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120 kleine Augenblicke

von Amarice
SammlungFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / FemSlash
Gabrielle Xena
18.04.2020
03.04.2021
17
44.947
5
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8 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
16.09.2020 1.496
 
Disclaimer: Alle Charaktere aus „Xena: Warrior Princess“ gehören MCA/Universal und Renaissance Pictures. Keine Copyright-Verletzungen sind mit dieser Geschichte beabsichtigt.

Einordnung: „Is there a Doctor in the House?“ – „Der Eid des Hippokrates (Staffel 1, Episode 24)

Genre: Freundschaft, Liebe

Inhalt in einem Satz: Gabrielles Gedanken während ihres Todes.
Die Geschichte habe ich vor Jahren schon einmal unter dem Titel „Komm zurück zu mir!“ hochgeladen. Ich habe lange überlegt, ob ich etwas Neues schreiben soll. Aber zum Stichwort „Breathe again“ ist mir einfach nichts anderes eingefallen als immer nur die Szene aus dem „Eid des Hippokrates“, in der Xena Gabrielle reanimiert. Einige Stellen habe ich noch mal überarbeitet, aber im Großen und Ganzen habe ich nicht viel verändert.



Breathe Again – Wieder atmen

Ich mache einen Schritt auf das Licht zu.
Es ist silbern.
Grün.
Pink.
Ein Nebeneinander an Farben.
Es sieht schön aus.
Es fühlt sich gut an.
Eine seltsame Leichtigkeit, Schwerelosigkeit umhüllt mich. Obwohl ich noch nie geflogen bin, bin ich mir sicher, dass es sich so anfühlen muss. Dass es sich so anfühlen muss, ein Vogel zu sein. Ein Adler, der königlich durch die Lüfte segelt.
Ich genieße es.
Nein, ich genieße es nicht nur, ich will es.
Ich will, dass es so bleibt.
Dass es für immer so bleiben wird.
Meine Beine bewegen sich wie von selbst auf das Licht zu.
Instinktiv weiß ich, dass es ein Ausgang ist.
Der Ausgang aus dem Tunnel, in dem ich mich befinde.
„Gabrielle!“
Ich erstarre.
Das bin ich.
Jemand ruft nach mir.
Einen Augenblick lang bin ich versucht, mich umzusehen.
Doch ich lasse es sein.
Denn das Licht verlangt nach mir.
Es zieht mich an und vielleicht sollte mir das Angst machen. Immerhin weiß ich nicht, wohin es mich führen wird.
Doch ich ahne, ich fühle, dass es ein guter Ort sein wird.
Ich muss nicht wirklich darüber nachdenken und mache einen weiteren Schritt auf das Licht zu.
„Bitte! Wach auf!“
Ich zucke zusammen.
Aufwachen?
Schlafe ich denn?, frage ich mich unwillkürlich.
Ich schüttele den Kopf.
Nein.
Ich schlafe doch nicht.
Ich träume doch nicht.
Ich gehe.
Ich schwebe.
Ich bin ich und ich bin ganz.
Ich fühle mich gut.
„Wach auf und atme!“
Wieder stutze ich.
Ich atme doch, oder etwa nicht?
Ich bin mir nicht sicher.
Ich weiß es wirklich nicht.
Aber ich fühle mich gut so, wie ich bin.
Und das ist doch das Wichtigste.
Ich will weiter und ich gehe weiter.
„Du bist noch nie in deinem Leben vor etwas davongelaufen!“
Jetzt verharre ich.
Tue den Schritt nicht, den ich soeben gehen wollte.
Laufe ich davon?, frage ich mich.
Und falls ja –
Wovon?
Etwas drängt mich dazu, mich umzudrehen.
Etwas.
Ich kann dieses Etwas nicht definieren.
Vielleicht ist es reine Neugierde.
Ich wende meinen Kopf.
Nur ein Stück.
Nur ganz leicht.
Doch es genügt.
Der Schmerz, der in all meine Glieder fährt, ist unerträglich.
Meine Hände fahren nach oben.
Meine Finger krallen sich in mein Haar.
Meine Beine verlieren ihr Gleichgewicht.
Ich schwanke.
Ich falle.
Aufhören!
Ich will wieder schweben! Fliegen!
Bitte! Aufhören!
Ich robbe über den harten Boden, krieche ächzend in Richtung des Lichts.
Bitte! Bitte, lass es aufhören …
Bitte …
Oh ja …
Da ist es wieder!
Das Licht.
Sanft.
Ganz sanft.
Ganz sanft umhüllt es mich.
Umfasst mich, berührt mich, liebkost mich.
Nimmt mir die Pein.
Hebt mich in die Lüfte.
Gibt mir das Gefühl zu schweben.
„Kämpfe!“
Ich tendiere nicht dazu, denselben Fehler zweimal zu machen.
Ich bin nicht dumm.
Doch die Worte lassen mich zu Stein werden.
Sind es die Worte?
Oder ist es nicht viel eher die Stimme?
Etwas an dieser Stimme ergreift mich.
Etwas an dieser Stimme sagt mir, dass nicht alles, was hinter mir liegt, Schmerz bedeutet.
Ich zögere.
Mein Fuß ist bereit, den nächsten Schritt zu tun.
Ich ringe mit mir selbst.
Kämpfe mit mir.
Treibe mich an.
Aber ich kann nicht.
Ich kann den Schritt nicht tun.
Ich kann es einfach nicht.
Ich wende meinen Kopf.
Dieses Mal bin ich darauf vorbereitet.
Bin gefasst auf den Schmerz, der sich meiner bewältigt.
Ich beiße die Zähne zusammen und starre in die Dunkelheit.
Ich möchte ein Gesicht zu dieser Stimme sehen.
Doch dort ist nichts.
Nichts als Schwärze.
Nichts als kalter Schmerz.
Nichts.
Gar nichts.
Ich habe mich wohl getäuscht.
Die Stimme ist nichts als Illusion.
Niemand wartet dort hinten auf mich.
Mich selbst als Närrin scheltend, wende ich mich ab.
Spüre, wie der Schmerz von mir abfällt, sobald ich das Licht fokussiere.
Hoffnungsvoll gehe ich voran.
Ich komme näher.
Näher und näher.
Das Licht wird stärker.
Friede umfängt mich.
Ein Gefühl der Zufriedenheit.
Ein Gefühl der Vollkommenheit.
Fast bin ich da.
Nur noch wenige Schritte.
Vor mir mache ich eine Wiese aus.
Eine grüne Wiese mit vielen Blumen.
Und …
Ich lache freudig auf.
Dort stehen meine Großmutter, mein Onkel und sogar Telos.
Ich lächele und winke und gehe schneller.
Gleich bin ich bei ihnen.
Gleich.
Nur noch ein paar Schritte.
Nur noch ein Katzensprung.
Nur noch …
„Wach auf, Gabrielle! Bitte wach auf! Wach auf!“
Ich halte inne.
Schon wieder.
Ich weiß nicht, warum ich es tue, aber kurz bevor ich den schmalen Grat zwischen meinen Lieben und mir überschreite, halte ich tatsächlich an.
Habe ich mich nicht bereits davon überzeugt, dass hinter mir nur Schmerz liegt?
Schmerz und Dunkelheit und schwarze Kälte?
Ja, das habe ich.
Doch die Stimme berührt mich.
Wieder.
Wieder und wieder.
Irgendwo tief in mir drin berührt sie mich.
So sehr. So stark.
Kann etwas so Starkes tatsächlich Illusion sein?
Ich kann das nicht glauben.
Möchte das nicht glauben.
Und irgendwo tief in mir drin erwacht ein Wunsch.
Ein leiser, leiser Wunsch.
Der Wunsch umzukehren.
Doch kaum werde ich mir dessen bewusst, als ich mich selbst abermals eine Närrin schimpfe.
Vor mir liegt so viel Schönes, warum sollte ich umkehren?
Warum sollte ich zurückkehren in eisige Dunkelheit, wo hier doch Menschen auf mich warten, die mich lieben und die ich liebe?
Nur noch ein Schritt und ich werde eintauchen in dieses Paradies.
Das ist es doch, was ich möchte. Oder nicht?
Ich nicke bekräftigend und bewege mein Bein in Richtung meiner Lieben.
Meine Zehen schweben bereits über der trennenden Linie zwischen ihnen und mir.
Ich recke mich hinein in das paradiesische Grün.
Gleich bin ich dort.
„Verlass mich nicht!“
Etwas schlägt gegen meine Brust.
Erschrocken schreie ich auf.
Und wanke einen Schritt zurück.
„Du darfst mich nicht verlassen!“
Der zweite Schlag wirft mich zu Boden.
Wie ein Käfer liege ich auf dem Rücken, unfähig mich aufzurichten.
Entsetzt starre in das Paradies vor mir.
Starre auf die bewegungslosen Gestalten meiner Großmutter, meines Onkels, meines Freundes.
Warum regen sie sich nicht?
Warum reichen sie mir nicht die Hand?
Warum holen sie mich nicht zu sich?
Geh, Gabrielle. Geh!, rufen sie nur.
Aber ich will doch gehen!
Ich will es doch!
Will zu ihnen gehen!
Geh fort von hier, Gabrielle!, rufen sie.
Und ich zucke zusammen.
Frage mich, warum sie mich nicht bei sich haben wollen.
Warum sie mich von sich stoßen.
„Hörst du? Verlass mich nicht!“
Panik bewältigt sich meiner.
So vieles strömt mit einem Mal auf mich ein.
Bilder. Momente.
Meine Großmutter.
Mein Onkel.
Die Stimme.
Telos, der stumm lächelt.
Ein Chaos der Gefühle.
Ein Chaos der Gedanken.
Wohin?
Wohin mit mir?
Ich will aufstehen.
Will laufen.
Einfach nur laufen.
Doch die Schläge, die immer wieder auf mich einprasseln, lähmen mich.
Nein.
Das ist nicht wahr.
Insgeheim weiß ich, dass es nicht die Schläge sind, die mich lähmen.
Ich weiß, dass ich einfach gehen könnte.
Ich müsste mich nur auf das Licht konzentrieren und könnte gehen.
Könnte fliegen.
Könnte hineinschweben in das Paradies.
Nicht die Schläge machen dies unmöglich.
Es ist die Stimme.
Ich drehe mich nach ihr um und heiß und kalt durchflutet es mich.
Ich fröstele.
Ich schwitze.
Denn diesmal kann ich etwas sehen.
Etwas anderes als Kälte.
Etwas anderes als Dunkelheit.
Ich sehe Augen, die auf mich hinabschauen.
Blaue Augen.
Tiefe Augen.
Augen, die mich halten.
„Aufwachen!“
Ich sehe Bilder, die sich vor mir auftun.
Bilder einer Freundin.
Bilder einer Liebe.
„Aufwachen!“
Bilder von ihr.
Bilder von der Frau, die meinem Leben einen Sinn gegeben hat.
Bilder von der Frau, die ich liebe.
„Wach auf!“
Eine Hand streckt sich nach mir aus.
Sie kommt nicht aus dem Licht.
Sie kommt aus der Schwärze.
Aus der Dunkelheit.
Aus dem Nichts.
Es ist ihre Hand.
Ihre!
Und mit einem Mal vergesse ich den Schmerz, der mich erwarten wird.
Ich vergesse die Qual. Die Pein.
Ich strecke mich und ich ergreife ihre Hand.
Schließe meine Finger fest um sie.
Grüß Xena von mir, Gabrielle!, ruft Telos.
Großmutter lächelt und Onkel winkt.
Und ich werde erfasst von einem Strudel der Dunkelheit.
Stechender Schmerz durchfährt meine Glieder.
Keuchend bäumt sich mein Körper auf.
Luft füllt meine Lungen.
Ich atme.
Atme wieder.
Und dann sehe ich sie.
Fühle sie.
Fühle, wie sie mich in ihre Arme schließt.
Fühle eine Träne auf meiner Haut.
Fühle Schutz.
Geborgenheit.
Und Liebe.

Ich bin zu Hause.
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