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Die Stadt der Blutopfer

GeschichteDrama, Fantasy / P16
OC (Own Character)
16.04.2020
16.04.2020
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16.04.2020 4.474
 
Man kann diese Geschichte als Fortsetzung von „Die Macht des Alchemisten“, aber auch als eigene Geschichte ansehen.

Der Bach plätscherte munter durch die Gegend. Allerdings war sein Wasser nicht länger klar, sondern von roten Schlieren durchzogen. Von dem Blut der Leichen, die neben oder im Bach lagen. Noch kurz zuvor waren sie eine Gruppe von Räubern gewesen.
Ein Räuber schoss einen Pfeil ab. Dieser traf auf schuppige Haut, und richtete beinahe keinen Schaden an, bevor das Mädchen ihn einfach verärgert herauszog. Der Räuber sah entsetzt auf den Pfeil, als die Halbdrachin ihn in ihrer Hand zerbrach.
„Mal ehrlich, hast du wirklich geglaubt, dass ein einfacher Pfeil Drachenhaut durchdringen kann?“ fragte Soran.
Statt einer Antwort, drehte sich der Räuber einfach um und lief schreiend davon. Soran ließ ihn gewähren. Zusammen mit einigen anderen Räubern die den Kampf überlebt hatten, floh er in die Wälder. Ihre Kriegerehre verbot es ihr, einen flüchtenden Gegner anzugreifen.
Soran sah so aus wie ein Mädchen von sechzehn Jahren. Als Halbdrachin war sie aber wohl ein gutes Stück älter. Wie alt sie tatsächlich war, wusste sie wahrscheinlich selber nicht genau zu sagen. Obwohl ihr Gesicht recht menschlich war, so hatte es doch, wie der Rest ihres Körpers, eine drachenartige Haut. Auch ihre Augen waren drachenartig. Zwei Hörner lagen in ihren bronzefarbenen Haaren, und ebenso hatte sie spitze Ohren. Die Finger des Mädchens wiesen Schwimmhäute auf und waren mit Krallen versehen. Ersteres verdeutlichte, dass sie zur Hälfte ein Bronzedrache war, welche nun einmal in Küstennähe lebten. Als letzter Beweis, dass sie bloß zur Hälfte ein Mensch war, waren ihre Flügel und ihr langer Schwanz. Ihre beiden Schwerter trug sie, wenn sie sie nicht gezogen hatte, auf dem Rücken. Um Sorans Hüfte war ein großes Wolltuch, über welchem sie eine leichte Lederrüstung trug.
Ein aufrecht gehender Panther näherte sich ihr, es war ein Werpanther. Und dieser verwandelte sich in seine elfische Gestalt zurück.
„Wir haben die Räuber gewarnt, dass sie sich nicht mit uns anlegen sollen.“ sagte Ragin nur, als er seinen Blick über die Leichen schweifen ließ.
Ragin war ein Elf, auch wenn er für einen Elfen recht groß war, nämlich ungefähr so groß wie ein Mensch. Zudem war er für einen Elfen auch ungewöhnlich muskulös und sah recht wild aus. Das war das Ergebnis davon, dass er schon seit einiger Zeit ein Wertier war. Ragin hatte hellblonde Haare, welche ihm bis auf die Schulter reichten, und dazu grüne Augen. Natürlich hatte er auch, wie alle Elfen, spitze Ohren. Man hätte ihn für einen Jungen von siebzehn Jahren halten können, doch als Elf war er deutlich älter. Ragin trug schwarze, ausgefranste Kleidung, eine Weste und eine Hose, und war noch dazu barfuß.
„Genau.“ bekräftige Ciara, „Wenn sie uns nicht angegriffen hätten, hätten wir uns auch nicht zu verteidigen brauchen.“
Tatsächlich war der Kampf so kurz gewesen, dass das Mädchen nicht einmal ihre Waffe hatte ziehen müssen. Sie hatte bloß ihre Magie benutzen müssen. Als wilde Magierin war Ciara froh, dass es diesmal keine magischen Nebeneffekte gegeben hatte. Doch das 15-jährige Mädchen war nicht bloß eine wilde Magierin, sondern auch eine Halbdrow.
Als solche hatte sie eine menschliche Statur und auch ein rundes und weiches, eher menschliches Gesicht. Ebenso unverkennbar waren jedoch ihre spitzen Ohren, mandelförmigen und bernsteinfarbenen Augen, kurzen und weißen Haare, sowie ihre dunkle Haut, auch wenn letztere nicht so dunkel war, wie die einer reinen Drow. Ciara trug einen dunkelgrünen Kapuzenmantel, sowie eine braune Hose.
Jador ging von Räuber zu Räuber und suchte nach Pfeilen, welche er verschossen hatte, und welche nicht dadurch ramponiert worden waren, sodass er sie wieder benutzen konnte. Für seine sechzehn Jahre war Jador schon ein ausgezeichneter Waldläufer.
Der Tiefling hatte lange, schwarze Haare, die ihm bis auf die Schultern reichten, und dazu silbrige Augen. Seine Hautfarbe entsprach der eines Menschen, was bei einem Tiefling nicht immer der Fall war, und dazu hatte er spitze Ohren. Wie die meisten Tieflinge, hatte er zwei Hörner und einen langen, beweglichen Schwanz. Seine Füße endeten in Hufen, und er hatte eine schlanke, hochgewachsene Gestalt. Jador trug eine ärmellose Rüstung sowie Armschienen aus Leder, und eine Stoffhose.
„Wir haben sie vorgewarnt.“ fügte Kadlin hinzu, während sie die Leichen der getöteten Räuber nach wertvollen Gegenständen und Münzen durchsuchte, „Sie sagten, dass sie weit in der Überzahl seien, wogegen wir bloß eine kleine Gruppe von Halbwüchsigen wären, von denen noch dazu die Hälfte aus Mädchen besteht. So kann man sich überschätzen.“
Kadlin war fünfzehn Jahre alt, und ebenfalls ein Tiefling wie Jador. Sie hatte dunkelblaue Haare, rote Augen, spitze Ohren und ebenfalls eine menschliche Hautfarbe. Ebenso hatte sie auch Hörner und einen Schwanz. Kadlin war die Schurkin in ihrer Gruppe, und als solche trug sie ein Leinenkleid und über diesem ein Cape. Natürlich in dunklen und schwarzen Farben.
„Sie haben nichts von Wert bei sich.“ sagte sie schließlich und klang dabei ein wenig enttäuscht, „Tymora ist uns heute wohl nicht hold.“
„Vielleicht haben sie ja welches in ihrem Versteck.“ schlug Inarisos vor, fügte dann aber hinzu, „Natürlich nützt uns das nicht viel, wenn wir nicht wissen, wo es ist.“
Inarisos war, wie Jador, ein Junge von sechzehn Jahren. Im Gegensatz zu diesem aber ein Mensch, und zwar der einzige in der Gruppe. Er hatte rote Haare und blaue Augen, und dazu eine eher kräftige und stämmige Statur. Als Kleidung trug er ein blaues Hemd und eine hellbraune Hose. Und wie es für einen Hexenmeister üblich war, hatte er auch seinen Zauberstab bei sich, welcher an seiner Spitze einen grünen Kristall hatte.
„Was tun wir eigentlich mit den Pferden der Räuber?“ fragte Ciara.
„Wir können auf ihnen reiten. Dann wären wir ein wenig schneller unterwegs.“ meinte Ragin, „Nun ja, ich wahrscheinlich nicht. Ich glaube nicht, dass Pferde die Gesellschaft von Wertieren erfreulich finden, und sie haben scharfe Sinne.“
„Wahrscheinlich haben die Räuber sie von irgendeinem Bauernhof gestohlen.“ mutmaßte Jador, „Die armen Tiere haben bestimmt schon genug durchgemacht. Schicken wir sie doch einfach zurück.“
Nachdem keiner seiner Freunde Einwände vorbrachte, ging Jador zu dem Pferd, welches er für den Anführer hielt. Er gab ihm einen Klaps auf den Hintern, und das Pferd trabte los. Die anderen folgten ihm. Jador lächelte. Es war also doch nicht umsonst gewesen, dass er auf einem Bauernhof in einem kleinen Dorf aufgewachsen war.
„Gehen wir weiter.“ schlug Kadlin vor, „Vielleicht ist die nächste Stadt ja nicht mehr allzu weit entfernt.“

Sorans Flügel waren nicht bloß zur Zierde da. Sie konnte mit ihnen auch fliegen. Und genau das tat sie in diesem Moment. Soran liebte das Fliegen, es machte riesigen Spaß. Hier oben am Himmel hatte sie die totale Freiheit. Der Wind bauschte ihre fledermausartigen Flügel auf, und die Sonne brannte auf ihre bronzefarbene Haut.
Doch sie war nicht zum Spaß hier oben. Soran sah sich um. Bald würden sie ihre Vorräte auffüllen müssen, und dazu war es nötig, die nächste Stadt zu finden. Und tatsächlich, in einiger Entfernung lag eine Stadt. Es war bestimmt kaum eine halbe Tagesreise bis dorthin. Zufrieden flog die Halbdrachin wieder dem Erdboden entgegen, zurück zu ihren Freunden. Sie sah Kadlin, wie sie am Fluss eines Baches saß und  ihrer aller Trinkbeutel auffüllte. Natürlich war es ein anderer Bach, als der, an welchem sie zuvor gekämpft hatten. Der andere Bach war auf offenen Feld gewesen, doch dieser war inmitten eines Waldes. Ragin hatte erzählt, dass der Geruch von Blut über kurz oder lang Raubtiere anlocken würde, und dass sie bis dahin weitergezogen sein sollten.
Kadlin saß fröhlich am Bach... und hatte keine Ahnung von der Gefahr, in welcher sie sich gerade befand. Soran beschleunigte ihren Flug. Sie musste ihre Freundin rechtzeitig erreichen, bevor der Bär sie erreichen würde.
Doch dieser stieß ein grimmiges Knurren aus, und Kadlin sprang sofort auf. Sie griff nach ihrem Sax aus Meteoreisen... und ließ ihn einen Moment später wieder sinken. Gegen einen Bären würde sie mit einem einfachen Schwert nicht viel ausrichten können. Stattdessen streckte sie ihre Armschienen vor. Sie waren magisch, und sie errichteten eine magische Barriere, welche nicht durchdrungen werden konnte. Die Barriere baute sich genau vor dem Bären auf... und dieser schritt einfach hindurch.
Der Bär knurrte noch einmal auf und schlug mit einer Pranke nach der Schurkin. Ein Mensch wäre getroffen worden, doch Tieflinge waren flinker, und Kadlin konnte so gerade noch ausweichen. In diesem Moment landete Soran neben dem Bären und stieß ihn weg. Halbdrachen waren stark, und so taumelte der Bär tatsächlich einige Schritte zurück. Doch er fing sich schnell wieder und hieb Soran mit einem Prankenhieb zu Boden. Ein Mensch wäre erheblich verletzt worden, doch für einen Halbdrachen war dieser Hieb nicht so schlimm. Trotzdem schmerzte er.
„Ich verstehe nicht, warum meine Armschienen ihn nicht aufgehalten haben.“ klagte Kadlin.
„Ich würde mal raten, dass sie bloß magische Angriffe abwehren. Doch dieser Bär ist ein gewöhnliches Tier. Oder ihre Magie ist einfach aufgebraucht.“ redete Soran, „Wo sind die anderen?“
„Ragin wollte sich in der Gegend umsehen, ob er etwas interessantes findet. Ciara wollte sich ausruhen, weil der Kampf mit den Räubern ihre Magiereserven erschöpft hat. Ich glaube, Jador und Inarisos wollten in ihrer Nähe bleiben.“ erklärte das Mädchen.
Ein weiteres Brüllen ertönte, und nun kam ein anderer Bär auf die beiden Mädchen zu.
„Zwei Bären? Das wird ja immer besser.“ meinte Soran ironisch und ging in Kampfstellung, nachdem sie sich wieder aufgerappelt hatte.
Doch in diesem Moment entschlossen sich ihre Freunde, ihnen zur Hilfe zu kommen. Jador und Inarisos sprangen jeweils hinter einem Baum hervor und hatten ihre Waffen parat. Jador legte einen Pfeil auf die Bogensehne und zielte auf einen der Bären.
„Sagitta Torpor!“ rief er aus.
Der Pfeil leuchtete grünbraun auf, und der Waldläufer schoss ihn ab. Der Bär fiel um wie ein nasser Sack, als er getroffen wurde.
Der andere Bär brüllte auf und Inarisos streckte seinen Zauberstab vor.
„Floris Serta!“ rief der Hexenmeister.
Der Kristall an seiner Spitze leuchtete auf, und in der Luft über dem Bären erschien ein Blumenkranz. Dieser sank auf seinen Kopf, wo er wie eine seltsame Art von Hut aussah. Und plötzlich wurde dieser Bär ruhig und setzte sich gemächlich ans Ufer.
„Ich habt neue Magie gelernt.“ bemerkte Kadlin respektvoll.
„In der Tat.“ meinte Jador und sah auf den leuchteten Pfeil, welcher im Körper des betäubten Bären steckte.
Der Pfeil war jetzt nicht mehr bloß von einem Leuchten umhüllt, sondern leuchtete vollkommen. Mit der Zeit würde er sich auflösen, und dann würde auch der Zauber nachlassen, und der Bär wieder aus seiner Betäubung erwachen.
Inarisos ging zu dem anderen Bären. Er streichelte ihm über das Fell, und der Bär schmiegte sich an ihn. Er zeigte keinerlei Angriffslust mehr, sondern benahm sich fast wie ein zahmes Haustier.
„Feenmagie.“ erklärte der Menschenjunge grinsend, „Die nächsten Stunden über ist dieser Bär so lieb und harmlos wie ein Lamm. Solange, bis der Blumenkranz seine Blüten verloren hat, und sich wieder auflöst.“
Als wären seine Worte ein Stichwort gewesen, löste sich auch schon die erste Blüte und fiel zu Boden.
„Bis dahin sollten wir uns aber besser von hier entfernt haben.“ fügte Kadlin hinzu, „Holen wir Ciara und suchen wir Ragin.“
„Das braucht ihr nicht.“ erklang die Stimme der Halbdrow, und das Mädchen trat nun ebenfalls hinter einem dicken Baum hervor, „Ragin wollte sich bloß ein wenig umsehen, er kommt auch gleich. Ich kann es kaum abwarten, endlich die Stadt zu sehen.“

Die Reise zur Stadt hatte ein wenig länger gedauert, als Kadlin es geschätzt hatte, und so schickte sich der Nachmittag schon an, in den Abend überzugehen, als die Freunde die Stadttore passierten. Die Wachleute sahen sie misstrauisch an, besonders Ciara und die beiden Tieflinge. Doch sie beruhigten sich wieder, als sie erkannten, dass sie Abenteurer waren.
„Seid willkommen in der Freistadt der Rotfelsen.“ begrüßte der männliche Wachmann die Freunde.
Er war ein Mensch und musste etwas über vierzig Jahre alt sein. Der Wachmann war tatsächlich viel jünger, eine Frau und eine Halbork. Sie sagte nichts, sondern sah die Freunde einfach missmutig an.
„Vielen Dank.“ erwiderte Ciara, „Wie kam diese Stadt eigentlich zu ihrem Namen?“
„Die ersten Menschen die hier siedelten, errichteten einen Steinbruch in der Nähe.“ antwortete der Wachmann, „Die roten Felsen waren schön anzusehen, und ein exzellentes Baumaterial. Die Bewohner dieser Stadt brachten sie zu Reichtum, indem sie ihn abbauten und in fast ganz Faerun verkauften. Noch heute gibt es einige Häuser, welche dereinst aus diesem Material erbaut worden sind.“
„Das klingt so, als gäbe es keinen Handel mehr mit diesen Felsen.“ warf Inarisos ein, „Dennoch sieht eure Stadt groß und wohlhabend aus.“
„Die Stadtbewohner konnten damals durch Handel Pflanzen hierher bringen, welche wichtige Rohstoffe liefern. Mithilfe elfischer Magier können sie auch hier gedeihen. So können wir auch weiterhin Dinge verkaufen, die sonst nur schwer und durch langwierige Reisen zu beschaffen wären.“ erwiderte der Wachmann freundlich, „Davon abgesehen, haben wir aber auch eine eigene Abenteuergilde. Abenteurer holen sich dort ihren Lohn für verschiedene Aufträge ab... und lassen viele Münzen in unserer Stadt, wenn sie etwas kaufen.“
„Wollt ihr nun in die Stadt, oder nicht?“ fragte die Halbork, „Hinter euch sind noch mehr Reisende. Ihr haltet den Betrieb auf.“
Schuldbewusst sah Kadlin hinter sich. Tatsächlich, eine ganze Reihe Menschen wartete ein Stück hinter ihnen. Sie hatten sie nicht bemerkt, weil sie einen gewissen Abstand hielten. Eigenartig, dabei müssten sie doch den Umgang mit Abenteurern gewöhnt sein.
Ragin schien ihre Gedanken zu erraten, denn er flüsterte ihr ins Ohr: „Die Leute hier freuen sich über die Arbeit, die wir als Abenteurer leisten. Aber dauerhaft in der Stadt wollen sie uns auch nicht haben. Der Wachmann ist höflich zu Ciara, aber reserviert. Er weiß, dass ihr Auftauchen nichts mit den Drow im Unterreich zu tun hat, sondern dass sie eine Abenteurerin ist. Und aus diesem Grund stört es ihn auch nicht, dass gleich zwei Tieflinge mit uns reisen.“
Die beiden Wachleute traten zur Seite, und die Freunde konnten die Stadt betreten. Sie durchschritten das Tor in der Stadtmauer. Gleich hinter dem Tor begann die Stadt. Verschiedene Menschen gingen herum, redeten und lachten. Hier und dort sah man sogar ganze Familien. Die Häuser waren in einem einfachen, aber durchaus wohlhabenden Stil errichtet worden.
Zwei Kinder spielten Fangen. Ein lachender Junge wurde von zwei Mädchen verfolgt, die ihn nicht einholen konnten. Doch er sah nicht, in welche Richtung er lief, sodass er im vollen Lauf gegen Jador prallte und zu Boden fiel.
„Hast du dir wehgetan?“ fragte der Waldläufer besorgt.
„Nein, nichts passiert.“ erwiderte der kleine Junge während er Jadors Hand nahm, die ihm aufhalf, „Seid ihr auch Abenteurer?“
„Ja, sind wir.“ erwiderte er Tiefling.
„Dann wollt ihr bestimmt zur Gilde.“ meinte der Junge und streckte den Finger aus, „Geht einfach weiter in diese Richtung. Ihr könnt sie nicht verfehlen.“
„Ich danke dir.“ erwiderte Jador und lächelte ihn an.
Zu sechst gingen sie weiter. Doch hin und wieder blieben sie stehen, um sich umzusehen. Offenbar lebten in dieser Stadt auch Künstler. Von Zeit zu Zeit sahen sie eine Statue, die aus Gold geschmolzen oder aus Marmor behauen worden war.
Und schließlich erreichten sie die Abenteurergilde. Es war ein großes Gebäude, und ein Schild wies darauf hin, was für ein Gebäude es war. Die Freunde sahen sich an. Und schließlich legte Ragin seine Hand auf die Tür und öffnete sie.
Drinnen war es voll und laut. Mehrere der anderen Abenteurer warfen den Neuankömmlingen neugierige Blicke zu, doch viele andere beachteten sie nicht weiter. Sie standen in kleinen Gruppen oder einzeln herum. Einige von ihnen waren tatsächlich Halbwüchsige, doch die meisten waren ein gutes Stück älter. Dann wieder sah man fast keinen, der wirklich alt war.
Sie saßen in gemischten Gruppen und redeten, aßen oder lachten. Viele von ihnen waren Menschen, doch es gab auch Elfen, Halbelfen, Tieflinge, Zwerge und Drachengeborene. Nur wenige Schritte von den Freunden entfernt, stand eine Tieflingsfrau, die ein wenig älter als Kadlin wirkte. Außerdem hatte sie auch eine rote Haut, und ein Geweih anstelle von Hörnern. Sie unterhielt sich mit einer weiblichen Drachengeborenen. Zwei weitere Halbwüchsige waren ein elfischer Junge und ein menschliches Mädchen. So wie sie sich benahmen, war schwer zu übersehen, dass sie ein Liebespaar sein mussten. Ein zwergischer Magier sagte etwas, und die beiden menschlichen Frauen in seiner Gesellschaft, die mit Hellebarden bewaffnet waren, lachten laut auf. Zwei junge Männern gingen an den Freunden vorbei. Einer hatte rote Linien auf seinem Körper, und anstelle einer Frisur, tatsächlich Flammen auf dem Kopf. Der andere hatte eine dunkelbraune bis erdgrüne Hautfarbe, und seine Beine schienen aus Felsen zu bestehen. An seinen Fingern waren Krallen, welche auch aus Felsen zu bestehen schienen.
„Solche habe ich noch nie gesehen.“ bekannte Inarisos.
„Das waren zwei Genasi.“ erklärte Ragin, „Ich könnte mich täuschen, aber ich glaube, sie waren ein Feuergenasi und ein Erdgenasi.“
Ein gutes Stück entfernt stand jemand, den man für einen Drow halten konnte. Doch die Freunde, die schon lange genug mit Ciara unterwegs waren, erkannten ihn als Halbdrow. Der Mann sah so aus, als wäre er ungefähr zwanzig Jahre alt. Natürlich konnte das bei einem Halbdrow bedeuten, dass er auch dreimal so alt sein konnte. Und er trug die Rüstung eines Paladins. Er unterhielt sich mit zwei Halbwüchsigen, die beide Menschen waren. Ein Junge und ein Mädchen. Sie trugen ähnliche Rüstungen. Vielleicht waren sie seine Schüler.
„Möchtest du zu ihm gehen?“ fragte der Hexenmeister seine Freundin.
„Warum? Glaubst du, ich fühle mich anderen verbunden, nur weil sie zur gleichen Rasse wie ich gehören? Fühlst du dich denn anderen Menschen verbunden, bloß weil sie Menschen sind?“ antwortete Ciara, „Nein, solange er nicht zu mir kommt, bleibe ich natürlich bei euch, meinen Freunden. Und die letzte Halbdrow die ihr außer mir getroffen habt, war auch kein Ausbund an Nettigkeit.“
Für einen Moment legte sich ein Schatten auf Ciaras Gesicht, als sie von ihrer Schwester Ridairu sprach. Doch danach lächelte sie wieder.
„Entschuldigt Leute.“ sagte ein junges Mädchen, welches an sie herangetreten war, „Ich bin neu als Abenteurerin. Aber ich habe schon drei untote Skelette, einen Golem, zwei Kobolde und einen Banditen, der sich an jungen Mädchen vergangen hat, im Kampf besiegt. In verschiedenen Kämpfen natürlich. Ich habe aber keine Gruppe oder gar Freunde. Und ich dachte, dass ihr vielleicht noch eine Waldläuferin braucht. Ihr habt ja keinen.“
Ihr Blick fiel auf Jador, und sie fügte schnell hinzu: „Ich meine, ihr habt keinen, der mit zwei Schwertern kämpft, statt mit Pfeil und Bogen. Außerdem bin ich nicht alleine, sondern habe ein Geschöpf in meiner Begleitung. Einen Drachen. Er ist aber noch ein klein wenig jung.“
Das Mädchen war ein Mensch, hatte blonde Haare, und war ungefähr so alt wie die Freunde. Eher noch ein Stück jünger.
„Wo ist er denn gerade?“ fragte Soran neugierig und sah sich um. Nirgends war ein Geschöpf, welches einem Drachen auch nur ähnelte.
Das Mädchen trug zwei Weidenkörbe mit sich herum. Sie klopfte gegen einen einen. Der Deckel des Korbes öffnete sich, und ein katzengroßer Pseudodrache sah neugierig nach draußen. Er hatte eine rotbraune Farbe und einen Schwanz, welcher dem eines Skorpions ähnelte. Er schnupperte in die Luft, leckte Sorans Hand, und zog sich dann wieder in den Korb zurück.
„Wie niedlich.“ entfuhr es Jador, und er errötete sofort.
„Ihn habe ich vor den Kobolden gerettet.“ verkündete sie stolz.
„In dem zweiten Korb ist dann wohl ein zweiter Pseudodrache?“ vermutete Kadlin.
„Nein, mein letzter Auftrag ist dort drin. Der Bandit, der sich über junge Mädchen hermachte. Ich kann also ein paar Münzen für die Gruppe beisteuern, wenn ich ihn gegen meinen Lohn eingetauscht habe.“ antwortete sie.
Das Mädchen öffnete den Korb und zog an den Haaren den abgeschlagenen Kopf eines menschlichen Banditen hervor.
„Was für eine Ausrichtung hast du?“ wollte Ragin interessiert wissen.
„Ich bin rechtschaffen neutral.“ verkündete das Mädchen.
Das Gesicht des Elfen verzog sich vor Enttäuschung, als er antwortete: „Dann wirst du dich bei uns nicht wohlfühlen, tut mir Leid. Wir können dich natürlich gerne aufnehmen, aber es wird dir nicht lange gefallen. Wir sind nämlich neutral gut und chaotisch gut.“
„Das ist schade.“ antwortete sie enttäuscht.
„Nimm dir das nicht zu Herzen.“ redete Jador und tätschelte tröstend ihre Schulter, „Ich war auch eine Weile lang alleine unterwegs, bis ich Soran kennengelernt habe. Sieh dich einfach nach anderen in unseren Alter um, die ebenfalls alleine sind. Früher oder später findet du schon jemanden, mit dem es passt.“
„Danke für den Tipp.“ erwiderte sie und lächelte ihn an, bevor sie sich abwandte und fröhlich losging.
„Es gibt übrigens auch Abenteurer die eine böse Ausrichtung haben.“ erklärte Ragin, „Und wenn wir an einem Ort sind, wo sich soviele Abenteurer aufhalten, würde ich schätzen, dass das hier jeder dritte oder vierte sein könnte. Traut also keinem, der euch ein dubioses Angebot unterbreitet.“
Ciara, Inarisos und Jador sahen ihren Freund ungläubig an.
„Das war kein Scherz.“ versicherte er, „Eine Bardin hat einmal versucht, mich mit einem magischen Lied zu benebeln und in ihr Bett zu bringen. Das ist doch fast schon Schändung. Glücklicherweise sind Elfen gegen viele Arten von Magie immun. Und das ist nichts im Vergleich zu dem, was wirklich böse Abenteurer tun würden.“
„Jetzt, wo wir in der Gilde sind, was tun wir?“ fragte Soran.
„Wir sollten zuerst zur Gildentafel gehen und nachsehen, ob es dort Aufträge gibt.“ schlug Jador vor.
Die Freunde drängten sich zur Tafel hin. Dabei mussten sie mehr als einmal einen der anderen Abenteuer anrempeln. Der eine oder andere gab ein ärgerliches Geräusch von sich, doch sie vermieden es, diejenigen anzurempeln, die so aussahen, als würden sie Ärger machen. Schließlich standen sie an der Tafel. Dort waren mehrere Blätter angeheftet, auf welchen die verschiedenen Aufträge standen. Es waren nur wenige. Und es schien keiner darunter zu sein, den die Freunde erfüllen konnten.
„Oh, seht mal, ein roter Drache terrorisiert einige Tagesreisen von hier entfernt einige Dörfer.“ bemerkte Jador, „Die Belohnung ist sehr hoch, und hier steht, dass wir auch die Drachenschuppen hier verkaufen können. Ein Schmied möchte aus ihnen eine feuerfeste Rüstung schmieden.“
„Wir sechs gegen einen roten Drachen?“ fragte Ragin, „Dieser Drache ist gewiss kein Wyrmling. Wir sind keine Schwächlinge, aber auch keine Sechs-Personen-Armee. Diesen Auftrag können nur erfahrene Abenteurer übernehmen.“
„Dort ist noch ein Auftrag. Irgendein Magier möchte das Fell eines Einhorns haben. Derjenige der eines tötet, bekommt auch eine hohe Belohnung.“ las Soran vor.
„Wir ziehen doch nicht los, um ein unschuldiges Einhorn zu töten!“ meinte Ciara entsetzt, „Wer würde denn etwas so grausames tun?“
In diesem Moment trat ein Zwerg neben die Halbdrow. Er riss das Papier mit dem Auftrag von der Gildentafel und grinste sie böse an. Ciara schauderte bei diesem bösen Grinsen. Es erinnerte sie an das Grinsen eines Drow, kurz bevor dieser einer Sklaven folterte.
„Das war dann wohl ein böser Abenteurer.“ meinte Jador nur.
„Hat einer eigentlich Inarisos gesehen?“ fragte Kadlin und sah sich suchend um.
Tatsächlich war der junge Hexenmeister von der Gildentafel weg gedrängt worden. Ein gleichalteriges Mädchen, auch eine Abenteurerin, hatte ihn am Arm gepackt und einfach mit sich gezogen. Inarisos sah, dass sie keine Rüstung und auch keine Waffe trug, stattdessen war sie mit Fellen bekleidet. Offensichtlich war sie eine Barbarin.
„Wenn ich mich vorstellen darf, ich bin Chakja.“ sagte sie, „Ich habe dich schon bemerkt, als du mit deinen Freunden die Gilde betreten hast. Wie heißt du denn, hübscher Junge?“
„Ich bin Inarisos.“ antwortete der Junge, unsicher, was dieses Mädchen denn von ihm wollen konnte.
Ein junger Wolf kam auf sie zu und gab jaulende Geräusche von sich.
„Schwesterherz, ich habe dir doch gesagt, dass du mich in Ruhe lassen sollst, wenn ich einen Jungen anspreche.“ meinte Chakja säuerlich.
Der Wolf fiepte und zog sich schließlich zurück. Und jetzt begriff Inarisos auch alles.
„Deine Schwester ist eine Werwölfin?“ fragte er, „Ein Freund von mir ist ein Werpanther. Und er mag es auch, in seiner tierischen Gestalt umherzustreifen.“
„Ja, meine kleine Schwester ist eine. Ebenso wie die anderen Frauen hier, und wie ich.“ antwortete sie und wies in die Richtung, aus der sie gekommen war. Tatsächlich standen dort mehrere Frauen, ebenfalls bloß mit Fellen bekleidet. Doch Chakja schien die einzige in der Gruppe zu sein, die noch halbwüchsig war. Na ja, und wohl auch ihre jüngere Schwester.
„Wir sind erst gestern von einem Auftrag zurückgekommen. Wir haben einen Troll erledigt.“ erzählte sie, „Und in drei Tagen brechen wir erneut auf, um eine Orksiedlung zu vernichten.“
„Und ihr braucht Hilfe?“ vermutete Inarisos.
Chakja lachte auf, bevor sie antwortete: „Nein, ich wollte damit sagen, dass ich noch drei Tage lang in der Stadt sein werde. Das Gasthaus in welchem wir untergekommen sind, heißt `Zum Steindolch´. Ich muss mir zwar mein Zimmer mit meiner Schwester teilen, aber wir haben zwei Betten.“
Als Inarisos nichts darauf antwortete, lachte sie erneut auf und sagte: „Ich finde dich süß, Junge. Und wenn du ein bisschen... Spaß mit mir haben möchtest, dann kannst du gerne zum Gasthaus kommen. Wir wohnen im dritten Stockwerk.“
Inarisos begriff, was sie meinte. Natürlich, die meisten Abenteurer hatten in dieser Hinsicht... eine eher lockere Moral. Man konnte schließlich nie wissen, wann das letzte Abenteuer sein würde. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie Jador gerade verlegen eine weibliche Halbork abwies, welche ihn ansprach. Und eine der Frauen aus dieser Gruppe schien gerade Erfolg bei einem Halbelfen zu haben. Der Junge sah das Mädchen an. Sie war hübsch, sogar sehr hübsch für einen Menschen. Aber nicht so hübsch wie die Elfe Risbel. Das erste und einzige Mädchen, mit dem er sich vereint hatte. Diese Elfe hatte etwas besonderes an sich gehabt. Und was es auch war, Chakja hatte es nicht.
„Ich danke dir für dein Angebot, aber ich habe kein Interesse.“ sagte Inarisos schließlich verlegen, „Aber es ist nicht wegen dir. Du bist nett und hübsch.“
„Wirklich kein Interesse?“ fragte sie und drehte sich ein wenig mehr in seine Richtung, sodass er ihre Brüste besser sehen konnte. Sie war alles andere als schlecht gebaut.
„Nein, tut mir Leid!“ blieb der Hexenmeister standhaft.
„Schade.“ meinte sie und zuckte die Achseln, „Du kannst es dir aber jederzeit anders überlegen. Du hast drei Tage Zeit.“
Sie küsste ihn auf die Wange, zwinkerte ihm zu, und ging schließlich zu den anderen Frauen zurück. Inarisos sah ihr einen Moment lang nach.
„Ich hätte sie nicht abgewiesen.“ hörte er plötzlich Ragin neben sich reden.
Der Junge drehte sich zu seinem Freund um, doch Ragin legte ihm unvermittelt einen Arm um die Schultern.
„Im Ernst, menschliche Mädchen haben mehr... zum gucken und anfassen als elfische Mädchen. Und sie haben auch öfter Lust.“ fügte der Elf grinsend hinzu.
„Soll das ein Gespräch unter Lustmolchen werden.“ fragte Inarisos trocken, „In diesem Fall bin ich nicht der geeignetste Gesprächspartner.“
„Wohl wahr.“ erwiderte Ragin lachend, „Findest du mich auch hübsch?“
Inarisos brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass Ragin diese Frage an Chakja gerichtet hatte. Aber sie war doch schon ein gutes Stück entfernt. Doch das Mädchen drehte sich zu Ragin um, sah ihn einen Moment lang an, und grinste dann. Sie sagte etwas. Natürlich, begriff Inarisos dann, Werkreaturen hatten schließlich feine Sinne.
„Sie mag mich auch.“ freute sich der Elf.
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