We belong together..

GeschichteDrama, Romanze / P16
17.04.2020
05.09.2020
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Aber so oft sie bereits nach einer Antwort gesucht hatte, gefunden hatte sie keine. Und je mehr sie sich darüber den Kopf zerbrach, desto schlimmer wurden die Schmerzen die sie ganz in der Nähe ihres Herzens verspürte. Oder war es vielleicht sogar das Herz direkt, das ihr weh tat? Vielleicht war es auch nur das inzwischen pausenlose Schluchzen, das ihr zu schaffen machte.
Auf einmal hörte sie aber etwas, das sofort ihre Aufmerksamkeit erregte. Instinktiv schaute sie zum Himmel, lauschte den immer lauter werdenden Lärm und kurz darauf sah sie ihren geliebten rot-gelben Helikopter über die Baumwipfel auf den Landeplatz zusteuern. Ihr Baby, das war gefühlt das einzige was ihr seit dem Tod von Thomas noch Halt gab.
Obwohl sie sich seit ein wenig mehr als zwei Jahren in einer Beziehung mit Enrico, dem Sanitäter ihrer Crew, befand. Jedoch waren die Beiden nur noch am streiten und Enrico kam überhaupt nicht mehr an seine Lebensgefährtin heran. Und Biggi konnte seine Nähe auch kaum zulassen, selbst wenn sie es gezielt versuchte. Aber selbst wenn er ihr Unbehagen manchmal bemerkte, ging er nicht darauf ein. Biggi war bewusst, dass Enrico ahnte warum sie so abweisend ihm gegenüber war. Jedenfalls glaubte sie das, mit Sicherheit konnte sie das nicht sagen weil er es bis jetzt nie ausgesprochen hatte.
Selbst die Tatsache das sie vor ein paar Monaten einen zweiten Versuch mit einer gemeinsamen Wohnung gestartet hatten half in dieser Situation gar nichts. Biggi empfand natürlich noch etwas für Enrico, aber er war nicht der den sie sich an ihrer Seite wünschte. Sie war mit Enrico zusammen gekommen, kurz nachdem Thomas ihr eine Abfuhr erteilt hatte. Und inzwischen war Biggi sich über ihre Gefühle nicht mehr im Klaren. Es war einfach alles so verwirrend, so schwer. Dabei sollte sie doch eigentlich dankbar dafür sein, dass es da jemanden gab der sie liebte.
Es könnte alles so einfach sein, wenn da nicht diese starken Gefühle für einen anderen Mann wären die sie ständig zu übermannen drohten.
Aber sie musste den Schein waren, irgendwie, sie wollte doch keinen verletzen. Vor allem nicht Enrico, der ihr in der schweren Zeit beigestanden war und der alles für sie tun würde.
Während sie an Enrico dachte, schaute sie automatisch den Ring an ihrem Finger an. Ein Geschenk von Enrico zum Zweijährigen. Biggi konnte sich noch ganz genau entsinnen, wie froh sie damals gewesen war das es nicht der eine Ring gewesen war den Enrico ihr überreicht hatte. Sie hätte ihm nie eine konkrete Antwort geben können und nachdem sie im Moment sowieso nicht auf einen grünen Zweig kamen,  waren sich beide einig das eine Hochzeit erstmal nicht stattfinden sollte. Und auch wenn sie Enrico gesagt hatte der Ring würde ihr gefallen, auch da hatte sie mehr oder weniger gelogen.
Er war aus Gold, sah sündhaft teuer aus, aber das war für Biggi nicht von Belang. Sie bevorzugte seit sie denken konnte silbernen Schmuck und da reichte ihr billige Variante.
Trotzdem trug sie ihn jeden Tag, nur um Enrico nicht zu enttäuschen. Das sie sich dabei total schäbig fühlte konnte sie eigentlich immer verdrängen, aber heute nicht. Heute war alles anders.
Biggi verweilte noch ein wenig dort wo sie saß, als es dann Nieselregen einsetzte zwang sie sich aufzustehen. Die Tränen hatte sie inzwischen unter Kontrolle, sie waren versiegt, jedenfalls gerade. Sie musste sich jetzt dringend umziehen und das Baby für ihre Schicht checken, immerhin konnte jederzeit ein Einsatz rein kommen.
Langsam lief Biggi zur Basis hinüber, wohl wissend das sich dort all ihre Kollegen befanden. Einschließlich Enrico, dem sie nicht Bescheid gegeben hatte als sie sich früher zur Basis aufgemacht hatte. Sowieso fragten sich bestimmt alle wo sie blieb, besser gesagt wohin sie verschwunden war denn ihr Motorrad stand ja auf dem Parkplatz.
Und so war es auch. Karin und Enrico hatten das Gefährt gesehen, aber Biggi war nicht zu finden. "Hat einer von euch Biggi gesehen?", fragte Enrico, der nun wieder in den Aufenthaltsraum kam. "Nein, ihr kommt doch eigentlich immer zusammen.", meinte Mark und schenkte sich einen Kaffee ein. "Heute nicht, ansonsten würde ich ja nicht fragen.", gab der Sanitäter zurück.
Biggi konnte sich derweil in die Umkleideraum schleichen und hatte so noch ein paar Minuten alleine, damit sie sich sammeln konnte. Langsamer als sonst zog sich Biggi nun um. Sie musste bei jedem Handgriff überlegen was sie tat, obwohl das hier etwas alltägliches war. Sich Umziehen, mehr war es schließlich nicht.
Aber so ging das bereits den ganzen Tag. Seit heute Morgen fielen ihr die einfachsten, gewohntesten Dinge furchtbar schwer. Aber sie nahm sich fest vor sich ab jetzt zusammen zu reißen. Ihre Kollegen sollten nichts mitbekommen, jedenfalls so wenig wie möglich.
Biggi räumte alles ordnungsgemäß in ihren Spind und wollte ihn gerade schließen, als sie an der Innenseite der Tür ihre Bilder entdeckte. Die hingen schon ewig dort und manchmal ergänzte Biggi ein neues. Aber nur besondere Bilder mit besonderen Menschen. Eines zeigte sie und Thomas bei einer kleinen Feier im Hangar.
Biggi konnte sich daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Damals hatten sie einen Typen namens Correr zur Strecke gebracht, der sich hatte an Thomas, Peter und Michael rächen wollen. Aber es war alles gut ausgegangen und deshalb hatten sie einen guten Grund zum Feiern gehabt. Biggi mochte das Bild sehr, es war eins der wenigen auf dem nur sie mit Thomas allein zu sehen war. Und das was danach fast passiert wäre wusste sie auch noch.
Thomas hatte Bier holen wollen, Biggi war ihm gefolgt und hatte sich getraut etwas zu sagen was vollkommen der Wahrheit entsprochen hatte. Biggi war damals vor Sorge fast durchgedreht und sie hatte Thomas einfach nur sagen wollen, wie erleichtert sie war. Anschließend waren sie sich ziemlich nahe gekommen und wäre Max nicht rein geplatzt, wer weiß was dann passiert wäre. Biggi schloss die Tür ihres Spinds nun schnell, da ihr erneut die Tränen kamen.
Dann verließ sie eilig den Raum, wollte aber erst nach dem Baby sehen bevor sie zu ihren Kollegen ging. Sie musste sich, wie immer, vergewissern das der Helikopter einsatzbereit war. Aber schon aus ein paar Metern Entfernung sah Biggi, das etwas nicht stimmte. Und als sie direkt vor dem Heli stand, dessen Seitentür geöffnet war, traf sie der Schlag. Im Inneren herrschte das reinste Chaos. Benutzte Handschuhe, Verpackungen und der Großteil des Equipments lagen wahllos verteilt herum.
Die Pilotin konnte es nicht fassen. Es musste über eine halbe Stunde her sein, dass ihre Kollegen zurück gekommen waren. In der Zeit hätten sie den Helikopter schon längst wieder sauber machen müssen, da jederzeit der Alarm los gehen konnte. Zumindest Jens hätte ihn als noch diensthabender Pilot, was er ja bis vorhin noch gewesen war, reinigen müssen.
Aber Biggi konnte sich sowieso nicht an ihn gewöhnen. Er fungierte seit dem Tod von Thomas als neuer Pilot der A-Crew und eigentlich war er ganz in Ordnung. Jedoch konnte Biggi ihn trotzdem nicht voll und ganz akzeptieren. Für sie hatte er Thomas' Platz eingenommen, ungefragt. Natürlich hatten sie einen neuen Piloten gebraucht und Mark empfand sie auch nicht als stören. Jens hingegen schon. Vielleicht war Biggi nun deswegen plötzlich so sauer wegen dieser Schweinerei.
Sie begann gleich mit dem Aufräumen und Putzen des Babys, sie musste sich ein wenig beeilen damit es schnell wieder sauber war. Erst warf sie die Handschuhe und die Verpackungen, teilweise blutverschmiert, einfach raus auf den Boden. Dann schrubbte sie den Heli zunächst mit Wasser und Schwamm, um die inzwischen angetrockneten Blutflecken zu entfernen. Zum Schluss musste noch alles desinfiziert werden. Biggi war so geübt darin, dass sie nicht mal eine halbe Stunde brauchte. Trotzdem war sie immer noch wütend auf ihre Kollegen.
Max war nämlich auch nicht da, ansonsten hätte er sich sicherlich sofort aufgeregt und den Helikopter selbst geputzt. Und einfach so davon kommen lassen würde sie die Männer auch nicht, zumal es ihr heute sowieso reichte und sie sich am liebsten ins Bett verziehen würde.
Deshalb kletterte sie aus dem Heli, schüttete den Eimer aus und nutzte den für den Müll den sie nun einsammelte. Nachdem alles aufgelesen war, war der Einer randvoll und Biggi nahm ihn mit ins Gebäude. Schon im Gang hörte sie ihre Kollegen, die sich unüberhörbar im Aufenthaltsraum befanden. Dort saßen sie tatsächlich und tranken Kaffee.
Biggi ging mit stampfenden Schritten zum Tisch und stellte den Eimer mit dem nicht gerade appetitlichen Inhalt dort ab, Jens direkt vor die Nase. Ihm verging das Lachen sofort und auch die anderen Stimmen im Raum verstummten.
"Sag mal.. Was soll das denn jetzt darstellen?!", fragte Jens ungläubig. "Das.." Biggi nahm vorsichtig einen Handschuh hoch und hielt ihn Jens direkt vors Gesicht. ".. sind die Überreste eures Einsatzes, die ICH gerade beseitigen durfte!" Das 'Ich' betonte sie extra wütend und Jens wich angewidert zurück.
"Toll, gell?" Biggi ließ den blutigen Handschuh wieder in den Eimer fallen und verschränkte dann ihre Arme. "Das Zeug gehört in den Müll und nicht hier auf den Tisch, dir geht's wohl zu gut!", motzte Jens und schob den Eimer energisch von sich weg.
"Genau, das Zeug gehört in den Müll und das eigentlich sofort nach der Landung und nicht erst Stunden später nach dem Kaffee und vielleicht noch einem kleinen Nickerchen!", konterte Biggi zornig. Ihre anderen Kollegen schwiegen, sie warfen sich gegenseitig nur fragende Blicke zu. So kannten sie die sonst liebenswerte Pilotin gar nicht.
Aber Biggi war nun einfach der Kragen geplatzt, sie hatte schon genug damit zu tun ihre anderen Probleme zu verbergen, das jetzt konnte sie einfach nicht so hinnehmen.
Jens stand auf, die zwei Piloten standen sich nun gegenüber. "Wir hätten das schon noch gemacht!", stellte er klar. "Jetzt komm mal wieder runter und spiel dich nicht so auf, nur weil du einmal mehr putzen musstest! Wie gesagt, wir hätten das schon selber gemacht!", fügte der nun ebenfalls aufgebrachte Pilot hinzu.
"Wann denn bitte? Hier kann jederzeit der Alarm los gehen und wer ist für die Maschine verantwortlich? Der diensthabende Pilot, also von nun an ich! Hätte ich das jetzt nicht gesehen, wie hätten wir den nächsten Einsatz wahrnehmen sollen?!"
Jens musste einsehen, dass Biggi richtig lag und seine Aufregung legte sich schlagartig. "So hab ich das jetzt gar nicht gesehen, der Einsatz war ziemlich anstrengend. Sorry, das kommt nicht wieder vor. Es tut mir echt leid, Biggi.", entschuldigte Jens sich nun. Aber Biggi kam es so vor, als würde er es nicht wirklich ernst meinen.
"Komm, lass stecken!", blaffte sie ihn wütend an und nahm den Eimer um den Inhalt zu entsorgen. Als Gina ihr die Aufgabe abnehmen wollte, reichte ein Blick von Biggi und die Kleinere erkannte das Biggi jetzt auch keine Hilfe mehr wollte.
Als Biggi den Raum verlassen hatte, wandte sich Jens an seine Kollegen. "Was is denn mit der los?", fragte er. "Ich weiß es nicht sicher, aber ich kann's mir denken.", antwortete Karin. "Ich mir auch.", pflichtete Enrico ihr bei.
Karin ging es selbst nicht besonders gut, wegen Michael und natürlich auch wegen Thomas. Auch bei ihr rüttelte es Erinnerungen wach.
"Thomas.", meinte Gina. "Thomas.", bestätigte Karin seufzend.
Biggi entsorgte den Müll und nahm sich vor, jetzt auch erstmal eine Tasse Kaffee zu trinken. Sie hatte die Nacht kaum geschlafen und ihr war zudem noch flau im Magen, was sie auf den Schlafentzug und die Nerven schob.
Als Biggi in den Aufenthaltsraum zurück kehrte, wurden die anderen wieder still, beziehungsweise lenkten das Thema ganz schnell auf etwas anderes. Biggi setzte sich neben Peter und nahm eine der unbenutzten Tassen an sich, anschließend die Kaffeekanne. Schon beim Anheben kam sie ihr verdächtig leicht vor. Als sie sich guter Hoffnung, doch noch eine Tasse zusammen zu bekommen, etwas einschenken wollte kam nicht mehr raus als ungefähr ein Schluck.
"Typisch!", knurrte sie und Jens blickte auffällig unschuldig drein. Er hatte sich als letzter nachgeschenkt. Bewusst laut stellte sie die Kanne wieder auf den Tisch, stand auf und verließ den Raum erneut. Diesmal war ihr Ziel die Küche. Sie würde keinen neuen Kaffee kochen, sie war schließlich die einzige die noch keinen bekommen hatte. Stattdessen beschloss sie sich einen Tee zu machen, war vielleicht auch besser für ihren Magen.
Sie schaltete den Wasserkocher an, den sie vorher erst hatte auffüllen müssen und entschied sich dann für einen Kamillentee. Der Beutel landete in einer Tasse, in die sie eigentlich Zucker gegeben hätte, aber der war ebenfalls leer und Biggi kurz vorm erneuten Wutausbruch.
Ungeduldig wartete sie bis das Wasser heiß genug war, nahm den Wasserkocher an sich und gab die kochende Flüssigkeit in ihre Tasse. Da sie jedoch den Deckel des Wasserkochers nicht richtig hatte einrasten lassen, klappte dieser auf und Biggi schüttete sich das heiße Wasser über die linke Hand mit der sie vorsorglich die Tasse festgehalten hatte um sie am wegrutschen zu hindern.
Biggi reagierte zuerst gar nicht,  so geschockt war sie. Doch dann schrie sie aufgrund der starken Schmerzen auf. Ihre Kollegen hörten den durchdringenden Schrei bis in den Aufenthaltsraum.
"Was geht denn jetzt ab?", fragte Peter erschrocken. "War das Biggi?", kam ungefähr zeitgleich von Enrico der es nicht so ganz glauben wollte.
"Das war eindeutig Biggi!" Karin war die erste die ihrer Freundin zur Hilfe eilte, gefolgt von Enrico. Auch Gina, Mark und Peter wollten sofort wissen was geschehen war. Nur Jens blieb sitzen. Als Karin in der Küche eintraf, fand sie Biggi kreidebleich und weinend vor.
Sie sah den Wasserkocher und das verschüttete Wasser und Biggis auffällig gerötete Hand. Für die erfahrene Ärztin war die Sache klar.
"Scheiße, Biggilein!", entfuhr es Karin "Komm her!" Karin packte Biggis Arm um sie zum Spülbecken zu ziehen. Sofort stellte sie das Wasser an, jedoch nicht eiskalt um keinen Wundbrand zu riskieren. Als es ungefähr die richtige Temperatur hatte, hielt sie Biggis Hand unter den Strahl.
Das Wasser verschaffte sofort ein wenig Linderung, aber die Schmerzen waren dennoch sehr stark. "Au, au, au!", jappste die Pilotin, der wie vorhin dicke Tränen über die Wangen kullerten aber diesmal wegen diesem Brennen was von der gereizten Haut ausging.
"Schatz, was ist denn passiert?" Enrico stand in der Tür, die anderen drei ebenfalls. "Schick sie weg!", bat Biggi Karin. Ihr war die Situation unangenehm und auch ein bisschen peinlich.
"Hier sind auf einmal zu viele Leute, geht wieder zurück, ich hab das im Griff." Enrico wollte es anfangs nicht ganz einsehen, ging dann aber mit den anderen zurück in den Aufenthaltsraum. Karin hielt Biggis Hand weiterhin unter den Wasserstrahl.
"Wie hast du das denn geschafft?", wollte die Notärztin wissen. "Der Deckel war nicht richtig zu.", schluchzte Biggi, die sich aber langsam wieder beruhigte. "Oder du bist nicht ganz bei der Sache gewesen.", sprach Karin eine weitere Möglichkeit aus. "Beides irgendwie.", musste Biggi nun zugeben und versuchte die mitleidigen Blicke von Karin zu ignorieren. Sie hätte einfach besser aufpassen müssen.
Karin nahm Biggis Hand kurz unter dem Wasserstrahl hervor, um sie begutachten zu können. "Das sieht schlimmer aus als es ist, dafür tut es aber höllisch weh. Das ist höchstens eine Verbrennung ersten Grades.", meinte Karin fachmännisch. "Das reicht vollkommen.", antwortete Biggi mit zusammengebissenen Zähnen. "Glaub ich dir. Kühlen sollte man es so um die 20 Minuten, danach mach ich dir einen Verband rum."
Biggi nickte, entzog Karin die schmerzende Hand und hielt sie erneut unters Wasser. Karin machte sich derweil daran, die Pfütze zu beseitigen. "Seit wann trinkst du Kamillentee?", fragte Karin erstaunt. "Seit heute, mir ist nicht besonders gut.", erwiderte Biggi ehrlich. "Wenn man beachtet welcher Tag heute ist kein Wunder."
Karin, die ihre Gefühle bis eben sehr gut hatte verbergen können, wurde nun ebenfalls sichtlich traurig. "Übrigens deine Ansage war berechtigt. Die Jungs, beziehungsweise Jens, hätte das Baby putzen müssen. Der wird sich in Zukunft vor dir in Acht nehmen." Karin versuchte das Thema zu wechseln. "Es ist mir egal was er jetzt von mir hält oder auch die anderen. Ich hab andere Sorgen.", stellte Biggi klar.
"Das weiß ich doch und die anderen wissen das auch. Und du darfst so viele Standpauken verteilen wie du willst, zumindest heute. Obwohl es mir ganz ehrlich lieber wäre, wenn du nach Hause gehen würdest. Mit der Hand fliegen wird schwierig und außerdem bist du wirklich nicht ganz bei dir, was verständlich ist." Das Karin sich Sorgen machte war kaum zu überhören.
"Ich geh nicht nach Hause, da fällt mir nur die Decke auf den Kopf. Das mit dem Fliegen kriege ich schon hin und vielleicht schlafe ich heute mal hier. Das mit Enrico und mir.. das wir es nochmal versuchen wollten mit der gemeinsamen Wohnung.. Karin, ich glaub das war ein riesen großer Fehler!"
Das rutschte Biggi nun unbeabsichtigt heraus, aber ansonsten würde sie wohl bald vor unausgesprochenen schlechten Gedanken platzen. "Inwiefern?" Die beiden Frauen waren gerade alleine, also war es eine gute Gelegenheit zum Reden.
"Wir sind nur noch am streiten, die ganze Zeit! Ich hab gedacht  es würde besser werden wie beim ersten Mal und es würde uns helfen die Beziehung zu retten, aber ich fühle mich nicht wohl. Er ist einfach zu unordentlich und chaotisch!" Deshalb war der erste Versuch damals auch gescheitert.
"Andere bekommen ein Baby, ihr fangt halt klein an um es zu fixen." Biggi gefiel dieses Beispiel überhaupt nicht. "Hör mir bloß auf mit diesem Baby-Gequatsche!", stöhnte sie. "Für Enrico gibt's, wenn wir mal nicht zoffen, kaum ein anderes Thema mehr. Und dann endet es wieder im Streit.", erklärte die Pilotin. "Sorry, das hab ich nicht gewusst.", entschuldigte Karin sich.
"Aber du stellst es da, als wäre es etwas vollkommen schlechtes. Du willst doch Kinder oder etwa nicht." Biggi antwortete nicht sofort. Sie steckte zunächst den Stöpsel in den Abfluss und ließ das Wasser ein, da sie das ständige Plätschern nervös machte.
"Biggi.", sprach Karin sie an, die Antwort interessierte sie brennend. "Karin, natürlich will ich Kinder. Aber doch nicht unter diesen Umständen, doch nicht als letzten Ausweg um das mit Enrico hinzubiegen!" Sie mussten bedacht leise sprechen, um nicht doch gehört zu werden.
"Wenn du von einem letzten Ausweg sprichst, ist es für dich offenbar schon fast vorbei.", stellte Karin fest. "Ich weiß es nicht. Enrico ist neben seinen kleinen Macken toll, fürsorglich und ich weiß das er mich liebt. Aber.." Biggi fand keine Worte.
"Aber?", fragte Karin nach. "Ich weiß es nicht.", gab Biggi zu. "Ist da noch irgendwas anderes, was du mir sagen willst?" Karin merkte, dass Biggi irgendwas verheimlichte. "Wenn er doch wirklich so ist wie du sagst, verstehe ich nicht warum ihr so viel Streit habt."
Kurz überlegte Biggi ob sie Karin von den anderen Dingen erzählen sollte, die sie innerlich regelrecht auffressen wollten. Aber sie entschied sich dagegen. "Nein, das ist alles und es ist ja wohl mehr als genug oder.", antwortete Biggi.
"Es hat nichts mit Thomas zu tun?", fragte Karin nun gerade heraus, schließlich wollte sie Biggi doch nur helfen.
Biggi erschrak sichtlich, aber sie wollte darüber nicht reden. Es tat so schon genug weh, würde sie es aussprechen würde sie höchstwahrscheinlich zusammenbrechen wie vorhin unten am Fluss. Und dafür war ihr Stolz zu groß. Irgendwann würde es besser werden, das hoffte Biggi inständig.
Es war jetzt ein Jahr her, 365 Tage, so schnell konnte keiner etwas vergessen. Biggi hatte es verdrängen können, dachte aber jeden Tag an Thomas und weinte sich abends wenn sie mal alleine war in den Schlaf. War Enrico zu Hause und die Emotionen drohten sie zu übermannen, schloss sie sich meistens im Bad ein oder fuhr zum Friedhof.
Dort stand sie dann vor Thomas' Grab und redete sich alles von der Seele. Um die Uhrzeiten an denen sie dort war, war sie meistens alleine. Und da würde sie heute auch hingehen, an einen der wenigen Orte wo sie weinen konnte so lange sie wollte beziehungsweise konnte. Nirgends fühlte sie sich Thomas so nah, annähernd war das nur im Heli der Fall weshalb sie ab und an mehr Zeit im Baby verbrachte als notwendig.
"Es ist wirklich nichts und vor allem lass Thomas da raus. Ich spreche dich doch auch nicht ständig auf Michael an!" Ihre Reaktion war für Karin aufschlussreicher als Biggi glaubte. "Ich wünschte du würdest es tun, wenn du mir im Gegenzug von den Dingen erzählen würdest die dir zu schaffen machen.", erwiderte Karin bedrückt.
"Karin, wenn du wirklich meine Freundin bist dann lass diese Fragerei sein. Wenn noch mehr wäre, würde ich es dir sagen." Karin erkannte die Tränen in Biggis Augen, die nun nicht nur von ihrer schmerzenden Hand her rührten.
"Und ich glaube das reicht auch mit dem Kühlen.", sagte Biggi jetzt und nahm ihre Hand aus dem Wasser. Diese wurde von Karin vorsichtig in ein sauberes Geschirrtuch gewickelt. "Den Verband machen wir gleich im Aufenthaltsraum. Geh schon mal vor, ich hole noch was." Biggi nickte und ging.
Karin brauchte in Wirklichkeit gar nichts, da eigentlich alles im Verbandskasten im Aufenthaltsraum zu finden war. Was sie jedoch dringend brauchte war ein Alibi um Herrn Höppler, den Leiter der Basis, kurz für ein kleines Gespräch aufsuchen zu können. Biggi sollte das jedoch nicht mitbekommen.
Als Karin dann vor der geschlossenen Tür vor Höpplers Büro stand, musste sie noch kurz überlegen wie sie ihr Anliegen erklären sollte. Dann klopfte sie und wartete auf eine Eintrittserlaubnis, die sie gleich darauf erhielt.
"Frau Doktor Thaler.", sagte Höppler. "Guten Tag, Herr Höppler.", begrüßte Karin ihren Chef. "Ich müsste kurz mit ihnen sprechen, es ist dringend." Karin wurde daraufhin aufgefordert sich zu setzen. "Um was geht es? Aber nicht schon wieder um die Renovierungssache der Basis, damit liegen sie mir ja seit Wochen in den Ohren!"
Karin verkniff sich mühevoll das Lachen. "Nein, es geht nicht darum.", versicherte sie ihm. "Es geht um Biggi.. ich meine um Frau Schwerin. Ich halte es für angebracht, wenn sie ihr ein paar Tage frei geben.", nannte Karin nun den eigentlichen Grund und Höppler war ganz und gar nicht begeistert. Zumindest seinem Blick nach zu urteilen. "Ich soll Frau Schwerin extra Urlaub genehmigen? Wofür?"
Karin hatte mit der Reaktion bereits gerechnet. "Ihr geht es momentan nicht gut. Sie will es zwar nicht zugeben, aber man merkt es ganz deutlich. Sie ist nicht bei der Sache, besonders heute nicht. Wie sie vielleicht wissen ist das mit Thomas und Michael heute ein Jahr her und.. Nun ja, Bi.. Frau Schwerin trauert immer noch. Wie gesagt leugnet sie alles, allerdings könnte es offensichtlicher nicht sein. Außerdem hat sie sich eben mein Tee kochen die Hand verbrüht und damit wird es ihr erstmal nicht möglich sein zu fliegen."
Höppler war offenbar immer noch nicht ganz überzeugt. "Das mit ihren Kollegen war eine schlimme Sache.", begann er. "Und es tut mir wirklich leid was geschehen ist. Nur wie stellen sie sich das vor? Die Zentrale macht schon Ärger wenn sie den Urlaub nehmen der ihnen zusteht, weil kaum Ersatz verfügbar ist. Im übrigen hat Frau Schwerin ihren ganzen Urlaub bereits eingetragen und keine Tage mehr frei."
Die Notärztin wusste das, denn Enrico und Biggi wollten bald gemeinsam nach Italien fahren um dort einige Zeit zu verbringen. Weiter hatte Biggi sich über Weihnachten und Neujahr Urlaub eingeplant. Doch Karin sah darin kein Problem, denn einen Ersatz hatten sie bereits hier auf der Basis.
"Das mit dem Ersatz sollte kein Problem sein, oder? Schließlich haben wir eine frisch gebackene Pilotin hier bei uns.", sagte Karin. "Frau Aigner?" Karin nickte. "Frau Doktor Thaler, es ist wirklich nett das sie sich so um ihre Kollegen sorgen und das weiß ich zu schätzen. Aber Frau Aigner wird in Kürze nach Nürnberg versetzt und erst dann darf sie offiziell fliegen.", erklärte Höppler.
"Den Schein hat sie doch, soweit ich weiß. Sie könnten doch einfach mal in der Zentrale anrufen und fragen ob es geht. Das wäre eine gute Übung damit sie nicht aus der Routine beim Fliegen fällt und Frau Schwerin könnte sich erholen. Es wären auch nur ein paar Tage bis es ihrer Hand und ihrer Psyche wieder besser geht."
Höppler musterte seine Mitarbeiterin misstrauisch. "Wenn es Frau Schwerin wegen dem Ereignis vor einem Jahr so schlecht geht, warum sitzen sie dann vor mir als wäre nichts gewesen?", fragte er Karin. "Sie haben immerhin ihren Lebensgefährten verloren." Höppler wusste nicht, dass Michael noch lebte. "Ich zeige nur nicht wie mies es mir eigentlich geht.", erklärte Karin. "Und Frau Schwerin zeigt es auch nicht offensichtlich, aber sie ist mit ihren Gedanken ganz woanders. Wenn Frau Aigner außerdem nicht einspringen darf, dann hat Herr Köster noch etwas bei Frau Schwerin gut zu machen. Einen Ersatz haben sie also so oder so.", artikulierte Karin wieder dagegen.
"In Ordnung.", antwortete Höppler. "Ich werde bei der Zentrale anfragen, aber versprechen kann ich nichts." Karin hatte das erreicht was sie wollte und stand auf. "Danke.", sagte sie. "Und sollte es genehmigt werden, die Idee kam nicht von mir. Das dürfen sie Frau Schwerin keinesfalls sagen."
Höppler nickte und nahm den Hörer vom Telefon zur Hand. Karin verließ das Büro und holte dann noch zwei Verbände aus dem Utensilienschrank, damit ihre Ausrede auch glaubwürdig rüber kam. Biggi hatte sich derweil auf die Couch im Aufenthaltsraum gesetzt und wartete auf ihre Freundin, die eindeutig zu lange brauchte dafür das sie nur etwas holen wollte.
Sie wurde langsam nervös, vor allem weil ihre Kollegen am Tisch saßen und immer wieder zu ihr hinüber sahen. Sie war drauf und dran sich wieder in den Heli zu verziehen. Außerdem tat ihre Hand nun doch mehr weh als erwartet. Biggi stand auf und wollte sich wirklich in den Hangar begeben, als Karin ihr in der Tür entgegen kam.
"Wohin des Weges?", fragte Karin Biggi. "Hab bei der Kontrolle vergessen nachzusehen ob das  Baby genügend Sprit hat.", log Biggi und wollte sich an Karin vorbei zwängen. "Nix da, du gehst jetzt nirgends hin. Jens kann das machen und du setzt dich schön wieder hin.", befahl die Ärztin. "Karin..", setzte Biggi an. "Setz dich hin.", sagte diese wieder und Biggi gab sich geschlagen. "Jens, geh du nachschauen.", bat Karin den anderen Piloten. "Muss ich gar nicht, ist noch genügend Sprit drin.", antwortete er.
Biggi setzte sich widerwillig wieder auf die Couch und Karin nahm neben ihr Platz. "Ich mach da jetzt einfach einen Verband rum damit da nichts hin kommt, eine Salbe brauchen wir erstmal nicht nur dann zur Nachbehandlung.", erklärte Karin und befreite Biggis Hand vom Geschirrtuch.
Die war nun angeschwollen, deshalb noch geröteter als vorher. Außerdem erkannte Karin an manchen Stellen der Haut leichte Risse.
"Das hast du echt super hinkommen.", meinte Karin und schob den Ärmel von Biggis Overall ein wenig weiter nach hinten. "Haha, witzig!", entgegnete Biggi bissig.
"Das brennt wie die Hölle!", beschwerte die Pilotin sich, als Karin sich daran machte den Verband anzubringen. "Woher weißt du denn bitte, wie es in der Hölle aussieht?", wollte Karin wissen und musste kichern, Biggi ließ sich tatsächlich anstecken.
Als Karin den Verband angebracht hatte, konnte Biggi ihre Hand noch weniger bewegen als vorher. "Ohne war's eindeutig besser!", stellte Biggi trotzig fest. "So oder so wirst du heute nicht mehr fliegen.", entgegnete Karin und stand auf um den Müll wegzuwerfen.
"Das hast du doch gar nicht zu bestimmen!" Biggi wurde nun ziemlich unfreundlich ihrer Freundin gegenüber. "Aber ich." Plötzlich stand Höppler im Raum, sie hatten ihn nicht kommen hören.
"Frau Schwerin, ich halte es für angebracht wenn sie jetzt nach Hause fahren und dort auch für ein paar Tage bleiben.", offenbarte er Biggi.
"Aha. Und wir komme ich dazu?", fragte sie wenig begeistert. Karin hoffte, dass er sie wirklich nicht verraten würde."Sie haben in den letzten Monaten einige Überstunden angesammelt." Eine bessere Ausrede war Höppler auf die Schnelle nicht eingefallen. Biggi wurde noch misstrauischer.
"Seit wann interessiert sie das?" Karin klinkte sich lieber ein, nicht das sich Höppler verplapperte. "Wahrscheinlich hat er Anschiss vom obersten Chefchen gekriegt. Aber Biggi, er hat doch recht. Du könntest ein paar freie Tage gut gebrauchen."
Die anderen nickten eifrig um sie zu überzeugen. "Sie haben aber keinen Ersatz, nehme ich an. Da führt sich die Zentrale doch immer auf.", hielt Biggi wieder dagegen. Sie brauchte keinen Urlaub, nicht jetzt wo sie das Gefühl hatte sich immer mehr aufzulösen. Ihre Gedanken machten sie fertig und nur beim Fliegen hatte sie bis jetzt immer an etwas anderes denken können. Zu Hause würde ihr die Decke auf den Kopf fallen und davor hatte sie panische Angst. "Für Ersatz ist gesorgt. Frau Aigner wird ihre Schichten übernehmen, sie kann die Übung gut gebrauchen."
Biggi konnte es nicht fassen. "Gina?", fragte sie um sicher zu gehen, sich nicht verhört zu haben. "Ja.", bestätigte Höppler. "Wirklich?", fragte nun Gina. "Allerdings. Ihr Dienst als Pilotin beginnt jetzt und Frau Schwerin.." Höppler wandte sich wieder an Biggi. ".. wir sehen uns frühestens in fünf Tagen wieder." Nach diesen Worten ging Höppler wieder.
"Dann wäre das ja geklärt. Gina, du solltest dich am besten gleich umziehen und Biggi, du dich auch dann fahr ich dich schnell nach Hause. Mark, wärst du so nett.." Weiter kam Karin nicht.
"Was fällt dir eigentlich ein?!", schrie Biggi auf einmal und erhob sich energisch vom Sofa. Gemeint war Karin. "Meinst du wirklich ich bin so blöd und kauf dem Höppler das Gerede ab?! Der wurde eindeutig von dir geimpft!" Biggi wusste, dass ihr Chef gerade mehr oder weniger gelogen hatte. Das Karin sich eingemischt hatte, obwohl Biggi sie gebeten hatte sich raus zu halten. Die Pilotin fühlte sich hintergangen und sah nicht ein, dass man ihr nur helfen wollte. Im Gegenteil, sie fühlte sich von allen Seiten hintergangen und das ließ sie erneut aus der Haut fahren. Diesmal sollte es Karin abbekommen.
"Ich will dir doch nur helfen!" Auch Karin wurde nun lauter. "Ich brauche deine Hilfe nicht, weder deine noch die von irgendjemandem sonst! Kümmert euch um euer Leben!" Biggi kreischte regelrecht, ihre Kollegen waren entsetzt. So hatten sie Biggi wirklich noch nie erlebt, sie war eine komplett andere Person, zumindest in diesem Augenblick. "Mädels, jetzt beruhigt euch mal wieder!", kam es von Enrico.
"Halt den Mund! Als ob du zu Hause besser bist, mal ganz ehrlich!", ging Biggi nun auch ihren Freund an, der eigentlich gerade zu ihr kommen wollte. Nun ließ er es besser bleiben.
"Könnt ihr euch noch daran erinnern, was vor einem Jahr war?!", wollte Biggi nun von ihren Kollegen wissen. "Oder bin ich hier die Einzige?! Sorry, dass ich heute nicht so funktioniere wie ihr es gerne hättet, dass ich nicht wie sonst meine Klappe halte und alles still und leise hinnehme! Im Gegensatz zu euch weiß ich noch ganz genau was passiert ist und kann es nicht so einfach weg stecken, da bin ich ausnahmsweise mal nicht bei der Sache! Wie oft rennt einer von euch hier planlos rum? Oft genug und ihr werdet auch nicht sofort zwangsbeurlaubt!" Biggi eilte zur Tür und schnappt sich ihre Jacke vom Garderobenständer.
"Aber gut, dann euch noch einen wunderschönen Tag!", rief sie noch in den Raum und ging dann zum Ausgang der Basis. Ihre Kollegen waren erstmal wie erstarrt.
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