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120 kleine Augenblicke

von Amarice
SammlungFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / FemSlash
Gabrielle Xena
18.04.2020
03.04.2021
17
44.947
5
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8 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
21.05.2020 2.310
 
Disclaimer: Alle Charaktere aus „Xena: Warrior Princess“ gehören MCA/Universal und Renaissance Pictures. Keine Copyright-Verletzungen sind mit dieser Geschichte beabsichtigt.

Einordnung: Die Geschichte spielt in Xenas Vergangenheit. Es ist eine Szene zwischen ihr und Lao Ma.

Genre: Freundschaft, Liebe (Xena/Lao Ma), Hurt/Comfort – ein bisschen von allem

Inhalt in einem Satz: Xena und Lao Ma führen ein nächtliches Gespräch im Garten.



5. Seeking Solace – Trost suchen

Unruhig warf sie sich von einer Seite zur anderen. Doch egal, wie sie sich bettete, der Schlaf wollte nicht über sie kommen. Letztendlich gab sie es auf. Sie zog sich eine Robe über und verließ das kleine Zimmer, das sie im Palast der Laos bewohnte, um hinaus in den Garten zu gehen. Ohne Ziel lief sie die Wege entlang. Als sie nach einiger Zeit einen kleinen Teich erreichte, an dessen Ufer ein zu einer Sitzgelegenheit umgearbeiteter Baumstamm stand, ließ sie sich darauf nieder.

Ihr Blick wanderte langsam über das Wasser, von dort hinauf in den Himmel und hinab zu ihren Händen. Sie betrachtete den weiten Ärmel der Robe, die sie trug, und fragte sich unwillkürlich, wann sie das letzte Mal etwas angehabt hatte, das dermaßen ungeeignet war für einen Kampf. Oder wann ihr das letzte Mal jemand das Haar gekämmt, den Rücken mit duftenden Ölen gewaschen hatte. Die Tage hier bei Lao Ma kamen ihr unwirklich vor. Sie waren so weit entfernt von ihrem gewöhnlichen Leben, dass sie manchmal glaubte, das alles hier existiere nicht. Lao Ma existiere nicht. Diese Frau, die sie behandelte, als sei sie … als sei sie es wert. Die sie kleidete und kämmte. Die sie lehrte. Die sie anlächelte und respektierte, ohne Angst vor ihr zu haben. Die ihr begegnete, als sei sie ein Mensch und nicht das Monster, das sie in Wahrheit geworden war. Das verwirrte sie und sie verstand es nicht.

„Darf ich mich zu dir setzen?“

Xena zuckte zusammen. Sie war so in ihren Gedanken versunken gewesen, dass sie Lao Mas Erscheinen gar nicht bemerkt hatte, obwohl sie bis auf wenige Meter an sie herangetreten war. Als Antwort auf deren Frage nickte sie stumm, woraufhin sich Lao Ma am anderen Ende der Holzbank niederließ. Entspannt lehnte sie sich zurück und sah hinauf zu den Sternen. Xena dagegen war voller Unruhe, Neugier und noch irgendetwas anderem, das sie selbst nicht zu benennen wusste. Sie wippte mit den Fußspitzen, unschlüssig was sie tun oder gar sagen sollte. Also schwieg sie, beäugte Lao Ma jedoch forschend von der Seite, deren Lippen sich in der Folge zu einem leisen Lächen verzogen, was Xena dazu bewog, sich ertappt von ihr abzuwenden.

Eine ganze Weile verstrich, in der Xena immer wieder einen schnellen Blick in Lao Mas Richtung warf, ihn aber, aus ihrer vorherigen Erfahrung gelernt, nie länger als ein, zwei Sekunden auf der jungen Frau ruhen ließ. Diese war es schließlich, die das Schweigen zwischen ihnen brach: „Du bist voller Unruhe, Xena. Welche Geister quälen dich? Die der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft?“

„Geister?“ Belustigt hob Xena eine Augenbraue. „Da sind weder Geister noch sonst irgendetwas, das mich quälen würde. Ich kann einfach nicht schlafen. Das ist alles.“

„Mhm.“ Lao Ma schmunzelte.

„Hör auf, dich über mich lustig zu machen!“, fuhr Xena auf, heftiger, als sie beabsichtig hatte. Doch es gefiel ihr nicht, dass diese Frau sie ständig zu durchschauen schien und keinen Hehl daraus machte.

Lao Ma wandte ihren Blick ab, ihre Lippen aber blieben weiterhin zu einem leisen, kaum wahrnehmbaren Lächeln verzogen. Eine Zeit lang sagte keine der Frauen ein Wort. Denn Lao Ma wusste, dass schweigen das Beste war, das sie tun konnte, um Xena zum Sprechen zu bewegen.

„Ich muss über vieles nachdenken“, sagte diese schließlich tatsächlich, nachdem ihr Temperatment ein wenig abgekühlt hatte, in die Stille der Nacht hinein. „Ich frage mich, warum du das alles tust. Warum du mich nicht längst fortgeschickt hast. Du weißt, wer ich bin. Du weißt, was ich getan habe.“

„Diese Frage habe ich dir doch bereits beantwortet, aber ich tue es gerne wieder: Du bist eine bemerkenswerte Frau, Xena. Du weißt es selbst noch nicht und du wirst es mir auch nicht glauben. Aber vertrau mir, das Universum kann die Musik deiner Seele hören – und ich kann das ebenfalls.“

„Und deswegen tust du das alles? Wegen eines Hirngespinsts?!“ In einer Mischung aus Belustigung und Erstaunen sah Xena Lao Ma in die Augen.

„Ein Hirngespinst? Nein, Xena, das ist kein Hirngespinst.“ Sie beugte sich ein Stück weit zu Xena hinüber und legte eine Hand auf die ihre. „Ich sehe dich. Ich sehe dich viel klarer, als du dich selbst im Augenblick sehen kannst. Deinen Hass und Zorn, aber auch deine Verwirrung, deine Unruhe, deinen Wunsch nach …“

„Nach was?!“, unterbrach Xena sie scharf, wobei sie die Hand der anderen Frau zur Seite schlug. Ihre Körpersprache machte deutlich, dass ihre Frage rhetorisch zu verstehen war. Denn im Grunde genommen wollte sie gar nicht hören, was Lao Ma zu sagen hatte. Diese jedoch ließ sich durch die Kriegerin nicht aus der Ruhe bringen. „Nach Trost“, sagte sie schlicht.

Xena sprang auf ihre Beine. „Das ist ja lächerlich!“

„Wenn es so lächerlich ist, warum macht es dich dann derart wütend?“ Sie schwieg kurz, dann fügte sie hinzu: „Es ist keine Schande, nach Trost zu suchen, wenn die Seele schmerzt. Jeder hat dieses Bedürfnis …“

„Damit kennst du dich ja bestens aus, nicht wahr?“, unterbrach Xena sie rüde. „Kein Wunder auch bei deinem verkorksten Leben! Du bist eine zutiefst einsame Frau, gestraft mit einem tyrannischen, halb toten Ehemann und einem Sohn, der dich verachtet.“

Lao Ma senkte ihren Blick und Xena erkannte mit Befriedigung, dass sie sie verletzt hatte. Plötzlich aber erfasste sie ein ihr völlig unbekanntes Gefühl. Im Affekt trat sie näher an Lao Ma heran, hob die Hand und strich der jungen Frau zart über die Wange. Das Ganze dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde. Dann zog sie ihre Hand auch schon wieder zurück, schnell und ruckartig, erschrocken über diese Geste der Entschuldigung. „Ich jedenfalls bin nicht schwach“, sagte sie nach einer Weile des Schweigens in fast schon trotzigem Tonfall, wobei sie sich wieder auf der Bank niederließ „Ich habe keine Bedürfnissse dieser Art und will sie auch nicht haben.“

Lao Ma blickte auf. Ihre braunen Augen suchten Xenas blaue. „Also hältst du mich für schwach?“

„Nein. Schwach ist nicht das richtige Wort, um dich zu beschreiben.“ Nachdenklich biss sich Xena auf die Unterlippe. „Ich würde eher sagen, du bist weich.“

„Du meinst, ich habe ein Herz?“

„Ja. Genau das meine ich. Und dieses Herz wird dir eines Tages das Leben kosten. Wenn du auf diese Weise leben und enden möchtest, schön. Für mich ist das nichts. Ich bin nicht wie du. Ich habe kein Herz. Das ist vor langer Zeit gestorben. Ich empfinde kein Mitgefühl, keine Trauer, schon gar keine Liebe und somit bedarf ich auch nicht des Trostes oder sonstiger Lächerlichkeiten.“

„Interessant“, sagte Lao Ma ruhig, „obwohl du kein Herz besitzt, magst du mich.“

„Natürlich mag ich dich! Du hast mir das Leben gerettet! Aber das ist eine einfache Tatsache und kein Gefühl oder dergleichen.“

Nun lachte Lao Ma glockenhell auf. „Na, da bin ich ja erleichtert. Wenn es schwarz auf weiß steht, dass du mich magst, kann ich mir deiner Loyalität auf ewig sicher sein.“

Xena hob eine Augenbraue in die Höhe. „Zweifelst du etwa an meiner Loyalität zu dir?“

„Du hast die halbe Welt bereist und dir Dörfer und Königreiche unterworfen. Du hast mehr Menschen getötet, als ich mir auch nur ansatzweise vorstellen kann. Dabei hast du große Verluste erlitten und wurdest schwer verraten. Dein Herz ist erfüllt von Hass und Zorn und du behauptest, keinerlei anderen Gefühle als ebendiese zu besitzen. Nimm es mir nicht übel, Xena, aber ich wäre eine Närrin, nicht daran zu zweifeln.“

„Du hast recht. Du wärst eine Närrin, mir zu vertrauen“, sagte Xena und senkte den Blick. Dann hob sie die Lider wieder und trat einen Schritt auf die andere Frau zu, verschränkte ihre blauen Augen mit deren braunen. „Aber, Lao Ma, ich schwöre dir, ich würde dir oder deinem Königreich niemals Schaden zufügen. Du hast so viel für mich getan. Wenn ich die Wahl hätte, dann würde ich nichts lieber tun, als hier bei dir zu bleiben.“

„Was hindert dich daran?“

„Ich kann es nicht. Ich bin nicht wie du. Ich trage so viel Hass in mir, den ich nicht loslassen kann. Ich möchte mich rächen, an Cortese, an Caesar, an allen Menschen auf dieser Welt. Ich kann nicht nach deiner Philosophie leben, auch wenn ich …“ Sie brach ab, sah zu Boden. „Ich kann es einfach nicht.“

„Vielleicht nicht heute und auch nicht morgen, aber irgendwann wirst du es können. Dein Potenzial ist grenzenlos, Xena, das solltest du niemals vergessen.“

Xena schüttelte ihren Kopf. Verzagt. „Dein Glaube an mich ist verschwendet.“

„Ich wünschte, du hättest mehr Vertrauen in dich selbst.“ Lao Ma schwieg einen Moment lang, die Augen ernst auf Xena gerichtet, dann wurde ihr Blick weicher und sie fügte hinzu: „Wie dem auch sei, morgen heile ich erst mal deine Beine.“

„Meine Beine?“ Überrascht sah sie auf. „Einer der besten Heiler ist bereits daran gescheitert.“

„Du wirst wieder laufen können, Xena. Das ist eine einfache Tatsache und kein Gefühl oder dergleichen“, zitierte sie die Worte der Kriegerin, wobei sich ein Lächeln auf ihre Lippen legte, das bis tief in ihre Augen reichte.

Xena schluckte. Ihr Blick verschränkte sich ein weiteres Mal mit dem Lao Mas und mit einem Mal fühlte sie den Impuls, diese Frau zu berühren. Im Affekt gab sie dem nach. Trat den letzten Schritt auf sie zu und legte die Arme um sie. Federleicht erwiderte diese die Umarmung und diese Berührung schien etwas in Xena zu lösen. Mit Schrecken stellte sie fest, dass ihre Augenwinkel feucht wurden, sodass sie sich eilig aus der Umarmung löste und von Lao Ma abwandte, im Begriff die Flucht zu ergreifen. Weinen war etwas, das sie nicht tat. Niemals. Schon gar nicht, wenn jemand es sehen könnte. Sie musste weg. Doch Lao Ma reagierte schnell. Sie ergriff Xena an der Schulter und hielt sie zurück. „Dein Leben ist erfüllt von Schmerz und du trägst ihn ganz allein. Erlaube dir doch den Trost, nach dem deine Seele sucht, zumindest für eine Nacht.“

„Ich suche nicht nach Trost“, beharrte Xena, auch wenn es ihrer Stimme an der zuvor noch dagewessenen Aggression und Schärfe mangelte.

„Aber deine Seele sucht danach“, entgegnete Lao Ma ruhig, wobei sie ihre Hand von Xenas Schulter in deren Haar wandern ließ und mit den Fingern durch eine dunkle Strähne strich. Womöglich war es diese eine Geste, die Xena dazu bewog, sich wieder umzudrehen. Langsam. Zögernd. Kurz spielte sie mit dem Gedanken, Lao Ma von sich zu stoßen, diese Grenzüberschreitung zu bestrafen. Doch sie tat es nicht. Trotz ihres Widerwillens, trotz der Mauern, die sie hochgefahren hatte, war da in ihr dieser Wunsch, von Lao Ma in die Arme genommen zu werden. Es war ein Wunsch, der ein Unwohlsein in der Kriegerin weckte, das sich mit nichts messen konnte, was sie kannte. Ein Unwohlsein, das aus ihrer Überzeugung resultierte, keinerlei Schwächen zeigen zu dürfen, und sei es auch nur Lao Ma gegenüber. Doch obgleich dieses Unwohlsein sie tief erfüllte, sehnte sich etwas in ihr – war das tatsächlich diese Seele, von der Lao Ma gesprochen hatte? – mit unglaublicher Macht danach, von dieser Frau gehalten zu werden. Und so verharrte sie hin- und hergerissen zwischen ihren widersprüchlichen Gefühlen auf der Stelle.

Letztendlich war es Lao Ma, die ihr jegliche Entscheidung abnahm, da sie es war, die den ersten Schritt tat. Sie zog sie an sich, streichelte ihr das Haar, den Rücken, langsam und ohne Druck und sagte während all dem nichts. Und Xena regte sich nicht, stand einfach nur da, spürte, wie eine Träne sich löste. Diesmal aber floh sie nicht, diesmal waren es nur ihre Gedanken, die den Schauplatz verließen, zurückflogen in eine Zeit, in der sie derlei Umarmungen noch gekannt hatte. In der Berührungen noch unschuldig und gut gewesen waren. Ein Teil von ihr wünschte sich zurück in jene Zeit. Doch der andere Teil, der viel größere Teil von ihr wusste, dass es zu spät war. Sie konnte nicht aufhören zu wollen, nicht aufhören zu begehren, nicht aufhören zu hassen. Sie konnte es einfach nicht. Eine weitere Träne wanderte ihre Wange hinab, dicht gefolgt von einer zweiten. Sie versuchte nicht mehr, sie aufzuhalten. Der Punkt, an dem das noch möglich gewesen wäre, war längst verstrichen. Was in Lao Mas Palast geschah, würde in Lao Mas Palast bleiben. Dessen war sie sich inzwischen sicher. Was also sprach dagegen, ihre Seele in dieser einen Nacht den Trost finden zu lassen, nach dem sie sich augenscheinlich so sehr sehnte?

Als Lao Ma ihr Haar beiseiteschob und ihr Kinn anhob, wehrte sie sich nicht, gab die Kontrolle einfach ab. Kurz trafen sich ihre Blicke, dann legte Lao Ma ihre Lippen auf die ihren. Im ersten Moment überrascht, ließ sie es zunächst einfach nur geschehen, um den Kuss kurz darauf aktiv zu erwidern. Es war ungewohnt für sie, jemanden zu küssen, den sie nicht gleichzeitig auch beherrschen wollte. Aber jene Gefühle der Macht spielten in diesem Moment tatsächlich keine Rolle für sie. Hier ging es allein um die Wärme, den Trost, das Gefühl, gemocht zu werden. Um nichts anderes. Es überraschte sie selbst, wie unschuldig sich das noch immer anfühlen konnte, selbst für jemanden wie sie.

„Warum?“, wisperte sie, als Lao Ma ihre Lippen von den ihren nahm, um stattdessen ihren Hals zu liebkosen.

„Weil ich dich mag“, entgegnete diese, ohne ihre Küsse zu unterbrechen.

„Das solltest du nicht. Ich will nicht, dass du verletzt wirst.“

„Das ist sehr aufmerksam von dir.“ Nun sah sie doch auf und suchte Xenas Blick. Fing ihn ein. „Aber heute Nacht geht es nicht um mich. Es geht um dich.“

Mit diesen Worten nahm sie sie an der Hand und führte sie durch den Garten zurück in den Palast.
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