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Spielsucht

von Skillz
GeschichteSuspense, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Han / Han Jisung Lee Felix Seo Changbin
15.04.2020
20.12.2020
49
124.501
16
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
11.10.2020 1.951
 
Felix’ Herz klopft wie wild. Es ist komplett bescheuert. Er hat schon so viele Masterpläne überstanden, einige Gefahren auf sich genommen, viel zu viel riskiert.

Aber diese Situation fordert ihn aufs Übelste heraus.

Er nimmt die Box aus seinem Rucksack und rutscht auf der Bank näher zu seiner Freundesgruppe, die sich wie wild durcheinander unterhält (wie immer eigentlich). Er öffnet die Box und räuspert sich: ,,Möchte jemand einen Brownie?”

Ein paar hören auf, zu reden, und drehen sich zu Felix um.

,,Die hast du gemacht?”, fragt Chan überrascht.

Felix nickt.

Jeongin lehnt sich zu ihm herüber und stibitzt sich ein Stück.

Auch die anderen bedienen sich daran, während Felix’ Puls sich nicht beruhigen kann. Er weiß nicht, wie die Dinger schmecken. Weil er nun mal zu feige gewesen ist und nicht wirklich daran glaubt, dass er etwas in der Küche taugt. Immerhin hat er sich zuvor nie mit Backen oder Kochen beschäftigt.

,,Du kannst auch einen haben.” Er hält Changbin die Box hin.

Der steckt wie immer seine Nase in sein Lyricsbuch, sieht ihn jedoch irritiert an, als ihm etwas angeboten wird. Zögerlich legt er das Buch weg und nimmt sich einen Brownie raus. Er beißt hinein und kaut nachdenklich. ,,Es ist gut.”

Gut.

,,Mir schmeckt es auch”, bestätigt Jeongin, ,,Woher die plötzliche Inspiration zum Backen?”

Bevor Felix antworten kann, kommt Jisung ihm in die Quere: ,,Oh, er ist dem Kochclub beigetreten.”

,,Tatsächlich?”, hakt Chan nach, ,,Hätte nicht gedacht, dass dich so etwas interessiert. Aber bleib’ dran. Das schmeckt wirklich gut.” Er nimmt sich zur Betonung seiner Aussage noch einen Brownie.

Changbin neigt leicht den Kopf zur Seite und runzelt die Stirn. Während der Rest der Gruppe wieder zu ihrem Gespräch zurückkehrt, rutscht er näher an Felix.

,,Was?”, fragt Felix argwöhnisch.

,,Nichts. Ich will nur mit dir reden. Ist doch wohl erlaubt, oder?”

Felix seufzt, weil er gegen diese Aussage nichts einwenden kann.

Die Reaktion darauf ist ziemlich süß. Changbin zieht nämlich die Nase etwas kraus, weil er lächeln muss. ,,Danke für den Brownie.”

,,Du hast die Überbleibsel bekommen.”

Changbin schüttelt fast amüsiert den Kopf.

Peinlich berührt schaut Felix weg. ,,Tut mir leid.” Und es tut ihm leid. Immerhin ist er gemein ohne triftigen Grund. Bisher hat er sich stets gut gefühlt, wenn er sich so verhalten hat, weil es seinen Grund hatte (das rechtfertigt es nicht, aber zumindest ist es eine Erklärung). Diese kleinen Ausrutscher jedoch haben keinen wirklichen Grund. Manchmal ist es wie ein Mechanismus, der bei ihm anschlägt, wenn er sich selbst schützen will.

,,Schon gut.” Changbin nimmt einen Stock vom Boden und fängt an, in den Erdboden unter ihnen zu ritzen.

Als er den Stock zurücklegt, blickt Felix nach unten und entdeckt, dass Changbin ihre Initialen dort verzeichnet und ein Herz drum herum gemalt hat.

Changbin sieht ihn an und muss schon wieder lächeln. Es ist ansteckend und Felix erwischt sich dabei, wie er es erwidert, wenn auch nur leicht.

Der Jüngere erinnert sich an das Fotoalbum, in dem er lauter Bilder von Changbin genauso markiert hat. Alles voller Herzen. Dieses prickelnde Gefühl in seiner Brust weckt seine Sinne. Wieso löst so eine lächerliche Geste so viele Gefühle aus?

,,Das … ist eine Kartoffel, oder?”, fragt er und tippt auf das Herz.

Changbin rollt belustigt mit den Augen.

Bevor er etwas sagen kann, dringt Unruhe von der Seite an ihre Ohren.

Kurz darauf beobachten sie, wie Heeyeon und ihre Quasselstrippen irgendein Mädchen fertigmachen. Vielleicht weil sie im Weg steht oder sie nicht denselben Klamottengeschmack wie sie hat.

Felix schnaubt und kann nicht anders als dieser blöden Kuh ein Bein zu stellen, als sie vorbei läuft.

Sie kommt nicht hart auf, da sie auf der Seite des Pausenhofs mit Wiese und Erde sind. Dafür hat ihre Kleidung deutlich zu leiden, aber wen kümmert es schon? Das Gefühl von Triumph breitet sich in Felix’ Magengegend aus.

,,Spinnst du?!”, fährt sie ihn an.

,,Sorry, hab’ nicht gewusst, dass du so blind durch die Gegend läufst, wo du doch so oft auf Menschen hinab blickst. Hättest es ja eigentlich sehen müssen”, meint Felix locker.

,,Du bist echt so-”

Die Schüler schauen sie an.

Da Felix nach wie vor als das ultimative Opfer gilt, werden Heeyeon giftige Blicke zugesendet.

,,Ich würde nichts riskieren”, empfiehlt Felix ihr.

,,Ach, sei ruhig, Lee-Loser. Irgendwann kommt noch die Abrechnung”, murrt das Mädchen und klopft ihre Kleidung ab, bevor sie sich davon macht, gefolgt von ihrem Rudel.

,,Das war nicht wirklich nötig”, murmelt dann Changbin.

Felix rollt mit den Augen. ,,Du hast ja absolut keine Ahnung. Manche Menschen müssen eben erst einmal aufs Gesicht fallen, um wachgerüttelt zu werden.” Wenn er sich jedoch die Mädchengruppe anschaut, ist er sich sicher, dass keine Gehirnerschütterung der Welt irgendetwas bewirkt. ,,Sie hätte auch besser aufpassen können.”

Nachdenklich schaut Changbin zur Gruppe hinüber. ,,Vielleicht.”





Felix ist gerade auf dem Weg zum Biologieunterricht, als Hyunjin ihn aufhält.

Er zieht ihn zur Seite und schaut einmal die Gänge entlang als hätte er Angst, dass man sie entdecken könnte. ,,Ich habe gehört, was du getan hast”, sagt er schlussendlich, nachdem er alles abgecheckt hat.

Felix runzelt die Stirn. ,,Ich hab’ keine Ahnung, ob ich weiß, was du gerade meinst.”

Hyunjin lehnt sich gegen die Wand und verschränkt die Arme. ,,Du weißt schon. Die Sache mit Jung.” Er beugt sich nach vorne. ,,Du hast ihn allen Ernstes einfach bei der Polizei verpfiffen?”

Abwehrend hebt Felix die Hände. ,,Es war richtig.”

,,Da bin ich mir nicht so sicher”, murmelt Hyunjin, ,,Ich bin froh, dass du es getan hast, aber Seungmin ist überfordert. Der Gerichtsprozess wird schon bald angesetzt, weil er aufgrund der festen Beweislage nach vorne geschoben wurde.”

,,Sind wir dann auch dabei?”

,,Wir sind Zeugen, also ja.” Hyunjin kaut auf seiner Unterlippe. ,,Rein theoretisch dürften auch die anderen mitkommen. Aber ich weiß nicht, ob wir es ihnen sagen sollen.”

Das ist eine gute Frage. Im Prinzip ist es aber Felix egal, solange der Kerl seine gerechte Strafe erhält. Er ist sich sicher, dass Seungmin erst wieder nachts ruhig schlafen kann, sobald dieser Fall ein für alle Mal abgeschlossen ist.

,,Vielleicht könnte Seungmin die mentale Unterstützung gebrauchen”, argumentiert Felix.

,,Ich weiß nicht. Er ist sehr durcheinander.”

,,Was hat er sonst noch gesagt?”

Hyunjin zögert. ,,Er weiß nicht, ob er sich im Recht befindet. Jung hat noch ein paar seiner alten Züge, aber bisher hat er nicht versucht, nochmal handgreiflich zu werden.”


,,Je länger er hier bleibt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wieder so etwas passiert.” Aus erbarmlosen Augen sieht Felix ihn an. ,,Wir müssen jetzt etwas unternehmen.”

Hyunjin weicht vor seinem kalten Blick zurück und schüttelt sich leicht. ,,Sind wir dazu berechtigt? Wer sagt denn, ob es gut ist, was wir tun?”

,,Niemand. Ich finde aber alles gut, was uns schützt. Und was uns verletzt und bedroht, müssen wir beseitigen.”

,,Wir sind hier aber nicht bei einem Schachspiel, wo man den Gegner einfach vom Brett kickt”, hält Hyunjin dagegen, ,,Das hier ist anders. Es gibt so viele Faktoren zu beachten.”

,,Genau dafür ist das Gericht doch da”, entgegnet Felix, ,,Deswegen lassen wir es von einer Institution beurteilen.”

,,Gesetze entsprechen nicht gleich der Gerechtigkeit.”

Felix seufzt frustriert. Jung ist böse. Punkt. Was ist daran so schwer zu verstehen? Zumal hat Hyunjin selbst unfassbar allergisch auf diesen Kerl reagiert. Warum kann er nicht schlichtweg froh sein, dass sie die Möglichkeit haben, ihn loszuwerden? Auf einmal hat Felix das Gefühl, dass sich die gesamte Welt gegen ihn richtet.

Er schaut auf die Uhr. ,,Ich muss in den Unterricht. Red’ nochmal mit Seungs. Ich an seiner Stelle würde teilnehmen. Und wenn er Hilfe braucht, sind wir für ihn da.”

Ohne auf eine Antwort abzuwarten, geht er an Hyunjin vorbei.





Felix verschließt gerade die Teigfladen, die er mit Füllung aus braunem Zucker, Zimt und gehackten Nüssen besetzt hat. Er hat noch nie Hotteok gemacht, allerdings freut er sich darauf, ein paar dieser Pfannkuchen mit nach Hause zu nehmen, um seiner Mutter nach einem anstrengendem Arbeitstag den Tag wortwörtlich zu versüßen.

Er wird von seinem Gedankengang abgelenkt, als er die Mädchen gegenüber von sich tuscheln hört. Außer einem weiteren Jungen, ist er das einzige männliche Wesen hier (Klischee). Und er weiß auch wieso: Nicht, weil Kochen ,,Mädchenarbeit” ist, sondern weil hier unfassbar viel gekichert und getratscht wird. Es ist nervtötend.

,,Stimmt es also, dass Changbin auf dich steht?”

Er hebt die Augenbraue an, als er sieht, wie Chanmi sich verlegen die Strähne zurückstreicht.

,,Ach, Unsinn. Das weiß man gar nicht …”

,,Oh doch! Wie er dich anschaut!”

,,Doch, da läuft definitiv was.”

Felix unterdrückt ein Augenrollen und beginnt damit, den Teig in der Pfanne anzubraten. Etwas verärgert schaute er dabei zu, wie die Mädchen versuchen, Chanmi weiter auszuquetschen.

,,Aber er sieht auch echt gut aus.”

,,Ja, nicht so langweilig wie die anderen Jungs.”

,,Und er ist nicht so ein Lauch.”

Felix schnaubt und setzt die fertigen Pfannkuchen auf einem Teller ab. Er wischt sich die Hände an der Schürze ab und schaut recht stolz seine kleinen Kunstwerke an.

,,Gute Arbeit, Felix!”, lobt Somin, ,,Das ist die perfekte Bräunung. Könntest du noch Schokolade für mich hacken? Ich wollte eine Füllung daraus machen, aber ich muss gerade eben noch Haru helfen.”

,,Klar.” Felix schnappt sich eine Tafel Schokolade und beginnt, sie mit einem großen Messer in kleine Stücke zu hacken.

,,Hey, Felix.”

Er schaut auf und sieht Changbin im Türrahmen des Kochclubs stehen. Verblüfft sieht er ihn an. ,,Oh, hi. Was gibt’s?” Er versucht möglichst locker und ,,cool” zu klingen, aber sein Herz schlägt im Brustkorb um Einiges heftiger.

Ganz ruhig. Das muss überhaupt nichts heißen. Vielleicht ist Changbin nur zufällig vorbeikommen und wollte einfach Hallo sagen.

,,Hast du Jisung gesehen? Ich wollte ihm sein Lyricsbuch zurückgeben. Er hat es vorhin vergessen.”

,,Oh ähm …” Felix wirft einen Seitenblick auf Chanmi zu, die von ihrer kleinen Gruppe umzingelt wird. Die Mädchen kichern albern und versuchen sie wohl anzustacheln.

,,Nein, habe ich nicht. Ich meine aber, dass er mit Chan Eis essen gehen wollte.”

,,Typisch. Und mir nicht Bescheid sagen.” Changbin seufzt. ,,Mittlerweile fühle ich mich wie das dritte Rad am Wagen.”

,,Du bist das dritte Rad am Wagen”, korrigiert ihn Felix und grinst frech. ,,Ich-”

Bevor er weitersprechen kann, wird er unterbrochen. ,,Changbin! Schön, dass du da bist”, sagt eines der Mädchen (Felix ist sich nicht mehr sicher, wie ihr Name lautet - Jiwon? Siyeon?).

,,Willst du Chanmis Hotteok probieren? Sie macht die Besten!”

Chanmi winkt verlegen ab. ,,Nein, du hast mit Sicherheit Besseres zu tun …”

Die Mädchen beschweren sich und Felix kann sich das Gekreische kaum geben. Es ist affig, wie sie sich aufführen. Immerhin handelt es sich nur um einen Schwarm. Warum müssen deswegen alle so ausrasten?

Er ist so abgelenkt, dass er nicht merkt, wie er sich geradewegs in den Finger schneidet. Zischend lässt er das Messer fallen, dass mit einem dumpfen Laut auf dem Holzbrett aufkommt.

Sogleich kehrt Stille ein, während Felix sich seinen blutenden Finger hält. Ehe er es realisiert, steht Changbin direkt vor ihm.

,,Alles gut? Tut es arg weh?”, fragt er besorgt und nimmt eine Serviette vom Tisch, die er schlussendlich auf die Wunde drückt, um die Blutung zu stoppen.

,,Nein, es ist sauber durchgegangen”, antwortet Felix und beobachtet, wie der Ältere die Hände um seine schließt, ,,Ist okay.”

,,Vielleicht solltest du dir ein Pflaster holen”, meint Somin besorgt.

,,Gute Idee. Ich bring’ dich zum Krankenzimmer”, entscheidet Changbin kurzerhand.

Aus dem Augenwinkel nimmt er die Reaktionen der Mädchen wahr. Er unterdrückt ein Schmunzeln und greift mit der unversehrten Hand Changbins Arm.

,,Okay, danke.” Felix lächelt ihn an, was wiederum Changbin etwas überrascht, aber zumindest nicht stört.

Bevor sie das Zimmer verlassen, dreht Felix den Kopf zurück und streckt Chanmi die Zunge heraus. Die Aktion ist kindisch, aber sie tut gut. Und das ist alles, was momentan zählt.
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