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120 kleine Augenblicke

von Amarice
Kurzbeschreibung
SammlungFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / FemSlash
Gabrielle Xena
18.04.2020
14.02.2022
23
68.733
6
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
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08.05.2020 1.808
 
Disclaimer: Alle Charaktere aus „Xena: Warrior Princess“ gehören MCA/Universal und Renaissance Pictures. Keine Copyright-Verletzungen sind mit dieser Geschichte beabsichtigt.

Einordnung: Mitte oder Ende der zweiten Staffel.

Genre: Humor

Inhalt in einem Satz: Xena möchte ein Pferd für Gabrielle kaufen.


4. Deep – Tief

Xena hatte beschlossen, dass Gabrielle ein eigenes Pferd bekommen sollte. Das zusätzliche Gewicht Gabrielles im Sattel hatte Argo ein paar Tage zuvor dermaßen ausgebremst, dass Xenas Pläne, eine fiese Banditenbande zu schnappen, beinahe gescheitert wären. Die Kriegerin hatte aus diesem Zwischenfall eine Lehre gezogen und war nun fest entschlossen, ein zweites Pferd anzuschaffen, ob Gabrielle dies wollte oder nicht.

Und so standen sie vor der Schmiede eines ihrem Lager nahgelegenen Städtchens. Der Schmied war gleichzeitig Pferdehändler und, wie es den Anschein hatte, auch Hundefriseur, denn soeben schnitt er einer zerrupften Promenadenmischung das verfilzte Fell kürzer.

„Was kann ich für euch tun?“, fragte er die beiden Frauen, ohne dabei den Hund aus den Augen zu lassen, denn dieser schien nur auf eine passende Fluchtgelegenheit zu warten.

„Wir suchen ein Pferd. Was dagegen, wenn wir uns ein wenig umsehen?“

„Kein Problem. Die da drüben …“ Er deutete auf einen Pferch, in dem sich mehrere Pferde tummelten. „… sind alle zum Verkauf. Nur der Weiße nicht, der gehört mir.“

„Fantastisch!“, sagte Xena, ehe sie Gabrielle mit sich in Richtung der Pferde schob. „Sieh nur, Gabrielle, wir haben Glück. Gleich sieben Stück zur Auswahl, da sollte doch was Passendes für dich dabei sein.“

Wenig euphorisch zog die Angesprochene die Nase kraus. „Ich glaube nicht. Du weißt doch, dass ich mich gar nicht wohlfühle so hoch oben.“

„Das wird schon. Warte nur ab.“

„Xena …“

Doch diese hörte gar nicht mehr zu, war sie doch längst über die Holzlatten des Pferches geklettert, um sich die potenziellen neuen Familienmitglieder einmal genauer anzuschauen. Ihre zunächst noch euphorische Miene fiel zusehends in sich zusammen, je näher sie kam. Mit gerunzelter Stirn wanderte sie von einem Kandidaten zum nächsten. Fünf Pferde strich sie sofort von der Liste. Das waren der alte, klapprige Schecke, das viel zu dicke Pony, der ziemlich bösartig um sich schnappende Rappe, der augenscheinlich blinde Fuchs sowie der viel zu faule Braune, der so tief schlief, dass Xena im ersten Moment gedacht hatte, er sei tot. Blieben also noch zwei Tiere in der engeren Auswahl. „Gabrielle, komm her! Die beiden wären was für dich.“

Missmutig brummend kletterte Gabrielle nun ebenfalls über den Zaun. Sie schlängelte sich zwischen zwei der Pferde hindurch und passierte dann nichts Böses ahnend den Rappen, der sie angesichts des zu geringen Abstands prompt in den Hintern biss. „Aua!“, schrie sie laut auf, woraufhin zwei Pferde erschrocken wieherten und in die hinterste Ecke des Pferches galoppierten. Xena reagierte mit einem entnervten Kopfschütteln und schimpfte: „Gabrielle, das sind Fluchttiere. Du machst ihnen Angst.“

„Ich mache ihnen Angst?! Ich?! Schau dir mal mein Hinterteil an!“

„Später sehr gerne, aber gerade bin ich beschäftigt. Und jetzt komm her und sieh dir diese prächtige Stute hier an! Wäre die nichts für dich?“  Sie deutete auf einen Grauschimmel, der unruhig auf der Stelle tänzelte. Als Xena ihre Hand ausstreckte, zuckte das Tier zurück, das Weiße der Augen wurde sichtbar und es stieß ein erschrockenes Wiehern aus. Gabrielle kicherte nervös. „Ne, lieber nicht.“

„Du hast recht. Ein bisschen zu angespannt. Vielleicht nicht ganz das Richtige für dich. Aber das hier, Gabrielle, das passt zu dir!“ Diesmal deutete sie auf ein geschecktes, großes Pferd. Ein wirklich sehr, sehr großes Pferd. Gabrielle sah von dem Tier zu Xena, zurück zu dem Tier, dann lachte sie gezwungen auf. „Witzig, Xena.“

„Ich mache keine Witze. Schau her.“ Euphorisch schritt Xena auf die gescheckte Stute zu, besah sich deren Augen, Ohren, Zähne und die Hufe. „Das Tier ist kerngesund. Und absolut ruhig. Sieh dir an, wie gelassen sie ist. Sie lässt alles mit sich machen.“

„Sieh dir an, wie riesig sie ist!“, rief Gabrielle aus, die Stimme ungewöhnlich schrill. „Was spricht denn gegen dieses Pony da?“

Das kleine Pony, das merkte, dass es Gabrielles Interesse geweckt hatte, kam keck herangetrabt. Dabei wippten seine Ohren lustig vor und zurück und seine helle Mähne stand witzig in alle Richtungen ab. Mit seiner goldenen Fellfarbe sah es ein bisschen so aus wie Argo – nur viel kleiner und dicker. „Das ist doch ein niedliches Kerlchen!“

„Willst du ein Reittier oder einen Hund?!“

„Naaaa guuut“, sagte Gabrielle gedehnt, wobei sie das Pony ausgiebig tätschelte und streichelte. „Dann vielleicht der Braune da? Der wirkt sehr entspannt.“

Besagter Brauner lag ausgestreckt auf der Seite und schnarchte laut.

„Der Schecke ist doch ebenfalls total entspannt!“, meinte Xena entnervt. Doch Gabrielle schüttelte heftig den Kopf. „Entspannt schon, aber riesig. Der Braune ist mit Sicherheit viel kleiner. Die Beine sehen recht kurz aus.“

„Auf die Größe kommt es doch gar nicht an, Gabrielle. Du machst jetzt einfach mal einen Proberitt und wirst dich sicher sofort verlieben.“

„Sicher …“

… nicht, wollte Gabrielle sagen, doch der Schmied war plötzlich hinter ihnen erschienen und unterbrach sie: „Ein Proberitt, das ist eine hervorragende Idee!“ Und ehe Gabrielle sichs versah, stand die riesige Stute aufgezäumt und aufgesattelt vor ihr. Erwartungsvoll guckten Xena und der Schmied sie an, doch sie brauchte nur einen Blick auf die Steigbügel zu werfen, um zu wissen, dass sie da nur mit viel Geschick und Anstrengung hochkommen würde.

„Na komm schon, Gabrielle, wo ist das Problem?“ Ein bisschen Ungeduld schwang in Xenas Stimme mit, was Gabrielle wiederum ein bisschen verärgerte. Sie warf ihrer Freundin einen wenig freundlichen Blick zu, dann aber zuckte sie ergeben mit den Schultern, trat dichter an das Pferd heran, streckte ihr Bein in einem körperlichen Gewaltakt so weit nach oben, dass sie den Steigbügel gerade so erreichte, klammerte sich mit den Fingern an der Seite des Sattels fest – nach ganz oben kam sie nicht – und angelte sich dann wenig elegant hinauf. Von dort aus guckte sie nach unten. Ihre erste Reaktion war Befriedigung, denn Xena wirkte plötzlich nicht mehr ganz so enthusiastisch wie noch vor wenigen Sekunden. Das Kinn hatte sie in die Hand gestützt, eine Augenbraue skeptisch nach oben gezogen. Ihre zweite Reaktion allerdings war ein erschrockenes Quieken, gefolgt von dem Ausruf: „Bei Athene und allen guten Göttern, das geht ja verdammt tief runter!“

„Schau nach vorne, nicht nach unten. Und los geht’s, Gabrielle!“

„Ja, los geht’s, junge Dame“, feuerte auch der Schmied sie an, lief zum Tor des Pferches und öffnete es. Fröhlich winkte er Gabrielle zu hindurchzureiten. Diese verdrehte entnervt ihre Augen, tat aber, was von ihr erwartet wurde. Sie trieb das Pferd an, das gemächlich nach draußen schritt.

„Trab doch mal eine Runde. Und dann Galopp. Du wirst es lieben!“, rief Xena.

Gabrielle verdrehte abermals die Augen und fragte sich, ob Xena sie loshaben wollte. Ein Sturz aus dieser Höhe und in diese Tiefe konnte durchaus tödlich enden. Dennoch trieb sie die Stute zum Trab an. Das Pferd tat brav, wie ihm geheißen, und Gabrielle musste zugeben, dass sich das gar nicht so schlecht anfühlte. Ermutigt galoppierte sie an und auch hier musste sie sich eingestehen, dass es richtig gemütlich war. Viel schaukeliger als auf Argo. Womöglich hatte Xena recht und es kam tatsächlich nicht auf die Größe an. Womöglich würde sie sich ja doch an dieses hübsche, wenn auch recht große Pferd gewöhnen können. Nach zwei, drei Runden im Galopp parierte sie das Pferd in den Schritt durch und während sie es zurück in Richtung des Pferches lenkte, überlegte sie schon, wie sie es nennen könnte. Einige Namen kamen ihr in den Sinn, aber so richtig überzeugte sie keiner davon. „Huch“, murmelte Gabrielle da, als das Pferd plötzlich stehen blieb und zu grasen begann. „Ach so, du hast Hunger. Den hab ich auch ständig.“ Gabrielle kicherte und schaute von oben her zu, wie sich das Tier langsam fressend von Grasbüschel zu Grasbüschel bewegte. Weiter und weiter schritt es dabei auf Argo zu, die Xena vor dem Pferch stehen gelassen hatte, ohne sie anzubinden, da Argo schließlich nie wegrannte. Nun ja, so gut wie nie. Argo jedenfalls, die bis vor wenigen Sekunden ebenfalls gefressen hatte, beobachtete inzwischen sehr argwöhnisch, wie der Schecke sich allmählich näherte. Als ein gewisses Mindestmaß an Abstand unterschritten war, legte sie ihre Ohren an und biss blitzschnell zu. Die scheckige Stute wieherte, stiegt vor Schreck ein Stückchen in die Höhe, dann wirbelte sie herum und schlug in Richtung der goldenen Stute aus. Gabrielle konnte sich gerade noch so am Hals festgeklammert auf dem Rücken halten. „Oje“, jammerte sie, die Finger fest in Mähne und Fleisch des Tieres vergraben. „Oje.“

Argo war nun so richtig erzürnt und auch die scheckige Stute schien auf Ärger aus zu sein. Wer weiß, welchen Krieg sie sich geliefert hätten, wären nicht Xena und der Schmied herangeeilt. Die Kriegerin schnappte sich Argo, der Schmied den Schecken. „Hui, hui, hui“, sagte er dabei und grinste breit. „Die mögen sich wohl nicht.“

„Was für ein biestiges Vieh!“, zischte Xena. „Gabrielle, komm sofort da runter. Das Tier bleibt hier.“

„Argo hat angefangen“, murrte Gabrielle, während sie sich aus luftiger Höhe hinunterschwang und recht unelegant auf zittrigen Beinen landete.

„Argo fängt niemals an. Und jetzt komm, wir gehen.“

„Ich dachte, wir wollen ein Pferd kaufen.“

„Na, welches sollte das wohl sein?! Diese Stute da bleibt garantiert hier!“

„So übel ist sie gar nicht!“, beschwerte sich Gabrielle, woraufhin Xena sie wenig freundlich anfunkelte. Die Bardin zuckte mit den Schultern, dann sagte sie: „Wie wärs stattdessen mit dem Pony? Ich meine, was wenn niemand es mag und es in der Wurst landet?! Es ist total niedlich – und es sieht aus wie Argo!“

Der Schmied nickte eifrig. „Wo sie recht hat, hat sie recht. So ein Pony ist nicht sehr gefragt und früher oder später …“ Mit übertrieben betrübter Miene strich er sich mit dem Zeigefinger quer über die Kehle. „… ruft die Wurst.“

Diesmal war es an Xena, ihre Augen zu verdrehen. „Was soll das Pony kosten?“

„20 Dinar.“

Wortlos ergriff Xena Gabrielle am Handgelenk, um gemeinsam mit ihr den Ort des Geschehens zu verlassen. Der Schmied sprang ihnen jedoch hinterher. „Gut, gut. 15 Dinar und keinen weniger.“

„10“, sagte die Kriegerin.

„12“, sagte der Schmied.

„11“, sagte die Kriegerin.

„Also schön.“ Schulterzuckend gab der Schmied nach. Dann holte er Sattel und Zaumzeug in Miniaturgröße und übergab Gabrielle kurz darauf ihr neues Pony aufgesattelt und aufgezäumt – und selbst ein rotes Schleifchen hatte er dem possierlichen Tierchen noch in die Mähne gebunden.

„Wie niedlich!“, strahlte Gabrielle und reichte dem Mann das Geld. Als das Pony die große Argo erblickte, trippelte es sogleich zu ihr, woraufhin Argo den Kopf senkte und ganz begeistert an dem Pony zu schnüffeln begann. „Sie mögen sich!“, rief Gabrielle. „Ist das nicht schön?“

Xena beäugte das Geschehen kritisch. Dann seufzte sie tief und sagte: „Wir wollten ein Pferd und haben einen großen, behuften Hund bekommen. Aber Hauptsache Argo, du und dieses lächerliche Pony da seid glücklich.“

Und so zogen sie zu viert von dannen, dem Sonnuntergang entgegen.
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