We belong together..

GeschichteDrama, Romanze / P16
17.04.2020
05.09.2020
17
56.690
3
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
05.08.2020 2.075
 
Thomas war den ganzen Tag schon unruhig gewesen und hatte sich letztendlich entschieden auf den Friedhof zu fahren, um die vermeintlichen Gräber von ihm und Michael zu besuchen. Außerdem wollte er auch bei Gabi vorbei schauen. Michael hatte die Gräber bereits kurz vor der Abreise noch gesehen, als er Karin nach der Beerdigung abgefangen hatte und wollte sich das nicht nochmal antun.
Thomas hingegen wollte das sehen. Er nahm sich ein Taxi, dass ihn genau dort hin brachte wo er hin wollte, auch wenn die Fahrtkosten etwas höher ausfielen. Vorher hatte er noch schnell ein paar Blumen besorgt, die er bei Gabi niederlegen wollte. Auch wenn es jetzt schon ein paar Jahre her war, fehlte ihm seine verstorbene Kollegin wahnsinnig. So ging es den anderen, die Gabi gekannt hatten, ebenfalls.
Thomas kannte den Friedhof demnach und hatte Gabis Grabstätte innerhalb kürzester Zeit wieder gefunden. Es sah gepflegt aus, nach wie vor kam also regelmäßig jemand hierher. Er vermutete, dass es Biggi sein musste die sich um die Pflege des Grabes kümmerte. Vielleicht aber auch Gabis Mutter oder vielleicht sogar beide, wenn nicht noch andere. Aber die roten und gelben Rosen, die Thomas entdeckte, konnten nur von einem seiner Kollegen sein. 'Die Medicopter-Farben.', dachte er bei sich und lächelte. Wie sehr er doch das Baby vermisste und seine Kollegen sowieso.
Thomas legte seine Blumen dazu und dachte dann an die verstorbene blonde Notärztin zurück. "Kennst du mich noch?", fragte er und lachte leicht. "Wahrscheinlich würdest du mich am liebsten zusammen scheißen, weil ich so lange nicht mehr hier war oder allgemein weil ich einfach abgehauen bin. Aber es ging nicht anders.", sprach Thomas weiter und schwieg dann für einige Zeit. "Du fehlst.", flüsterte er und zwang sich dann weiter zu gehen.
Auch die Gräber von ihm und Michael waren total gepflegt und hier fand er ebenfalls die Rosen in den Medicopter-Farben vor. Es war komisch, seinen eigenen Namen auf einem Kreuz zu lesen, obwohl man doch noch am Leben war. Nachdenklich betrachtete Thomas die zwei Grabstätten und verweilte dort erstmal.
Biggi war inzwischen ebenfalls auf dem Friedhof und stand bei Gabis Grab. Sie wechselte die Blumen aus und entfernte ein bisschen von dem Unkraut, das wucherte wie wild, wenn man es nicht regelmäßig entfernte. Die Pilotin vernachlässigte momentan viel, sich selbst, ihre Freunde die gleichzeitig ihre Familie waren, ihre Gesundheit. Allerdings vernachlässigte sie die Pflege der Gräber ihrer damaligen engsten Vertrauten keinesfalls. Das lenkte sie ab, das tat ihr gut. Hier brauchte sie sich nicht verstellen, denn Biggi glaubte das Gabi und Thomas sowieso wussten wie schlecht es um sie stand.
Während sie auf dem Boden kniete und die kleinen grünen Halme aus zupfte, redete sie mit Gabi als ob sie beim Kaffee beisammen sitzen würden. Sie war hier sowieso allein, es konnte sie keiner hören, jedenfalls glaubte sie das sie alleine war.
Nach zehn Minuten erhob sie sich wieder und lief weiter über den Friedhof zu den zwei anderen Gräbern. Thomas stand dort noch immer und hörte plötzlich die Steinchen auf dem Weg knirschen. Da kam jemand, weshalb er beschloss sich hinter der Hecke zu verstecken. Das schaffte er gerade noch rechtzeitig, bevor der andere Friedhofsbesucher um die Ecke kam.
Oder besser gesagt die Besucherin, die Thomas erst auf dem zweiten Blick erkannte. 'Biggi!', schoss es ihm durch den Kopf und sein Herz setzte für einen Moment aus. Seine Biggi war hier, jetzt in diesem Augenblick.
Thomas beobachtete sie von seinem Versteck aus. Er war zugegebenermaßen etwas erschrocken über ihr Aussehen, denn sie hatte abgenommen und das nicht nur ein wenig. Deshalb hatte Thomas sie auch erst nicht erkannt. Sie sah müde aus, kraftlos, bleich. Als wäre sie krank.
Thomas schluckte. Er war geschockt, denn das war nicht die Biggi die er zurückgelassen hatte. Hatte Enrico denn nicht auf sie geachtet und es zugelassen, dass sie sich so runter hungerte? Oder steckte wirklich eine ernsthafte Erkrankung dahinter? Um das herauszufinden, musste Thomas mit Biggi reden. Doch etwas in ihm hinderte ihn daran sofort zu ihr zu gehen. Schließlich glaubte sie ja, er sei tot. Aber er wollte sie eigentlich auch nur in den Arm nehmen und sie vom Gegenteil überzeugen. Allerdings beschloss er trotzdem abzuwarten, was geschah.
Biggi stand ein paar Minuten einfach nur da und ließ ihren Blick über die Gräber schweifen. In der Hand trug sie frische Blumen, die sie irgendwann gegen die alten austauschte und dann zupfte sie das störende Unkraut aus der Erde. Thomas ließ sie keinen Moment aus den Augen, während sie auf dem Boden kniete und sich um die Grabpflege kümmerte. Sie wirkte dabei so konzentriert und sie tat es wirklich gewissenhaft, denn als sie fertig war konnte Thomas keinen einzigen Halm mehr sehen der dort nicht hingehörte. Er sah, dass sich Biggis Lippen bewegten, jedoch konnte er nicht verstehen was sie sagte. Aber es mussten wohl Worte der Trauer sein, denn er konnte ganz deutlich erkennen wie ihr ein paar Tränen über die blassen Wangen kullerten.
Biggi so zu sehen brach Thomas fast das Herz. In einem Jahr war offenbar viel mehr passiert, als er sich vorgestellt hatte und eigentlich hatte er gehofft Biggi sei glücklich geworden. Er traute sich plötzlich auch gar nicht mehr hinzugehen, zuerst würde er das weitere Vorgehen mit Michael besprechen, denn ohne seine Meinung gehört zu haben wollte Thomas nichts unternehmen. Er konnte jetzt doch nicht einfach aus dem Gebüsch springen und 'Hier bin ich!' rufen.
Deshalb beobachtete er Biggi einfach weiterhin und sah, dass sie etwas auf sein Grab legte. Thomas konnte nicht erkennen was es genau war und schlich sich einen Schritt weiter nach vorne. Dabei trat er auf einen Ast, der auseinander brach und bei der Stille die auf dem Friedhof herrschte war dieses Knacken für Biggi nicht zu überhören gewesen. Sie fuhr erschrocken herum und Thomas ging blitzschnell wieder hinter der Hecke in Deckung.
Die junge Pilotin spürte, dass sie definitiv nicht mehr alleine war und schaute sich um. Jedoch konnte sie auf Anhieb niemanden entdeckten, dabei war sie sich sicher gewesen, dass sich hinter der Hecke etwas bewegt hatte. "Hallo?", rief sie, doch erhielt keine Antwort. Thomas kauerte hinter der Hecke und hoffte, dass Biggi nicht näher kam. Er hatte nämlich keine Chance zu entkommen, egal wo er lang gehen würde, Biggi würde ihn sehen können. Biggi lief es eiskalt den Rücken hinunter, denn sie hatte sich eingebildet Thomas gesehen zu haben. Ganz kurz hatte sie so ein Gefühl gehabt, als wäre er ganz nah bei ihr gewesen. Doch sie konnte jetzt niemanden sehen, was aber nicht hieß das da niemand war.
Sie beschloss nachzusehen, auch wenn sie Angst hatte was oder wer sie erwartete. Oder hatte ihr Unterbewusstsein ihr nur einen Streich gespielt? Um das in Erfahrung zu bringen ging sie ein paar Schritte nach vorne, Thomas fluchte innerlich und atmete erleichtert auf als er Biggis Handy klingeln hörte. Das lenkte sie nämlich von ihrem Vorhaben ab.
"Nicht schon wieder!", gab Biggi genervt von sich, als sie Karins Namen auf dem Display las. "Was soll das werden, Rundumüberwachung?!", fragte sie ihre Freundin, nachdem sie das Gespräch widerwillig angenommen hatte.
Thomas war verwundert, so biestig war Biggi doch sonst nie gewesen. Er lauschte weiter ihren Worten. "Ja, ich war da.", sagte Biggi genervt. "Ja, ehrlich. Ich hab brav meine Zeit beim Psychodoc abgesessen und später komme ich zur Basis und hole dich ab. Bis dahin keine Anrufe mehr, sei so nett, weil das macht mich irgendwann noch irre Karin!" Daraufhin legte Biggi auf und ging wieder zurück zum Grab. Ihr Vorhaben schien sie plötzlich total vergessen zu haben.
Thomas traute sich wieder einen Blick zu riskieren. Biggi blieb noch ungefähr drei Minuten, dann ging sie langsam davon und Thomas schaute ihr nach. Warum hatte Biggi so mit Karin geredet und was hatte sie mit ihren Worten gemeint? Thomas brauchte Antworten und das jetzt. Würde er die in dem Brief finden, den Biggi an seinem Grab hinterlassen hatte? Einen Versuch war es wert.
Zielsicher steuerte Thomas wieder das Grab an und hob den Brief auf. In großen Buchstaben stand sein Name auf dem sorgfältig geschlossenen Umschlag. Kurz zögerte er noch, dann öffnete er den Umschlag behutsam. Der Brief war für ihn bestimmt, er durfte ihn lesen. Es war seltsam, aber nicht verboten. Thomas musste wissen was los war, warum Biggi diesen Brief hier hingelegt hatte.
Thomas entnahm den Zettel und faltete ihn auseinander. Dabei übersah er, dass sich noch etwas im Umschlag befand, aber der Brief hatte erstmal seine ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Sofort erkannte er Biggis Schrift, die ihm schon immer sehr gefallen hatte, wie alles an ihr. Mit klopfendem Herzen begann Thomas die von Biggi geschriebenen Zeilen an ihn zu lesen:

'Thomas..
Ich weiß nicht, ob du diese Worte dort wo du jetzt bist jemals lesen wirst. Vielleicht werde ich auch langsam verrückt, weil ich mir so sehr wünsche, dass du diesen Brief bekommst. Dabei ist es doch eigentlich unmöglich, oder? Nur weiß ich nicht mehr weiter. In den letzten Monaten oder gar Jahren ist so viel passiert.. Zuerst verliere ich Gabi und dann dich, meinen besten Freund. Jetzt ist Enrico auch weg und mein Baby wurde mir auch weggenommen. Ich fühle mich so leer, so alleine.
Karin und die Anderen versuchen alles um mir zu helfen, aber wie hilft man jemandem der innerlich tot ist? Weil ich habe das Gefühl, als wäre ich es. Innerlich tot und immer öfter wünsche ich mir, ich wäre bei euch. Bei dir, Gabi und meinem Kind, auf das ihr bestimmt gut aufpasst. Dort oben. Ist es dort oben denn so paradiesisch, wie jeder glaubt? Diese Vorstellung tröstet mich, wenn auch nur ein bisschen. Es gäbe so viel, was ich dir gerne noch sagen würde. Ich habe mich nie getraut es auszusprechen, die Tatsache, dass du für mich mehr warst als ein bester Freund. Nur warst du noch nicht bereit.
Aber vielleicht könnten wir, wenn ich zu euch kommen würde, endlich glücklich sein. Ich weiß nicht, wie lange ich es hier unten noch aushalte und der Glaube das Gabi, du und mein Bauchzwerg da oben vielleicht auf mich warten ist momentan das einzig schöne woran ich denken kann. Und dieser Gedanke nimmt mir jegliche Angst.
In Liebe, Biggi.'

Thomas musste die Worte nochmal lesen, da er nicht glauben wollte das diese von Biggi stammten. Von Biggi, der lebensfrohen und quirligen Pilotin die er schon so lange kannte. Das war nicht sie, doch dieser Brief war zweifellos von ihr geschrieben worden. Die Botschaft war eindeutig. Biggi hatte ihren Todeswunsch hier deutlich verfasst, diese Tatsache jagte Thomas einen kalten Schauer über den Rücken.
Sie durften nicht länger warten. Er musste Biggi helfen, ihr zeigen das er noch lebte und sie aus diesem psychischen Tief holen. Es musste heute noch raus, unbedingt.
Thomas holte sein Handy hervor und suchte nach Michaels Nummer im Telefonbuch. Es dauerte nicht lange, bis sein Freund das Gespräch an nahm. "Thomas, was gibt's?", fragte Michael. "Wir dürfen nicht länger warten!", stellte Thomas klar. "Womit?", wollte Michael wissen. "Womit wohl?! Wir müssen uns endlich zeigen und das heute noch!", stellte Thomas klar. "Mach mal langsam, Thomas. Meinst du wirklich, das wir soweit sind?" Thomas lachte spöttisch. "Michael, das ist mir gerade scheiß egal!", rief er aufgebracht. "Du packst jetzt unser Zeug, rufst dir ein Taxi und fährst hierher! Sofort!", befahl Thomas seinem Freund. "Was ist denn eigentlich los, was bist du so aufgekratzt?!", fragte Michael. "Nicht fragen, mach einfach was ich dir gerade gesagt habe! Ich erkläre dir alles, wenn du da bist! Komm zum Friedhof, ich warte draußen auf dich!"
Ohne weitere Erklärungen legte Thomas auf. Michael war verwirrt, begann aber sofort alles einzupacken, wie Thomas es ihm gesagt hatte. Irgendwas stimmte ganz und gar nicht, so aufgewühlt hatte er Thomas selten erlebt. Dieser war während der Unterhaltung bereits Richtung Ausgang gelaufen.
Auf dem Parkplatz entdeckte er Biggi im Auto und ging deshalb sofort wieder in Deckung. Sie war noch nicht losgefahren, tat es kurz darauf jedoch. Sie fuhr mit seinem Auto, deshalb hatte Thomas sie sofort erkennen können. Den Brief hielt er noch immer fest in der rechten Hand. Jetzt musste er hier warten, bis Michael kam und dann konnten sie besprechen wie genau sie ihren Freunden gegenüber treten wollten.
Review schreiben