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120 kleine Augenblicke

von Amarice
SammlungFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / FemSlash
Gabrielle Xena
18.04.2020
03.04.2021
17
44.947
5
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8 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
18.04.2020 852
 
Disclaimer: Alle Charaktere aus „Xena: Warrior Princess“ gehören MCA/Universal und Renaissance Pictures. Keine Copyright-Verletzungen sind mit dieser Geschichte beabsichtigt.

Einordnung: „The Greater Good“ – „Einer für alle“ (Staffel 1, Episode 21)

Genre: Freundschaft

Inhalt in einem Satz:  Die kurze Szene beschreibt Xenas Gefühle/Gedanken bzw. ihren Zustand vor und während ihres scheinbaren Todes.


1. In Between Worlds – Zwischen den Welten

Sie fühlte nichts.

Oder besser gesagt: Nichts mehr.

Bevor Talmadeus‘ Männer gekommen waren, um sie zu töten, war das anders gewesen. Da hatte sie gefühlt. Nicht so sehr den physischen Schmerz in ihrem Körper, verursacht durch das Gift, das in ihr wütete. Vielmehr den emotionalen Schmerz, ausgelöst durch ein Gefühl der Schuld.

Sich konfrontiert zu sehen mit einem Kriegsherrn wie Talmadeus, hatte Erinnerungen daran geweckt, wie sie gewesen war. Wie viel Leid sie in ihrer Vergangenheit verursacht hatte. Erinnerungen an ihre Grausamkeit. An ihre Rachgier. Und an die Lust, die sie empfunden hatte, jedes Mal, wenn sie in die Schlacht geritten war.

Und dann war da noch Angst gewesen.

Nicht vor dem Tod. Natürlich nicht. Vor dem Tod hatte sie sich noch nie gefürchtet. Und für das höhere Wohl würde sie nur allzu bereitwillig sterben. Sie hatte so viele Menschenleben auf dem Gewissen, dass sich für andere aufzuopfern das Mindeste war, das sie tun konnte, um wenigstens einen winzigen Bruchteil ihrer Schuld zu begleichen. Auch wenn es nicht mehr war als ebendas: ein winziger Bruchteil.

Die Angst vor dem Tod war es also nicht gewesen, die sie durchflutet hatte. Vielmehr die Angst um Gabrielle. Ihre Freundin. Ihre Familie. Das Liebste, das sie hatte. Um sie hatte sie sich gesorgt. Denn sie selbst hatte inzwischen ein Maß an physischer Schwäche erreicht, das es ihr nicht mehr erlaubte, für Gabrielle da zu sein. Nein, auf einmal war es andersherum. Gabrielle musste für sie da sein. Für sie und das höhere Wohl. So hatte sie ihrer Freundin nicht nur die Last aufgebürdet, die Dorfbewohner zu retten, sondern auch noch die Bitte, ihren Leichnam im Falle ihres Todes zurück nach Amphipolis zu bringen. Zwei Aufgaben, die im Grunde genommen zu schwer waren, für ein so junges und noch immer unerfahrenes Mädchen, wie Gabrielle es war. Deswegen hatte sie Angst empfunden. Angst und darüber hinaus Schmerz. Schmerz darüber, ihrer Freundin so viel zuzumuten. Ihr weh zu tun. Und sie womöglich auf eine Mission zu schicken, die ihren Tod bedeuten konnte.

Es war schwer gewesen, all das zu empfinden und doch nach außen hin stark zu sein. Es sich nicht anmerken zu lassen. Schließlich war sie trotz allem noch die Anführerin, die, die das Sagen hatte, und eine Schwäche hatte sie sich allein aus diesem Grund nicht zugestehen dürfen.

Und dann war der Moment gekommen, von dem an es nicht mehr nötig gewesen war, sich zu verstellen, da sie nach einem letzten Kraftakt, einem letzten Kampf, gestorben war – und schlagartig aufgehört hatte, irgendetwas zu fühlen.

Das heißt, so richtig gestorben war sie nicht. Vielmehr war sie hinausgeglitten aus der Welt der Lebenden, ohne in die Welt der Toten hineingeglitten zu sein. Oder anders ausgedrückt: Sie war irgendwo dazwischen hängen geblieben.  

Sie schwebte.

Ja, das war es. Ein Schweben. Genau in der Mitte. Zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten.

Genau dort befand sie sich.

Schwebend.

Fliegend.

Erfüllt.

Erfüllt von dem tiefen, stillen Wissen darum, dass es nur einen Weg für sie gab. Dass sie sich zwar in der Mitte zwischen zwei Welten befand, aber dennoch keine Wahl hatte. Die Option zu sterben existierte nicht. Für sie hieß es zu kämpfen. Kämpfen, um zurückzukehren. Zurück zu Gabrielle.

Dies war kein heißer Wunsch. Keine Sehnsucht. Kein Begehren. Es war nüchternes, beinahe schon eiskaltes Wissen. Ganz ohne Gefühl. Ohne Emotion.

Kehr zurück!

Kämpfe!

Geh zu ihr!

Diese neutrale, nüchterne Stimme hallte wie ein Echo in ihr wider. Ein um das andere Mal. Und sie hörte zu. Still und ruhig. In diesem schwebenden, fliegenden Zustand. Tat sie etwas? Kämpfte sie tatsächlich? Sie wusste es nicht. Konnte es nicht sagen. Ihr kam es nicht so vor. Ihr schien es, als täte sie nichts. Nichts – außer der Stimme tief in ihr zu lauschen.

Minutenlang?

Stundenlang?

Oder waren es gar Tage?

Und dann … dann änderte sich etwas.

„Ich nehme meine Freundin und wir gehen. Ich bring sie nach Hause zu ihrem Bruder!“, drangen Gabrielles Worte an ihre Ohren und schlagartig durchströmte sie Wärme. Und ihr wurde klar, dass das der Wendepunkt war. Der Punkt, an dem sie – war es ihre Seele, war es ihr Geist? – zurückglitt in die Welt der Lebenden. Mit einem Mal war alles anders. Die ruhige, stille Nüchternheit verflog und stattdessen erfüllten sie Emotionen mit unglaublicher Macht. Überrollten sie fast. Stolz. Liebe. Aber auch Wut und Zorn. Alles war da. Durchzog ihren Körper, ihren Geist, ihr Herz. Stark und unbändig.

So zum Leben erwacht, konnte sie die Schlacht zu Ende führen, die Gabrielle für sie begonnen hatte. Und während all dem begriff sie, dass es Gefühle waren, die das Leben bestimmten. Ein Leben ohne sie, das gab es nicht. Ein Leben ohne sie, das war kein Leben, sondern der Tod.

Oder zumindest irgendetwas dazwischen.
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