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Spielsucht

von Skillz
GeschichteSuspense, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Han / Han Jisung Lee Felix Seo Changbin
15.04.2020
20.12.2020
49
124.501
16
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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22.04.2020 2.151
 
,,Argh, scheiße!”, flucht Felix laut und hält sich das Auge, während er sich vor Schmerzen über das Waschbecken krümmt. Es brennt ziemlich und fängt an zu tränen, weswegen er die Kontaktlinse schnell wieder herausnimmt.

Ist ja klar gewesen, dass er das Einsetzen verpatzt, wenn er von vornherein schon so aufgeregt ist. Es ist durchaus ironisch, dass er sich für harte Kontaktlinsen entschieden hat, aber nachdem er beim Optiker gewesen ist, hat er für sich darin mehr Vorteile gesehen. Trotzdem ist es für ihn eine wahnsinnige Überwindung, diesen Fremdkörper einzusetzen.

Er atmet tief durch und setzt die Linse auf den Zeigefinger. ,,Du kannst das. Sei doch nicht so eine Pussy”, spricht er zu seinem eigenen Spiegelbild, spreizt mit den anderen Fingern die Augenlider und setzt die Linse mitten auf den Augapfel.

Schnell schließt er die Augen und blinzelt mehrmals, bis er merkt, dass sie tatsächlich an der richtigen Stelle sitzt. ,,Na also, klappt doch.” Hörbar atmet er aus und wagt sich an die zweite Linse.

Es ist Anfang von Woche Zwei seiner Suspendierung, daher geht seine Mutter wieder arbeiten. Aber sie hat vorgeschlagen, dass sie gegen Nachmittag gemeinsam in die Stadt gehen könnten, um ein wenig zu shoppen.

Felix hat nämlich angesprochen, dass er gerne neue Klamotten hätte. Er hatte bis dato nie Probleme damit, die alten Sachen seines Vaters zu tragen oder die Kleidung, die er gefühlt seit seiner Grundschulzeit besitzt, allerdings ist er nach ein wenig Grübeln zu dem Schluss gekommen, dass er einen Tapetenwechsel braucht.

Seine Mutter ist davon hellauf begeistert, weil sie seit Jahren versucht, ihn auf Einkauf-Trips zu zerren. Scheinbar sieht sie seine Suspendierung mehr als Segen an, da Felix sich wie ausgewechselt verhält.

Er steht morgens wieder recht früh auf, erledigt vormittags seine Schulpflichten und geht nachmittags raus in den Park, joggt ein paar Runden um den Block oder räumt sein Zimmer um. So ganz zufrieden ist er mit der neuen Anordnung noch nicht, aber es fällt bereits auf, dass deutlich weniger Poster hängen und er einige Videospiele in die Schränke gesperrt hat, damit Platz für Neues auf den Regalen ist.

,,Trägst du etwa die Kontaktlinsen?”, begrüßt seine Mutter ihn am Marktplatz und hebt sein Kinn an, als könnte sie es fast nicht glauben.

,,Du bist doch letzte Woche selbst mit mir zum Optiker gegangen”, meint Felix und scheucht die Hand weg, ehe er ihr zum Einkaufscenter folgt.

,,Ja, aber ich hätte nicht gedacht, dass du die Dinger echt benutzt. Du hast ständig davon geschwafelt, dass du keinen Sinn darin siehst, dich an die Teile zu gewöhnen.”

,,Meinungen ändern sich, okay?” Er betritt einen Laden und beginnt damit, Jeans zu durchforsten. Das ist seine erste Anlaufstelle, weil ihm aufgefallen ist, dass er nur weite Hosen besitzt.

Seine Mutter unterstützt ihn bei der Fahndung, wirft ihm allerdings ein paar skeptische Blicke zu. ,,Und gibt es einen Anlass, wieso sich diese Meinung ändert?” Sie schmunzelt. ,,Vielleicht ein Mädchen? Oder ein Junge?”

Felix wird rot und schüttelt energisch den Kopf. Es ist seltsam, aber bis er in die Mittelschule gekommen ist, ist es für ihn selbstverständlich gewesen, dass man daten und lieben kann, wen man will. Bis die ersten Gerüchte aufgekommen sind und sich Leute über ihn lustig gemacht haben. Es ist eine Minderheit, jedoch ist es nach wie vor für ihn unverständlich. Seine Eltern, gerade seine Mutter, haben ihn mit einer sehr offenen Einstellung erzogen und ihm nie das Bild vermittelt, es gebe so etwas wie ,,normale” Liebe.

,,Ich will nur neue Klamotten ausprobieren. Du hast doch selbst etwas von ,frischem Wind’ gefaselt”, hält er dagegen.

Seine Mutter lacht. ,,Ja, stimmt auch wieder.”

Die beiden probieren verschiedene Sachen und klappern weitere Läden ab. Seine Mutter ist überrascht, dass Felix wirklich in eine komplett andere Richtung geht als sonst: Skinny Jeans, Shirts mit V-Ausschnitt und Gürtel, die sich eng um seine Taille schlingen. Ein paar Tanktops und T-Shirts landen ebenso im Warenkorb. Seine Mutter schenkt ihm sogar eine süße Baskenmütze, weil sie findet, dass die hellblaue Farbe gut zu ihm passt.

,,Ich muss noch zum Friseur”, meint sie und schaut auf die Uhr, ,,Bevor der schließt.”

Felixs Miene erhellt sich. ,,Darf ich mir auch die Haare schneiden lassen?”

Also gehen die beiden noch zusammen zum Friseur. Felix hat sich seine Haare seit Monaten nicht mehr schneiden lassen, weswegen sie manchmal ziemlich wild aussehen. Meistens haben sie seine Stirn bedeckt, aber das will er nun ändern.

Daher entscheidet er sich dazu, die Seiten auf ein paar Millimeter stutzen zu lassen, während das Deckhaar in weichen Wellen im Mittelscheitel fällt, womit sein Gesicht mehr zur Geltung kommt.

Er sieht sich im Spiegel an und findet es zuerst etwas befremdlich, bis die Friseurin meint, dass es gut aussehe und die Wahl klug gewesen sei.

Auch seiner Mutter gefällt der Look, weswegen Felix sich viel eher damit anfreunden kann. Er nimmt nämlich eigentlich nur wahr, dass es anders ist, ungewohnt und deswegen komisch. Aber an sich ist er zufrieden.

Auf dem Nachhauseweg holen sie sich einen Kaffee und plaudern noch ein wenig, bis Felix alarmiert den Kopf hoch schrecken lässt. In der Ferne sieht er Chan mit Woojin, Changbin und Minho.

Sofort nimmt er seine Mutter am Arm und zieht sie in einen Accessories-Laden. Schnell versteckt er sich hinter einem Regal und wartet, bis seine Freunde vorbei gelaufen sind. Erleichtert atmet er aus.

,,Was war denn das?”, fragt seine Mutter verwirrt.

,,Ach, ich habe diese Kette gesehen und dachte, dass die toll zu dir passt.” Er nimmt eine silberne Kette mit einem Blümchen-Anhänger. ,,Ich wollte sie dir schenken, falls sie dir gefällt. Als Dankeschön für den Nachmittag.”

Die Masche zieht tatsächlich und seine Mutter ist ganz gerührt von dem Geschenk, das sie ganz stolz trägt, während sie mit der Bahn zurückfahren.

Felix weiß nicht, wieso er so panisch reagiert hat. Vielleicht, weil Changbin dabei gewesen ist. Gleichzeitig muss er zugeben, dass er nicht sonderlich scharf darauf ist, dem Rest seiner Freunde zu begegnen.

Momentan ist alles in seinem Kopf durcheinander und er glaubt kaum, in diesem Zustand den anderen gegenüber treten zu können. Es tut ihm leid und er hofft, dass sie ihm verzeihen werden, sobald er aus der Phase raus ist.

Doch bis dahin, will er weiter friedlich und isoliert leben.





,,Elf, Zwölf, Dreizehn ...”

Felix bricht auf dem Boden zusammen und atmet schwer aus. Er dreht sich auf den Rücken.

,,Das sind Vier mehr als letzte Woche, wo ich gezählt habe”, meint seine Mutter und erhebt sich vom Bett, ,,Hast du Hunger?”

Felix schüttelt den Kopf. ,,Ich muss gleich zum Training.”

,,Ach, stimmt ja. Und trotzdem machst du zu Hause noch Sport davor.”

,,Ja, im Taekwondo macht man auch kein spezifisches Krafttraining. Deswegen erledige ich das hier.” Felix schultert seine Tasche. ,,Bis später.”

Es ist die Mitte von Woche Drei und somit befindet Felix sich in den Winterferien. Er ist tatsächlich zu einem Verein gegangen und hat dort eine Schnupperstunde genommen. Interessanterweise scheint er eine größere Neigung für den Sport zu haben als anfangs gedacht. Das Tolle an dem Verein ist, ist dass es jeden Tag Kurse gibt und man diese beliebig besuchen darf. Man muss nur die Mitgliedschaft pro Monat zahlen und kann dann so oft dort aufkreuzen, wie man will.

Da Felix Blut geleckt hat, ist er fast jeden Tag dort gewesen und seine Fortschritte sind gruselig. Aber das liegt auch daran, dass er im Kopf die Techniken in seiner üblichen Freizeit durchgeht und abends in seinem Zimmer experimentiert, auch wenn er öfters aufs Bett fällt. Allerdings merkt er, dass sein strategisches Denken und sein gutes Gedächtnis ihm hier Vorteile verschafft. Sein Körper muss sich an die neuartigen Bewegungen gewöhnen, aber das ist ein eher geringes Problem. Taktiken und Abläufe kann er sich wunderbar merken.

Er hat sogar bereits eine kleine Gruppe an Leuten gefunden, mit denen er sich ein bisschen angefreundet hat. Sie sind nett, aber nichts im Vergleich zu seinen Freunden aus der Schule. Sie sind eben fürs Taekwondo da, weswegen man sich gut mit ihnen darüber unterhalten kann. Aber mehr Anknüpfungspunkte gibt es eigentlich nicht. Zumal sich Felix fragt, ob sie es glauben würden, dass er vor drei Wochen die meiste Zeit mit Computern, Science Fiction und dem ganzen ,,Nerd-Zeug” verbracht hat.

Die regelmäßige Aktivität macht sich bereits jetzt an seiner Körper bemerkbar. Er ist schon immer eher schlank gewesen, daher zeichnen sich leichte Muskeldefinitionen schnell unter seiner Haut ab. Es lässt ihn selbstbewusst genug fühlen, um enge Sachen zu tragen - anders als früher.

Das Training verläuft super und er hat eine Menge Spaß. Taekwondo ist die perfekte Gelegenheit, um sich auszulasten. Er genießt es richtig.

Nach der Einheit hat er keine Lust, sich in enge Sachen zu zwängen. Für diesen Fall hat er eine Jogginghose eingepackt. Darüber zieht er die weite Jacke an und schultert seine Tasche.

,,Hey, Felix, willst du noch mit uns was trinken gehen?”, bietet Chenle an.

Felix überlegt kurz, ehe er lächelt. ,,Sicher, wieso nicht?” Er folgt der Gruppe zum nächsten Café, wo sich alle jedoch was zum Mitnehmen bestellen wollen, da draußen die Sonne scheint.

Felix steht in der Schlange, als er aus dem Augenwinkel bekannte Gestalten wahrnimmt. Reflexartig zieht er die Kapuze hoch und versteckt sich in seiner weiten Jacke.

In der Nähe sitzen Seungmin, Hyunjin und Jeongin an einem Tisch und unterhalten sich ausgelassen. Felix kann ihre Stimmen bis hierher hören.

,,Alles in Ordnung?”, fragt Chenle.

Felix nickt und nimmt seinen Becher Kaffee entgegen, bevor er schnurstracks nach draußen geht. Es ist immer wieder gefährlich, unterwegs zu sein, da seine Freunde selbst oft in der Stadt sind.

Felix hat kurz Panik geschoben, dass sie ihn entdecken und denken könnten, er hätte sie ersetzt. Das könnte niemals passieren.

Fürs Kaffee trinken ist die andere Gruppe dennoch ganz nett.





,,Nein, Jisung. Es ist schon okay.” Felix lässt sich aufs Bett fallen. Er atmet etwas schwer, weil er gerade Sit-Ups gemacht hat, aber von Jisungs Anruf unterbrochen worden ist. ,,Ich kann wieder in die Schule. Die Suspendierung hat mir vielleicht ganz gut getan.”

,,Du hast mir immer noch nicht erzählt, was passiert ist. Changbin will auch nicht mit der Sprache herausrücken. War es so schlimm?”

Felix erhebt sich wieder und wischt sich die Strähnen aus der Stirn, ehe er diese mit einer Haarklammer fest pinnt. Die benutzt er derzeit öfters, gerade beim Joggen, weil es total nervt, wenn die Haare die ganze Zeit ins Gesicht fliegen.

,,Nein, ich habe schon mit dem Korb gerechnet.”

,,Und was ist danach passiert? Ich habe nur gehört, dass du in eine Prügelei geraten bist. Sag, hat er dich krankenhausreif geprügelt? Wenn ja, dann kann Sungjin was erleben!”

Felix schmunzelt und betrachtet sich im Spiegel. In den kurzen Sachen sieht man, wie agil sein Körper gebaut ist. Gleichzeitig wirkt er stark, möglicherweise auch durch sein Auftreten. Es ist ein fremdes Bild, mit dem er nicht wirklich umgehen kann.

Aber es wird mit jedem Morgen leichter, sich anzuschauen. Langsam kann sein Gehirn verarbeiten, dass wirklich er dort steht und sich selbst ansieht.

,,Ich will nicht darüber reden, okay?”

,,Aber er läuft hier durch die Gegend, während du dir einen absitzt. Das ist echt mies. Ich will es verstehen.”

Felix streckt sich und geht hinüber zum Fenster, um durchzulüften. Schlussendlich hockt er sich auf die Bank und schaut hinauf zum dunkler werdenden Himmel. ,,Nein, es ist verdient, dass ich zu Hause sitze. Ich habe ziemlichen Mist gebaut und deswegen eine Strafe abgesessen. Klingt doch fair, hm?”

Während er spricht, betrachtet er sein Zimmer, das nun viel mehr Raum bietet, weil er die ganzen Action-Figuren, Masken und Comicbücher sorgfältig in Kisten verpackt hat. Die Kisten stehen unterm Bett, weil er die Sachen nicht wegwerfen will. Aber der neue Platz kommt ihm zugute, weil er somit auch im Zimmer Sport machen kann.

,,Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass du etwas Unrechtes getan hast.”

,,Du hältst mich vielleicht für einen insgesamt guten Menschen. Aber auch solche Menschen können böse Dinge tun”, antwortet Felix vage, ,,Ich bin nur froh, dass ich dich morgen wiedersehe.”

,,Das hättest du auch früher.”

,,Ich weiß. Aber wie gesagt: Ich habe die Zeit für mich gebraucht.”

Ein Seufzer erklingt von der anderen Seite der Leitung. ,,Meinetwegen. Solange es dir gut geht, ist es mir auch eigentlich egal.”

Felix weiß aber nicht, ob es ihm gut geht. Er weiß nur, dass er das Ereignis von vor vier Wochen nicht vergessen hat und vor allem nicht kann. In ihm brodelt noch immer eine unfassbare Wut über das, was Sungjin ihm an den Kopf geworfen hat. Eigentlich kann es Felix gar nicht erwarten, in die Schule zu kommen und jegliche Angriffsfläche abzuräumen, damit er endlich nicht mehr verwundbar ist.

Aber will mehr. Er will es Sungjin heimzahlen. Wie genau, weiß er auch nicht. Allerdings haben die ewigen Schikanierungen all die negativen Gefühle in ihm aufgewickelt wie ein Spindelrad. Er muss nur zusehen, wohin er diese ganze Energie stecken soll.

,,Ich muss auflegen”, meint Felix, ,,Schlaf gut, Ji.”

,,Du auch, Lix.”
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