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Von Dieben und Meuchlern

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Gen
15.04.2020
30.05.2021
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07.12.2020 4.162
 
Während der Abstieg in die Tiefe führte, zog sich der Weg in die Länge. Dichte Tannen belagerten den Rand des Pfades und tauchten ihn in ein schattiges Licht. Nur wenige tiefe Sonnenstrahlen kämpften sich durch die Kronen der Bäume, dafür erhielt aber ein kühler Wind Einzug, welcher stetig die Ohren des Khajiit hin und her wiegte. Sein rotes Fell stellte sich auf, bei der Brise, die ihm unangenehm durch das Fell strich. Seine Beine fühlten sich nach wie vor wackelig an, sein Verstand benebelt und seine gelben Augen blickten müde umher, während er erneut der schwarzen Echse folgte. Dieses mal stachen ihre langen Hörner durch die schwarze Kapuze hervor, so, als wäre er ein dremorischer Krieger, was Za´Tesh nun wirklich nicht mehr verwundern würde. Vielleicht war das sein Geheimnis.

Der Kater war sich inzwischen sicher, dass ihn gar nichts mehr überraschen konnte. Vielleicht lag es noch an dem Gift und dessen Nachwirkungen. Hin und wieder schwankte der Boden unter ihm und sein Körper bewegte sich wie von allein, während sein Geist noch ein zwei Schritte zurück zu hängen schien. Ganz unbemerkt schien sein Zustand jedoch nicht geblieben zu sein, denn der vorangegangende Argonier legte zunächst einen Zwischenstopp ein. Trotz seiner eingeschränkten Wahrnehmung hörte und roch Za´Tesh das kühle Wasser schon vom Weitem. Sie verließen den wegweisenden Pfad. Nach einer Abzweigung quer durch das Unterholz, welches sich dem Tageslicht immer mehr zu entziehen schien, zeichnete sich eine kleine Quelle zwischen den Bäumen, verlassen und vergessen und dennoch überdauert. Die Bäume hatten sich etwas von ihr zurück gezogen und dennoch standen sie so dicht aneinander, dass sie kaum bis gar kein Sonnenlicht zuließen.

„Von hier aus ist es nicht mehr weit“, ertönte der argonische Akzent, „Wir haben das Versteck fast erreicht.“

Er war neben den Khajiit getreten, dicht an ihm heran und dennoch hörter der Kater ihn kaum. Seine Augen starrten wie hypnotisiert auf den Fleck Wasser in der Mitte seines Sichtbildes, fast alles andere ausblendend. Er versuchte herauszufinden, ob er es sich einbildete, dass diese Quelle existierte, oder, ob sie tatsächlich da war. Wer hätte gedacht, dass das absolute Austrocknen von Innen heraus noch einmal ein Ende nehmen könnte?
Der Argonier folgte seinem Blick, dann schien er leicht zu schmunzeln. Er streckte eine Klaue in Richtung der Quelle aus, eine einladende Geste.
„Nur zu. Trinkt mein Freund. Nicht, dass Ihr mir schon vor der Erfüllung Eurer Aufgaben dahinscheidet...“
Zwar wusste Za´Tesh nicht, seit wann er auf Einladungen wartete oder seit wann es seine Art war, eine Erlaubnis für etwas zu brauchen, doch die Worte schien er benötigt zu haben, um sich endlich auf das Wasser zu stürzen. Ja, er stürzte sich tatsächlich auf die Quelle, denn ehe er sich versah, hockte er mit den Knien auf den feuchten Boden und hob seine Klauen in das Wasser, um es sich anschließend zum Mund zu führen. Die Flüssigkeit sickerte seine trockene Kehle hinunter und schien das Belebenste zu sein, das er je gespürt hatte. Dass ein bisschen Wasser so viel verändern konnte...Endlich schien sein Kopf wieder richtig arbeiten zu wollen, seine körperlichen Mechanismen hochzufahren. Er fühlte sich wie ein neugeborener Kater. Sein Kopf steckte fast in der Quelle, ein Teil floss aus seinem Mundwinkel wieder hinaus, lief an seinem Fell hinunter.

„Nicht so hastig“, scherzte der Argonier hinter ihm, doch der Khajiit ignorierte es.

Er hörte erst auf, als er zufrieden war. Mit der steigenden Wahrnehmung trat auch der spürbare Schmerz seiner Knochen an, den er bisher ignoriert zu haben schien. Langsam richtete er sich auf, das Pochen in seiner Schläfe war noch immer nicht verschwunden. Dennoch stellte er sich aufrecht hin, bevor er sich zu den Argonier umdrehte, ihn aus schmalen Augen betrachtete. Sollte er sich dafür bedanken, dass er ihn hergeführt hatte? Eigentlich hatte die Assassine ihn überhaupt erst in diese Lage gebracht.

„Ich bin fertig“, sagte der Khajiit schließlich nach kurzem Schweigen knapp und wischte sich mit der flachen Hand über das Kinn. Sein Gegenüber stand immernoch einige Schritte entfernt von der Wasserquelle und hatte sich bisher nicht wieder bewegt.

„Dann sollten wir keine Zeit verlieren“, kommentierte der Argonier schließlich, dann schritt er an Za´Tesh vorbei. Sein langer Umhang wehte hinter ihm her und dem Kater fiel die Maske auf, die er an dem Gürtel um seiner Hüfte trug. Ihr hämisches, eingeschnitztes Grinsen war gut zu erkennen. Unweigerlich erinnerte er sich an ihre erste Begegnung, als die Assassine zunächst diese Maske trug, bis er ihm sie während ihrer Rangelei heruntergerissen hatte. Von möglichen Kratzspuren seiner Krallen schien sie aber verschont geblieben zu sein. Ihre Oberfläche war weiterhin glatt. Er hatte noch nie eine Assassine mit einer solchen Maske gesehen, deshalb bezweifelte er, dass sie ein Abzeichen der dunklen Bruderschaft war. Doch was war sie dann?

„Was hat es eigentlich mit dieser Maske auf sich?“, entfuhr es Za´Tesh schließlich, bevor er die Frage aufhalten konnte.

Er wusste nicht, ob es klug war, solche Fragen zu stellen, doch nun war sie schon ausgesprochen. Den Schreck über seine eigenen Worte konnte er dennoch nicht gänzlich aus seinem Gesicht verbannen, als der Argonier sich leicht zu ihm umdrehte, bevor er sich wieder auf den Weg vor sich konzentrierte. Er führte ihn weiter von der Lebensrettenden Quelle und den Orientierungsgebenden Pfad weg, tiefer in das Unterholz. Nun schlugen einem die Äste entgegen und dichte Wurzeln zogen sich über den Boden.

„Es war ein Fundstück aus einer Ruine“, beantwortete ihm die Assassine die Frage dennoch überraschend schnell, ohne eine Stimmlage zu verwenden, die etwas über seine Emotionen gegenüber der Frage hätte aussagen können.

Za´Tesh starrte das Objekt erneut an. Die weißen, pupillenlosen Augen starrten zurück. Sie schien aus Holz zu sein, oder zumindest aus einem dünnen, leichten Material. Er erinnerte sich an die Legenden von verzauberten Gegenständen, Artefakte, die einem von den Göttern höchstpersönlich geschenkt werden konnten. Vielleicht war diese Maske verzaubert, vielleicht lag ein Fluch auf ihr. Manche Magier beherrschten die Kunst der Verzauberung und lasteten Flüche auf ihr Rüstungen um ihre Gegner zu schaden. Ihn würde es nicht wundern, wenn der Argonier so etwas auch beherrschen würde.

„Und was macht sie?“, fragte er schließlich weiter, wobei er sich darum bemühte, etwas neutraler zu klingen, doch stattdessen schwang eine große Neugierde in seiner Stimme mit. Er konnte sich nicht vorstellen, dass die Maske nichts weiter tat, als das Gesicht zu verdecken. Sie war besonders, das konnte er spüren.

„Typisch für einen Kater. Immer neugierige Fragen stellen“, antwortete der Argonier und er hörte erneut diesen amüsierten Unterton heraus, den er in letzter Zeit ständig anschlug.

Er drehte sich dieses mal nicht einmal um. Za´Tes h wartete einen Moment, in der Hoffnung, er würde weiter sprechen und ihm eventuell noch etwas erzählen, doch das tat er nicht. Die Assassine schwieg und führte ihn einfach weiter gerade aus. Das Holz wurde dichter und irgendwie schien es noch kühler zu werden, mit jeden Schritt. Zum Glück trug er dichtes Schuhwerk, das ihn fest über die verschlungenden Wurzeln der Bäume führte. Sonst wäre er vielleicht stetig ausgerutscht. Irgendwie schien der Boden feucht zu sein, obwohl unmöglich Regen durch die dichte Bewachsung dringen konnte. Er war moderig, wie der Tod.
Za´Tesh war das Schweigen seltsam unangenehm. Vielleicht lag es daran, dass ihn das Gefühl beschlich, etwas Falsches gesagt zu haben. Er beobachtete den Rücken des Argoniers aufmerksam. Obwohl der Khajiit-Mann groß war, war die Echse noch um einiges größer als er selbst. Das war keine Seltenheit, denn die meisten Argonier waren groß.
Sie liefen für einige Zeit weiter, immer gerade aus. Die Umgebung verdunkelte sie stetig. Irgendwie kam es ihm so vor, als würde dieser Weg ewig andauern.

„Das Versteck der dunklen Bruderschaft ist ja tatsächlich...ganz schön versteckt“, stellte Za´Tesh leise fest, sein Blick auf den Boden gerichtet, um geschickt über die Hindernisse zu klettern.

„Natürlich. Dachtet Ihr unser geheimes Quartier wäre an der grellen Oberfläche erbaut worden?“, fragte der Argonier. Mit einem Dolch schlug er ein paar Äste zur Seite.
„Wir haben durchaus viele Feinde. Ehrliche Kämpfer der Gerechtigkeit, die sich dafür interessieren, die dunkle Bruderschaft auszulöschen.“

Natürlich, das machte schon Sinn. Es schien nicht die ganze Welt korrupt zu sein, wenn auch ein großer Teil davon. Viele der normalen Bürger hassten die dunkle Bruderschaft wie die Diebesgilde. Sie glaubten die Mächtigen, die Herrscher der Welt dabei auf ihrer Seite zu haben, doch Za´Tesh wusste, wie sehr sie sich täuschten.

„Vertraut Ihr mir überhaupt? Immerhin führt Ihr mich direkt in Euer Versteck.“

Das fragte sich Za´Tesh eigentlich schon die ganze Zeit. War das nicht zu gefährlich?

„An wen solltet Ihr Euch denn schon wenden. Ihr seid ein gesuchter Mann, schon vergessen?“, der Argonier zuckte mit den Schultern und Za´Tesh war durchaus klar, dass er damit Recht hatte.
„Außerdem würdet Ihr mir eh nicht entkommen. Es wäre mir ein leichtes, Euch zu verfolgen. Ich bin Euch vor meinem ersten Angriff schon länger gefolgt und Ihr habt mich nie bemerkt. Ich beobachte meine Opfer immer, um sie zu studieren.“

Eigentlich sollte das Za´Tesh nicht überraschen, dennoch wurde seine Kehle wieder trocken. Wie lange war er ihm denn gefolgt? Er hatte gewusst, dass überall Assassinen lauerten, doch meist hatte er dessen Präsenz eben deutlich wahrgenommen. Ihm war nie ein Argonier aufgefallen, der ihn beobachtete. Natürlich nicht, er hatte ihn ja auch nicht bemerkt, als er einen Pfeil auf Talen-Jei gerichtet hatte. Sicherlich hatte er diesen auch länger beobachtet, um herauszufinden, wie er ihn am besten spät Abends aus der Stadt locken konnte. Eine Sache interessierte ihn noch. Za´Tesh überlegte eine Weile, bevor er seine Frage stellte.

„Wie soll es eigentlich mit Keerava weitergehen?“

Er wusste nicht, ob es klug war, überhaupt so viel zu fragen, doch die Neugierde brannte auf seiner Zunge. Wenn er schon an dieser seltsamen Assassine gebunden war, konnte er doch wohl auch ein bisschen etwas über seine Organisation oder seine Pläne erfahren. Und mit Talen-Jeis Tod konnte sein Plan doch wohl unmöglich zuende sein.

Auch dieses mal drehte der Argonier sich nicht um, sondern lief einfach weiter gerade aus. Er konnte nicht sagen, ob ihn seine Frage verärgerte oder nicht und es machte ihn schon etwas nervös.

„Zunächst muss ich mich um die dunkle Bruderschaft kümmern“, antwortete ihm die dunkle Echse schließlich doch, „Aber ich sollte nicht zu lange warten. Sonst wird sich der Nächste an sie verirren. Wenn zu viele Morde mit dieser Sache in Verbindung gebracht werden können, wird das Ganze zu auffällig.“

„Wollt Ihr wirklich jeden umbringen, der sich für sie interessiert? Keerava wäre sicherlich nicht davon begeistert, wenn sie merkt, dass Ihr hinter den Morden steckt.“
Er konnte sich kaum vorstellen, dass jemand anderes außer vielleicht ein Argonier selbst, sich für die Schuppenfrau interessieren würde, dennoch konnte man ja nie wissen.

„Wahrscheinlich wäre sie nicht begeistert, nein, doch was sollte ich sonst tun? Vielleicht würde sie es sogar schätzen, dass sich jemand so sehr für sie interessiert, dass er so etwas tun würde, wer weiß? Wenn sie wahre Liebe zu schätzen weiß, dann wird sie es verstehen. Sie wird es so oder so früher oder später verstehen.“

Was für eine eigenartige Vorstellung von Romantik.

„Dass sie mich verdächtigt glaube ich aber nicht, denn dafür kennt sie mich nicht gut genug, auch wenn ich sie ganz genau kenne“, fügte der Argonier hinzu, als wäre es das selbstverständlichste der Welt.

„Was meint Ihr damit?“, eigentlich wusste Za´Tesh nicht so genau, ob er das Thema vertiefen wollte, doch er fragte dennoch.

„Ich habe sie lange beobachtet, so wie ich jeden beobachte, der für mich eine Rolle spielen könnte. Ich konnte nicht zu schnell in ihr Leben treten, also hielt ich mich bedeckt. Ich habe mich bisher genau drei Male mit ihr persönlich unterhalten, kurze Gespräche, doch ich konnte sie tagelang während meines Aufenthalts in Rifton beobachten.“

Wie bitte?

„Ihr habt Euch nur drei Male mit ihr unterhalten?“, Za´Tesh riss ungläubig die Augen auf, „Ihr habt so ein Risiko auf Euch genommen für jemanden, mit dem Ihr gerade mal drei Male gesprochen habt und das nur ein paar Minuten lang?“

Woher sollte der Argonier überhaupt wissen, ob es sich lohnen würde, solche Risiken einzugehen? Woher sollte er wissen, ob sie ihn nicht ablehnen würde? Gerade, da sie irgendwann verstehen würde, womit er seinen Lebensunterhalt verdiente. Oder wollte er sich dann etwa zur Ruhe setzen? War er vielleicht so arrogant, dass er gar nicht auf die Idee kam, dass sie ihn ablehnen könnte? Vielleicht war er auch so verrückt, dass er diesen Gedanken nicht fasste und Za´Tesh war sich nicht sicher, ob es klug war ihn auf diese Option hinzuweisen, als sein möglicher Redefluss zum Glück verhindert wurde.

Er lief schnurrtracks in die Echse hinein und irgendwie hatte er das Gefühl eines Deja vus. Verwirrt blinzelte er, als er gerade aus auf eine felsige Steinwand blickte, die das Ende eines Teiles des Waldes makierte. Die Bäume waren noch immer dicht bewachsen, dennoch schien etwas mehr Tageslicht Eintritt zu finden. Ein kleiner Teich wurde von schummerigem Licht erfasst, welches auch auf das Gestein herab fiel, in dessen Mitte sich eine schwarze Tür zeichnete. Ja, es war tatsächlich eine Tür, wie die, die zu einem Haus führen würde, nur dass ihre Musterung kein heimisches Gefühl erweckte. Ein großer, massiver Totenschädel mit schwarzen Augen, die einem leer entgegen starrten, prangte in der Mitte der Tür. Es war, als würde er sie beobachten. Kälte kletterte zu Za´Tesh hinüber und ließ ihn erschaudern. Schon wieder so ein Gegenstand, der eine seltsame Aura ausstrahlte.

„Wir sind da“, gab der Argonier kurz zu verstehen. Seine roten Augen musterten lange die Gegenüberliegende Tür, mit einem Ausdruck darin, den Za´Tesh nicht deuten konnte. War es vielleicht glücklicher Wehmut darüber, wieder zuhause zu sein? Oder waren es dunkle Erinnerungen, die er mit diesem Ort verbandt. Freude, Trauer, Leere? Er wusste es nicht. Er wusste nicht einmal, was er selbst darüber empfinden sollte, nun hier zu sein, oder gegenüber den Geschehnissen der letzten Tage im Allgemeinen.

„Nun müssen wir Euch nur noch in das Versteck bekommen.“

Der Argonier griff mit einer Hand in seinen Mantel und lockerte vorher den dünnen Gürtel, der sich um seine Taille schlang. Aus der Innenseite zog er ein Flässchen hervor, mit einer blauen Verfärbung. Sie war bis zur Hälfte mit einer nicht definierbaren Flüssigkeit gefüllt. Za´Tesh hörte das schwappende Geräusch, als der Argonier das Fläschschen leicht schüttelte.

Verwirrt blickte der Kater auf das kleine Objekt. Er strengte seine Nase an, doch er konnte nicht riechen, worum es sich handeln könnte. Das einzige, was er riechen konnte, war Flüssigkeit.

„Meine Brüder und Schwestern da drinnen sind keine Laien“, gab der Argonier von sich, während er sich mit einer Klaue den Gürtel wieder enger um die Taillie wickelte und somit den langen Mantel gänzlich verschloss, „Sie kennen sich mit Veränderungspraktiken aus. Von daher werden wir nicht viel Zeit haben, um Euch in das Versteck zu bekommen. Ihr müsst meinen Wegbeschreibungen genaustens folgen, um zu dem Mitglied zu gelangen, dass Euch in Empfang nehmen wird. Passt auf, dass Ihr Euch leise bewegt und niemanden anrempelt.“

So ganz verstand der Khajiit nicht, wovon der Argonier sprach. Dieser schien das aber zu bemerken und seufzte.

„Ihr habt keine Ahnung von Alchemie oder Magie habe ich recht?“, fragte er schließlich und lockerte seine Kapuze.

Za´Tesh schüttelte nur zaghaft den Kopf. Er hatte immer mit seinem Streitkolben den direkten Kampf gewählt. Ferner benutzte er Pfeil und Bogen, um seine Gegner, meist ohne Vorwarnung, vom weitem auszuschalten. Wahrscheinlich war er das einzige Wesen auf Nirn, das keinen Funken Magie in sich besaß. Zumindest hatte Za´Tesh nie eine Verbindung zu diesen Praktiken gespürt, noch ein großes Interesse. Seine Talente lagen woanders. Dass Magie praktisch sein konnte, hatte durch die Heilungsfertigkeiten und Totenbeschwörung des Argoniers nun inzwischen verstanden. Das änderte aber nichts daran, dass es ihm ein Rätsel war, wie so etwas funktionierte.

„Das dachte ich mir schon“, seufzte der Argonier erneut, dann blickte er noch einmal zu der schwarzen Tür. Der Totenkopf schien leeren Augens zurückzustarren, kalt und reglos. Abwartend.

„Die Tür ist versiegelt, damit Eindringlinge, falls sie dieses Versteck hier finden sollten, keinen Einlass finden. Die einzige Möglichkeit, die mir eingefallen ist, um Euch unbemerkt hinein zu bekommen, ist dieser Zaubertrank. Er wird Euch für kurze Zeit unsichtbar machen. Das bedeutet nicht, dass nicht einige Eure Präsenz dennoch wahrnehmen könnten.“

Erneut schüttelte er das Fläschchen und erneut drang das Geräusch von tanzender Flüssigkeit an sein Ohr, welches gegen das Glas schwappte. Zum Glück war er nicht mehr so durstig. Nun machte ihn das Geräusch nur noch nervös.

Vielleicht hatte der Argonier diese Tränke verwendet, um ihn damals zu verfolgen? Weiterhin starrte er auf das Fläschchen, unsicher, ob er seinem Gegenüber überhaupt vertrauen sollte.

„Es ist ein alter Trick, aber ein sehr zuverlässiger. Ihr bleibt zunächst dicht hinter mir. Sobald wir durch den ersten Gang zum großem Raum gelangt sind, nehmt Ihr die Treppe neben den kleinen Wasserfall. Dann die erste Tür rechts, dann die schwarze Eisentür rechts. Ihr werdet in einem Raum gelangen mit einem Glasfenster. Dort werdet Ihr die Person finden, die mit Euch sprechen wird. Es wird zu der Zeit niemand den Raum betreten, da dieses Mitglied sich um die Mutter der Nacht kümmert und für dessen Pflege absolute Ruhe braucht. Ihr braucht also keine Angst davor zu haben, dass jemand unerwünschtes dazu stoßen könnte. Sollte es dennoch so sein, müsst ihr direkt die Flucht ergreifen. Ich werde versuchen, Euch unbemerkt Zeit zu verschaffen. Ich rechne aber nicht damit, dass es soweit kommen wird.“

Nun trat der Argonier einen Schritt näher zu dem Khajiit heran, welcher sich immer noch im Schweigen hüllte. Ungewöhnlicherweise war ihm noch kein Protest über die Lippen gekommen, trotz des steigenden Unbehagens. Vielleicht lag es daran, dass er wirklich in ein Nest voller auf ihn angeheuerter Meuchelmörder steigen sollte. Vielleicht auch daran, dass er dieser Flüssigkeit instinktiv nicht vertraute. Ein anderer Gedanke war eine mögliche Flucht, während er unsichtbar war. Doch er glaubte nicht, dass er weit kommen würde. Der Argonier würde ihn früher oder später finden. Die Ausgänge und Gänge innerhalb des Versteckes kannte er nicht und wenn er jemanden über den Weg laufen würde, welcher seine Anwesenheit wahrnahm, konnte das Ganze sehr böse für ihn ausgehen. Sollte er es dennoch riskieren oder nicht? Still starrte er seinen Gegenüber an, ließ seine Gedanken um einen möglichen Entschluss kreisen.

„Die Wirkung des Trankes hält nicht lange an. Wenn wir drinnen sind haltet Ihr Euch so lange hinter mir, bis wir den großen Raum betreten haben. Dann folgt ihr meiner weiteren Wegbeschreibung. Beeilt Euch und seid dennoch möglichst leise“, sprach der Argonier weiter und ließ den Khajiit dabei nicht aus den Augen. Er erkannte sein Unwohlsein sicherlich und zur seiner Überraschung ging er sogar darauf ein.

„Die dunkle Bruderschaft zählt nicht mehr viele Mitglieder. Ihr werdet überrascht sein, wie wenige wir eigentlich sind. Somit dürftet Ihr nicht vielen auf diesen kurzen Weg begegnen“, kurz hielt der Argonier nach dieser indirekten Beruhigung inne, bevor er weiter sprach, „Meine Familie vertraut mir. Es ist nicht so, dass ich sie hintergehen will, doch ich tue es für einen guten Zweck. Ich selbst werde zunächst Informationen über den Mörder von Grelod holen und dann später zu Euch beiden stoßen.“

Mit einer Handbewegung hielt er Za´Tesh das Fläschchen unter die Nase. Noch immer roch es nach nichts.
„Ihr werdet dies trinken müssen. Dann werde ich die Tür öffnen. Denkt an die Wegbeschreibung.“

Der Argonier sah den Khajiit eindringlich an, welcher den Blick erst erwiderte und dann zur schwarzen Tür sah. Sie war sicherlich aus schweren Eisen gefertigt, glänzte schwarz im dämmerigen Licht, zwischen den Zweigen der Bäume, still im kühlen Wind.

„Und Ihr wollt mich sicher nicht umbringen?“, was brachte es eigentlich, seine Zweifel auszusprechen? Würde der Argonier dies wollen, würde es eh geschehen. Sicherlich wäre es sowieso schon deutlich eher passiert.

„Ihr wisst doch, dass ich das schon längst getan hätte“, antwortete der Argonier leise, ohne den drängenden und genervten Unterton aus seiner Stimme zu verbannen. Eine seltsame Spannung herrschte zwischen ihnen.

Der Khajiit sah erneut zwischen der größeren Echse und der Tür, die so malerisch zwischen dem Grün des Waldboden existierte hin und her, bis er schließlich das Fläschchen ergriff. Sie fühlte sich kühl an und glatt. Seine Krallen verschraubten sich etwas in das Material. Langsam zog er den Korken, welcher als Verschluss im dünnen Glashals steckte, ab, was ein zischendes Geräusch ergab und welchen er achtlos fallen ließ, bevor er sich die Flasche langsam zum Mund führte. Dabei atmete er tief ein und aus. Noch immer roch er gar nichts, nichts, was auf Gift hinweisen konnte, aber auch nichts, was ihm verraten würde, was stattdessen die Zutaten waren. Schließlich sickerte die Flüssigkeit seine Kehle hinunter, wobei sie genauso schmeckte, wie sie roch. Nach nichts. Nicht einmal nach Wasser. Sie floss dünn in seinen Rachen, nicht dickflüssig oder beschwerlich, nicht warm oder kalt. Es war das wahrscheinlich Flüssigste, das er je getrunken hatte. Za´Tesh legte den Kopf in den Nacken, um auch den letzten Rest aus der Flasche heraus zu bekommen. Sein Gegenüber beobachtete ihn genau, dann lächelte er leicht. Es war ein Lächeln, dass sich langsam ausbreitete. Und es war erneut ein gruselig humanoider Ausdruck in seinem reptilischem Gesicht.
Es war zufrieden.

„Sehr gut. Das hat gut funktioniert“, sagte der Argonier und sah Za´Tesh direkt in die Augen, als dieser den letzten Rest gelehrt hatte und zurück nach vorn sah. Ein leichter Schwindel trat auf, aber sonst bemerkte er nichts an Nachwirkungen. War er nun unsichtbar? Vorsichtig blickte er auf seinen Arm, als er die leere Flasche zurück an die Assassine begab und tatsächlich erkannte er nur schimmernde Umrisse davon. Durch diese spiegelte sich der dünn mit Gräsern bewachsene Waldboden. Es hatte funktioniert. Dennoch schien der Argonier ihn genaustens zu sehen, denn er nahm die Flasche nicht nur entgegen und verstaute sie zurück in die Innenseite seines Mantels, sondern er starrte auch direkt in Za´Teshs Gesicht, in seine Augen. Natürlich bestand die Vermutung, dass er sich es einfach nur gemerkt hat, auf welcher Höhe sie sich befanden, dennoch fühlte der Khajiit sich tatsächlich gesehen. Wollte er damit seinen Willen auf eine mögliche Flucht schmälern?

„Nun kommt, ab jetzt muss alles glatt gehen. Und denkt daran: nicht sprechen, nichts und niemanden anrempeln. Haltet Euch an die Wegbeschreibung.“

Der Argonier wandte sich schließlich der Tür zu und ging voran. Er schritt an den kleinen Teich vorbei, welcher sich vielleicht einmal auf einem natürlichen Weg aus Regen gebildet hatte. Vielleicht gab es einmal eine Zeit vor der dunklen Bruderschaft, als der Wald noch nicht finster und vor dem Sonnenlicht verdeckt war. Zögernd ging der Khajiit hinter ihm her. Rechts und links von ihnen waren nur Bäume zu erkennen, vor ihnen die Erhöhung, die wieder in einen von Bäumen durchwachsenen Wald führen würde. Wenn er zumindest wüsste in welchem Fürstentum sie sich gerade befanden. Überall waren Bäume und moderiger Waldboden. Wenn er fliehen wollte, sollte er es vielleicht jetzt tun. Doch irgendetwas zwang ihn dazu, dennoch hinter der Echse zu bleiben. Wie hoch waren seine Chancen, dass er entkommen würde? Wo wollte er hin? Er schluckte, als ihm klar wurde, wie schlecht seine Chancen standen. Ja, er hatte Recht. Er war ein gesuchter Mann. Bis nach Elsweyer würde er es nicht innerhalb einer kurzen Zeit schaffen. Za´Tesh blieb wie angewurzelt stehen, als der Argonier vor der Tür stoppte. Eine unglaubliche Kälte strahlte von ihr aus. Wie ein kalter Wind der anfing zu flüstern. Die Augen der Tür schien sie weiterhin zu beobachten, als wären sie tatsächlich lebendig. Ob sie auch Za´Tesh sehen konnte?
Vorsichtig kam eine schwarze Klaue unter den langen Ärmel des dunklen Mantels zum Vorschein, welche sich behutsam auf das schwere Eisen ablegte. Der Totenschädel schien diese Berührung wahrzunehmen.


"Was ist die Melodie des Lebens?"


Za´Tesh hörte die leise Stimme, fast so leise wie das Flüstern des Windes, oder das Rascheln der Bäume, nah an seinem Ohr. Und dennoch war sie da, umschloss ihn gemeinsam mit der Kälte des Windes, wie ein Nebel, welcher ihn erst gehen lassen würde, wenn er eine Antwort gegeben hätte. Sie drang untersuchend in ihm ein, lähmte ihn. Erschrocken zuckte er über dieses Gefühl zusammen, der Argonier hingegen verharrte still. Er beugte sich näher zu der Tür hinüber, als er Za´Tesh leise, aber bestimmend das Antworten abnahm.

„Still mein Bruder.“

Die festhaltende Kälte um seinen Körper herum schien nachzulassen, gemeinsam mit einem zufrieden klingendem Seufzen. Ein willkommen heißendes Seufzen, ein wiedererkennender Laut, von einer Person, die nun verstand, dass sie sie eigentlich erwartet hatte. Die Antwort war die Richtige. Die Augen des Totenschädels schienen an Leben zu verlieren, so als würde er sich in einen normalen Gegenstand zurück verwandeln. Ein Knacken ertönte, dann schob sich die Tür von selbst schwer über den Boden auf und enthüllte einen kühlen, unternirnischen Gang. Tanzende Fackeln, die in ihrer Halterung an den steinernden Wänden hingen tauchten den Weg vor ihnen in ein schwaches Licht. Schon von hier aus konnte Za´Tesh Windungen und Treppen erkennen, allesamt in übergreifender Dunkelheit gehüllt.


„Tretet ein.“


Der Argonier richtete sich wieder vollständig auf und streckte seinen Rücken durch bevor er dem Befehl der sprechenden Tür folgte und Za´Tesh es ihm nachtat.
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