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120 kleine Augenblicke

von Amarice
SammlungFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / FemSlash
Gabrielle Xena
18.04.2020
03.04.2021
17
44.947
5
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13.09.2020 4.024
 
Disclaimer: Alle Charaktere aus „Xena: Warrior Princess“ gehören MCA/Universal und Renaissance Pictures. Keine Copyright-Verletzungen sind mit dieser Geschichte beabsichtigt.

Einordnung: Nach „One Against an Army“ – „Bis zum bitteren Ende“ (Staffel 3, Episode 13)

Genre: Freundschaft, Drama

Inhalt in einem Satz: Ares nutzt Xenas größte Schwäche gegen sie aus.


Drive – Antrieb

Im Laufschritt steuerte Xena auf die Stallungen zu, in denen sie Argo die letzten beiden Tage untergebracht hatte. Sie war zu spät dran und da Gabrielle schon seit den frühen Morgenstunden verstimmt war, befürchtete Xena, dass ihre Verspätung die Laune ihrer Freundin noch ein gehöriges Stück verschlechtern würde. Doch als sie um die Ecke bog und die Stallungen erreichte, stellte sie mit Verwunderung fest, dass Gabrielle noch gar nicht da war. „Gabrielle?“, rief sie, eine Antwort erhielt sie jedoch nicht. Sie sah sich um, ging einmal um das Gebäude herum und betrat es schließlich. Ein paar Pferde, darunter Argo, schauten ihr neugierig entgegen. Von Gabrielle aber fehlte jede Spur. „Seltsam“, murmelte Xena, während sie Argo durch die Mähne strubbelte. „Ich dachte, dass ihr zwei längst ungeduldig auf mich warten würdet. Wo steckt sie nur?“

„Du hast die Frage und ich habe die Antwort.“

Bei dem Klang der dunklen, ihr nur allzu bekannten Stimme fuhr sie herum, das Schwert in der Hand. „Ares“, sagte sie kühl, während sie ihre Waffe auf den Kriegsgott richtete, der hinter ihr manifestiert war. Dieser hob belustigt eine Augenbraue. „Welch unhöfliche Begrüßung“, grinste er, wobei er die Schwertspitze mit dem Zeigefinger zur Seite schob und einen Schritt auf Xena zutrat.

„Lass die Spielchen.“ Sie richtete das Schwert zurück auf ihn. „Wo ist Gabrielle?“

„Ein wirklich schönes Pferd, deine Argo“, meinte er, ohne auf ihre Frage einzugehen. Er streckte den Arm aus und tätschelte den Hals der Stute. „Sie macht sich gut in der Schlacht. Furchtlos. Wie ihre Herrin. Ich kann es kaum erwarten, euch beide wieder in Aktion zu sehen.“

„Was hast du mit Gabrielle gemacht?“

„Gabrielle? Gabrielle …“ Scheinbar überlegend wandte er sich von Argo ab und wieder Xena zu. „Du meinst diese nervige kleine Blondine, nehme ich an?“

Unwillkürlich spannte Xena ihre Muskeln an, sodass das Schwert in ihren Händen leicht zu beben begann. „Ich will wissen, wo sie ist“, zischte sie, bemüht, nicht die Beherrschung zu verlieren. Ihre Augen war hart und zornesfunkelnd auf den Gott gerichtet. Feuersflammen schienen ihm entgegenzusprühen.

Er ließ seinen Blick wohlwollend über ihren Körper gleiten. Seine Züge, mehr noch jede Faser seines Körpers strahlten Zufriedenheit aus. „Genau das habe ich vermisst“, raunte er, bevor er sie mit einer leisen Bewegung seiner Hand entwaffnete und näher an sie herantrat. „Das Feuer in deinen Augen …“ Er umrundete sie, blieb hinter ihr stehen, legte seine Hände auf ihre Schultern. „… die Hitze deines Körpers. Deinen Zorn. Deine Wut.“

„Wo ist Gabrielle?“, wiederholte sie stur, jedes Wort einzeln betonend.

„Nun, sieh selbst …“ Während er die eine Hand auf ihrer Schulter liegen ließ, tat er mit der anderen eine schnelle Bewegung. Vor Xena erschien eine Art Nebel, in dem sie Gabrielle erblickte. Diese stand in der Mitte eines großen Zimmers, ihre Miene erstaunt, die Augen groß. Ein Bett befand sich links von ihr, mit breiter Matratze und mehr Kissen, als ein einziger Mensch nutzen konnte, daneben ein kleiner Tisch, auf dem Obst und ein Krug mit Wein sowie einer mit Wasser angerichtet waren. An der Wand vor ihr war ein Schreibtisch zu sehen mit einer Feder und einem Tintenfass darauf, darüber ein Regal mit einer Reihe von Schriftrollen. Und rechts von Gabrielle unter einem weiten Fenster war ein kleiner Tisch mit Spiegel und Waschschüssel platziert.

„Dein Palast“, murmelte Xena überrascht. „Was hast du mit ihr vor?“

„Nun …“ Er tat abermals eine Bewegung und der Nebel verschwand. Seine Hand legte sich wieder auf ihre Schulter. „Ich habe mich gefragt, wodurch ich dich zurückgewinnen könnte. Als ich dich damals in die Fänge der Dorfbewohner trieb und sie dich beinahe hingerichtet hätten, hast du mir widerstanden. Und auch als ich in die Rolle deines Vaters geschlüpft bin, hast du mir widerstanden. Ich habe mir den Kopf darüber zermartert, was deine Schwäche sein könnte.“

Langsam drehte sich Xena zu ihm um und trat einen Schritt zurück. Unglaube stand ihr ins Gesicht geschrieben.

„Ich habe mich gefragt, was dich wahrhaftig antreibt. Wofür du alles geben, alles tun würdest.“

„Ares …“, sagte sie, ungewohnt schwach.

„Schh“, machte er, verkleinerte den Abstand zu ihr wieder und griff nach einer Strähne ihres Haares, die er ihr wie beiläufig hinters Ohr strich. „Ich habe lange gebraucht, um draufzukommen. Wirklich lange. Aber dann habe ich dich beobachtet, dich und deinen Kampf gegen die Perser. Unglaublich, Xena. Ich war tief beeindruckt. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Diese kleine Nervensäge ist es. Sie ist dein Antrieb. Für sie würdest du alles tun. Du warst sogar bereit, Athen zu opfern, wenn sie dir nicht ins Gewissen geredet hätte. All diese Menschenleben, nur für sie. Selbst dein eigenes Leben würdest du für sie geben. Alles, einfach alles. Und damit habe ich recht, nicht wahr?“

Stumm schaute sie ihn an. Ihre Gedanken überschlugen sich. Und er sah es. Spürte es. Ein befriedigendes Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Keine Angst“, säuselte er sonor. „Ich werde ihr nicht wehtun. Sie hat alles, was sie braucht. Meinetwegen kann sie auch einen Hund bekommen oder ein Pony, wenn sie sich allein fühlt. Ihr soll es an nichts mangeln – solange du genau das tust, was ich von dir verlange.“

Sie sagte noch immer nichts.

„Natürlich darfst du sie auch besuchen, wenn du ein braves Mädchen bist. Bist du das nicht …“ Das Lächeln auf seinen Lippen wurde breiter. „… werden ich und deine liebe Gabrielle mit Sicherheit Mittel und Wege finden, dich gefügig zu machen.“

„Du erpresst mich“, stieß sie fassungslos hervor.

„Du lässt mir keine Wahl.“

Mit ungläubiger Miene wich sie von ihm zurück, bevor sie in den Stallungen auf und ab zu wandern begann. Ihre Gedanken kreisten. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Alles, an das sie denken konnte, war Gabrielle, die ihm, ausgerechnet ihm, ausgeliefert war. Nach einigen Sekunden des Herumtigerns blieb sie abrupt vor ihm stehen. „Lass Gabrielle raus aus der Sache. Mach mit mir, was du willst, aber lass sie gehen!“

„Keine Chance, Xena. Ich will dich zu zurück und sie ist meine Garantie.“

Xena presste die Zähne aufeinander, drehte auf dem Absatz um, begann wieder zu wandern. Dann stürzte sie sich plötzlich auf ihn, packte ihn an der Weste. „Ich werde sämtliche deiner Tempel zerstören. Ich werde sie in Schutt und Asche legen und jeden einzelnen deiner lächerlichen Priester in den Tartaros schicken, wenn du sie nicht sofort gehen lässt.“

Er lachte laut auf. „Und ich werde diesen Zerstörungszug genießen, wie lange nichts mehr. Das ist meine Xena.“

Abrupt ließ sie ihn los. Atmete mehrmals tief durch, um sich zu fangen. Sie hatte die Beherrschung verloren und hatte ihm damit genau in die Hände gespielt. Zähneknirschend wandte sie sich von ihm ab. „Vergiss es“, sagte sie schließlich, deutlich ruhiger, und drehte sich wieder zu ihm um. Sie nahm ihr Chakram und warf es zu ihrem Schwert auf den Boden. „Diesen Genuss werde ich dir nicht gönnen. Ich werde keinen Tropfen Blut vergießen, bis Gabrielle wieder bei mir ist!“

Wieder lachte er auf. „Ich glaube nicht, dass du in der Position bist, Forderungen zu stellen. Die Sache ist die: Ich habe eine Armee im Tal stehen. Du wirst dich an die Spitze setzen und mir die Dörfer im Norden unterwerfen. Tust du das nicht, wird deine kleine Gabrielle dafür büßen. So einfach ist das.“

Wieder knirschte sie mit den Zähnen. „Wenn du sie tötest, ist sie dir nicht mehr von Nutzen“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm, und noch während sie dies sagte, wurde ihr die Bedeutung ihrer Worte so richtig klar. Ares lieferte ihr auch sogleich die Bestätigung ihrer Befürchtungen: „Oh, ich werde sie nicht töten. Es gibt andere Mittel und Wege sie für deine Sturheit büßen zu lassen.“

„Du bist ein eiskalter Bastard!“

„Und du bist meine Obsession. Ich habe keine Wahl. Ich will dich zurück und dafür muss ich eben tun, was ich tue.“ Er machte eine kurze Pause. „Mach, was ich von dir verlange, oder sie wird dafür bezahlen. Es ist deine Entscheidung. Ich gebe dir Zeit bis morgen früh, darüber nachzudenken.“

Mit diesen Worten löste er sich im Nichts auf und ließ sie allein. Eine ganze Weile stand sie paralysiert auf der Stelle, dann sattelte sie beinahe schon mechanisch Argo auf und legte ihr die Trense an. Mit kreisenden Gedanken ritt sie aus dem Dorf und hinein in den Wald, ihr einziges Ziel war ein Lagerplatz, an dem sie in Ruhe würde nachdenken können. Nach etwa drei Stunden erreichte sie eine Lichtung an einem kleinen See. Dort beschloss sie die Nacht zu verbringen. Sie befreite Argo von Sattel und Trense, entfachte ein Feuer, nur um kurz darauf unruhig das Lager zu durchtigern. Von links nach rechts, von rechts nach links. Schließlich, nach Minuten oder Stunden, das Zeitgefühl hatte sie längst verloren, setzte sie sich nieder, vergrub den Kopf in den Händen, dachte nach. Dachte und dachte und kam doch zu keiner Lösung. Ares‘ Palast war für sie nicht zu erreichen. Nur er selbst konnte Sterbliche dort hinbringen, das hatte er ihr vor Jahren schon verraten. Was also blieb ihr? Zu tun, was er von ihr verlangte, erschien ihr unmöglich. Nicht zu tun, was er von ihr verlangte, ebenso.

Sie schlug die Finger in ihr Haar und stieß ein verzweifeltes Seufzen aus. Ihre oberste Priorität war Gabrielle. Aber um Gabrielles Sicherheit zu gewährleisten, müsste sie zu einer Xena werden, die sie geglaubt hatte, längst hinter sich gelassen zu haben. Sie würde wieder zu dem Monster werden, das sie einst gewesen war. Ares hörig und in einem Kreislauf von Hass und Gewalt gefangen. Selbst wenn sie nur so tun würde, als ob sie für Ares kämpfen würde … Sie wusste, dass sie nicht stark genug wäre für solch ein Spiel. Der Krieg war wie eine Droge für sie. Einmal wieder an der Spitze einer Armee, die ihr untertan war, einmal wieder das Gefühl dieser Macht, es würde nicht lange dauern und sie wäre genau dort, wo sie einst gewesen war. Wo sie nie wieder sein wollte. Genau so war es im Kampf gegen die Horde gewesen. Sie wusste, so würde es wieder sein, sobald sie in das Gefühl der Macht eintauchte, das der Krieg mit sich brachte. Sie konnte es nicht. Sie konnte nicht zu Ares zurückkehren. Aber noch weniger konnte sie zulassen, dass er Gabrielle wehtat. Wütend darüber, dass er es geschafft hatte, sie dermaßen in die Enge zu drängen, sprang sie auf, zog ein Messer aus ihrem Stiefelschaft und schleuderte es in einen nahestehenden Baumstamm. Dann sank sie in sich zusammen.

*****

Es war noch vor Sonnenaufgang, als sie seine Anwesenheit spürte. Sie war müde, psychisch gesehen, und blieb einfach sitzen, tat so, als hätte sie seine Aura nicht bemerkt, seinen Gestank nicht in die Nase bekommen. Erst als er vor ihr manifestierte, nahm sie sich zusammen und stand auf.

„Hast du dich entschieden?“, fragte er und das siegessichere Lächeln auf seinen Lippen erfüllte sie mit Zorn. Doch sie ließ sich nichts anmerken. Sämtliche ihrer Gefühle, die Wut, die Verzweiflung, verbarg sie in sich. Verbarg sie vor ihm.

„Wenn du Gabrielle freilässt, bekommst du mich. Meinen Körper, mein Schwert, alles, was du willst“, sagte sie fest, obwohl sie insgeheim wusste, dass er sich nicht auf diesen Deal einlassen würde. Dennoch versuchte sie es. Versuchte es abermals, auch wenn er es doch bereits tags zuvor abgelehnt hatte. Aber es war die einzige Option, die sie sah. Solange sich Gabrielle in seinen Fängen befand, konnte sie nicht klar denken.

„Das hatten wir doch schon …“

„Du brauchst sie nicht!“, unterbrach sie ihn. „Ich gebe dir alles. Du weißt, dass ich keine Rückzieher mache, dass ich mein Wort nicht breche.“

Er schüttelte den Kopf. „Sie ist meine Garantie. Meine Garantie dafür, dass du mich nicht mit einem deiner Spielchen hinters Licht führst.“

Sie begann wieder zu tigern, fuhr zu ihm herum. „Ich schwöre dir …“

„Nichts, was du mir schwören könntest, wiegt so viel wie Gabrielle.“

„Ares, bitte …“

„Fängst du nun an zu betteln?“ Belustigt zog er eine Augenbraue in die Höhe und sie verstummte. Erniedrigt. „Die Dörfer im Norden. Sobald du sie mir unterworfen hast, bringe ich dich zu deiner Liebsten. Das heißt …“ Er kam näher, blieb dicht vor ihr stehen. Hob ihr Kinn an und fuhr mit dem Zeigefinger ihre Lippen entlang. „Vielleicht werde ich zuvor noch auf dein Angebot zurückkommen. Wenn du mir deinen Körper so bereitwillig schenken willst, wäre ich dumm, nicht zuzugreifen.“

Sie erwiderte seinen Blick. Kalt. Doch dann, an Gabrielle denkend, senkte sie die Lider. Wie konnte sie Ares entgegenstehen, wenn Gabrielle es war, die dafür büßen musste? „Was immer du willst“, sagte sie leise, einem plötzlichen Gefühl der Kapitulation erliegend.

Ares, der noch immer an ihren Lippen spielte, hielt inne. Er ließ die Hand sinken, legte den Kopf schief. Sein Blick tastete sie ab. Skeptisch. „Was immer ich will?“, wiederholte er dann ungläubig. Irgendetwas gefiel ihm nicht. Auch wenn er nicht genau sagen konnte, was dieses „irgendwas“ war. „Und wenn ich es jetzt gleich hier möchte?“, setzte er hinterher, herausfordernd, sie austestend.

Sie zuckte mit den Schultern. „In welcher Position wäre ich, dich abzuweisen?“

„Wie wahr.“ Er grinste. Doch so richtig wollte sich das Grinsen nicht auf seine Lippen legen. „Also möchtest du erst kämpfen oder erst dein Bett mit mir teilen?“

„Was immer du willst.“

„Was immer du willst. Was immer du willst“, machte er sie nach, mit einem Mal verärgert. „Ist das nun dein verdammter Standardsatz?“ Er stieß sie von sich und tigerte nun seinerseits eine Runde durch das Lager. So hatte er sich das Ganze nicht vorgestellt. Er wusste nicht genau, was er sich vorgestellt hatte. Er wusste nur, dass der Satz „Was immer du willst“ in dem Tonfall, in dem sie zu ihm gesprochen hatte, nicht dazugehörte. Irgendetwas lief ganz und gar nicht so, wie es sollte. Voller Wut darüber, dass sein Plan sich anders entwickelte, als von ihm gewünscht, blieb er abrupt wieder vor ihr stehen. „Was immer ich will, ja? Du weißt doch genau, was ich will, verdammt noch mal! Ich will, dass du dein Schwert in meinem Namen führst! Ich will, dass du mein bist! Ich will, dass du …“ Etwas Diabolisches flackerte in seinen Augen auf. Er vollführte eine Bewegung mit seiner Hand, woraufhin ein Soldat neben ihm erschien. Gefesselt und auf den Knien. „… hier und jetzt damit beginnst. Ich will, dass du ihn tötest! Er hat sich meinem direkten Befehl widersetzt. Er hatte in der Nacht vor der Schlacht eine Hure bei sich. Ein solches Verhalten dulde ich nicht in meiner Armee. In deiner Armee. Bestrafe ihn! Töte ihn!“

Xenas Blick wanderte langsam von Ares zu dem Soldaten und zurück zu Ares.

„Zieh dein Schwert und töte ihn“, donnerte der Gott.

Einige Sekunden stand sie einfach nur da. Blickte von dem zitternden Soldaten auf der Erde zu Ares, der eine Aura der Macht ausstrahlte und gleichzeitig noch etwas anderes. Sie versuchte es zu greifen, kam aber nicht dahinter. Seine Nasenflügel blähten sich. Sie spürte seinen Zorn, seine Erregung, und stellte sich unwillkürlich vor, wie er diesen Zorn über Gabrielle entlud. Langsam zog sie ihr Schwert. Mechanisch. Erst als sie es bereits in der Hand hielt, fragte sie sich, was genau sie da eigentlich tat. Und sie fühlte, wie sich zu dem leisen Gefühl der Kapitulation ein leises Gefühl des Widerstandes mischte. Denn war sie wirklich gewillt, sich von ihm erpressen zu lassen? Sich erniedrigen zu lassen? War es das, was Gabrielle wollen würde? Sie kannte die Antwort auf diese Frage. Kannte sie nur allzu gut. Gabrielle hatte sie herausgeführt aus dem Kreislauf von Hass und Gewalt. Sie hatte ihr geholfen, Ares für immer zu verlassen. Ihm nun hörig zu sein, würde all das zunichtemachen.

„Töte ihn“, donnerte der Gott erneut, woraufhin sich Xena langsam in seine Richtung drehte. Sie steckte das Schwert zurück in die Scheide, die Augen fest auf ihn gerichtet. „Bastard“, zischte sie, warf sich im gleichen Moment auf ihn und katapultierte ihn mit dem Rücken gegen den nächsten Baum. Der Aufprall war so fest, dass selbst er, der Gott des Krieges, aufkeuchte. Ihre Hände lagen am Leder seiner Weste, zogen ihn ein Stück weit von dem Baum in seinem Rücken weg, nur um ihn erneut dagegenzuschlagen. Dann ließ sie ihn los, zog ihr Schwert und rammte es ihm dorthin, wo sein Herz wäre, wenn er denn eines hätte. Im vollen Bewusstsein dessen, dass sie ihm keinen Schaden zufügen konnte, und doch voller Wut. Ein Tritt in die Magengrube folgte, schließlich ein Schlag in sein Gesicht. Eine Weile ließ er es einfach geschehen, dann hatte er genug und schleuderte sie mit einem Feuerblitz zu Boden. Sie wollte sofort wieder aufspringen, doch er packte sie und halb auf ihr kniend pinnte er sie bewegungslos fest. „Ich sagte: Töte ihn!“

„Fahr in den Tartaros!“, gab sie kalt zurück. Einige Sekunden lang bohrten sich ihre Blicke hart ineinander, dann stand er auf, die Miene zornig verzogen, entschlossen, seinen Willen durchzusetzen. Im nächsten Augenblick befand sich Gabrielle an seiner Seite. Er packte sie grob, presste sie an sich, führte die Klinge seines Schwertes an ihren Hals. Xena, die bereits wieder angriffsbereit aufgesprungen war, hielt inne.

„Töte ihn“, wiederholte Ares. „Oder ich töte sie.“

Sie wich einen Schritt zurück. „Wenn du sie tötest, hast du nichts mehr gegen mich in der Hand“, sagte sie, ein Versuch, ihn daran zu erinnern, dass Gabrielle ihm nur lebendig langfristig nutzen konnte. Doch er schien sich nicht mehr für irgendwelche langfristigen Pläne zu interessieren.

„Es ist ganz einfach, Xena“, sagte er hart. „Entweder er stirbt oder sie.“

„Tu es nicht, Xena! Er …“ Ares presste seine Hand auf Gabrielles Lippen und das Schwert stärker gegen ihre Kehle. „Du wirst mir gehorchen und ihn töten!“, befahl er, Gabrielles Keuchen unter seiner Hand ignorierend.

Xena biss die Zähne zusammen. Ihre Knöchel traten weiß hervor, so fest umschloss sie den Griff ihres Schwertes. Sie war nicht gewillt, den verängstigt auf der Erde kauernden Soldaten zu töten. Noch weniger allerdings war sie gewillt, Gabrielle sterben zu sehen. Sie konnte nicht sagen, ob Ares bluffte oder nicht. Sie konnte es einfach nicht, so sehr sie auch versuchte, aus seiner Miene zu lesen. Einen Augenblick lang spielte sie mit dem Gedanken, ihn zu entwaffnen. Womöglich konnte sie ihm mit einem gezielten Wurf des Chakrams die Waffe entreißen.  Doch schnell verwarf sie diesen Gedanken wieder. Er rechnete mit einem Angriff. Dessen war sie sich sicher. Und er konnte Gabrielle als Schild benutzen. Es war keine Option. Im Grunde blieb ihr nur die eine Wahl: entweder sie tötete oder sie tötete nicht; entweder sie vertraute darauf, dass er bluffte, oder sie tat es nicht. Sie schluckte schwer. Und dann traf sie binnen eines Sekundenbruchteils eine Entscheidung. Mit weniger, sehr viel weniger Entschlossenheit, als sie nach außen hin ausstrahlte, warf sie ihr Schwert zu Boden.

Ein verzerrtes Grinsen legte sich auf Ares‘ Lippen. „Du willst deine kleine Bardin also tatsächlich in den Tartaros schicken?“ Er machte eine Pause, dann fügte er hinzu. „Ich zähle jetzt bis fünf. Hast du ihn bis dahin nicht getötet, stirbt Gabrielle.“

Xena konnte fühlen, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich. Hatte sie dir richtige Entscheidung getroffen? Sie sah in Richtung des Soldaten, dann in Richtung ihres Schwertes. Gabrielle, die sie mit aufgerissenen Augen beobachtete und ziemlich genau, wusste, welche Überlegungen ihr durch den Kopf geisterten, quiekte erschrocken auf.

„Eins …“, sagte Ares in diesem Moment laut, im Versuch Gabrielle zu übertönen.

Xenas Atmung wurde unwillkürlich schneller, als er zu zählen begann. Und auch wenn sie sich alle Mühe gab, nach außen hin ruhig zu erscheinen, nach innen hin war sie es nicht. Bluffte er? Bluffte er, verdammt noch mal?, dachte sie beinahe schon panisch, während ihre Augen die seinen suchten. Sein Blick jedoch gab nichts preis

„… zwei …“

Xena machte einen Schritt auf ihr Schwert zu. Sie ging millimeterweit in die Knie, doch da quiekte Gabrielle ein zweites Mal auf und das war der Moment, als Xena abermals eine Entscheidung traf. Sie änderte ihre Bewegungsrichtung. Statt das Schwert aufzuheben, zog sie ihr Messer aus dem Stiefelschaft. Sie verschränkte ihre Augen mit denen des Kriegsgottes, bevor sie das Messer langsam an ihren Hals führte. „Noch bevor du die Fünf erreicht hast, schneide ich mir die Kehle durch. Ich kehre nicht zurück zu dir. Niemals. Lieber sterbe ich.“

Wieder verließ ein Ton Gabrielles Kehle. Hoch. Schrill. Sie versuchte sich zu winden, doch Ares‘ Griff und das Schwert hielten sie eisern fest.  „Du bluffst“, sagte er ruhig in Richtung der Kriegerin.

„Tue ich das?“

Er hob eine Augenbraue. „… drei …“

Xenas Kiefermuskulatur spannte sich an. Ihre Finger schlossen sich fester um den Griff des Messers.

„… vier …“

Sie verstärkte den Druck ihrer Hand. Auf der Klinge und ihrer Haut war plötzlich Blut zu sehen. Ihr Blick war fest auf den Kriegsgott gerichtet, der diesen starr und ohne Regung erwiderte. Einzig von Gabrielle kam eine Reaktion, die aufgrund von Ares‘ Intervention allerdings recht schwach ausfiel.

„... fünf.“

Und plötzlich war da nichts mehr außer Stille.

Kein Ton war mehr zu hören.

Und inmitten dieser Stille schien die Zeit stillzustehen.

Die Zeit stand still und nichts geschah.

Keiner der beiden bewegte die Klinge.

Sie sahen sich einfach nur an. Die Blicke ineinander verschränkt. Allmählich, nach Sekunden, Minuten, veränderte sich etwas. Die Härte verschwand, der Ausdruck, mit dem sie sich gegenseitig bedachten, wurde weicher, wenn auch nicht weich. Zeitgleich senkten sie ihre Waffen. Nachdem Ares‘ sein Schwert weggesteckt hatte, ging er auf Xena zu. Seine Hand hielt Gabrielles Oberarm umschlossen. Erst als sie Xena erreicht hatten, ließ er die junge Frau los. Sein Braun war weiterhin fest mit dem Blau der Kriegerin verschmolzen. Schließlich hob er langsam die Hand, berührte mit dem Finger vorsichtig Xenas Hals und wischte das Blut weg. Sein Blick drückte etwas Undefinierbares aus. Dann schüttelte er den Kopf, bevor er sich im Nichts auflöste und die beiden Frauen mit dem Soldaten allein zurückließ.

Erst da, als er wirklich weg war, wirbelte Xena zu Gabrielle herum und drückte sie an sich. Ganz kurz nur. Dann löste sie sich von ihr, straffte sich und ging zu dem Soldaten hinüber, um seine Fesseln zu durchtrennen. Unwirsch deutete sie ihm an, zu verschwinden. Er stolperte mehr von dannen, als dass er lief, doch Xena beachtete ihn gar nicht mehr. Sie war längst wieder an Gabrielles Seite. „Geht es dir gut?“, fragte sie, wobei sie mit bebenden Fingern deren Hand ergriff. Diese nickte, auch wenn ihr Herz noch immer raste und ihr der Schreck gehörig in den Gliedern saß. „Woher wusstest du, dass er blufft?“, wollte sie schließlich mit leicht zitternder Stimme wissen.

Xena senkte den Blick. „Ich wusste es nicht“, gab sie zu. „Es tut mir leid. Es tut mir so schrecklich leid. Ich habe mit deinem Leben gespielt.“

„Du hattest nicht wirklich eine Wahl, oder?“, fragte Gabrielle sanft, strich dabei mit den Fingern sacht über Xenas Handrücken. Dann fügte sie betont locker hinzu: „Außerdem hattest du sicher einen Plan B.“

Xena sah auf und die Blicke der beiden Frauen trafen sich. Gabrielle brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um zu verstehen. Sie schluckte. Dann trat sie einen Schritt auf Xena zu und schloss sie in die Arme. „Du hattest keine Wahl“, murmelte sie. „Du hattest wirklich keine andere Wahl. Und es ist ja alles gut gegangen. Letztendlich …“ Sie löste die Umarmung und suchte abermals Xenas Blick, der inzwischen feucht schimmerte. „… hat Ares eine Schwäche für dich. Er möchte dich nicht verlieren. Und das hätte er, wenn er mich getötet hätte. Unwiderruflich. Für immer. Unterbewusst war dir das klar. Du hast seine eigene Schwäche gegen ihn ausgespielt. Das war genial. Es konnte gar nicht schiefgehen.“

„Hmm“, machte Xena und wandte sich ab, da sie spürte, wie eine Träne sich aus ihrem Augenwinkel löste. Gabrielle strich ihr noch einmal über den Handrücken, dann ging sie, um Argo zu satteln. Sie wusste, dass das ein Kampf war, den Xena erst einmal für sich allein austragen musste. Wenn sie so weit war, würde sie mit ihr reden. Und sie würde zuhören und für sie da sein. So wie sie es immer war.
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