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Spielsucht

von Skillz
GeschichteSuspense, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Han / Han Jisung Lee Felix Seo Changbin
15.04.2020
20.12.2020
49
124.501
16
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29.11.2020 2.204
 
Jisung vertraut Felix. Absolut.

Für ihn gibt es jedoch einen Unterschied, ob er jemanden misstraut, oder, ob er lediglich versucht, hinter die Kulissen zu spähen. Manchmal realisieren Menschen immerhin nicht, dass sie im Unrecht liegen.

Die Aktion, die Felix am Samstag bei Changbin abgezogen hat, ist schockierend für alle gewesen. Er hat keine Ahnung, was genau das Problem ist. Felix ist nicht zu erreichen und Changbin schweigt ebenso, offensichtlich verletzt und verwirrt.

Das Einzige, was er gesagt hat, ist: ,,Ich hab' Felix echt gerne. Aber das war nicht Felix. Wenn er sich beruhigt hat und er zu mir kommt, dann kann ich ihm verzeihen. Gerade will ich nur meine Ruhe.”

Und Jisung kann ihm nur zustimmen. Das ist ganz bestimmt nicht Felix gewesen. Er hat ja schon länger die Transparenz in ihrer Freundschaft verloren. Irgendetwas stimmt nicht, und auch wenn Jisung noch nicht genau sagen kann, was es ist, will er unbedingt dahinterkommen.

Daher recherchiert er viel im Internet, besucht Foren und sucht nach möglichen Beiträgen, die ihm bei seiner Suche weiterhelfen könnten. Allerdings hat er nicht viele Anhaltspunkte und weiß nicht, wonach er konkret überhaupt schauen muss. Die Recherche wird immer frustrierender. Auf wirklich viele hilfreiche Ergebnisse kommt er ja nicht. Mittlerweile ist er sogar so verzweifelt, dass er auf irgendwelchen bescheuerten Frageseiten nach Hilfe sucht. Allmählich gehen ihm wirklich die Optionen aus.

Hallo,
ich kenne meinen besten Freund seit drei Jahren und eigentlich fällt es mir leicht, ihn zu verstehen.
Die letzten Wochen hat er jedoch viel an Veränderung durchgemacht. Seine Stimmungen schwanken sehr oft, er hat Aggressionsanfälle aus dem Nichts und dann wirkt wieder alles okay. Es scheint fast so als könnte er seine eigenen Emotionen weder einschätzen, noch kontrollieren.
Er lässt nicht mit sich reden und ich weiß nicht, was ich tun soll …
Hilfe wäre nett!


Danach lässt Jisung das Ganze ein wenig ruhen, weil er nicht weiß, wie lange es dauert, um Antworten zu erhalten. Daher versucht er, seine Hausaufgaben zu machen, obwohl er sich nicht wirklich konzentrieren kann.

Irgendwann begibt er sich in die Küche, um sich ein Sandwich zu machen. Dort trifft er auf Younghyun, der Tee kocht.
,,Hey”, murmelt er und kramt nach Brot.

,,Hey.” Younghyun hat bis dato in sein Buch gestarrt, fixiert allerdings nun den Blick auf seinen kleinen Bruder. ,,Und? Wie geht es Felix?”, fragt er beiläufig.

Jisung öffnet den Kühlschrank und holt verschiedene Lebensmittel heraus. ,,Hör’ auf, dich ständig nach ihm zu erkundigen.” Er schneidet Käse und belegt sein Brot. ,,Wenn du ihn auch nur anfasst, bist du tot.”

Younghyun kratzt sich am Kopf. ,,Er ist nun einmal ziemlich provokant.”

,,Felix geht’s nicht gut und du nutzt das aus. Er weiß nicht, was er gerade macht”, murrt Jisung und klatscht die zweite Scheibe Brot auf den Stapel. ,,Außerdem ist er schon vergeben”, lügt er und nimmt das Sandwich mit auf sein Zimmer.

Dort setzt er sich wieder an seinen Laptop und ruft seine Frage auf. Tatsächlich gibt es ein paar Antworten. Aufgeregt scrollt er nach unten, um sie zu lesen:

Klingt nach privaten Problemen. Vielleicht hat er wegen der Pubertät so Stimmungsschwankungen.
Antwort darauf:
Für mich klingt das aber ziemlich ernst. Ich würde einen Therapeuten aufsuchen. Natürlich könnte dein bester Freund einfach zu einer sehr exzentrischen Person werden. Aber dahinter könnte auch irgendeine Persönlichkeitsstörung stecken. Hat er irgendwelche Traumata? Schlimme Erlebnisse? Informiere dich mal darüber! Es gibt auch viele kostenlose Hotlines, die dir da helfen können.
Antwort darauf:
Um ehrlich zu sein: Für mich klingt das ein bisschen nach Borderline. Kenn’ mich da aber nicht so gut aus, sry.


Jisung blinzelt mehrmals und starrt auf den Bildschirm. ,,Bor...derline.” Natürlich hat er schon davon gehört, aber sonderlich viel weiß er darüber auch nicht. Wieso auch?

Dennoch zögert er nicht und googled sofort danach.

Er wird überhäuft mit Ergebnissen, weswegen er die nächsten zwei Stunden damit beschäftigt ist, verschiedene Informationen über Persönlichkeitsstörungen zu sammeln. Je mehr er liest, desto eher glaubt er, dass etwas dran sein könnte. Sicher kann er sich dennoch nicht sein.

Er erschaudert, als er liest, dass Menschen mit Borderline sich auch selbst verletzen. Was ist, wenn das Felix auch irgendwann passiert?

Er atmet lange aus. In so einem ernsten Fall bräuchte Felix dann definitiv professionelle Hilfe. Aber wie soll Jisung das ansprechen?

,,Hey, Felix. Ich glaube, du hast Borderline. Lass ma’ zum Therapeuten gehen!”

Überfordert vergräbt er das Gesicht in den Händen. Und wenn er seine Mutter um Hilfe bittet? Er fragt sich ohnehin, ob die schon etwas von seinem seltsamen Verhalten aufgeschnappt hat. Sollte Felix so etwas wie Borderline haben, kann man das aber sowieso nicht diagnostizieren, weil er noch nicht 18 ist. Die Persönlichkeit muss sich noch entfalten.

Aber Jisung kann auch nicht einfach nur da sitzen und nichts unternehmen. Warum kann er kein besserer bester Freund sein?

,,Irgendetwas habe ich verpasst”, murmelt er vor sich hin und starrt auf seinen Block voller Notizen, ,,Was auch immer es ist: Ich werde dich da rausholen, Felix.”





Am Montag taucht Felix nicht in der Schule auf. Das ist mehr als alarmierend. Selbst in den Phasen, in denen er ganz schlimm gehänselt worden ist, hat er keinen einzigen Tag gefehlt. Bildung ist ihm immer wichtig gewesen und eigentlich kann ihm niemand diese Priorität nehmen. Naja, außer er selbst.

Vielsagend schauen sich die Jungs an, als sie auch in der Pause weit und breit nichts von ihrem Sommersprossigen Freund sehen.

,,Da hat wohl jemand verkackt”, kommentiert Minho leichthin, um die Stimmung zu lockern.

Changbin schreibt unberührt in sein Lyricsbuch und ignoriert gekonnt den Kommentar. Er kaut nachdenklich auf dem Ende des Stifts und summt eine kleine Melodie vor sich hin. Sie ist jedoch so leise, dass Jisung nicht wirklich etwas hört.

,,Schon krass … Normalerweise fehlt er nicht.” Die Besorgnis steht Chan quer im Gesicht geschrieben. ,,Ob es ihm gut geht?”

,,Aber dass er auch so empfindlich reagieren muss”, wirft Jeongin ein.

Bevor Jisung etwas sagen kann, bemerkt er Heeyeon, die wütend auf die Gruppe zustapft. ,,Wo ist Lee-Loser?!”

,,Nenn’ ihn nicht so!”, meint Jisung erbost und reckt etwas die Brust heraus. Diese dumme Schnepfe bringt ohnehin nur Ärger.

,,Er ist Schuld daran, dass meine Nägel abgebrochen sind!”

Kurz linst Jisung zu ihren Fingern. Daumen, Zeige- sowie Mittelfinger sind umwickelt mit dicken Pflastern. Er hätte Mitleid mit ihr, wenn sie sich nicht absolut lächerlich aufführen würde.

,,Dafür kann Felix nichts. Es ist nicht sein Problem, dass du immer solche langen Plastikdinger trägst”, mischt sich nun Jeongin ein, was ziemlich ungewöhnlich ist. Als Jüngster hält er sich meistens zurück und lässt seine Hyungs machen, aber scheinbar stinkt ihm die Art des Mädchens ebenso gewaltig bis zum Himmel.

Heeyeons Nasenflügel wollen scheinbar einem Erdbeben Konkurrenz machen, da sie heftig anfangen vor Zorn zu vibrieren. ,,Er hat Kleber in die Bowlingkugeln geschmiert! Und er hat die Kugel hingelegt.”

,,Für mich sah das eher so aus als wollte er die Kugel mitnehmen”, erwidert Chan scharf und sieht sie mahnend an.

Tatsächlich nimmt sich Heeyeon ein bisschen zurück - vor Chan haben die meisten Schüler Respekt, daher passen sie etwas mehr auf mit ihren Worten in seiner Gegenwart. Dennoch ist ihre Wut nach wie vor deutlich in ihrem Blick zu sehen. ,,Er hat irgendetwas damit gemacht! Und es ist seine Schuld.”

,,Du hast keine Beweise”, kontert Jisung und verengt die Augen.

Darauf will Heeyeon etwas erwidern, allerdings sieht sie kurzerhand ein, dass es stimmt. Ihre Aussagen kann sie nicht belegen. Und so weit Jisung sich umgesehen hat, sind die Bahnen nicht Videoüberwacht gewesen.

,,Dass er nicht hier ist, ist doch wohl Beweis genug!”, faucht sie.

,,Wo soll das bitte ein Beweis sein?”, mischt sich nun Changbin ein, der das Buch zur Seite legt, ,,Schüler können genauso gut fehlen, weil es ihnen nicht gut geht.”

,,Er drückt sich!” Sie mustert ihn abschätzig und grinst. ,,Ach, stimmt ja. Ihr Zwei hattet doch einen kleinen Streit. Hat er nicht Cola über dich geschüttet?” Sie lacht laut auf, was die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. ,,Lass mich raten: Du hast versucht, ihm an die Wäsche zu gehen.”

Changbin nimmt die Situation ruhig auf. ,,Nein. Wieso sollte ich?”

,,Weil Lee-Loser leicht zu haben ist. Oder hast du schon den fetten Knutschfleck vergessen?” Erneut lacht sie auf. ,,Er ist eine kleine Schl-”

,,Wenn du diesen Satz zu Ende bringst, dann bist du tot”, knurrt Jisung. Feindselig starrt er sie an, als würde er hoffen, dass seine Augen Löcher in ihren Körper brennen.

Ehe Heeyeon etwas erwidern kann, klingelt es zum Schluss der Pause. ,,Tja, nochmal Glück gehabt, ihr Versager.” Sie macht auf dem Absatz kehrt und schlendert zurück zu ihrem Tussenclub.

,,Wow, ich habe keine Ahnung, wie du es geschafft hast, ruhig zu bleiben”, meint Jisung an Changbin gewandt.

Dann merkt er, dass der Ältere in beiden Händen je eine Hälfte seines zerbrochenen Sitfts hält. ,,Ich war nicht ruhig”, antwortet er und schnappt sich sein Lyricsbuch, bevor er Chan ins Schulgebäude folgt.





Jisung versucht über den gesamten Tag Felix zu erreichen. Aber er geht weder ans Telefon, noch antwortet er auf Chatnachrichten. Sogar auf Discord ist er offline (oder er hat seinen Status versteckt).

Es ist zum Haare ausreißen. Und Jisung kann nicht aufhören, diverse Persönlichkeitsstörungen zu googlen. Sein Bauchgefühl sagt, dass irgendetwas dran ist. Immerhin kennt er Felix ziemlich gut, doch in letzter Zeit ist er mehr als fremd geworden. Ob es wirklich an diesem einen unglaublich miserablen Valentinstag liegt?

Gleichzeitig weiß er überhaupt nicht, was in Felix vor sich geht. Wahrscheinlich gibt es noch so viel mehr Wissenswertes und Jisung hat keinen blassen Schimmer. Alleine der Gedanke, dass sein bester Freund einige Angelegenheiten vor ihm versteckt hält, verletzt ihn.

Aber Jisung bekämpft dieses Gefühl. Sollte eine tatsächliche Störung vorliegen, dann ist das nicht wirklich Felix. Felix würde ihm nicht wehtun wollen. Es sind nur die Emotionen, die ihn aus der Bahn werfen und alleine in Frustration zurücklassen.

Er wäre unheimlich gerne für Felix da, allerdings will er den anderen auch nicht unter Druck setzen. Ansonsten könnte wirklich noch alles aus dem Ruder laufen. Und die Freundschaft will er auch nicht aufs Spiel setzen.

Womöglich sollte er doch mit Felix’ Mutter sprechen. Aber bei welcher Gelegenheit? Diese Frau arbeitet immerhin ziemlich viel. Für Notfälle hat er zwar ihre Handynummer eingespeichert, jedoch ist er sich nicht ganz sicher, ob das als Notfall zählt. Am Ende ist das nur Jisungs Paranoia und das wäre peinlich. Obwohl diese Peinlichkeit es auch wert wäre. Lieber blamiert er sich, als dass er Felix zurücklässt.

,,Okay, Jisung. Dann überleg’ dir mal, wie du das ansprichst”, murmelt er, ,,Vielleicht hat ja seine Mutter auch schon etwas bemerkt und wartet nur darauf, dass ihr jemand die Bestätigung gibt.” Der Gedanke gibt ihm Mut.

Daher greift er entschlossen zum Handy und ruft seine Kontaktliste auf. Er scrollt diese Entlang, bis er den entsprechenden Namen findet. Sein Puls beschleunigt sich automatisch und er schluckt schwer.

,,Tu es für Felix”, ermutigt er sich.

Auf einmal klingelt es an der Haustür.

Unweigerlich zuckt er zusammen. Besuch? Schnell wirft er einen Blick auf die Uhr. Es ist bereits später Nachmittag. Eine ungewöhnliche Uhrzeit für einen unerwarteten Gast, wo doch gerade die Schulwoche begonnen hat.

Jisung steht auf und verlässt das Zimmer. Schnell genug ist er jedoch nicht, da sein großer Bruder von unten schreit: ,,Jisung! Changbin ist hier!”

Daraufhin wird er hellhörig und flitzt nach unten. Und Tatsache: Der Ältere steht vor ihm mit einem sehr zwiegespaltenem Ausdruck im Gesicht.

Jisung bittet ihn herein und schließt die Tür hinter sich. ,,Alles in Ordnung?”

Changbin schüttelt den Kopf und hängt seine Jacke auf. ,,Aber ich will Dinge in Ordnung bringen.” Er greift an Jisungs Schultern. ,,Ich will fragen, ob Felix mit mir gehen will.”

,,Mit mir gehen will.” Gott, wer sagt das heutzutage? Hyung ist so ein alter Romantiker, what the actual fuck. Jisung runzelt die Stirn. ,,Jetzt? Aber ich dachte, dass ihr noch immer im Streit seid.”

,,Genau deswegen ist jetzt der Zeitpunkt zu handeln.” Changbin seufzt schwer und lehnt sich gegen die Wand. ,,Ich warte ständig darauf, dass er etwas macht, aber eigentlich müsste ich derjenige sein, der was tut!”

Da Jisung die Worte fehlen, lässt er den anderen einfach ausreden.

,,Ich brauche deine Hilfe. Erinnerst du dich noch an den Song, den ich letztes Jahr angefangen habe?”

,,Hyung, du fängst alle zwei Tage an, einen neuen Song zu komponieren.”

Changbin winkt ab. ,,Erinnerst du dich an den Tag, an dem wir alle das erste Mal so richtig zusammen picknicken waren? Als Neunergruppe?”

,,Und du das erste Mal richtig auf Felix aufmerksam geworden bist?”, hakt Jisung nach.

Sogleich nickt Changbin heftig. ,,An demselben Tag habe ich einen Song angefangen.”
Jisung kramt in seinen Erinnerungen. ,,Doch, ich glaube, ich erinnere mich”, sagt er langsam, ,,Meinst du On Track?

Zufrieden nickt Changbin, offensichtlich froh, dass sich sein Kumpane daran erinnert. ,,Ich habe damals nur den Anfangsvers geschrieben. Aber seit dem Wochenende weiß ich, wie ich es zu Ende schreiben will.”

Jisung sieht ihn kopfschüttelnd an. ,,Du wirst ihm aber nicht deine Liebe vorrappen, oder?”

Daraufhin prustet Changbin. ,,Unsinn. Ich brauche dich nämlich als Gitarrenspieler.”

Changbin und Akustikinstrumente? Jisung fallen fast die Augen aus den Höhlen und er schnappt nach Luft. ,,Gitarre? Hyung, du willst doch nicht etwa …”

Etwas verlegen lächelt Changbin. Aber seine Augen zeugen von Entschlossenheit. ,,Doch, Jisung. Genau das will ich.”
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