Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

120 kleine Augenblicke

von Amarice
Kurzbeschreibung
SammlungFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / FemSlash
Gabrielle Xena
18.04.2020
14.02.2022
23
68.733
6
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
02.05.2020 1.397
 
Disclaimer: Alle Charaktere aus „Xena: Warrior Princess“ gehören MCA/Universal und Renaissance Pictures. Keine Copyright-Verletzungen sind mit dieser Geschichte beabsichtigt.

Einordnung: Ende der zweiten Staffel.

Genre: Humor

Inhalt in einem Satz: Xena und Gabrielle sprechen darüber, was sie tun würden, hätten sie nur noch eine Nacht zu leben.


3. Sunset – Sonnenuntergang

Sie hatten ihr Lager an einem See aufgeschlagen. Ein kleines Feuer brannte, über dem ihr Abendessen kochte. Xena saß gegen den Sattel ihres Pferdes gelehnt auf einer Decke und wetzte ihr Schwert. Neben ihr schrieb Gabrielle in eine ihrer Schriftrollen. Emsig kratzte die Feder über das Papier. Irgendwann verstummte das Geräusch. Kurze Zeit herrschte Stille, dann sagte Gabrielle: „Sieh mal, Xena. Ist der Sonnenuntergang nicht schön?“ Sie deutete auf den orangefarbenen Sonnenball, der den Anschein machte, als versinke er in den Wassermassen des Sees, und das umrahmt von einem Himmel, der in den unterschiedlichsten Farbtönen leuchtete.

„Hmm“, entgegnete Xena, ohne aufzusehen. Doch Gabrielle ließ sich durch das offensichtliche Desinteresse ihrer Freundin nicht die Stimmung verderben. Sie war Xenas mangelnde Begeisterung für die Schönheit der Natur inzwischen gewohnt und ging die meiste Zeit gekonnt darüber hinweg. So wie in diesem Moment, da sie einfach weiterhin verträumt in die Ferne guckte, ein seliges Lächeln auf den Lippen. Nach einer Weile begann sie abermals zu sprechen: „Stell dir vor, das wäre dein letzter Sonnenuntergang auf Erden. Du wüsstest, dass du die Nacht nicht überleben würdest. Was würdest du tun?“

Als keine Antwort kam, sondern nur das monontone Geräusch des Wetzsteins zu hören war, zuckte Gabrielle mit den Schultern und setzte ihr Gespräch für sich alleine fort. „Ich würde der Sonne zusehen, bis sie vollständig untergegangen wäre. Dann würde ich im Schein des Lagerfeuers Briefe verfassen. Einen an meine Schwester Lila. Und einen an Mutter und Vater. Einen an Ephiny und einen natürlich an dich. Außerdem würde ich meinen letzten Willen niederschreiben.“

„Wozu?“, brummte Xena. „Du könntest ihn mir auch einfach mitteilen.“

„Natürlich könnte ich das, aber …“ Gabrielle schüttelte ihren Kopf. „Wenn ich schon weiß, dass ich sterben werde, dann möchte ich es auch richtig machen. Und dazu gehört ein handschriftliches Dokument meiner letzten Wünsche. Dir würde ich es anvertrauen. Das ist dann fast so, als ob ich dir meinen letzten Wunsch mitteilen würde – nur besser.“

„Aha.“

„Und du? Was würdest du tun, wenn das dein letzter Sonnenuntergang und deine letzte Nacht auf Erden wären?“

„Schlafen“, entgegnete Xena.

„Das glaube ich nicht! Komm schon, Xena, sei nicht immer so langweilig!“

„Ich? Langweilig?“ Xena grinste. „Also so hat man mich noch nie genannt.“

„Ist doch wahr. Nun sei keine Spielverderberin und sag schon, was du tun würdest!“

„Also schön. Aber nur ausnahmsweise.“ Sie legte ihr Schwert beiseite und lehnte sich zurück. „Also, wenn das meine letzte Nacht auf Erden wäre, würde ich zuerst in eine Taverne gehen und mir ein, so hoffe ich doch, fantastisches letztes Essen gönnen. Danach würde ich mich des Spaßes wegen mit ein paar fiesen Banditen prügeln. Und wenn ich das erledigt hätte, würde ich nach Ares rufen, ihn provozieren und zum Kampf herausfordern. Ich würde seinem Schwert erliegen und somit den besten aller Tode sterben.“

Mit offenem Mund starrte Gabrielle ihre Freundin an. „Das ist nicht dein Ernst! Du würdest  mit … mit … Ich meine, was ist mit mir?! Lässt du mich einfach allein am Feuer zurück?!“

Unschuldig zwinkerte Xena sie an, mit einer Miene, als verstände sie gar nicht, wo das Problem liege. Sie genoss Gabrielles entsetzten Ausdruck ein paar Sekunden lang, dann erlöste sie sie: „Das war ein Scherz. Darf ich jetzt weitermachen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, angelte sie nach Schwert und Wetzstein und machte sich wieder an die Arbeit.

„Xena!“, schimpfte Gabrielle erbost. „Das ist nicht fair! Komm schon – sag, was du wirklich tun würdest!“

Sie erhielt keine Antwort.

„Xena! Nur dieses eine Mal! Bitte! Das ist doch total spannend und gar nicht so realitätsfern. Bei deinem Leben kann es schließlich immer mal passieren, dass …“

„Also schön!“, unterbrach Xena Gabrielles Redeschwall, da sie fürchtete, sie würde sonst zu keinem Ende kommen. Seufzend tat sie ihr Schwert abermals beiseite. Dann stand sie auf und legte ein paar zuvor gesammelte Holzscheite ins Feuer. Schließlich setzte sie sich wieder. Das alles machte sie so langsam, dass Gabrielle sich fragte, ob es dazu dienen sollte, Spannung aufzubauen. Doch sie hatte keine Zeit, eine Antwort zu finden, denn Xena begann zu sprechen, die Augen fest auf Gabrielle gerichtet: „Wenn das heute meine letzte Nacht auf Erden wäre, Gabrielle, dann würde ich dich dazu bringen, mit mir zu schlafen.“

Gabrielle kicherte, zog ihre Nase kraus und drohte Xena mit dem Zeigefinger. „Witzig, sehr witzig“, lachte sie. Als Xena sie jedoch weiterhin einfach nur ansah, wurde sie still. Ihre Augen weiteten sich und irgendwie hatte sie das Gefühl, ihr Herz würde ihr in die Magengrube rutschen. „Ich meine … das war doch ein Scherz? Oder … etwa … nicht?“

Xena zog eine Augenbraue in die Höhe. Dann sagte sie: „Das Essen ist fertig“, stand auf und befüllte zwei Holzschalen mit Eintopf. Eine davon drückte sie Gabrielle in die Hände, bevor sie sich wieder setzte und zu essen begann. Gabrielle dagegen ließ ihr Mahl unberührt. Denn nun war sie es, die Xena einfach nur ansah. Schweigend. Verwirrt. Und erst als diese fast schon fertig war mit Essen, meinte Gabrielle langsam, ja verunsichert: „Du würdest nicht wirklich versuchen, mit mir zu schlafen, oder?“

„Nein. Ich würde es ganz sicher nicht versuchen.“ Pause. „Ich würde es tun.“

Gabrielles Mund klappte auf.

„Du denkst doch nicht ernsthaft, dass ich meine letzte Nacht auf Erden mit irgendwelchen Verführungsversuchen vergeuden würde? Ich würde dich im Handumdrehen genau dort haben, wo ich dich haben wollte.“

„Aber … Warum … Wie … wie kannst du dir da so sicher sein? Ich meine …“ Gabrielle brach ab, da sie verärgert feststellen musste, dass sie stotterte. „Ich hätte da doch ein Wörtchen mitzureden!“

„Oh, aber natürlich hättest du das. Ich würde dich niemals zu etwas zwingen.“ Xena lächelte süßlich, biss sich auf die Lippen und stand auf. Langsam ging sie auf Gabrielle zu, irgendwie verführersich, wie diese nervös dachte. „Magst du dein Essen nicht? Ich könnte noch etwas vetragen.“

„W-was?“, stammelte Gabrielle verwirrt, dann begriff sie. „Ach so. Das Essen.“ Sie schluckte, versuchte sich an einem missratenen Lächeln, wobei sie Xena ihre Schale mit zitternder Hand entgegenstreckte. „Nimm ruhig.“

Diese ließ sich nicht zweimal bitten. Und während sie das Gefäß umfasste, strichen ihre Finger gegen diejenigen Gabrielles. Diese zuckte leicht zusammen. War das Absicht gewesen?, fragte sie sich. Oder bildete sie sich das lediglich ein? Unsicher beobachtete sie Xena. Die Gedanken in ihrem Kopf überschlugen sich. Sie dachte und dachte, das aber so kreuz und quer und ganz ohne Plan, dass sie zu keinem Ergebnis kam, ja noch nicht einmal den Gegenstand ihres Nachdenkens genau zu fassen wusste. Noch dazu schlug ihre Herz so schnell in ihrer Brust, dass es sie ganz nervös machte.

„Wo waren wir stehen geblieben?“, unterbrach Xena die Stille, nachdem sie auch den letzten Bissen vertilgt hatte. „Ach ja. Meine letzte Nacht auf Erden.“ Sie legte eine Pause ein. Ein verführerischer Augenaufschlag flog in Gabrielles Richtung – zumindest interpretierte diese das so. „Natürlich würde ich dich niemals zu etwas zwingen, Gabrielle. Das weißt du. Aber ich gehe auch nicht davon aus, dass ich das müsste. Meine Avancen würden dich schließlich nicht kaltlassen. Oder irre ich mich da?“

„I-ich w-weiß nicht …“

„Komm schon, Gabrielle. Es sind meine letzten Stunden auf Erden. Die Sonne geht unter. Das Feuer brennt. Es ist warm, gemütlich, der Ausblick ist atemberaubend. Was würde sich da besser eignen, um mit dem Leben abzuschließen, als mit der wunderbarsten Frau, die ich kenne, zu schlafen? Du würdest mir diesen Wunsch doch nicht verwehren?“

„N-nein?“

Xena atmete hörbar aus. „Das ist sehr beruhigend für mich, Gabrielle“, sagte sie, stellte die Schale, die sie noch in Händen gehalten hatte, beiseite und ergriff ihre Bettrolle. Schnell errichtete sie ein Schlaflager, worauf sie es sich gemütlich machte. Sie gähnte, dann sagte sie: „Gute Nacht, Gabrielle. Hab schöne Träume.“

Gabrielle sagte nichts. Erst nach langen Sekunden murmelte sie leise „Nacht, Xena“, ohne jedoch Anstalten zu machen, sich selbst hinzulegen. Viel zu verwirrt und aufgewühlt war sie. Hatte Xena ernst gemeint, was sie da gesagt hatte? Oder hatte sie abermals nur gescherzt? In Gedanken ging sie den Dialog immer und immer wieder durch, kam jedoch zu keiner Erkenntnis – außer der einen, dass sie in dieser Nacht mit Sicherheit keinen Schlaf finden würde.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast