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Spielsucht

von Skillz
GeschichteSuspense, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Han / Han Jisung Lee Felix Seo Changbin
15.04.2020
20.12.2020
49
124.501
16
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
18.10.2020 1.947
 
,,So ganz kann ich es immer noch nicht fassen.”

,,Ja, ich auch nicht.”

,,Wieso hat er es nicht früher gesagt?”

Chan sitzt neben Jisung auf der Bank und schaut die Enten an, die über den See schwimmen. Irgendwie hat er einen Narren an diesen Tieren gefressen. Vielleicht, weil sie so süß und unschuldig wirken, so wie sie im Wasser treiben und nach Fischen suchen. Als gäbe es nichts Bedrohliches auf der Welt.

Diese Art von Ruhe kann er wohl ziemlich gut gebrauchen, weil er ungefähr seit zehn Minuten Jisung mit seinem Unglauben zutextet.

,,Aber jetzt macht auch Hyunjins Verhalten mehr Sinn”, murmelt Jisung, ,,Kein Wunder, dass er Seungmin die ganze Zeit beschützen wollte.”

Chan nickt und seufzt. ,,Mich wundert nur, dass Felix dir nichts davon erzählt hat.”

,,Mich nicht”, antwortet Jisung und lächelt. Da sein Gegenüber ziemlich verwirrt reagiert, redet er weiter: ,,Wir sind beste Freunde, aber das heißt nicht, dass wir über jede Sache sprechen. Ich weiß, dass er Geheimnisse vor mir hat und er weiß, dass ich welche vor ihm habe. Wir erzählen sie uns nur, wenn es sich anbietet. Es gibt nichts zu beweisen, verstehst du?”

Chan nickt langsam. ,,Ja, das macht Sinn. Trotzdem bin ich ziemlich geschockt.” Er beißt sich auf die Unterlippe. ,,Wir sollten Seungmin auf jeden Fall unterstützen. Gott, ich hätte nicht gedacht, dass das mit seinem Physiklehrer so schlimm ist.”

,,Wenigstens haben sie Beweise”, erwidert Jisung, ,,Ich bin froh, dass Felix geholfen hat. Ansonsten hat man nicht gute Karten, so einen Fall durchzubringen.”

Mit einem ,,Hmh”, stimmt Chan zu und greift nach Jisungs Hand. ,,Ich bin auch froh darüber. Zum Glück halten wir immer alle zusammen.” Er lächelt den anderen etwas bitter an. ,,Nur manchmal habe ich das Gefühl, dass ich kaum etwas mitbekomme. Es passiert so viel momentan. Denkst du nicht, dass ziemlich viel bei uns schief läuft?”

Jisung zögert. Doch, schon. Irgendwie hat er manchmal das Gefühl, dass er sich mehr Sorgen um Felix machen sollte. Auf seine Veränderung ist er mittlerweile ziemlich gut klargekommen, aber trotzdem hat er selbstverständlich die kleinen Dinge in Felix’ Verhaltensweisen gemerkt. Er lächelt nicht mehr so breit wie früher. Er kichert nicht mehr so viel wie früher. Er checkt nicht mehr ständig seinen Puls wie früher (weil er wohl weniger nervös ist).

Es ist normal, dass sich Menschen verändern. Aber es geschieht nicht einfach mal so.

,,Schieflaufen ist vielleicht nicht der richtige Begriff”, sagte er dennoch, obwohl er genau weiß, was Chan meint, ,,Wir werden eine Lösung finden.” Er steht auf und zieht Chan mit sich. ,,Lass uns zurück zu mir gehen. Es wird langsam kalt.”

Sie laufen durch die Stadt zurück zu Jisungs Haus. Die Gesprächsthemen sind endlich leichter zu verdauen. Jisung kann nicht länger darüber nachdenken, wie sich Felix verändert hat. Oder dass Sungjin ihn derartig manipuliert hat. Oder dass Seungmin ins Gericht muss, weil er sexuell missbraucht worden ist.

Sie diskutieren neue Ideen für Songs, lästern über Lehrer der Schule ab und philosophieren darüber, ob es einen guten Grund gibt, zuerst die Milch und dann das Müsli in die Schüssel zu kippen.

,,Sollen wir zocken?”, fragt Jisung und wirft sich auf die Couch.

,,Ja, ich kann die Ablenkung gebrauchen”, murmelt Chan.

Jisung hält inne. Kurz zögert er, aber entscheidet sich doch dazu, die Gelegenheit zu ergreifen. ,,Ablenkung? Ich kenne da auch noch einen anderen Weg.”

Chan schaut ihn stirnrunzelnd an.

Bevor Jisung länger überlegen kann, rückt er näher an ihn, platziert die Hand auf seinem Oberschenkel und lehnt sich nach vorne, um ihn mitten auf den Mund zu küssen.

Chan zu küssen fühlt sich anders an als bei Felix, aber er mag es. Sehr sogar. Und er ist sich sicher, dass er dieses Gefühl nicht so auskosten könnte, hätte er all diese zweifelnden Hintergedanken im Kopf. Möglicherweise hat das ,,Kusstraining” tatsächlich etwas gebracht.

Baff schaut Chan ihn an. ,,Wow”, gibt er erstickt von sich, ,,Das … ist schon mal ein starkes Upgrade von letztem Mal.” Nervös lacht er und spielt mit dem Saum seines Shirts.

Jisung ist überrascht, dass sein Gegenüber so irritiert reagiert. Er weiß immerhin, dass der andere auch Gefühle für ihn hat. Wieso ist es also seltsam?

,,Sorry, ich habe nur echt nicht damit gerechnet.” Atemlos lacht Chan und wuschelt sich durchs Haar.

,,Ich … ja, ich dachte, ich könnte wieder was gut machen”, erklärt Jisung, ,,Weil ich dich letztes Mal gekorbt habe.”

Chan kichert und schaut Jisung an. ,,Das ist lieb. Ich war nur gerade mental nicht darauf vorbereitet.” Ein Rotton ziert seine blassen Wangen. Warum reagiert er nur so … empfindlich darauf? Küssen ist immerhin normal.

Klar ist Jisung in erster Linie auch nervös gewesen, aber nachdem er ein paar Optionen mit Felix hat testen dürfen, hegt er diese Gedanken kaum noch. Er öffnet schlussendlich entgeistert den Mund.

,,Das war dein erster Kuss, Hyung.”

Chan wird unmittelbar röter. ,,War das so offensichtlich?” Er lacht auf und kratzt sich am Kopf.

,,Es … nein, ach was”, schwindelt Jisung und muss nun grinsen. Das ist so verdammt süß.

Es ist selten, dass er Chan auf diese Weise zu Gesicht bekommt. Normalerweise ist er so entschlossen und weiß genau, was er tun will. Gerade wirkt er eher überfordert und ein bisschen verloren.

Ohne abzuwarten, nimmt er Chans Gesicht in seine Hände und presst die Lippen auf seine. Quasi in gewohnter Manier bewegt er seinen Mund gegen den des anderen, ehe er ungestüm die Zunge zwischen den Spalt drückt.

Chan schnappt perplex nach Luft und lässt es zu, dass Jisungs Zunge das neue Territorium auskundschaftet. Er versucht, sich dem Rhythmus anzupassen, wobei er jedoch eher tollpatschig vorgeht. Etwas unsicher legt er die Hände auf Jisungs Rücken ab und zieht ihn etwas näher an sich.

Als er keine Luft mehr hat, löst er sich: ,,Whoa, sachte.” Er atmet lange aus und lacht heiser. ,,Ich hätte nicht gedacht, dass du so viel Erfahrung mitbringst.”

Ein kleines Triumphgefühl breitet sich in Jisung aus. ,,Ich … ja, naja. Erfahrungen kommen spontan”, erwidert er.

,,Ohhh, muss ich eifersüchtig sein?”

Jisung lacht auf. ,,Nein, definitiv nicht.” Um den anderen vom Reden abzuhalten, verwickelt er ihn direkt in den nächsten Kuss.






Felix kann nicht anders als zu starren. Obwohl er selbst es nicht als starren, sondern observieren bezeichnen würde.

Er mag es, dabei zuzusehen, wie Changbin alltägliche Dinge tut. Es lässt ihn sicher fühlen. Gerade wenn der Ältere seine Arme zwischendrin verschränkt (und dabei seine Muskeln spielen lässt), während er im Kontrast dazu den sanftesten Gesichtsausdruck der Welt zeigt.

Im Krankenzimmer ist nicht sonderlich viel passiert. Changbin hat ihn einfach nur begleitet und ist anschließend nach Hause gegangen. Aber diese Sorge zu sehen, hat irgendetwas in Felix erweckt.

Hin und wieder denkt er an den Vorfall im Freizeitpark und wie sicher er sich fühlt, wenn der andere bei ihm ist. Dass Changbin diese Empfindung sogar zu der Zeit, in der er noch liiert gewesen ist, ausgelöst hat, ist ziemlich verrückt.

Ist es das? Verknalltheit? Weiß Felix überhaupt noch, wie das funktioniert? Neben all dem Hass, den er schiebt, hat er nahezu vergessen, wie es ist, so etwas Warmes und Unschuldiges zu spüren. Ohne es zu merken, lächelt er.

Und genau in dem Moment schaut Changbin zu ihm herüber.

Felix kann nicht anders, als noch mehr zu lächeln und mit geröteten Wangen den Blick zu senken. Seine Reaktion überrascht den anderen, aber der muss ebenso lächeln. Dieser stumme Austausch wird jäh unterbrochen, als Jisung ihn antippt.

,,Erde an Felix?”

,,Ja?” Er schaut seinen besten Freund an.

,,Ich wollte nur fragen, ob wir uns am Samstag bei dir treffen, bevor wir zur Gerichtsverhandlung gehen.”

,,Du fragst nur, damit ich dir deine Krawatte binde”, meint Felix grinsend.

,,Vielleicht.”

Indes linst Felix immer wieder zu Changbin, der sich gerade mit Ryujin unterhält. Mittlerweile ist er kein Fünkchen mehr eifersüchtig auf sie. Er weiß auch gar nicht, woher diese Eifersucht in erster Linie gekommen ist. Die beiden haben ein Verhältnis miteinander, das sich als pure Freundschaft betiteln lässt. Es ist ein besonderes Bündnis, aber keine Romanze. Eigentlich sollte er das selbst am besten wissen, wo er doch Jisung hat.

,,Du starrst ihm noch Löcher in den Kopf”, kommentiert Jisung.

Felix wird unweigerlich wieder rot und kann ein Lächeln nicht unterdrücken.

,,Hey, was ist denn das? Ich sehe ein Lächeln.” Jisung kichert. ,,Dieses Lächeln habe ich schon lange nicht mehr gesehen."


Felix blinzelt mehrmals. ,,Ach, Unsinn. Ich … bin noch immer sauer auf Changbin.”

Genau. Zorn. Wut. Immerhin ist Changbin auch oberflächlich. Wahrscheinlich ist er im Endeffekt kein Stück besser als Sungjin, sonst hätte er seine ,,Liebe” viel eher gestanden.

Felix hat sich auch schon oft genug darüber den Kopf zerbrochen, ob nicht Changbin im Endeffekt an dieser Misere schuld ist. Wäre Changbin nicht gewesen, hätte sich Felix erst gar nicht so zum Affen gemacht. Er hätte Sungjin nicht verprügelt, wäre nicht suspendiert worden und hätte sich erst gar nicht auf diese drastische Weise verändert. Er wäre nicht im Taekwondo, er wäre nicht von Akumo belästigt worden, er wäre nicht auf Sungjin reingefallen und er hätte Jung nicht überführt. All diese Denkweisen haben sich sukzessiv aufgebaut, ohne dass er es wirklich realisiert hat.

Egal, wie er es dreht und wendet: Letzten Endes kommt er doch auf Changbin zurück. So verrückt es auch klingen mag. Vielleicht ist Changbin Wurzel allen Übels. Und sich im Prinzip in seinen ,,Erzfeind” zu verlieben, ist extrem dumm. Derzeit kann Felix seine Probleme an nichts und niemandem sonst festmachen.

Changbin ist alles, was er hat.

,,Wieso bist du denn sauer? Weil er es dir nicht früher gesagt hat?” Jisung schüttelt den Kopf. ,,Er ist nun mal der Typ, der auf die perfekte Gelegenheit wartet, weißt du? Und als er gesehen hat, dass es dir nicht gut geht, wollte er sicherstellen, dass du Bescheid weißt.”

,,Ich verstehe, dass du eng mit ihm befreundet bist, aber das ändert nichts daran, dass er in diesem Punkt verkackt hat.”

Jisung seufzt. ,,Ja, er hat vielleicht nicht den besten Moment gewählt. Aber denkst du wirklich, er könnte lügen?”

,,Jeder Mensch kann lügen”, meint Felix fest überzeugt.

,,Du bestimmt nicht”, argumentiert Jisung, was Felix einen Dolch durchs Herz jagt,

,,Du bist der Sonnenschein schlechthin. Ich habe niemanden gesehen, der so engelhaft ist wie du.” Er stößt ihm spielerisch in die Seite. ,,Und jeder sieht das so. Jeder weiß, dass du keiner Fliege was zuleide tun kannst. Du selbst solltest also am besten wissen, dass es noch gute Menschen gibt.”

Felix muss sich wegen dieser Ironie stark auf die Zunge beißen, um nicht etwas Unkluges zu sagen. Eigentlich ist dieses Image perfekt. Es ist eine Art Schutzschild, hinter dem er sich ideal verstecken kann. Was auch immer er noch in Zukunft anstellen würde: sein Aussehen und seine damit assoziierten Verhaltensweisen werden ihm wohl noch oft den Arsch retten.

,,Themawechsel”, beschließt er kurzerhand, ,,Wie läuft es mit Chan?”

Jisung scharrt etwas verlegen mit den Füßen über den Boden. Schlussendlich lehnt er sich etwas zu ihm hinüber: ,,Ich habe ihn geküsst.”

Felix schnurrt. ,,Uhh, gute Arbeit. Wie hat er reagiert?”

,,Er war total verwirrt. Es war sein erster Kuss.” Jisung grinst breit.

,,Im Ernst? Und du hast dir Gedanken gemacht, dass er so erfahren sein könnte”, erwidert Felix und schüttelt den Kopf. Viel Lärm um nichts. Wie eigentlich immer.

,,Ja.” Jisung kommt aus dem Grinsen überhaupt nicht mehr raus. ,,Es war so süß. Chan ist so süß, oh mein Gott.” Er lehnt sich zurück. ,,Ich wickle ihn in Null Komma nichts um den Finger.”

,,Ich glaube, dass du da nicht mehr viel anstellen musst”, entgegnet Felix amüsiert, ,,Wann kommt ihr endlich zusammen?”

Jisung zuckt leicht mit den Schultern. ,,Ich will es langsam angehen lassen, weißt du? Nicht, dass wir etwas tun, was wir bereuen.”

Felix nickt. Er wünscht sich, dass er sich diesen Rat ebenso zu Herzen genommen hätte.
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