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Spielsucht

von Skillz
GeschichteSuspense, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Han / Han Jisung Lee Felix Seo Changbin
15.04.2020
20.12.2020
49
124.501
16
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Dieses Kapitel
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25.10.2020 3.034
 
Auch wenn es keinen Grund gibt, sich zu freuen, ist Felix dennoch aufgeregt. Immerhin ist er selbst noch nie bei einer Gerichtsverhandlung gewesen. Und er weiß, dass er als Zeuge aufgerufen wird. Immerhin ist er derjenige, der das Geschehen aufgezeichnet hat. Dass er somit selbst Gesetze gebrochen hat, ist ihm bewusst.

Aber das ist es ihm auf jeden Fall wert. Zumal seine Mutter ihm versichert hat, dass er mit einem blauen Auge davonkommt, wenn er genau schildert, was er sich dabei gedacht hat.

Für alle Eltern ist es ein Schock gewesen, zu erfahren, was Seungmin passiert ist. Manche von ihnen sind auch heute dabei, während andere arbeiten müssen. Aber keiner hat den Kindern verboten, zum Gerichtsprozess zu kommen (im Gegenteil: Sie sind froh, dass der Bund zwischen den Jungen so stark ist). Besonders Seungmins Eltern sind dankbar, weil sie nach wie vor von den Geschehnissen erschüttert sind.

Ihnen alles zu erzählen, hat Seungmin viel Überwindung gekostet, aber ihm scheint es zumindest so weit gut zu gehen, um hier zu sein. Die letzten paar Wochen sind für ihn angespannt gewesen; immerhin konnte er Jung nicht ständig aus dem Weg gehen.

Zumindest hat er Physik schwänzen dürfen. Wie sollte man auch einer Person gegenübertreten, gegen die man im Gericht aussagen wird? Obwohl Felix ihm immer wieder eingetrichtert hat, dass ihn keine Schuld trifft, ist es dennoch schwer für ihn gewesen, in die Schule zu kommen.

,,Heute wird das endlich ein Ende haben”, murmelt Felix.

,,Was hast du gesagt?”

Er dreht sich leicht lächelnd zu Jisung um. ,,Ich bin nur froh, wenn das Ganze vorbei ist. Ich glaube nicht, dass Seungmin noch lange damit klarkommt.”

Jisung nickt. ,,Ja … Ich kann mir das gar nicht vorstellen.” Er sieht zum offenen Eingang. ,,Ich hätte irgendwo erwartet, dass deine Mutter Anwalt für Seungmin spielt.”

,,Sie hat es sich auch überlegt, aber ich habe ihr davon abgeraten”, gibt Felix zu.

,,Wieso das?”

Felix seufzt. ,,Sie hat einen persönlichen Draht zu Seungmin über mich. Ich will nicht, dass ihr irgendwelche Fehler unterlaufen, nur weil sie den Klienten persönlich kennt, verstehst du? Ich weiß, dass sie es aushalten könnte, aber wieso extra alles kompliziert machen?”

Sie treffen die anderen bei dem Gebäude.

Seungmin spricht gerade mit seinen Eltern. Neben ihm steht Hyunjin, der seine Hand hält. Es wirkt nicht so als wiche er in nächster Zeit von seiner Seite.

,,Und? Seid ihr bereit? Ich überhaupt nicht”, begrüßt Chan sie und umarmt beide.

,,Ich freue mich”, sagt Felix, ,,Der Albtraum hat zumindest für Seungmin dann ein Ende.”

,,Das hoffe ich”, erwidert Chan und nickt. Dann schaut er an ihnen vorbei und deutet auf das Auto, das soeben auf das Gelände gefahren ist.

,,Das ist Jungs Familie”, stellt Felix fest, sobald er sieht, wer am Steuer sitzt.

Der Lehrer steigt mitsamt seiner Frau und seinen zwei Kindern aus.

Felix meidet seinen Blick. Immerhin sollte er auch schon wissen, dass Felix die Beweise geliefert hat. Ob er den Namen tatsächlich mit seinem Gesicht in Verbindung bringen kann, weiß er zwar nicht so genau, aber er will ihn trotzdem nicht ansehen. Nach wie vor ist es ihm egal, dass der andere Amnesie hat. Er hat sich der Verantwortung entziehen wollen und kreuzt hier nun wie das Unschuldslamm auf? Das kann Felix nicht zulassen.

,,Der Fall um Kim Seungmins sexuellen Missbrauch durch Yedam Jung wird gleich im Gerichtsprozess durchgenommen. Ich bitte die Beteiligten und Angehörigen einzutreten”, verkündet ein Mann, der seinen Kopf durch die Tür streckt.

Seungmin atmet tief durch und schaut zu seinen Freunden, ehe er nickt. Er wirkt entschlossen, doch Felix sieht an seinen Händen, dass er quasi ein Wackelpudding ist. Aber wer kann es ihm schon verdenken?

Sie setzten sich alle hin, wobei Seungmin und dessen Anwalt sowie Jung plus Strafverteidiger logischerweise ganz vorne hocken.

Nachdem der Prozess eröffnet worden ist, beginnt der Richter damit, alle Fakten sowie Anschuldigungen vorzulegen.

Felix hört aufmerksam zu und nickt unbewusst, doch ziemlich nervös, weil er nicht weiß, wie lange er hier sitzen kann, ohne in Ohnmacht zu fallen. Hin und wieder wirft er seinen Freunden Blicke zu und ist froh, nicht alleine hier sein zu müssen. Alle wirken ziemlich angespannt beziehungsweise konzentriert, daher wagt er es nicht, Kontakt in irgendeiner Form auszutauschen.

,,Gut, dann bitte ich das Opfer nach vorne zu kommen, um die Erfahrungen zu schildern.”

Seungmin erhebt sich, rückt seine Krawatte zurecht und tritt nach vorne ans Podium, stellt sich hinters Mikrofon und scannt kurz den Saal ab.

Normalerweise ist er sehr beherrscht, aber Felix kann bereits die kleinen Risse in seiner Hülle sehen. Er hofft nur, dass er keinen Nervenzusammenbruch erleiden wird.

,,Was auf den Aufnahmen zu sehen war, ist wohl ziemlich deutlich geworden, deswegen will ich mich nicht wiederholen”, beginnt Seungmin, ,,Ich will darüber reden, wie es überhaupt dazu gekommen ist.” Er pausiert und schaut auf seine Hände, ehe er fortfährt. ,,Das ist nicht aus dem Nichts passiert. Es hat sich wie Kaugummi gezogen. Schritt für Schritt hat es sich aufgebaut und ich wusste anfangs überhaupt nicht, was es bedeutet”, gibt er zu, ,,Ich dachte, es wären versehentliche Berührungen. Ich dachte, ich interpretiere die Blicke falsch. Ich dachte, ich werde im Unterricht bloßgestellt, weil ich meinen Mund nicht halten kann.”

Rasselnd atmet er aus.

,,Es gibt tausende Momente, aber mir bleibt besonders der im Kopf, als ich das erste Mal etwas gesagt habe und nicht gehört wurde.” Er schaut Jung nun unmittelbar an - Felix hat noch nie etwas so Mutiges erlebt. ,,Er hat mich nach dem Unterricht festgehalten. Und er hat mich angefasst, wo … auch immer er wollte.” Seungmin stockt, weil er nicht weiß, wie er es formulieren soll. Doch er wählt seine Worte weise; so wie immer. Darauf verlässt sich Felix.

,,Und auch, wenn ich es nicht laut ausgesprochen habe, war ich so verängstigt, dass man es hätte merken müssen. Man hätte es spüren müssen. Mein Schweigen war kein Einverständnis.” Er schüttelt leicht den Kopf. ,,Aber nach Herr Jungs Maßstäben wohl schon. Ab da geschahen die Übergriffe häufiger.”

,,Wie sahen die Übergriffe aus?”, fragte der vorsitzende Richter.

,,Hauptsächlich Anfassen. Im Schritt, am Hintern, an der Brust”, zählt Seungmin auf als würde er eine Einkaufsliste vorlesen. Vielleicht schafft er gerade dadurch Abstand, zumindest zittern seine Finger nicht mehr so stark. ,,Ich hatte immer meine Klamotten an, auch wenn er öfters versucht hat, mich auszuziehen.”

,,Hat er dich dazu gezwungen, etwas für ihn zu tun?”

Seungmins Fassade bröckelt etwas bei der Frage. Möglicherweise ist es weitaus erniedrigender für ihn darüber zu sprechen. ,,Ja, hat er. Ich hab aber nichts davon gemacht. Es war hauptsächlich … Dirty Talk?” Unsicher schaut er durch die Gegend, weil er sich mit den Begrifflichkeiten nicht sicher ist.

,,Was hat er verlangt?”

Seungmin schluckt und zieht die Schultern hoch, während er blasser wird. ,,Was man halt so verlangt?”

,,Ich weiß, was du meinst”, sagt der Richter, ,,Aber du musst es leider aussprechen. Fürs Protokoll, mein Junge.”

Seungmin schließt die Augen und unterdrückt ein Seufzen. ,,Handjobs, Blowjobs. Er hat mich mehrmals gedrängt mit ihm zu schlafen oder … vorbeizukommen, wenn seine Familie nicht daheim ist.” Gegen Ende wird er leiser und vermeidet es, Jungs Familie anzusehen.

,,Glaubst du, du hast jemals Aktionen unternommen, die dies angestachelt haben können? Deine Kleidung? Dein Verhalten?”

Hyunjin öffnet empört den Mund, doch Felix hält ihn zurück. ,,Nicht, sonst versaust du den Prozess” zischt er.

Dem anderen fällt es schwer, sich zurückzuhalten, doch er nickt ergeben.

,,Ich ziehe mich nicht aufreizend an, falls Sie das meinen”, erklärt Seungmin langsam, ,,Aber ich gebe zu, dass ich im Unterricht provokant war. Ich habe oft versucht, ihn mit meinem Wissen bloßzustellen, weil ich es unfair fand, schlechte Noten zu bekommen, obwohl Physik sonst zu meinen besseren Fächern gehört.” Er scheint zu überlegen. ,,Und ich habe mir einen Spaß daraus gemacht, unerreichbar zu sein. Herr Jung hat immer versucht, mit Schüler auf eine Freundschaftsbasis zu kommen, aber daran war ich nicht interessiert.”

,,Nun, das rechtfertigt keineswegs Herr Jungs Verhalten.”

Selbst wenn sich Seungmin auf bestimmte Weise kleiden oder verhalten würde: Es entschuldigt keine sexuellen Übergriffe. Deswegen stört Felix diese Frage immens. Aber er ist froh darüber, wie Seungmin sie beantwortet hat.

Danach wird der Angeklagte verhört. Da Jung jedoch nach wie vor keinerlei Erinnerungen zu haben scheint, kann man damit nicht viel anfangen. Er wehrt nur ab, indem er meint, dass er nichts davon wisse und sich nicht vorstellen könne, so etwas getan zu haben.

Felix ist sich nicht einmal ganz sicher, ob er sich wirklich an gar nichts erinnert. Aber selbst wenn: Es ändert nichts an der Tatsache, dass er in der Tinte sitzt.

Nun geht es darum, dass Seungmins Punkt bestärkt wird, daher wird erst einmal Felix in den Zeugenstand aufgerufen, da er immerhin das Video aufgenommen hat.

,,Du bist also ein Freund?”

,,Ja, bin ich. Hyunjin hat mich um Hilfe gebeten, weil er schon lange vor uns geahnt hat, was vor sich geht”, antwortet Felix zögerlich. Hier zu sitzen verunsichert ihn nun doch. Er hat gedacht, dass er hier voller Selbstsicherheit vor dem Mikrofon hocken könnte, aber jetzt fühlt er sich doch ziemlich klein.

,,Und deswegen hast du sozusagen einen Plan entworfen, um Jung zu überführen?”

,,Mehr oder weniger. Ich hatte nur diesen Einfall, dass man es aufnehmen sollte, weil solche Fälle sonst schwer nachzuweisen sind”, erläutert Felix, ,,Ich bin im Informatik-Club, deswegen war es nicht schwer für mich, den Computerraum dementsprechend umzugestalten.”

,,Aber dir ist bewusst, dass es verboten ist, einfach Kameras aufzustellen?”

,,Ich war mir stets den Konsequenzen meiner Taten bewusst”, erwidert Felix, ,,Und ich übernehme vollste Verantwortung. Ich will mich auch gar nicht herausreden. Es ist kein Zufall gewesen, sondern ich habe es mit voller Absicht durchgeführt.” Er spürt die angespannte Stimmung und schaut zu seinen Freunden, die fast alle ziemlich baff wirken.

Seungmin nickt ihm jedoch bestätigend zu.

,,Wieso hast du die Aufnahmen nicht eher gesendet?”, fragt der Richter.

,,Wegen Seungmin. Er wollte nicht.”

,,Wieso denn das? Je frischer der Fall, desto besser.”

Felix nickt. ,,Der Ansicht war ich auch. Aber er hatte Mitleid mit Herrn Jung. Nachdem der aus dem Fenster gesprungen ist, wollte er der Familie keine Last sein.” Er registriert, wie Jungs Frau (deren Make-Up dank all ihrer Tränen bereits verlaufen ist) zu Seungmin hinüber schaut. Auf welche Weise? Berührt? Geschockt? Sauer? Er weiß es nicht.

,,Ich habe aber die Aufnahmen aufbewahrt. Für den Fall der Fälle.”

,,Und was meinst du damit konkret?”

Felix lässt sich kurz Zeit, um nachzudenken. ,,Als Herr Jung wieder zurück an unsere Schule gekehrt ist, dachte ich, dass Seungmin wieder in Gefahr sein könnte. Dass er kaum noch etwas von seinem Gedächtnis hat, hat mich in dem Fall nicht gekümmert. Es rechtfertigt nicht seine vorherigen Taten.”

,,Vielen Dank für deine Aussage. Ich bitte nun als Nächstes Hwang Hyunjin in den Stand.”

Felix und Hyunjin tauschen also nun ihre Plätze. Wie elektrisiert setzt sich Felix wieder hin und kann kaum fassen, dass er es durchgestanden hat. Ist seine Zeugenaussage gut  gewesen?

,,Das hast du klasse gemacht”, flüstert Seungmins Mutter ihm zu, was ihn wiederum überrascht, ,,Gott, Felix. Ich bin dir so dankbar.” Sie will mehr sagen, aber dann fängt die Befragung schon an und sie will nicht stören. Daher klammert sie sich an ihren Ehemann fest, der ihr beruhigend den Arm streichelt.

Hyunjin berichtet über seine Erfahrungen; wie und warum er sich in bestimmten Situation verhalten hat und so weiter. Die Befragung dauert nicht ganz so lange, daher wird nun wieder die Seite des Angeklagten aufgenommen.

Jungs Frau hat wohl wirklich überhaupt nichts geahnt. Sie weint fast durch die gesamte Zeugenaussage. Ein bisschen ironisch ist es schon, dass nicht den Kindern die Tränen über die Wangen fließen, sondern den Erwachsenen. Aber Felix kann sich nicht einmal innerlich darüber lustig machen.

,,Wir ziehen uns zur Beratung zurück”, verkündet der Richter, ,,Bitte verlassen Sie den Saal. Wir holen Sie wieder herein, wenn es so weit ist.”

Die Beteiligten verlassen den Raum.

Felix geht auf Seungmin zu, sobald er kann, und umarmt ihn. ,,Du warst toll.”

,,Danke.” Schwach lächelt Seungmin. ,,Deine Aussage war auch gut. Aber du weißt schon, dass du miesen Ärger bekommen wirst? Du hast immerhin Gesetze gebrochen.”

,,Das war es wert. Ich hoffe, dass … alles gut wird.” Felix beißt sich auf die Unterlippe. ,,Und ich hoffe, dass du nicht mehr sauer auf mich bist.”

Seungmin schüttelt den Kopf. ,,Das war die Angst, die aus mir gesprochen hat. Ich-”

Viel weiter kommen sie nicht, da sie bereits wieder hereingebeten werden. Vergeht die Zeit hier einfach schneller?

Sie kehren zurück und warten auf das Urteil.

,,Aufgrund der Unzurechnungsfähigkeit von Herr Jungs Seite aus, hat das Gericht entschieden, ihn in eine Klinik zu überweisen, die ihn überwacht und betreut. In der Hoffnung, dass er somit sein Gedächtnis zurückerhält, warten wir dann auf weitere Maßnahmen. Er wird unter spezielle Beobachtung gestellt, um keine Gefahr mehr für die Öffentlichkeit darzustellen.”

Felix weiß wirklich nicht, wie er sich fühlen soll. Ist dieses Ergebnis gut? Er weiß es nicht. Wirklich nach Strafe klingt es nicht. Eher so als würde man Jung helfen wollen. Allerdings kann er auch nicht verneinen, dass es unklug wäre, ihn ins Gefängnis zu stecken.

,,Da wir von einer üblichen Gefängnisstrafe auf Weiteres verzichten müssen, passen wir uns an die besonderen Umstände an. Daher schuldet Herr Jung der Familie Kim Schmerzensgeld von 1.000.000 Won, da er handgreiflich geworden ist. Die anderen Vorfälle, die Kim Seungmin geschildert hat, können wir nicht untersuchen, da Aussage gegen Aussage steht, doch angesichts des hieb- und stichfesten Videomaterials können wir von einer solchen Strafe für diesen spezifischen Fall nicht absehen.”

Kein Geld der Welt kann wieder gut machen, was Seungmin passiert ist, aber damit kann sich Felix abfinden. Zumindest gibt es doch irgendeine Strafe.

,,Nun zu Lee Yongbok, Geburtsname Lee Felix.” Der Richter blättert um.

,,Shit”, flüstert Seungmin, obwohl er damit gerechnet hat. Sorgenvoll schaut er zu Felix.

,,Videoüberwachung außerhalb des privaten Bereichs ist illegal.”

Felix bekommt Gänsehaut und atmet tief durch. Ruhig bleiben. Das ist es wert gewesen. Aber sowas von.

,,Jedoch sehen wir die Umstände und können nicht verneinen, dass das Beweismaterial mehr als hilfreich in diesem Falle war. Daher erhält Lee Felix 30 Sozialstunden.” Der Richter klopfte mit dem Hammer aufs Pult. ,,Die Gerichtsverhandlung ist somit abgeschlossen.”

Erleichtert atmet Felix aus und kann sein Glück kaum fassen. Tatsächlich ist es … vorbei.

Draußen trifft er die anderen. Seungmins Eltern unterhalten sich mit Jungs Frau. Sie scheint noch immer sehr getroffen zu sein, aber zumindest wirkt die Konversation nicht feindlich. Lediglich angespannt, was angesichts der Situation kaum zu verdenken ist.

Felix spürt ein Tippen auf der Schulter.

,,Wir haben noch gar nicht zu Ende geredet”, sagt Seungmin und lächelt.

Felix lächelt zurück. ,,Stimmt.” Er schaut zu ihren Freunden. ,,Da bin ich wohl nochmal mit einem blauen Auge davongekommen.”

Seungmin summt zustimmend. ,,Felix”, murmelt er auf einmal, ,,Es tut mir leid. Ich … hätte dich nicht so behandeln dürfen.”

,,Was?” Überrascht sieht Felix ihn an. ,,Was meinst du damit? Ich habe doch-”

,,Du hast voreilig gehandelt, ja, aber … Du wolltest mir helfen. Und ich habe nochmal darüber nachgedacht, was du gesagt hast”, erwidert Seungmin und schaut hinüber zu seinen Eltern, die sich von Jungs Frau verabschieden. Sie wenden sich nun Hyunjin zu, wobei Seungmins Vater seine Hand nimmt und diese kräftig schüttelt, ein dankbares Lächeln im Gesicht.

,,Du hast Recht. Ich habe Angst davor, mich dem zu stellen, was mir passiert ist. Und es ist mein Leben. Meine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass es mir gut geht.” Er lässt die Schultern sacken. ,,Nach allem, was passiert ist, will ich endlich, dass es weitergeht. Ich kann nicht vergessen, was passiert ist. Aber ich will darüber hinwegkommen.”

Felix weiß überhaupt nicht, was er sagen soll, daher lässt er ihn reden.

,,Ich werde aber dabei Hilfe brauchen.” Seungmin legt die Hand auf seine Schulter. ,,Ich hoffe, du bist auch weiterhin für mich da.” Er zögert. ,,Ich will mir Therapie suchen, um mit allem klarzukommen. Aber ich hoffe, dass wir auch weiterhin miteinander reden können.”

,,Seungmin, das ist gar keine Frage.”

Sie umarmen sich.

,,Das war’s also?”, fragt Felix und kann ein Grinsen kaum unterdrücken, so glücklich ist er gerade.

,,Ach was. Es fängt jetzt erst an.” Seungmin knufft ihn. Selig lächelt er und atmet tief durch, als ein Windstoß aufkommt. Als könnte er seine Lunge mit neuem Leben füllen. ,,Es wird Zeit, den nächsten Schritt zu machen.” Er sieht Felix an und nickt leicht. ,,Und ich weiß auch schon, wo ich anfangen werde.”

Bevor Felix nachfragen kann, löst sich Seungmin von ihm und geht auf Hyunjin zu, der bei den anderen steht und sich mit ihnen unterhält.

Er fasst dem Älteren an die Schulter und zerrt daran ein wenig.

Irritiert dreht sich Hyunjin um, doch bevor er etwas sagen kann, lehnt sich Seungmin nach vorne und presst den Mund auf seinen. Automatisch schließt er die Augen und legt die Arme um seinen Nacken.

Hyunjin stockt für den Bruchteil einer Sekunde, bevor er den Kuss energisch erwidert und die Arme um seine Taille schlingt. Sein euphorischer Ausbruch wird daran deutlich, dass er kurz darauf Seungmin vom Boden hebt und auf sich zieht.

,,Das gibt’s doch nicht!”, lacht Chan und gibt Woojin ein Highfive.

Die Truppe fängt an zu klatschen und Anfeuerungsrufe auszustoßen, während Jisung eine Art Regentanz aufführt, Jeongin sich die Augen zuhält und Minho anzüglich zwischen den Fingern pfeift.

Schmunzelnd löst sich Seungmin von Hyunjin und hält sich noch immer an ihm fest.

,,Whoa, okay”, gibt Hyunjin etwas unbeholfen von sich, kann aber nicht anders als zu grinsen, ,,Wofür war das?”

,,Für alles und für nichts”, antwortet Seungmin.

,,Das muss ich aber nicht verstehen, oder?”

,,Das war ohnehin nie deine Stärke.”

Hyunjin lacht daraufhin bloß und zieht Seungmin fest in seine Arme.

,,Das … ist krass”, kommentiert jemand neben Felix.

Er dreht seinen Kopf zur Seite und schaut Changbin an. ,,Ich denke eher, es wurde mal endlich Zeit.”

,,Das stimmt.” Changbin muss selbst lächeln. ,,Obwohl heute alles ein bisschen ernster ist, finde ich den Tag dennoch schön.” Er lehnt sich etwas hinüber zu Felix. ,,Du warst übrigens großartig.”

,,Ich hab’ nicht viel gemacht …”

,,Ich meine nicht nur heute.”

Felix wird etwas rot und sieht weg.

Aber ja, er muss Changbin Recht geben. Heute ist ein schöner Tag. Denn auch, wenn die Sonne von den Wolken verdeckt wird, kommt sie nach einer Weile trotzdem wieder hervor.
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