Stillen gehofft, dass …

Mit einer unwirschen Bewegung meines Kopfes brach ich diesen Gedanken ab und stand auf. So leise wie möglich stahl ich mich aus dem Lager. Ich brauchte ein wenig Bewegung. Lange lief ich durch den Wald, doch die ersehnte Ruhe stellte sich nicht ein. Kurz vor Sonnenaufgang benetzte ich mein Gesicht mit dem kühlen Wasser eines Flusses, erst dann kehrte ich ins Lager zurück. Ich wolle nicht, dass Gabrielle mir direkt ansah, wie schlecht meine Nacht gewesen war. Sie sollte sich keine Sorgen machen. Nicht um mich.

Als wir in der frühen Vormittagssonne nebeneinander entlanggingen, Perdicas ein ganzes Stück voraus, musste ich ihr die Frage stellen, die mich die ganze Zeit bereits beschäftigte. Ich musste wissen, wie ihre Antwort auf seinen Antrag lautete. Ich musste Gewissheit haben, auch wenn ich tief im Herzen bereits ahnte, dass sie ja sagen würde.

„Nein natürlich“, durchschnitten Gabrielles Worte meine Gedanken und einen Moment lang schöpfte ich Hoffnung. Mein Herz machte einen freudigen Sprung und ich wollte breit lächeln, doch ich riss mich zusammen. Denn hier ging es nicht um mein egoistisches Wollen, sondern um Gabrielle. Es ging um ihr Glück. Und daher zwang ich mich dazu, sie darauf hinzuweisen, dass er ein guter Mann war. Er war keiner von denen, die tranken, den Kampf liebten oder ihre Frauen schlugen. Nein, er war ein guter Mann. Trotzdem krampfte sich mein Herz schmerzhaft zusammen, als Gabrielle mir recht gab und von ihm zu schwärmen begann. Ich brauchte sie gar nicht anzusehen. Allein der Tonfall, in dem sie von ihm sprach, genügte mir. In diesem Moment wusste ich es. Ich wusste es, noch bevor sie selbst es wusste. Und jede zuvor noch geschöpfte Hoffnung fiel schlagartig in sich zusammen.

Einen kurzen Augenblick lang hatte ich wirklich geglaubt, sie würde den Antrag ablehnen und ihn seiner Wege gehen lassen. Aus ihrer eigenen, freien Entscheidung heraus. Wie töricht ich gewesen war! Denn ich musste erkennen, dass sie ihn liebte und dass alles, das sie daran zweifeln ließ, ihre Zuneigung zu mir war. Selten im Leben hatte ich das Richtige getan. Und auch jetzt drängte alles in mir danach, den einfachen Weg zu gehen, den egoistischen. Sie an mich zu binden, sie festzuhalten, aber irgendein dummes Ehrgefühl oder dergleichen trieb mich dazu, das Richtige zu tun und ihr zu sagen, dass sie meinen Segen hatte. Bei allen Göttern, wie könnte ich ihr auch meinen Segen verwehren? Sie war meine … beste Freundin und ich wollte, dass sie glücklich war. Ich wünschte mir nur, ihr Glück und meines würden an einem gemeinsamen Faden hängen. Doch scheinbar war dem nicht so. Ich gab sie also frei, erfüllt von Schmerz und Traurigkeit. Als in ebendiesem Moment wie aus dem Nichts heraus Joxer auftauchte und uns über den Angriff Callistos auf ein nahe gelegenes Dorf informierte, war ich zugegebenermaßen froh. Seine Nachricht, so unerfreulich sie auch war, lenkte mich von meinen sich überschlagenden Gedanken und Gefühlen ab. Und dafür war ich ihm dankbar.

Zu viert zogen wir in den Kampf und für kurze Zeit trat tatsächlich alles andere in den Hintergrund, aber dann, noch bevor die Schlacht vorüber war, sagte mir Gabrielle, dass ihre Antwort ja sein würde, und mir war, als legte sich eisige Dunkelheit über mich. Die Stunden, die folgten, erlebte ich wie in einem Nebelschleier. Nach außen hin zeigte ich mich stark und unberührt, folgte den Konventionen, war höflich und gut Perdicas gegenüber. In meinem Innersten jedoch fühlte ich mich wie zerrissen. Dass alles so schnell ging, machte die Sache nicht besser. Ehe ich michs versah, stand Gabrielle mit Perdicas vor dem Traualtar. Der alte Priester sprach etwas über Rosenblüten und einen ewigen Bund. Doch ich hörte gar nicht zu. Alles, was ich sah, war Gabrielle. Wie wunderschön sie doch war. Und wie sehr ich sie vermissen würde. Wieder und wieder ermahnte ich mich dazu, sie loszulassen, doch dieser Gedanke tat mir unglaublich weh. Schnitt mir tief ins Herz. Als Perdicas sie küsste und ihr seine Liebe schwur, wollte ich mich wirklich freuen für meine Freundin. Doch ich konnte es nicht. Es ging einfach nicht! Und ich musste mich regelrecht dazu zwingen, ihnen, insbesondere ihm, nach vollendeter Trauung zu gratulieren.

Schließlich blieb ich allein mit Gabrielle zurück, in dem Bewusstsein, dass es meine letzten Minuten mit ihr sein würden. Wie in einer Trance versprach ich ihr, sie zu besuchen. Sagte ich ihr, ständig an ihre Türe zu klopfen. Beteuerte ich ihr, dass es nicht nötig sei, Abschiedsworte zu sprechen. Ich sagte all das, ohne selbst daran zu glauben. Und dann, als sie mir so gegenüberstand mit diesem glücklichen Funkeln in den Augen, wusste ich mit einem Mal, dass ich sie liebte. Nicht wie eine Schwester. Nicht wie eine Freundin. Ich liebte sie mit all meinem Herzen. All meinen Sinnen. Wie Schuppen fiel es von meinen Augen und ich taumelte kaum merklich nach hinten. Denn gleichzeitig mit dieser Erkenntnis war da das Wissen, dass es zu spät war. Ich hatte sie verloren. Für immer. Mit einem Gefühl der Verzweiflung in der Brust lehnte ich mich zu ihr und legte meine Lippen auf die ihren, um wenigstens einmal das auszukosten, wonach ich mich sehnte. Ich zog sie in meine Arme und spürte, wie heiße Tränen in meinen Augenwinkeln brannten. Entschlossen blinzelte ich sie weg und als Gabrielle mir ihren Brautstrauß in die Hände drückte, schenkte ich ihr ein sarkastisches Lachen, obwohl mir nach Weinen zumute war. Als sie ging, Hand in Hand mit Perdicas, blickte ich ihr winkend hinterher, obwohl mir nach Weinen zumute war.  Und als Joxer sein Gehen ankündigte, verabschiedete ich mich mit Handschlag und einem Lächeln von ihm, obwohl mir nach Weinen zumute war.

Letztendlich verließ auch ich den Tempel und ging zurück ins Lager. Ich versuchte, stark zu sein. Stark zu bleiben. Sagte mir vor, dass unsere gemeinsame Zeit vorbei war, dass ich mich von ihr lösen musste. Aber noch während ich mir all das sagte, spürte ich, wie eine Träne sich aus meinem Augenwinkel befreite. Erst war es nur diese eine, dann folgte eine zweite und plötzlich waren es ganz viele. Ich versuchte gar nicht erst, sie aufzuhalten. Schwach ließ ich mich zu Boden sinken und weinte still vor mich hin. Denn von nun an war ich allein und ohne meine über alles geliebte Gabrielle.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast