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Spielsucht

von Skillz
GeschichteSuspense, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Han / Han Jisung Lee Felix Seo Changbin
15.04.2020
20.12.2020
49
124.501
16
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Dieses Kapitel
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27.09.2020 2.038
 
Die nächsten paar Tage sind ruhig. Da Seungmin Felix bisher noch nicht angesprochen hat, geht er davon aus, dass Herr Jung vielleicht erst einmal befragt wird, ohne weitere Beteiligte mit ins Geschehen zu ziehen. Das ist ihm eigentlich auch ganz recht, weil er ohnehin auf andere Dinge konzentriert ist.

Zum Beispiel seiner Mutter zu beichten, was mit Sungjin geschehen ist. Auch wenn er mittlerweile ziemlich gut lügen kann, tut es ihm weh, sich seiner Mutter gegenüber so zu verhalten. Wenn man der Außenwelt nicht vertrauen kann, sollte man es nicht wenigstens bei der Familie tun?

Aber er weiß nicht einmal, was genau nun mit Sungjin geschähe. Sofern er es jedoch mitbekommen hat, ist er tatsächlich von der Schule verwiesen worden. Er hat Felix sogar ein paar Mal versucht anzurufen oder anzuschreiben, aber Felix ignoriert ihn. Wären die Umstände real, verhielte er sich wahrscheinlich genau so.

Letzten Endes will er nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Beim Abendessen schauen Felix und seine Mutter im Wohnzimmer die lokalen Nachrichten, aber er bekommt kaum etwas mit. Stattdessen fängt er an, sich innerlich darauf gefasst zu machen, ihr diese Situation zu erklären.

Er atmet durch und stellt den Teller ab. ,,Ma.”

,,Ja?”


,,Ich … muss dir etwas sagen.” Bevor er fortfahren kann, ertönt die Musik für das Intro der Nachrichten, was wiederum die Aufmerksamkeit seiner Mutter auf sich zieht.

,,Gleich, mein Schatz. Lass uns gerade noch die Meldung zu Ende anhören.”

,,An der lokalen Allgemeinschule Il-sung wurde ein Teenager von der Polizei letzte Woche Donnerstag abgeführt. Grund dafür sind Drohungen, die er per Mails an Schülerinnen versendete. Dabei handle es sich scheinbar um explizite Videos, welche auf dem Computer des Verantwortlichen bei sich zu Hause gefunden worden sind. Das fehlende Geld, das er bei diesen Drohungen verlangt hat, ist bisher noch nicht aufgetaucht.”

,,Il-sung”, flüstert Felix’ Mutter und dreht sich zu ihrem Sohn um, ,,Wieso hast du mir davon nichts erzählt?”

Felix flucht innerlich. Scheiß-Nachrichten. Das ist das ungünstigste Timing überhaupt gewesen.

,,Ich … wusste nicht wie”, antwortet er ehrlich, ,,Ma … Bei dem Täter handelt es sich um Sungjin.”

Ihre Augen weiten sich, bevor sie die Arme verschränkt. ,,Ich hatte doch direkt ein seltsames Gefühl bei ihm.” Mitfühlend schaut sie ihn an. ,,Kann ich etwas für dich tun?”

Felix schüttelt den Kopf. ,,Ich will nur alleine sein”, murmelt er.

,,Oh, Schatz. Es tut mir so leid.”

Erneutes Kopfschütteln. ,,Du kannst nichts dafür. Er ist nun mal ein Vollidiot.” Schwach lächelt er. ,,Ich hätte ihm niemals vertrauen sollen.”

Seine Mutter legt die Hand auf seine Schulter. ,,Du wolltest vergeben und vergessen. Er hat das scheinbar aber nicht verdient. Mach’ dich selbst nicht dafür fertig.” Sie scheint selbst überfordert zu sein. Dabei erwartet Felix absolut nichts von ihr. Er hat sich immerhin selbst in diese Scheiße geritten.

,,Lass uns am Wochenende zusammen essen gehen. Vielleicht hat dein Vater ja auch Zeit.”

,,Eh nicht”, erwidert Felix, ,,Aber das ist nicht schlimm. Lass uns zu zweit gehen.”

Seine Mutter will offensichtlich auf den ersten Teil der Aussage eingehen, lässt es jedoch. Sie nickt daher bloß und wendet sich wieder dem Bildschirm zu.





Mittlerweile kann Felix die ganzen mitleidigen Blicke nicht mehr ertragen. Immerhin hat er es nicht verdient. Er braucht kein Mitleid, sondern Ablenkung von all dem Mist.

Heeyeon hat sich in der Zwischenzeit nicht einmal getraut, nochmal auf ihn zuzukommen. Aber das liegt wahrscheinlich daran, dass Ryujin schon aus 200 Meter Entfernung mittels ihrer Augen Giftpfeile abfeuert. Kein Mädchen legt sich sonderlich gerne mit ihr an. So nett sie auch ist, so erbarmungslos kann sie sein, wenn man sie provoziert.

Schon verrückt. Anfangs hat er sie nicht wirklich leiden können. Und nun ist sie so etwas wie sein persönlicher Schutzengel. Scheinbar haben all die Dinge, die er getan hat, miteinander verflochten bewirkt, dass er seinen Ruf bei ihr wieder hergestellt hat (obwohl das überhaupt nicht seine Absicht gewesen ist).

,,Und dann hat mir Chan mir Blumen gekauft”, erzählt Jisung, ,,Mega kitschig, aber es war trotzdem süß.”

Felix seufzt und lächelt. Sungjin hat ihm nie Blumen gekauft. Gott, Jisung und Chan sind nicht mal zusammen und pflegen trotzdem eine gesündere Beziehung. Aber er freut sich - trotz all den Ereignissen - natürlich für seinen besten Freund. Er hat ihn noch nie so verknallt erlebt. Und Chan ist wenigstens kein Arschloch, der ihm das Herz bricht.

,,Trefft ihr euch am Wochenende wieder?”

,,Ja. Mit Changbin. Wir wollen weiter aufnehmen.”

,,Klingt gut.” Felix zögert. ,,Weißt du, ich habe nochmal über deinen Vorschlag nachgedacht. Vielleicht ist es doch eine ganz gute Idee, einem neuen Club beizutreten.”

Sofort setzt sich Jisung ordentlich hin und schaut Felix erwartungsvoll an. ,,Echt jetzt? Cool! Hast du schon eine Idee welchen?”

Felix beißt sich auf die Unterlippe. ,,Uhm … also, vielleicht der Kochclub?”

Etwas baff schaut ihn Jisung an, ehe er grinst. ,,Ich wusste es.”

Nun verschränkt Felix die Arme, während er seinen Gegenüber skeptisch anblickt. ,,Was meinst du?”

Triumphierend reckt Jisung die Faust in die Luft. ,,Du bist eifersüchtig auf Chanmi! Ha, wusste ich’s doch!” Er legt den Arm um Felix’ Schultern. ,,Ohne Witz, wenn du auf Changbin stehst, dann hol’ ihn dir doch! Er mag dich immerhin auch.”

,,Changbin hat eine große Klappe und nichts steckt dahinter”, meint Felix fest überzeugt und schiebt Jisungs Arm weg, ,,Außerdem kann er rumflirten, wann er will und wo er will.”

,,Macht er aber gar nicht. Chanmi ist diejenige, die flirtet”, entgegnet Jisung. Ernst schaut er Felix an. ,,Nein, jetzt ehrlich. Verspiel es dir nicht. Changbin wird nicht ewig auf dich warten.”

Felix rückt von Jisung ab. ,,Falls du es nicht gemerkt hast: Mir wurde vor nicht einmal zwei Wochen das Herz gebrochen. Mein Freund hat mich betrogen, weil ich nichts mehr bin als … das da.” Fast angewidert zeigt er auf sich selbst. Er trägt heute zerrissene Jeans, ein kariertes Hemd und Schmuck. ,,Coole” Klamotten eben. Sein Kleiderschrank ist mittlerweile voll von dem Zeug. Die alten Sachen sind gut in Kisten verpackt worden. ,,Changbin hat mir erst gesagt, was er empfindet, nachdem ich mich geändert habe.”

,,Vielleicht hatte er davor nicht die Gelegenheit”, wendet Jisung ein, ,,Felix, denk’ bitte nochmal darüber nach.”

,,Ich habe darüber nachgedacht. Ich … Ich weiß nicht, ob ich Changbin noch mag oder nicht. Ich will gar nichts mehr. Du kannst deine Romanze haben, aber ich brauche diesen ganzen Bullshit nicht”, sagt Felix fest entschlossen.

Ihr Gespräch wird von der Schulklingel unterbrochen.

Gott sei Dank. Felix hat nicht die Nerven weiter mit Jisung darüber zu diskutieren. Er liebt ihn, aber manchmal kann er nicht mit ihm reden, ohne auszurasten. Davor ist dieses Problem nie aufgetaucht, doch seitdem sein Schulleben im Chaos versinkt, reagiert er sensibler auf … naja, alles. Manchmal fühlt er sich wie eine tickende Zeitbombe.

Die ganzen Gedanken sorgen dafür, dass er sich im Unterricht nicht einmal mehr wirklich konzentrieren kann. Dabei mag er Mathe eigentlich. Nur segeln seine Gedanken ständig woanders hin.

Hin und wieder bekommt er von den Lehrern seltsame Blicke. Es ist immerhin kein Geheimnis, dass er mit Sungjin liiert gewesen ist. Glauben sie nun, dass sich seine Verhaltensweise wie ein Virus bei ihm bemerkbar macht?

Felix zögert, allerdings beschließt er schließlich doch nach dem Unterricht zum Kochclub zu geben. Sofern er weiß, trifft sich dieser Club jeden Tag, allerdings muss man lediglich einmal die Woche kommen, um seinen Platz zu behalten.

Zögerlich wandert er den Gang entlang, bis er die offene Tür erreicht. Er klopft gegen das Holz und lugt hinein. ,,Uhm, entschuldigung?”

Die Mitglieder schauen auf. Darunter befindet sich auch Chanmi, doch Felix vermeidet es, sie anzusehen.

,,Hallo. Kann ich dir helfen?”, fragt ein Mädchen freundlich.

,,Ich würde gerne dem … Kochclub beitreten? Oder so, hm …” Auf einmal ist er sich unsicher, ob das überhaupt die richtige Entscheidung ist.

,,Du kannst auch einfach mal eine Schnupperstunde bei uns machen. Kein Problem.” Sie winkt ihn herein. ,,Mein Name ist Somin. Ich bin die Chefin hier.” Verspielt zwinkert sie ihm zu.

Ihre lockere Art beruhigt auch Felix, weswegen er eintritt.

Die Leute schauen ihn etwas komisch an, aber diese Blicke ist er mittlerweile mehr oder weniger gewohnt. Flüchtig schaut er Chanmi an, die zurück starrt.

Er ignoriert das flaue Gefühl im Magen und schnappt sich eine Schürze. Er hat schon viel Mist durchgestanden. Wie könnte ihm da schon Kochen schaden?





,,Wenn du in einem Entertainment angestellt wärst, wie würdest du die monatlichen Evaluationen überstehen?” Chan nimmt sich eine Erdbeere von dem Teller und steckt sie in seinen Mund. Sie ist ein bisschen sauer.

Nachdenklich tippt Jisung sich ans Kinn. ,,Hm … Ich denke, ich würde sie vergessen und dann freestylen.”

Chan verdreht die Augen. ,,So überlebst du keine drei Sekunden in der Musikindustrie.”

,,Schummeln geht irgendwie immer.”

Daraufhin hebt Chan herausfordernd eine Augenbraue an.

,,Nur ein Scherz”, beeilt sich Jisung, zu sagen.

Gerade sitzen sie auf seinem Bett, futtern Erdbeeren und unterhalten sich über ihre rhetorischen Karrieren in der Musikbranche. Bisher haben sie festgestellt, dass Jisung wohl nur mit viel Glück herein käme bei seiner manchmal doch ziemlich tollpatschigen Art. Wobei er selbst das eher als Charme abstempelte.

,,Wenn ich mit Musik Geld verdienen könnte … whoa”, murmelt Chan, ,,Das wäre der beste Job der Welt. Ich könnte nicht damit aufhören.”

,,Du würdest überhaupt nicht mehr schlafen”, bestätigte Jisung und nickt überzeugt.

Chan kichert. ,,Ja, wahrscheinlich. Was man doch nicht alles für die Leidenschaft tut.” Er nimmt eine weitere Erdbeere und hält sie Jisung unter die Nase.

Der Jüngere schnappt nach ihr und kaut genüsslich.

,,Du Eichhörnchen. Du musst auch schlucken und nicht nur kauen.”

Jisung unterdrückt ein Schmollen und schubst Chan an den Schultern zurück, erreicht jedoch nicht viel, da seine Handgelenke festgehalten werden.

Ein bisschen kabbeln sie sich auf dem Bett, bis sie nebeneinander auf dem Rücken liegen und an die Decke starren.

,,Wie geht es eigentlich Felix?”, fragt Chan.

,,Hat er mit dir nicht geredet?”

Chans Schweigen ist Antwort genug.

,,Ich denke, dass er es irgendwo verdrängt”, mutmaßt Jisung, ,,Um ehrlich zu sein, sprechen wir auch nicht wirklich darüber. Aber man sollte ohnehin keinen Atem an diesem Arschloch verschwenden.”

,,Ich hatte von Anfang an ein seltsames Gefühl. Irgendetwas hat bei den Zweien von vorneherein nicht ganz gestimmt”, murmelt Chan.

Das kann Jisung nicht einmal verneinen. Ständig hat er es beiseite geschoben. Immerhin wäre er ein mieser bester Freund, sollte er Felix direkt die erste Beziehung schlecht reden, obwohl er Sungjin selbst kaum kennt.

,,Ich wünschte, er würde einfach was mit Changbin anfangen”, gibt Chan zu.

,,Ich auch. Er ist definitiv die bessere Wahl.”

,,Die beste Wahl”, korrigiert Chan, ,,Ich habe letztens in seinem Buch Lyrics zu Liebesliedern gefunden.”

Jisung setzt sich auf. ,,Du hast in seinem Buch gestöbert?”

,,Er hat es mir geliehen, damit ich meine Ideen zu seinen Songs aufschreibe. Ich wollte es wirklich nicht lesen, aber ich hab’s genau die Seite aufgeschlagen.” Chan schmunzelt. ,,Es ist süß. Manche sind sogar direkt an Felix adressiert.”

,,Scheiße, er ist echt verknallt.” Leise lacht Jisung.

,,Ja, ist das nicht schön?”, flüstert Chan, ,,Ich finde, verliebt zu sein, ist schön.”

Jisung vestummt. ,,Sicher.”

Die beiden schauen sich an, ohne etwas zu sagen. Es ist ein bisschen seltsam, aber nicht unangenehm. Jisung will nur abwarten und sehen, was passiert, wenn er nichts macht.

Chan rappelt sich nun ebenfalls auf und lächelt Jisung verlegen an. ,,Ich würde dir auch ein Lied widmen, aber es ist irgendwie schwierig für mich, meine Gedanken zu sortieren, wenn ich etwas von Herzen sagen will.”

Jisung muss bei der Bemerkung grinsen. ,,Macht nichts. Zum Glück kann man es dir ansehen.”

,,Was ansehen?”

,,Dass du ehrlich bist.”

Chan wird etwas rot und lächelt ihn an. Langsam lehnt er sich nach vorne und schließt die Augen.

Jisung sitzt still da und wartet, bis er die Lippen auf seinen spürt. Unweigerlich zuckt er zusammen und weicht zurück.

Irritiert sitzt Chan da, ehe er scharf die Luft einzieht. ,,Ahh, sorry.”

,,N-Nein, du hast nicht …”

,,Doch, irgendwie schon, aber-”

,,Es ist wirklich okay.”

Chan kratzt sich am Kopf. ,,Ähm, naja, ich sollte dann wohl gehen, hm? Ist schon spät.”

Leicht nickt Jisung und begleitet ihn nach unten bis zur Tür. Zum Abschied umarmen sie sich, aber es ist ein wenig angespannt.

,,Bis morgen.” Chan wuschelt ihm durch die Haare und verlässt das Haus.

Seufzend schließt Jisung die Tür und haut seinen Kopf dagegen an. Wieso ist Liebe nur so schwer?
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