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Miss Fishers Mysteriöse Mordfälle meets Babylon Berlin

von Daedun
Kurzbeschreibung
CrossoverKrimi, Liebesgeschichte / P16 / Gen
16.04.2020
23.09.2020
23
72.070
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23.09.2020 9.575
 
Sanderson fand erst nach ein paar Sekunden seine Sprache wieder. „Was willst du damit andeuten Jack? !“ fragte er aufgebracht. Doch er hatte längst begriffen welche Anschuldigung ihm da grade vor seinem Vorgesetzten gemacht worden war. Zornesröte stieg ihm ins Gesicht. „Ich will nur wissen, wie diese Flasche in die Zelle geraten ist. Eine Frage die du mir doch sicher leicht beantworten kannst oder etwa nicht?“ konterte Jack nun. „Außerdem will ich wissen wie du zu Mr. Forman gestanden hast, denn wir haben in seinem Büro einen versteckten Schuldschein gefunden.“ Er griff in die Innenseite seines Mantels und zog das zusammen gefaltete Stück Papier heraus. Mr. Keaton machte eine auffordernde Geste und Jack streckte es ihm entgegen.
Jetzt war Mr. Sanderson wieder leichenblass „Woher hast du das?“ „Vom Tatort und wie du sicherlich selbst weißt, hat Mr. Forman dir viel Geld geschuldet. Kann es womöglich sein, dass du ihn dafür eine kleine Gefälligkeit abverlangt hast? Wie zum Beispiel einen Einbruch bei Miss Fisher zu organisieren?“
Als keine Antwort darauf kam bohrte Jack weiter. „Mr. Forman konnte ja nicht ahnen, dass er damit sein Todesurteil unterschreiben würde. Denn der eigentliche Plan war es Phryne einen Mord unterzuschieben. Einen Mord der sie für mindestens fünfzehn Jahre ins Gefängnis bringen sollte!“ Bei den letzten Worten war er immer lauter geworden. Sanderson schnappte empört nach Luft und sah dabei aus, wie ein Fisch auf dem Trockenen. „Was für eine infame  Unterstellung!“ krächzte er. „Warum sollte ich so etwas tun?“ Jack kniff nun lauernd die Augen zusammen. „Aus Rache, weil diese Frau deinen vermeintlichen neuen Schwiegersohn überführt  und dich  selbst noch dabei fast hinter Gitter gebracht hätte.“

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Phryne drehte sich ganz langsam um. Der Anblick der sich ihr bot, ließ ihr allerdings das Blut in den Adern gefrieren.  An der Tür stand Rosi, vor sich die verängstige Charlotte im Würgegriff, die von ihr den Lauf eines Revolvers unters Kinn gedrückt bekam.
Phryne versuchte sich ihre Bestürzung nicht anmerken zu lassen. Trotzdem klang ihre Stimme brüchig.
„Machen sie keine Dummheiten Rosie“ Der Ausdruck auf dem Gesicht von Jacks Ex-Frau versprach allerdings etwas anderes. Die herben Züge zu einer starren Maske verkniffen funkelte sie sie aus kalten Augen an. „Dafür ist es zu spät Miss Fisher.“ Der Lauf des Revolvers zitterte, doch er wich nicht von der Stelle.
Phrynes Magen hatte sich zu einem schmerzhafter Knoten zusammen gezogen. Sie musste Charlotte aus ihrer brenzligen Lage befreien. Sie wusste aus eigener Erfahrung wie es sich das anfühlte, von einer Waffe bedroht zu werden. „Ich weiß, wir hätte hier nicht einfach so eindringen dürfen. Sie müssen sich furchtbar erschreckt  haben.“ Noch immer hielt sie das Bild in den Händen.
„Das war natürlich nicht richtig.“ Doch Rosie sah nicht so aus, als wenn ihr die Entschuldigung reichen würde und ihre nächsten Worte gefielen ihr noch weniger.
„Sie sagen es Miss Fisher. Es ist wirklich ein Segen, dass sie das Herumschnüffeln nicht lassen können. Etwas Besseres  als das hier, hätte gar passieren können.“
Phryne runzelte irritiert die Stirn. Was redete sie denn da? Aber die Antwort folgte schnell. „Wenn ich Vater gleich anrufe, werde ich einfach behaupten können sie beide in Notwehr erschossen zu haben, weil ich sie für Einbrecher gehalten habe.“ Ihren Lippen verzogen sich zu einem bösen Lächelnd und in Phrynes Kopf machte es plötzlich Klick. Als wenn das Adrenalin in ihrem Blut einen Vorhang aufgezogen hätte offenbarte sich plötzlich eine ganz neue Vision des Falls. Sie hörte sich bereits sprechen, bevor sie richtig wusste was sie da tat.
„Sie waren es. Sie haben Mr. Forman erschossen.“ Charlotte die mit zusammen gepressten Lippen dagestanden hatte riss genauso wie Rosie die Augen auf. Phryne hingegen wurde immer ruhiger während sie fortfuhr.  „Dem Hausmeister  von Mr. Formans Büro, Mr. Hicks, war am Samstag ein wartendes Taxi aufgefallen. Ich hatte gedacht ihr Vater wäre darin nach vollbrachter Tat verschwunden, doch in Wahrheit waren sie es.“ Sie nickte langsam, während sie weiter laut überlegte.  „Sie wussten von dem Schuldschein. Vielleicht hatte ihr Vater ihn mal ganz ohne viel Hintergedanken erwähnt, vielleicht haben sie aber auch freiwillig oder unfreiwillig ein Gespräch zwischen den beiden Herren belauscht.“
Rosie lachte freudlos auf. „Ein Telefonat. Mr. Forman bat um einen weiteren Aufschub seiner Tilgung, Vater war darüber nicht sehr erbaut,  aber er war einst in Schulzeiten der Tutor von Mr. Forman und ihm damit immer noch in gewisser Weise gegenüber verpflichtet.“ Sie schnaubte wie eine nervöse Stute. „Diese alten traditionellen Verbindungen.“ Phryne verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. „Damit haben sie ihn dann dazu gebracht ihnen zu helfen mir eine Falle zu stellen.“ „Er hat Vater alles über seine missliche Lage erzählt, auch das sie für seine Frau gearbeitet haben. Vater hat sich darüber natürlich maßlos aufgeregte und plötzlich kam mir dann die Idee.“ Ihre Stimme wurde immer aufgeregter. „Ich hab ihm versprochen Vater dazu zu bringen ihm alle Schulden zu entlassen und der dieser armselige Hans Wurst von einem Mann hat sofort eingewilligt. Es hat  ja auch alles reibungslos funktioniert aber, dann….“
Sie stockte und ihre Augen wurden feucht. „Warum Rosie?“ fragte Phryne leise „Weil ich mitgeholfen haben  ihren Verlobten ins Gefängnis zu bringen?“ Wieder gab Rosie dieses affektierte Lachen von sich. „Sie haben meine sichere Zukunft ausradiert Miss Fisher und auch noch fast dafür gesorgt, dass meine Familie alles was sie besitzt verliert. Da können sie meine Intension sicher nach vollziehen.“ Wieder nickte Phryne ganz ohne Zweifel klang das logisch nur eines passte da noch nicht ganz ins Bild. „Aber wieso der Brandanschlag? Sie hatte doch schon was sie wollten?“ Jetzt trat ein neuer Ausdruck in das Gesicht der Frau, die dem Wahnsinn näher zu sein schien als gedacht. „Weil ich wieder haben will, was mir gehört!“ fauchte sie an Charlottes Ohr vorbei, die schmerzhaft die Augen zusammen kniff und endlich verstand Phryne worum es hier wirklich ging.

Jack! Sanderson hatte seiner Tochter an dem Tag bestimmt brühwarm erzählt das ihr Ex-Mann die Frau mal eben so geheiratet hatte, die sie abgrundtief hasste. Außerdem nur wenn sie tot war, konnte Rosi wieder versuchen dort an zuknüpfen , wo einst das Band zerrissen war.
Auch Rosi schien erkannt zu haben, dass ihr Gegenüber verstanden hatte. „Er ist viel zu gut für sie Miss Fisher! Viel zu gut und er gehört mir. Ich hätte niemals die Scheidung einreichen dürfen. Das weiß ich jetzt aber ich werde meine Fehler wieder gut machen und dann wird alles wieder wie früher.“
Sie klang jetzt wie ein kleines Kind, das mit sich selber sprach. Phryne spürte, dass ihr die Zeit davon lief. „Rosie, ich bitte sie wie soll das gehen? Jack wird ihnen diese Geschichte mit der Notwehr niemals abnehmen und dann war das alles umsonst!“  Rosi deren Finger sich bereits bedrohlich um den Abzug krümmte, wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzten, als ein Geräusch vom Fenster her die beiden Frauen erschrocken herum fahren ließ.

Für eine Sekunde erkannte Phryne den Umriss einer Gestalt, dann krachte ein Schuss! Die Fensterscheibe zerbrach in tausend Scherben,  Charlotte schrie, die Tür hinter ihr flog auf und Jack kam stolpernd hereingestürmt. Mit einem Satz sprang Phryne nach vorn um der immer noch perplexen Rosi den Revolver aus den zitternden Händen zu reißen, bevor sie zu einem weiteren Schuss ansetzen konnte. Jack warf ihr ein paar Handschellen zu, dann rannte er ohne ein weiteres Wort zum Fenster. „Gereon!?“ Charlotte sprang so schnell auf die Beine, als hätte man ihr einen elektrischen Schlag versetzt. „Nein!“ Sie warf sich wie Jack über das Fensterbrett und starrte in die Tiefe. Unter ihnen, wie ein Maikäfer auf dem Rücken in einen dicken Busch gebettet, lag Gereon Rath und schaute blinzelnd zu ihnen hoch. Der Stoff seines Mantels färbte sich langsam rot. „Um Gottes Willen!“ Phryne, die Rosie mittlerweile an einen Stuhl gekettet hatte, rannte mit Charlotte hinten drein die Treppen hinunter, während Jack zum Telefon stürmte um einen Krankenwagen und Verstärkung zu rufen.
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Draußen begann es bereits zu Dämmern, als Dr Mc Millen seufzend durch die Schwingtür der Station trat. Vor der Tür saßen wie die Hühner auf der Stange neben einander aufgereiht Jack, Phryne, die leichenblasse Charlotte, Dotti die ihr die Hand hielt und daneben Hugh der wie Jack in die Höhe schoss, als er die Ärztin erkannte. Auch Cec und Bert und selbst Mr. Butler waren da und  alle starrten sie aus großen Augen an, als sie sich nun räusperte.

„Also zu aller erst. Er wird es überleben und es geht ihm auch gut. Soweit das mit einem gebrochenen Bein und einer Schusswunde in der Schulter möglich ist.“ Alle atmeten erleichtert auf. „Können wir zu ihm?“ fragte Phryne, die sich an Jacks Arm festgehalten hatte. Ihre Freundin verzog den Mund zu einem breiten Grinsen. „Nun, Herr Rath ist nach der Operation noch sehr schwach und steht zu dem unter Morphium, aber er hat ausdrücklich nach seiner Verlobten verlangt.“ Für einen Augenblick war es still, dann meldete sich Charlottes piepsige Stimme. „Ich glaub er meint mich.“ Mac zog spöttisch eine Augenbraue in die Höhe und schmunzelte. „Es hätte mich auch zu tiefst gewundert, wenn sich hier noch jemand anders angesprochen gefühlt hätte.“ Damit verschwanden die beiden  zusammen wieder hinter der Tür.

Während Phryne ihnen noch nach sah, wandte sie sich schon an Jack. „Gott sei Dank ist das gut ausgegangen.“ Der nickte matt. „Als ich ihn da habe liegen sehen, ist mir das Herz stehen geblieben.“ Sie drückte aufmunternd seinen Arm. Jetzt wo klar war wie es um Gereon Rath stand, musste sie die Frage, endlich los werden.
„Woher hast du gewusst, dass sie es war?“ fragte sie leise. Er schaute mit ernster Miene vor sich auf den blank gescheuerten Boden vor seinen Füßen. „Gereon und ich sind in den Club gefahren.“ Er erzählte ihr von der gefunden Flasche. „Ich hab natürlich gedacht, dass ich damit einen weiteren Beweis dafür habe, dass es George war. Doch als ich ihn damit konfrontiert habe, hat er uns ein astreines Alibi für die Tatzeit geliefert. Er und Keaton waren zusammen in Kingston Hill zu einer Besprechung mit dem Bürgermeister.“ Phryne holte tief Luft „Und dann?“ Er spitzte die Lippen „Und dann bin ich wie ein geprügelter Hund davon geschlichen, doch in meinem Kopf hatte sich ein Gedanke fest gesetzt. Wenn es George nicht gewesen war, dann blieb nur noch eine Person über, die von dem Schuldverhältnis wissen konnte. Zumal uns George auf Nachfrage versichert hatte, dass er diesen Schuldschein bei sich zu Hause im Tresor aufbewahrt hatte.“ Er schluckte schwer. „Seit dem Tod von Mrs. Sanderson gibt es nur noch zwei Menschen, die die Kombination von diesem Schrank kennen, in dem alle wichtigen Papiere der Familie lagern.“ Phryne nickte schwach. Sie verstand. Jack machte jetzt ein schnaufendes Geräusch. „Ich hab das zu nächst einfach nicht glauben wollen. Ich meine ich war zehn Jahre mit ihr.… Nie hätte ich ihr zu getraut, dass sie einen Menschen eiskalt und geplant umbringt um das Leben eines anderen damit zu zerstören.“ Seine in sich verschränkten Finger verkrampften sich jetzt, bis Phryne ihre Hand behutsam darüber legte. „Bitte komm nicht auf die aberwitzige Idee, dass es deine Schuld ist, was passiert ist!“ „Seine Mundwinkel zuckten, als er den Kopf schüttelte. “Nein, das tue ich nicht. Ich mache mir nur zum Vorwurf, dass ich Gereon nicht davon abgehalten habe auf diesen Fenstersims zu klettern.“ Ihr fragender Blick zwang ihn zur weiteren Erklärung.

„Meine offensichtliche Grübelei war  auch ihm nicht verborgen geblieben, also hab ich ihm meinen für mich zu diesem Zeitpunkt völlig absurden Gedankengang erzählt und er hat das einzig Richtige vorgeschlagen.“ „Und das war?“  „Zu den Sandersons zu fahren. In der Hoffnung dort Rosi anzutreffen um ihr ein paar passende Fragen zu stellen. Als ich dann deinen auffällig unauffällig geparkten Wagen gesehen habe, wusste ich plötzlich das es stimmen musste und du mir schon wieder Meilenweit voraus warst.“ Jetzt war es Phryne die Schnaubte. „Tja schön wäre es. Ich und Charlotte waren auch  dort um weitere Beweise gegen George Sanderson zu sammeln. Mir ist Rosi als mögliche Mitttäterin erst in den Sinn gekommen, als ich euer Foto gesehen habe.“ Jack stutzte „Was für ein Foto?“ „Das, was dein Ex-Schwiegervater vorher in seinem Polizeibüro auf dem Kamin stehen hatte und was nun in seinem privaten Büro zu Hause steht. Ich habe es betrachtet und mich plötzlich gefragt, was wäre wenn nicht nur gekränkte Eitelkeit, sondern auch die Wut und der  Schmerz über eine verlorene Liebe das Motiv wäre?“ Sie seufzte. „Ich wollte Charlotte gerade nach ihrer Meinung dazu fragen, als Rosi schon mit ihr als Geisel im Arm hinter mir auftauchte. Ich dachte schon dass ich es nicht mehr schaffe sie zu beruhigen, aber dann seid ihr plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht. Wie seid ihr denn überhaupt rein gekommen?“
Jack machte ein vielsagendes Gesicht. „Glaub es oder nicht, aber die Haustür war nicht verschlossen. Vielleicht wollte Rosi grade raus gehen, als sie eure unerwünschte Anwesenheit im Haus bemerkt hat.“ Phryne war wie vor den Kopf geschlagen. „Also verdanken wir euer rechtzeitiges Erscheinen dem reinen Zufall.“ „Und dem Wagemut von Gereon. Nach dem wir ins Haus marschiert sind, haben wir euch oben lautstark debattieren gehört. Als klar war, das Rosi Charlotte mit einer Waffe bedroht, haben wir uns mehr aus Verzweiflung als mit Verstand dazu entschlossen erst mal raus zu finden in welcher Lage ihr euch genau befindet. Da die Tür zum Büro zu war blieb nur der Versuch einen Blick durchs Fenster zu ergattern.“ Stöhnend schloss er die Augen. „Er muss dabei etwas vom Sims abgebrochen haben.“ Phryne konnte dieser Vermutung nur zustimmen. „Ich hab noch seinen Schatten gesehen. Wir haben uns alle zu Tode erschrocken und dann ist auch schon der Schuss gefallen.“ Sie schüttelten sich beide, als wäre ihn ein Schauer über den Rücken gefahren. Zum Glück nur ein Beinbruch und ein Schuss in die Schulter. Das hätte auch anders Enden können. „Ist George Sanderson bei seiner Tochter?“ Jack nickte. „Er ist gleich ins Goal gefahren, als die ersten Ermittlungen in seinem Hause abgeschlossen waren.  

„Glaubst du er wird damit fertig?“ „Darauf weiß ich keine Antwort Phryne. Heute Nachmittag ist seine ganze Welt zusammen gebrochen.“ Mit traurigen Augen sah er sie an. „Ich möchte jetzt nicht in seiner Haut stecken.“ Sie nickte mitfühlend. „In der von Rosi aber auch nicht.“ Sie sahen sich beide an, dann löste Jack seine immer noch verschränkten Finger um nach ihren zu greifen. „Ich bin nur froh, dass euch nichts passiert ist.“ Phryne spürte die Erleichterung hinter seinen Worten und lächelte zaghaft. „Du weißt doch um das Risiko das besteht, wenn man mit mir zusammen ist.“ Sie lehnte sich an ihn. „Ich bin, wie ich bin Jack.“ „Und das ist auch gut so.“ Hörte sie ihn an ihrem Ohr murmeln. Seine Lippen kitzelten ihre Haut und sie schloss für einen Moment die Augen.

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Charlotte betrat mit zaghaften Schritten das abgedunkelte Zimmer. Vor ihr lag Gereons regungslose Gestalt unter einem schneeweißen Laken mit dem seine Gesichtsfarbe mühelos konkurrieren konnte. Der Anblick trieb ihr einen Kloss in den Hals, den sie kaum runter geschluckt bekam. Sie spürte wie die Ärztin nach ihrer Hand griff und sie beruhigend drücke. „Gehen sie zu ihm. Ich hab ihnen dort einen Stuhl hingestellt.“ Gern hätte sie sich bedankt, aber sie konnte nur nicken. Als sie sich setzte, hörte sie hinter sich die Tür wieder leise ins Schloss fallen.
Gereon lag mit geschlossenen Augen vor ihr, die verschwitzen Haare klebten ihm auf der Stirn. Vorsichtig strich sie ihm die Fransen aus den Augen, als seine Lider anfingen zu flattern. Mit verklärtem Blick sah er sie an. „Hey,“ flüsterte sie leise, „Wie geht es dir? Hast du Schmerzen?“ Einer seiner Mundwinkel hob sich leicht. „Nur wenn ich lache. Was genau ist passiert? Warum liege ich hier mit dem Gefühl ein Panzer hätte mich überfahren?“
Das er jetzt schon wieder blöde Witze riss durchflutete sie mit grenzenloser Erleichterung. „Du bist auf ein Fenstersims geklettert, aber leider hast du dabei eine bewaffnete Frau erschreckt, die sofort auf dich geschossen hat.“ Sie deutete mit dem Kinn zu seiner verbundenen Schulter. „Sie hat dich in die Schulter getroffen, dann bist du abgestürzt und hast dir dabei auch noch ein Bein gebrochen.“ Stöhnend schloss er die Augen. Alarmiert  sprang sie auf. „Was ist los? Soll ich jemanden holen?“
Doch er schüttelte nur den Kopf. „Nein, schon gut ich ärgere mich nur über meine eigene Blödheit.“ Sie ließ sich wieder auf den Stuhl sinken. „Gräm dich nicht, du hast mir und Misses Fisher damit das Leben gerettet.“ Überrascht sah er sie an, wobei sein verklärter Blick davon zeugte, dass die Schmerzmittel die er bekommen hatte wunderbar wirkten. „Wirklich? Dann bin ich ja doch ein Held.“ Sie musste Grinsen. „Ja und jetzt schläfst du erst mal mein Held.“ Sie kam seiner unausgesprochenen Frage zu vor. „Ich bleib hier und warte bis du wieder wach wirst versprochen.“ Das einzige was er dazu noch von sich gab, war ein zufriedenes Schnauben, dann war er bereits wieder in Morpheus Armen.

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Als Gereon das nächste Mal die Augen aufschlug saß nicht nur Charlotte neben dem Bett, sondern auch Miss Fisher. Die beiden sprachen so intensiv miteinander,  dass sie gar nicht bemerkten dass er hören konnte, worüber sie sich unterhielten. Er beschloss sie erst ein Mal noch im Glauben zu lassen, dass er noch schlief, denn der Inhalt ihrer Unterhaltung war höchst interessant. „Habe ich das gestern richtig verstanden? Sie und Mr. Rath haben sich verlobt?“ konnte er Miss Fisher leise fragen hören. Charlotte musste genickt haben, denn eine Antwort hörte er nicht. „Wie schön.“ Miss Fisher klang ehrlich erfreut. „Es wäre mir eine Ehre die Hochzeit für sie ausrichten zu dürfen, natürlich nur wenn es für sie in Frage kommt hier in den Stand der Ehe einzutreten.“ Jetzt erklang Charlottes verblüffte Stimme. „Aber das, das können wir unmöglich annehmen.“ Miss Fisher gab ein leises Lachen von sich. „Sie müssen Charlotte. Zum einen weil ich dann etwas habe, womit ich meine Tante versöhnen kann und zum anderen, weil ich ihnen noch etwas Schuldig bin. Ohne sie und ihrer Beobachtungsgabe würde ich immer noch im Gefängnis sitzen.“  „Ach was. Ich hab es ihnen ja schon gesagt. Es war einfach Glück, sonst nichts.“ Doch Phryne widersprach sogleich. „Charlotte, sie sind eine Frau mit Verstand, Scharfsinn und Mut und ich bin nicht die einzige die das über sie denkt.“ Es war kurz still. „Mr. Rath kann sich glücklich schätzen, dass er sie gefunden hat, aber das hat er schon längst selbst erkannt.“ Charlotte seufzte. „Zu Anfang hat er das aber ganz anders gesehen.“ Phryne  kicherte leise. „Haben sie Nachsicht. Die Männer müssen sich erst einmal daran gewöhnen, dass Frauen ihr starres Korsett ausgezogen haben und nicht nur auf der Welt sind um Wäsche zu waschen, zu Kochen und Kinder in die Welt zu setzten. Glauben sie mir ich weiß wo von ich rede.“
Plötzlich bekam Charlottes Stimme einen verzagten Klang. „Aber Kinder in die Welt zu setzten, ich meine das ist jetzt auch nicht das aller schlimmste.“ Wieder war es still und Gereon widerstand nur mühsam der Versuchung zu blinzeln, denn Anscheinend fand die Verständigung der beiden Frauen nun stumm statt, doch was er als nächstes hörte ließ ihn für einen Augenblick den Atem anhalten. „Natürlich nicht, zu Mal ich der festen Überzeugung bin, dass man auch mit Kind und Kegel alles schaffen kann, was man will. Seit wann wissen sie es denn schon?“

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Acht  Wochen später…..

Jack und Hugh halfen Gereon mit seinem Gipsbein aus dem Wagen zu kommen, ohne dabei seine Würde einzubüßen. „Zum Glück kommt dieses dämliche Ding heute ab.“ Knurrte der Kommissar unwirsch, während der Constible ihm eine Krücke unter den Arm schob. „Da hätte ich lieber zwei Kugeln im Arm gehabt, als acht Wochen mit diesem sperrigen Klotz herum humpeln zu müssen.“ Jack stimmte ihm lachend zu. „Ich bin als Kind mal unglücklich vom Baum gefallen. Ich kann sie voll und ganz verstehen.“
Sie marschierten in die Werkstatt, in der Tom bereits freudestrahlend auf sie wartete. „Ah da sind sie ja endlich meine Herren.“ Jack stellte erstaunt fest, dass er den Mechaniker und Besitzer zum ersten mal in einem Blaumann sah, der an nährend die Betitelung sauber verdient hätte.
Anscheinend wollte auch er bei der Primäre heute eine gute Figur machen. Aus den Augenwinkeln konnte er schon einen Haufen Fotographen ausmachen, die bereits damit beschäftigt waren ihre Kameras und Stative in Position zu bringen. Das Objekt, um das es ging stand auch schon bereit. Auf Hochglanzpoliert funkelte es in der Sonne. Scheinbar nur darauf wartend das man ihm endlich die gebührende Aufmerksamkeit schenkte.
Das Licht spiegelte sich auf der Frontscheibe, doch Jack war sich sicher in der Fahrerkabine eine Gestalt bemerkt zu haben. Seine Mundwinkel zuckten als sich, wie aufs Stichwort, das Seitenfenster öffnete und niemand anders als Phryne den Kopf daraus hervor streckte. Er beeilte sich ihr zu vor zu kommen und für sie die Tür zu öffnen. Mit einem wissenden Lächeln griff sie nach seiner ausgestreckten Hand. „Vielen Dank“ „Wolltest du eine Probefahrt machen?“ Ihre Augen funkelten ihn an. „Ich wollte nur mal sehen, in was ich so investiert habe. Also meinet wegen hätten es ruhig noch ein paar PS mehr sein können.“
Jack rollte die Lippen ein. „Das kann ich mir vorstellen, aber wir wollen mit diesem Auto kein Rennen gewinnen, sondernd Mordfälle aufklären. Dabei müssen wir nicht die Geschwindigkeitsregeln brechen.“
Sie verdrehte leicht die Augen, dann lachte sie ihn an. „Es ist toll geworden.“ Er deutete eine leichte Verbeugung an. „Danke, aber dieses Lob musst du an Gereon und Charlotte richten. Ich hab nur geholfen ihre Pläne umzusetzen.“ Sie waren zu Hugh und Gereon geschlendert, die beide mit neugierigen Blicken die Szenerie um die herum verfolgten. Phryne begrüßte Hugh und wandte sich dann Gereon zu. „Ich habe Charlotte bei Mac abgeliefert. Wir müssen hiernach ja sowieso ins Krankenhaus damit sie ihren Gips los werden, dann sammeln wir sie wieder ein.“ Der Kommissar sah alarmiert auf. „Ist was mit ihr?“ Phryne wiegte in gespielter Unschlüssigkeit den Kopf. „Wie man es nimmt. Ihr ist seit dem Frühstück furchtbar übel. Sie hatte Angst hier gleich für einen unfreiwilligen Eklat zu sorgen, wenn sie im genau unpassesten Moment plötzlich….“ Sie deutete eine eindeutige Geste an, die alle Männer sofort verstanden. Hugh nickte. „Das kenn ich von Dotti. Zum Glück ist die Phase jetzt vorbei.“ Gereon sah versagt drein. „Es tut mir so leid, dass es ihr so schlecht geht und ich rein gar nicht machen kann um ihr zu helfen.“ Phryne beruhigte ihn. „Sie hat mir aufgetragen ihnen unbedingt zu versichern, dass sie sich keine Sorgen machen sollen und wünscht uns gutes Gelingen bei der Vorstellung heute.“ In diesem Moment kam ein Wagen um die Ecke gebraust. Jack wandte den Kopf. „Ah der Polizeipräsident, dann kann die Vorstellung ja los gehen.“
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Charlotte nippte vorsichtig an dem dampfenden Tee, dann verzog sie angewidert den Mund. Dr. MacMillan lachte. „Ich hab gesagt das er hilft, nicht  dass er schmeckt.“ Charlotte schüttelte sich wie eine nass gewordene Katze. „Brrr , ich weiß nicht ob ich mich daran gewöhnen kann.“ Seufzend schloss sie für einen Moment die Augen. „Hoffentlich dauert dieses Übelkeitsgeschichte nicht bis zur Geburt.“ Die rothaarige Ärztin neigte den Kopf. „Also versprechen kann ich ihnen da nichts. Das ist meinem Erfahrung nach sehr unterschiedlich.“ Charlottes verzagtes Gesicht bewog sie schnell hinzu zufügen. „Aber immer positiv denken.“ Sie klappte den Deckel der Akte, die vor ihr lag zu. „Sonst ist alles doch in bester Ordnung.“ Charlotte die mittlerweile die Augen wieder geöffnet hatte nickte. „Außer dass ich am Wochenende aufpassen muss, dass ich niemanden aus versehen auf die Füße spucke.“
Dr. MacMillen lachte aus vollem Hals. „Obwohl ich dann zu gerne das Gesicht von Mrs. Stanley sehen würde!“ Doch sie wurde wieder ernst als sie Charlottes Miene sah. „Entspannen sie sich Charlotte. Es ist schließlich ihre Hochzeit. Ein Tag den sie in vollen Zügen genießen sollten. Lassen sie einfach alles auf sich zu kommen und sollte ihnen tatsächlich schlecht werden, dann ist das halt so.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Was wäre eine richtige Party ohne das was aus dem Ruder läuft.“ „Aber muss dafür ausgerechnet die Braut her halten? Wo Mrs. Stanley schon ihr tolles Anwesen zur Verfügung stellt und Miss Fisher alles bezahlt?““ warf Charlotte ein, als ob MacMillen die Fäden des Schicksals in den Händen hielt. „Wenn es ihnen hilft, verspreche ich ihnen die Aufmerksamkeit dann auf mich zu ziehen.“ Jetzt musste Charlotte trotz allem Grinsen. „Womit denn?“ Doch ihr Gegenüber grinste nur vielsagend zurück. „Lassen sie sich überraschen.“

Im gleichen Augenblick klopfte es an die Tür des Untersuchungszimmers. Auf das Herein folgte eine fröhlich drein schauende Phryne und ein nicht minder gut gelaunter Inspektor Robinson. „Charlotte geht’s ihnen wieder besser?“ erkundigte sich die  Detektiven sofort. Charlotte nickte. Der abscheuliche Tee wirkte tatsächlich. „Wo ist Gereon?“ Jack der hinter sich grade die Tür schloss, drehte sich zu ihr um. „Er bekommt gerade den Gips ab. Wir sollen hier auf ihn warten.“ McMillen war aufgestanden um den zwei neuen Gästen etwas anzubieten. Als alle ein Glas in den Händen hielten, erhob Phryne ihres. „Auf das erste Mordermittlungsmobil der Polizei von Melbourne. Mögen ihm bald viele weitere folgen.“ Ihre Freundin prostete ihr zu. „Hört sich nach einer gelungenen Primäre an.“ Jack der erst an seinem Drink genippt hatte, nickte. „Absolut, Mr. Keaton kam aus der Schwärmerei gar nicht mehr raus. Man hätte fast meinen können, das alles auf seinem Mist gewachsen ist.“
Phryne zwinkerte ihm zu. „Ärger dich nicht darüber. Ist es nicht immer so?“ Er schaute schon wieder versöhnlich drein. „Da hast du Recht. Außerdem bin ich froh, dass er sich um die Pressemeute gekümmert hat.“ Wieder wurde geklopft und ein leicht abgekämpfter Gereon Rath humpelte  zur Tür herein. „Meine Güte, ich glaube die die Hälfte vom Bein steckt noch im Gips. Ich hab das Gefühl mein rechter Unterschenkel fehlt.“ Alle lachten und Dr. Mac Millen beschwichtigte. „Das wird wieder. Ihre Muskulatur hat sich nur verabschiedet. Ich verordne ihnen hiermit tägliche Spaziergänge und das am besten mit ihrer entzückenden Verlobten. Vorzugsweise an der Küste.“ Phryne konnte dieser Idee nur zustimmen. „Das Wetter ist herrlich, also los ab zum Strand“


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Als sie eine halbe Stunde später alle zusammen die Promenade entlang liefen. Kam Gereon schon ein bisschen besser zu Recht. Trotzdem war er froh das Charlotte in untergehakt hatte. Als sie eine kleine Rast ein legten und die Damen sich daran machten eine Runde Eiscreme zu besorgen, nutzte Gereon die Gunst der Stunde.
„Gibt es was Neues von ihrer Exfrau?“ Jack der seinen Blick übers Meer schweifen ließ seufzte. „Ja die nächste Anhörung ist für nächste Woche angesetzt. Die Verteidigung will wohl auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren.“ Gereon überraschte das nicht. „Hat Mr. Sanderson erneut seinen Einfluss geltend gemacht?“ Jack konnte nur mit den Achseln zucken. „Ganz bestimmt, wobei er dieses Mal wohl an seine Grenzen stoßen wird. Schließlich lässt sich zweifelsfrei nachweisen, dass Rosie das Ganze von langer Hand geplant und ohne Skrupel auch umgesetzt hat.“ Die Züge um seinen Mund wurden hart. „Einzig die Sache mit dem Brandanschlag könnte man als Kurzschlussreaktion durch gehen lassen.“ Ächzend streckte Gereon sein lahmes Bein durch. „Was hat sie dazu eigentlich gesagt wenn ich fragen darf?“
„Wie Phryne es schon vermutet hatte, passte dieses Detail einfach nicht zu unserer These, dass allein George für diese Racheaktion hinter allem steckte. Jetzt ist die Sache klar.“ Jack hatte sich vom Meer abgewandt und sich neben Gereon nieder gelassen. „Als sie von ihrem Vater zu hören bekam, dass ich und Phryne mal eben auf die Schnelle geheiratet haben, sind bei ihr, wie sagt man so schön, sämtliche Sicherungen durchgebrannt. Sie hat sich die erst beste Flasche gegriffen. Das es ausgerechnet diese Besondere war die uns mehr oder weniger auf ihre Spur gebracht hat , war wohl reiner Zufall.“ „Wer weiß,“ unterbrach ihn Gereon stirnrunzelnd. „Vielleicht auch nicht.“ Jacks fragender Blick ließ ihn weiter ausführen.“ Die Geschichte dahinter, dass es ein besonderes Geschenk von sie beide an ihren Vater war. Ein Relikt aus der guten alten Zeit, die sie unbedingt wieder heraufbeschwören wollte. Sie hatte ja nicht ahnen können, dass ihr Plan nicht aufgeht und wir sie finden. Wären sie nicht da gewesen, wäre doch der ganze Trakt abgebrannt, bevor jemand die Feuerwehr gerufen hätte. „Und mit ihm auch Phryne“ murmelte Jack leise vor sich hin. Gereon ahnte was für eine grausame Vorstellung sich gerade im Kopf seines Kollegen abspielte. Wenn er sich vorstellte, dass sie beide zu spät im Haus des Stellvertretende Polizeipräsidenten angekommen wären und er Charlotte nur noch tot vorgefunden hätte. Sein Herz ballte sich schmerzhaft zusammen. Zum Glück war das alles nicht passiert. Stattdessen sah er sie nun mit Miss Fischer, die wie sie mit Eistüten bewaffnet auf sie zu spaziert kamen.

Grinsend überreichte sie ihm eine Eiswaffel. „Ich glaub das ist das Einzige, was ich in mich rein schaufeln kann ohne das mir schlecht wird.“ Genießerisch versenkte sie ihre Lippen in die große Schokoladenkugel. Gereon musste lachen. „Dann sollte ich vielleicht mal fragen was so eine Eismaschine kostet, schließlich haben wir ja noch ein paar Monate vor uns.“ Ihre Augen strahlten. „Gute Idee“ Phryne und Jack lachten. „Ich werde Tante Prudence  auf jeden Fall Bescheid geben, dass wir fürs Wochenende eine brauchen.“ Charlotte sah jetzt aus wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum, dann seufzte sie „Hoffentlich passe ich noch in das Kleid.“ Sie strich sich verzagt über den immer noch flachen Bauch. Phryne sah sie belustigt an. „Da habe ich keinerlei Bedenken. Apropos das gute Stück müsste heute geliefert werden und ihr Anzug auch Gereon.“
Der Kommissar sah an sich herunter. „Puuh vor dem Kummerbund graut es mir jetzt schon.“ Jack half seinem Kollegen hoch und sie spazierten noch ein kleines Stück den Strand entlang. Die Nachmittagssonne schien warm vom wolkenlosen Himmel und ein laues Lüftchen blies vom Meer her herüber.
Jack genoss das Gefühl Phrynes Arm an seiner Seite zu spüren. Immer wieder tat er so als wenn er zum Meer hinüber sah, in Wahrheit streifte sein Blick ihre Silhouette. Sie schien entspannt und mit sich und der Welt im reinen. Sie ahnte nicht, wie sehr ihn manchmal die Schuld quälte, dass sie Seinetwegen zwei Mal nur knapp dem Tod entkommen war. Und das alles nur weil Rosi den Verstand verloren hatte. Er konnte diese Taten immer noch nicht mit der Frau in Einklang bringen, die er einmal geliebt und geheiratet hatte. Zu unwirklich schien das alles, obwohl sie ihm alles selbst erzählt hatte.
Mit versteinerter Miene hatte sie vor ihm im Vernehmungszimmer gesessen. Blass und mit dunklen Augenringen. Nichts war mehr von der Rosi übrig gewesen, die er kannte.

Ein Kollege hatte die Befragung geführt, während er nur stumm und fassungslos ihren Ausführungen gelauscht hatte.
„Also Miss Sanderson, ist es richtig das sie sich dazu bekennen Mr. Harald Forman am 12. November 1928 in seinem Büro in der Clothemstreet erschossen zu haben?“ Erst hatte sie nur genickt, doch dann hatte sie mit brüchiger Stimme geantwortet. „Ja.“ „und ist es auch richtig, dass sie dazu einen gestohlenen Revolver benutzt haben, um der Besitzerin der Waffe Miss Phryne Fisher die Tat anzuhängen?“ Wieder folgte ein ja, doch dann folgte noch viel mehr ohne, dass der Beamte sie weiter auffordern musste. Es schien grade zu eine Erleichterung für sie zu sein, auch wenn ihr bitterer Ton erkennen ließ, dass sie ihre Tat nicht bedauerte. Eher, dass der Plan nicht aufgegangen war.
„Es lief alles so gut und dann kam Vater mit der Nachricht nach Hause das Miss Fisher nicht ins Bezirksgefängnis überführt werden kann, weil ihr Ehemann sein Recht auf Einspruch geltend gemacht hat.“ Ihr leerer Blick hob sich und der Ausdruck darin ließ Jack einen Schauer über den Rücken laufen. Der junge Beamte, der nicht wissen konnte worum es ging bohrte nach. „Und dass allein hat sie dazu veranlasst einen weiteren unschuldigen Menschen umbringen zu wollen? Mittels eines Brandanschlags?“ Der verachtenswerte Ton in seiner Stimme und brachten dann das Fass zum Überlaufen, denn mit Rosis Lethargie war es nun schlagartig vorbei. Ihre bis dahin ausdruckslose Miene verwandelte sich in eine hasserfüllte Fratze. „ Unschuldig?!“ schrie sie so laut das beide Männer erschrocken zusammen zuckten „Dieses verdammte Weibsstück ist nicht unschuldig! Sie hat meinen Verlobten ins Gefängnis gebracht, meinen Vater lächerlich gemacht und mir weg genommen was mir gehört hat!“ Ihre weit aufgerissenen Augen schienen Jack nun durchbohren zu wollen. „Sie ist eine bösartige Sirene, die Männer einwickelt wie eine Spinne ihre hilflose Beute. Ich musste doch was tun um sie aufzuhalten. Ich musste dich vor ihr retten!“ Der Beamte sah nun Jack fragend an, doch der beachtete ihn nicht.
„Es gibt schon lange kein uns mehr Rosi. Wir sind Vergangenheit. Nichts hätte das ändern können, schon gar nicht so eine grausame Tat.“ Hatte er leise und ruhig gesagt, „Du hast ganz umsonst jemanden das Leben genommen und was Phryne betrifft kann ich dem Herr Gott gar nicht genug dafür danken, dass in dieser Nacht nicht schlimmeres passiert ist, als eine Platzwunde und ein ausgebrannter Zellentrakt.“ Er stockte für einen Augenblick, doch dann fügte er an „Ich liebe sie, mehr als alles anderes auf dieser Welt. Ich verlange nicht von dir, dass du das begreifst aber ich hoffe, dass die Ärzte dir helfen können und es dir eines Tages wieder besser gehen wird.“ Damit hatte er sich erhoben und das Zimmer verlassen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Rosis leises Schluchzen war hinter ihm und der Tür zurück geblieben, genauso wie das fassungslose Gesicht des Kollegen.

„Woran denkst du Jack?“ Phrynes eindringliche Stimme holte ihn zurück ins hier und jetzt. Es hatte keinen Sinn auszuweichen, sie konnte in seinem Gesicht lesen, wie in einem offenen Buch. „Ich hab noch mal darüber nach gedacht, wie froh ich bin, dass alles so gut aus gegangen ist.“ Er blickte über die Schulter. Charlotte und Gereon waren hinter ihnen ein Stück zurück gefallen. Sie seufzte „Ich auch. Vor allem für die beiden und für uns.“ Er sah sie an. Ihre Augen strahlten ihn an, während sich ihre Mundwinkel zu einem breiten Lächeln verzogen. „Ich meine, auch bei all den schrecklichen Dingen die passiert sind, gab es doch wenigstens eine gute Sache.“ Er hob fragend eine Augenbraue „Und die wäre?“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „Das ich meine Abneigung gegen die Ehe überwunden habe.“ Er versuchte ernst zu bleiben. „Soll das etwas heißen, dass du nicht über eine Annullierung nach denkst?“ Provozierend stemmte sie die Arme in die Hüften. „Jack Robinson, wenn du geglaubt hast, dass du mich je wieder  los wirst bist du schief gewickelt. Gewöhn dich besser an den Gedanken mich an deiner Seite zu haben! “ Herausfordernd sah sie ihn an, doch statt einer Antwort zog er sie an sich und küsste sie.

Gereon blieb verblüfft stehen. „Siehst du auch was ich sehe?“ Charlotte kicherte. „Also ich sehe einen Mann der voller Leidenschaft seine Frau küsst.“ Er stieße einen so tiefen Seufzer aus, dass Charlotte alarmiert ausrief. „Was ist los? Dein Bein?“ Doch er schüttelte nur gequält den Kopf. „Mit meinem Bein ist nichts. Es ist nur der Neid.“ „Der Neid? Möchtest du lieber an seiner Stelle sein?“ Fragte sie erbost. Erschrocken sah er sie an. „Was? Nein, ich meinte doch damit, dass ich neidisch darauf bin das er seine Ehefrau küssen kann.“ Stotternd deutete er mit dem Kopf zu den beiden hinüber, die immer noch nur Augen für einander hatten. „Ich habe keine. Noch nicht,“ fügte er schnell hinzu. „Erst am Samstag.“ Verschämt verdrehte Charlotte die Augen. „Ach so, entschuldige bitte aber ich, dass müssen diese blöden Hormone sein.“ Er drückte ihre Hand die sie längst in seine geschoben hatte. „Schon gut. Ich nehme dich mit und ohne Stimmungsschwankungen.“ „Du bist so großzügig.“ „Und selbstlos.“ „Richtig, dass auch noch.“ Sie stellte sich unvermittelt auf die Zehenspitzen. Ihre Lippen fanden seine. „Hey Lady ich bin verlobt.“ Sie grinste frech „Ach was? Ich auch.“

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Dorothy faltete die riesige Tischdecke auseinander und bewunderte das strahlende weiß bevor sie sie über den Esszimmertisch ausbreitete. Sie war schon seit Stunden damit beschäftigt alles für die bevorstehende Vermählung vorzubereiten. Sie und die Hausmädchen von Miss Stanley hatten schon in den frühen Morgenstunden damit begonnen die Blumengestecke für die Tische zusammen zu stellen. Das satte Grün der Blätter und die weißen Rosenblüten passten hervorragend zusammen. Sie war mit ihrem Werk zu frieden. Mr. Butler trat hinter sie. „Das ist wunderschön geworden meine Liebe“ Sie lächelte verlegen aber auch voller Stolz. „Danke Mr. Butler,“ sie strich sich über den schon gut gewölbten Bauch. „Ich finde es auch sehr schön. Ich hoffe Charlotte gefällt es ebenfalls.“ „Aber selbstverständlich wird es das.“ Der  Butler des Hauses Fisher begann das Silberbesteck zu verteilen das er auf einem Tablett mit gebracht hatte. „Ist sie noch mit Miss Fisher unterwegs?“ Sie nickte. „Ja sie holen das Kleid ab. Ich bin so gespannt wie sie darin aussehen wird.“ Sie seufzte glücklich bevor sie weiter sprach. „Als ich mich in meinem Kleid gesehen habe, hab ich vor lauter Freude angefangen zu weinen.“ Der ältere Herr lächelte. „Du sahst aber auch wirklich bezaubernd aus.“ „Jetzt allerdings käme ich da nicht mehr rein.“ Beide lachten. „Dafür wirst du bald ein wundervolles Baby in ihren Armen halten.“ Strahlend sah sie ihn an. „Das stimmt und Charlotte auch.“ Jetzt schüttelte ihr Gegenüber den Kopf. „Wer hätte gedacht, dass wir in so kurzer Zeit drei Hochzeiten feiern würden.“ „Niemand und Miss Fisher und der Inspektor wohl am aller wenigsten.“ Mr. Butler beugte sich nun verschwörerisch vor. „Hast du eigentlich mitbekommen wie Mrs. Stanley reagierte als Miss Fisher ihr das mit der Vermählung gebeichtet hat?“ Dot versicherte sich, dass sie immer noch alleine waren, dann begann sie zu erzählen. „Sie kennen doch Miss Fisher. Erst musste sie ihrer Tante alles über den Brandanschlag erklären und natürlich auch was wirklich dahinter gesteckt hat und dann hat sie ihr das mit der Hochzeit einfach so um die Ohren geschlagen.“ Sie musste ein Kichern unterdrücken. „Die arme Mrs. Stanley sind buchstäblich die Gesichtszüge entglitten und sie hat es tatsächlich gesagt.“ Mr. Butler sah sie fragend an. „Was?“ und Dot zitierte „Phryne um Himmels Willen was hast du dir dabei wieder nur gedacht. Aber später, als sie über die Hochzeit von Charlotte und Gereon sprachen hatte ich das Gefühl, dass Mrs.  Stanley bereits ihren Frieden mit der Sache gemacht hatte.“ Mr. Butler nickte. „Der Inspektor ist doch nun wirklich eine gute Wahl. Da sind wir uns doch alle einig.“

Sie verstummten, weil sich nun Schritte nährten. Der frisch ondulierte Haarschopf von Phrynes Tante schaute zu ihnen herein. „Wie geht es voran?“ „Es ist fast alles fertig. Nur noch die Teller und die Gläser fehlen.“ „Perfekt, die Zimmer sind auch schon bereit.“ Die kleine runde Frau stieß ein Seufzer aus. „Hoffen wir, dass die Wachteleier heute noch kommen.“ „Das werden sie bestimmt Mrs Stanley.“ Versicherte Dot, „Hugh hat mir versprochen, dass er sie abholt und mitbringt, wenn er heute Abend kommt.“ Ein leises Lächeln huschte über das Gesicht der Hausherrin. „Auf ihren Mann ist Verlass Mrs Collins.“ Dann drehte sie sich um. Allerdings konnten die beiden sie noch murmeln hören. „Der Rest macht hier ja e was er will.“

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Phryne half Charlotte das Kleid in ihrem Rücken zu knöpfen, während diese strahlend ihr Spiegelbild betrachtete. „Sehen wunderschön aus.“ Befand die Detektivin, nach dem sie fertig war. „Danke“ hauchte Charlotte und fuhr ehrfürchtig über den seidenen Stoff an ihrer Taille. „Ich habe noch nie so etwas Edles getragen.“ Phryne lachte. „Dem Anlass entsprechend würde ich sagen. Gereon wird verrückt werden vor Glück wenn er sie sieht.“ Sie drehte sich um und griff nach ihrer Handtasche. „Aber ein paar Details fehlen noch.“ Charlotte warf ihr durch den Spiegel einen fragenden Blick zu. „Was denn?“ „Der Schmuck natürlich.“ In Phrynes Händen blitzte es und Charlotte war sprachlos, als sie sah, was ihr da entgegen gestreckt wurde. „O mein Gott,“ Eine Perlenhalskette und die dazu passenden Ohrringe. So rein und weiß, wie ihr Kleid.
„Betrachten sie es als Aussteuer.“ Immer noch fassungslos fand Charlotte ihre Sprache wieder. „Nein, nein, das geht nicht. Das ist alles viel zu viel. Die Feier, das Kleid und dieses kostbaren Perlen!“ Phryne fasste nach ihren Schultern und hielt sie fest. „Charlotte, ich bestehe auf das alles. Ohne sie gebe es mich nämlich nicht mehr. Außerdem macht es mir Freude mit ihnen und ihrem bald Ehemann Morgen ein strahlendes Fest zu feiern.“ Entschlossen ließ sie wieder von ihr ab. „Und nun will ich kein Wort des Wiederspruchs mehr von ihnen hören, sondern nur noch Vorfreude.“
Verschämt grinsend wandte sich Charlotte wieder dem Spiegel zu. „Ganz ehrlich, obwohl ich das grade mit eigenen Augen sehe, kann ich es immer noch nicht glauben, dass es wirklich passiert.“ Phryne trat noch einmal hinter sie. Der Tonfall mit dem Charlotte sprach ließ sie fragend den Kopf schief legen und plötzlich sprudelte es aus ihr heraus. „Vor einem halben Jahr war ich nichts anders als eine armselige Schreibkraft, die sich in den Kopf gesetzt hatte Polizistin werden zu wollen.“ Sie stieß ein verächtliches Schnauben aus. „Eine Polizistin die tagsüber Ermittlungen anstellt und nachts mit irgendwelchen Männern ins Bett geht um an Geld zu kommen.“ Phryne schwieg, während sich Charlotte endlich alles von der Seele redete, was schon viel zu lange in ihr steckte wie ein giftiger Stachel. Sie erzählte von ihrer kranken Mutter, dem Großvater, ihrer kleinen Schwester für deren Wohl sie das alles tat, damit es ihr einmal besser erging  als ihr. „Sie soll die Schule fertig machen, damit sie sich nicht verkaufen muss.“ Sagte sie leise. „Ihr sollen mal alle Wege offen stehen.“ Für einen Moment war es still, dann erwiderte Phryne leise. „Ich weiß wovon sie reden. Ich hatte auch eine kleine Schwester, für die ich alles getan habe um sie zu beschützen.“

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Der Tag hätte nicht schöner sein können. Schon am Morgen war die Sonne an einem wolkenlosen Himmel aufgegangen. Nun nacheinem  ausgedehnten Frühstück begannen die Gäste sich langsam für die bevorstehende Zeremonie vorzubereiten. Phryne hatte sich für ein hellgrünes Chiffonkleid entschieden, dass sie nun schlüpfte. Als sie sich den Träger über die Schulter ziehen wollte, kamen ihr lange, schlanke Finger zur Hilfe, die sanft über ihre Haut glitten. Sie schloss genießerisch die Augen, als nun auch der Reisverschluss im Rücken langsam nach oben fuhr. „Ich habe keine Ahnung, wie du das machst, aber es ist genauso aufregend sich von dir anziehen zu lassen, wie ausziehen.“ Jacks warme Lippen berührten ihr Ohr. „Ich muss zugeben, dass mir das Ausziehen besser gefällt.“ Sie wandte sich mit hungrigem Blick um. „Wenn man uns nicht in zehn Minuten unten im Garten erwarten würde,“ ihre Zunge fuhr kurz über ihre Unterlippe. Sie sah mit Genugtuung wie Jack schwer schluckte. „Wir sollten uns besser beeilen.“

Gereon strich sich nervös zum x- ten male über das makellose Revers seines Anzugs. Wie nicht anders zu erwarten saß die Blüte an seiner Brust immer noch da wo sie hin gehörte. Er beschimpfte sich selbst für seine Nervosität. „Reiß dich zusammen Junge.“ In diesem Moment klopfte es an seine Zimmertür und der Inspektor trat ein. „Bereit?“ sagte er mit einem aufmunternden Lächeln im Mundwinkel. Gereon holte noch einmal tief Luft. „Bereit.“ Seite an Seite schritten sie durch den Flur. „Mein Gott bin ich aufgeregt.“ Entfuhr es Gereon. „Man heiratet ja auch nicht jeden Tag.“ Erwiderte Jack um dann beruhigend anzufügen. „Beim ersten Mal erging es mir nicht anders als ihnen.“ Gereon seufzte. „ Nehmen sie es mir nicht übel, aber ich hoffe, dass ich das hier nur einmal im Leben mache.“ Jack grinste. „Das wünsche ich ihnen von Herzen Gereon und bei ihnen und Charlotte habe ich auch überhaupt keinen Zweifel. Übrigens hab ich Hugh gebeten die Überraschung in den Garten kommen zu lassen. Ich hoffe, das war in ihrem Sinne?“ Gereon nickte erfreut. „Ich hatte schon Angst das würde nicht klappten.“ Jack lachte. „Sie haben Phryne damit beauftragt, dass konnte gar nicht schief gehen.“
Sie hatten die Terrassentür erreicht und traten nun in den strahlenden Sonnenschein hinaus.

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Charlotte hielt den Kopf demütig gesenkt, während Dot ihr den Schleier feststeckte. „So fertig.“ Beide Frauen strahlten sich an. „Danke Dotti“  „Du siehst umwerfend aus Charly. Es fehlen nur noch die Schuhe.“ Stöhnend verdrehte Charlotte die Augen. „Am liebsten würde ich barfuß vor den Altar treten. Ich kriege es noch fertig mir auf dem Weg dahin noch den Knöchel zu brechen.“ Dotti kicherte. „Keine Sorge, ich halte dich.“ Sie überreichte Charlotte den wunderschön gebundenen Strauß aus weißen Rosen. Vorsichtig, den Saum des Kleides an gelupft, trippelten die beiden die Treppe hinunter. „Hoffentlich wird mir nicht schlecht. Nicht auszudenken, wenn ich dem Pater vor die Füße….“ Dotti hielt sich die Hand vor den Mund um ihr Kichern einzudämmen. „Das wird nicht passieren und wenn Pater Stevensen ist ein sehr verständnisvoller Mann.“ Jetzt musste auch Charlotte ein hysterisches Kichern unterdrücken.  
Sie hatten die Flügeltüren zum Garten erreicht. Von weitem waren schon die Stuhlreihen mit den Gästen zu sehen, die durch einen mit einem roten Teppich ausgelegten Mittelgang voneinander getrennt waren. Charlotte erkannte den Geistlichen mit seiner Dalmatik. Je näher sie sie kamen um so mehr Details sprangen ihr ins Auge. Der prachtvoll geschmückte Pavillon, die mit Hussen bezogenen Stühle auf denen Phrynes Tante hockte . Phryne selbst und Jack , der neben Gereon stand, der ihr den Rücken zu gewandt hatte. Bert und Cec, Mr. Butler und …..
Sie riss die Augen auf! Kniff sie zusammen um sie dann wieder aufzureißen. Das konnte doch gar nicht sein. Ihre Augen mussten ihr einen Streich spielen. Oder diese verdammt en Hormone. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie stehen geblieben war. „Charlie?“  Sie hörte Dotts erschrockene Stimme nur aus weiter Ferne. Dann ohne über ihr Kleid oder die Schuhe nach zu denken rannte sie los. „Toni!“

Sowohl Tante Prudence als auch der Pater sahen mit offenem Mund dabei zu, wie die vermeintliche Braut auf sie zu geschossen kam. Statt aber durch den Mittelgang zu stürmen, rannte Charlotte auf die letzte Stuhlreihe zu, wo ihre kleine Schwester neben einem etwa gleichaltrigen Mädchen saß und freudestrahlend die Arme nach ihr ausstreckte. Charlotte riss sie so heftig an sich, dass Toni für einen Moment die Luft weg blieb. Tränen schossen ihr über die Wangen wie Sturzbäche. „Wo kommst du denn her? Ik mein dat gibt et noch nich.“ Toni befreite sich lachend und ebenfalls mit den Tränen kämpfend aus der Umarmung ihrer großen Schwester. „Gereon hat mir einen Brief geschrieben, dass ihr heiraten wollt und dass mich jemand abholt um mit mir auf ein Schiff zu gehen um hier her zu fahren.“ Sie wandte sich an das Mädchen, das verlegen grinsend neben ihr stand. „Das ist Jane Miss Fishers Adoptivtochter.“ Charlotte schwirrte der Kopf wie ein Bienenstock. „Aber wieso?“ „Das erklär ich ihnen alles nach der Trauung Charlotte.“ Ertönte nun Miss Fishers fröhliche Stimme hinter ihr. „ Wir können den armen Gereon jetzt  nicht noch länger warten lassen.“

Der Priester nahm verständnisvoll lächelnd Charlottes gestammelte Entschuldigung entgegen, als sie neben Gereon stellte. Das strahlen in seinen Augen, als er sie ansah und was er getan hatte brachte sie fast dazu ihm auf der Stelle um den Hals zu fallen, doch sie riss sich zusammen. Erst als der Geistliche verkündete das sie nun rechtmäßig vor Gott Mann und Frau seien ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf. Leicht pikiert wandte sich Tante Prudence an ihre Nichte. „Also ein wenig mehr Zurückhaltung wäre schon,“ doch Phryne legte ihr nur beschwichtigend die Hand auf den Arm. „Was spricht dagegen zu zeigen was man fühlt?“ Ihr Blick streifte dabei Jack, der schmunzelnd seine Schuhspitzen betrachtete.  Vor ihnen drehte sich das Brautpaar nun um. Alle standen auf, um sie zu beglückwünschen. Toni war bereits wieder in die Arme ihre Schwester gesprungen, während Jane artig gratulierte. Als Phryne und Jack an der Reihe waren, klärte Phryne die immer noch völlig überwältigte Charlotte auf. „Gereon erzählte mir von seinem Vorhaben ihre Schwester hier her zu holen und da Jane eh grade in den letzten Zügen ihrer Europareise steckte hab ich es so arrangiert dass sie beide zusammen kommen.“ Toni nickte begeistert. „Es war toll! So ein großes Schiff und mit Jane war es keine Minute langweilig!“ Die beiden Mädchen sahen sich verschwörerisch an. „Das glaube ich sofort.“ Lachte Phryne. Charlotte wischte sich erneut die Tränen von den Wangen. „Entschuldigung  aber es hört einfach nicht auf.“ Gereon, der seinen Arm um ihre Taille gelegte hatte zog sie liebevoll an sich. Toni grinste. „Das sind bestimmt die Hormone. Bei Tante Ilse war es doch auch so als sie schwanger war.“ Verblüfft sahen Gereon und Charlotte sie an. „Na glaubt ihr ik bin von gestern oder was?“

Jetzt brach Jack, der als einziger diesen deutschen Satz verstanden hatte in schallendes Gelächter aus und  Mr. Butler und Dot eilten mit Tabletts herbei und verteilten die Champagner Schalen. Bert und Cec hoben ihre sprudelnden Gläser  „Auf das frisch vermählte Paar!“ Alle fielen in den Toast ein, dann nahm Jack Gereon kurz bei Seite. „Ich wollte ihnen das hier überreichen, bevor sie gleich mit Beschlag belegt werden.“ Er drückte ihm einen Umschlag in die Hand. „Was ist das?“ „Ein Angebot unseres Polizeipräsidenten. Er möchte, dass sie ihre Expertise auch in Zukunft dem Staate Victoria zur Verfügung stellen.“ Gereon öffnete den Mund, doch es kam kein Ton dabei heraus. Jack fuhr fort. „Sie müssen sich nicht gleich entscheiden, aber ich für meinen Teil würde mich sehr freuen, wenn sie und Charlotte bei uns bleiben würden.“ „Aber? Geht das denn so einfach?“ stammelte Gereon, der immer noch nicht wirklich seine Stimme wieder gefunden hatte. „Wenn man die richtigen Leute kennt schon.“ Jack grinste. „Außerdem haben sie eindrucksvoll bewiesen, dass sie ein guter Ermittler sind.“ Gereon nickte immer noch vollkommen überwältigt von dem Angebot, dass man ihm da grade unterbreitet hatte. „Was ist mit ihnen? Hat man sie nicht für ihren letzten Verdienst gewürdigt?“ „Doch, man hat mir sogar die Stelle des Stellvertretenden Polizeipräsidenten angeboten aber wissen sie,“ Jack  drehte sich halb um und sah zu Phryne, Dot und Hugh hinüber die sich angeregt unterhielten. „Ein gewaltgier Sprung auf der Karriereleiter doch es würde bedeuten mich von Menschen beruflich zu trennen, die mir sehr viel bedeuten.“ Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Außerdem würde es mir nicht gefallen, den ganzen Tag nur noch an einem Schreibtisch zu sitzen. Ich bin einfach kein Bürohengst.“ Gereon hob sein immer noch halbvolles Glas. „Auf die Menschen die wir lieben.“  Jack tat es ihm gleich. „Und auf eine glückliche Zukunft mit ihnen.“

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Der Abend war schon weit voran geschritten, als Phryne sich für einen Moment in den Garten zurück zog um ein wenig frische Luft zu schnappen. Drinnen im Salon wurde indessen noch immer laut gelacht und die Musik spielte einen wilden Swing. Sie setzte sich auf die Stufen, die von der Terrasse hinunter zum Pool führten. Es war eine wundervolle Feier, mit wundervollen Menschen. Sie sah zum wolkenlosen Himmel hinauf, an dessen Firmament unzählige Sterne leuchten.
Hinter ihr hörte sie eine Diele knarren. „Störe ich dich?“ Sie brauchte sich nicht umzudrehen. „Nein,“ Jack ließ sich neben sie nieder und sah ebenfalls zum Himmel empor. „Eine herrliche Nacht.“ Sie nickte. „Werden die beiden das Angebot von Keaton annehmen?“ fragte sie unvermittelt. „Ich denke schon.“ Es folgte eine kleine Pause bevor sie leise fragte „Und du?“ Sie konnte spüren wie ihr Herzschlag schneller wurde. Sie hoffte, dass man ihr die Aufregung nicht ansah. Nur durch Zufall hatte sie von Erfahren, was der Polizeipräsident mit Jack vor hatte. Hugh hatte das Telefonat im Revier mit bekommen und es Dotti erzählt, nichts ahnend das Phryne in diesem Moment auf der Treppe in Hörweite gestanden hatte. Seit dem hatte sie einen unangenehmen Kloß in ihrem Magen, den sie verzweifelt zu ignorieren versuchte. Es war Jack gutes Recht seine berufliche Karriere weiter voran zu treiben. Sie selbst bestand ja auch auf ihre freie Entscheidungsgewalt, die er bisher auch nie in Frage gestellt hatte, aber jetzt war die Lage eine andere. Sie waren verheiratet und dass nicht nur auf dem Papier. Wenn Jack zum Stellvertretenden Polizeipräsidenten ernannt wurde, dann würde es keine gemeinsamen Ermittlungen mehr geben. Eine Vorstellung die unmöglich erschien. Außerdem würde er dann auch nicht....  Ihre sich überschlagenden Gedanken wurden von seinen ruhigen Worten je unterbrochen. „Ich habe dankend abgelehnt.“ Sie zwinkerte irritiert. Hatte sie sich da gerade verhört? „Du hast was?“ Ohne eine Spur der Erregung erwiderte er ihren skeptischen Blick. „Bist du darüber enttäuscht?.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ganz im Gegenteil, aber ich kann es nicht ganz nachvollziehen ehrlich gesagt. Ich meine das ist ein wirklich eine große Position die du da ausschlägst. Hast du dir das wirklich gut überlegt?“ Sein Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln. „Ja und nein. Natürlich ist mir einiges durch den Kopf gegangen, nach dem Keaton an mich heran getreten war. Mehr Ansehen, mehr Geld aber weißt du Phryne.“ Seine langen schlanken Finger griffen nach ihren und streichelten sie. „Mein Ehrgeiz beruht nicht darauf die Karriereleiter des Polizeiapparates von Victoria hinauf zu klettern. Ich bin sehr glücklich und zufrieden mit dem was ich habe.“ Er drehte sich kurz um. „Einen Constible mit dem es Spaß macht zusammen zu arbeiten. Dazu bald einen neuen Kollegen, der nicht minder sympathisch ist und das Beste von allen, bist du.“ Er beugte sich nach vorne. „Ich liebe es mit dir auf Verbrecherjagt zu gehen, ich liebe es wenn du mal wieder die Grenzen der Legalität für deine Zecke dehnst und ich liebe dich weil du so bist wie du bist. Mehr habe ich dazu nicht mehr zu sagen.“ Sie strahlte ihn an. „Dann könntest du dir vielleicht ja auch vorstellen eine Zeitlang den Dienst deinem neuen Kollegen zu überlassen?“ Skeptisch hob er die Brauen „Um was zu tun?“ „Zu verreisen. Ich habe einen Brief von meinem Cousin aus England erhalten. Er bittet mich um Hilfe.“ Ihre Augen funkelten mit den Sternen um die Wette. „Schiff oder Flugzeug?“ fragte tonlos und sie lachte. „Was immer du vorziehst.“ „Das kommt darauf an ob du genauso fliegst, wie du fährst.“

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Die Nacht war schon längst in den Morgen über gegangen, als Gereon sanft die Schleifen an Charlottes Kleid löste. Er genoss die Wirkung die seine Berührungen bei ihr verursachten. Er konnte gar nicht anders als ihren jetzt freien Rücken mit Küssen zu bedecken. Ihr leises Stöhnen steigerten seine Erregung nur noch mehr. Er ließ seine Finger unter den Stoff gleiten. Faste nach ihren straffen Brüsten, die in letzter Zeit sichtbar an Größe zu genommen hatten, um dann nach unten auf ihren Bauch zu rutschen. Unter seinen Händen wuchs ein Kind heran, ihr gemeinsames Kind! Es war immer noch schwer zu glauben und doch war es wahr. Bald würde es zu sehen sein und er freute sich auf dieses neue Leben das er und Charlotte erschaffen hatten. Das Glück, dass er in diesem Moment empfand war mit Worten nicht zu beschreiben. Er fühlte wie ihm die Tränen kamen. Sie musste sie gespürt haben. Verwirrt drehte sie den Kopf. „Was ist?“ Doch er presste seine nasse Wange an ihre. „Alles gut ich Platze nur gleich vor Freude.“ Sie lachte leise. „Ich auch.“ „Ich liebe dich mehr als alles andere auf der Welt und ich liebe das Kind das du unter dem Herzen trägst. Ich verspreche euch, dass ich alles tun werde um euch glücklich zu machen.“ Sie drückte sich an ihn, dann flüsterte sie  in seine Ohr. „Ich liebe dich auch Gereon und wir freuen uns auf das Leben mit dir.“ Ein Leben in einem neuen, friedlichen Land mit Menschen um sich herum, die in kürzesten Zeiten zu Freunden geworden waren. Dann drehte sie sich langsam um. „Und nun machen wir da weiter, wo wir grade stehen geblieben waren.“ Sie griff nach seinem Hosenbund. „Hey Mrs.  Rath nicht so stürmisch, es ist meine Aufgabe über dich herzufallen.“ Ihre Antwort kam prompt „Moderne Frauen nehmen sich was sie wollen. Gewöhn dich besser dran.“ Dem war nichts mehr hinzu zu fügen.

                                -Ende-
Zum Schluss noch ein wenig Werbung in eigener Sache. Mein erster Roman ist nun bei Amazon erschienen. Bekehrt - Im Bann der Daima von Sandra Denkmann. Schnuppert doch mal rein. Viel Spaß dabei....
 
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