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Spielsucht

von Skillz
GeschichteSuspense, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Han / Han Jisung Lee Felix Seo Changbin
15.04.2020
20.12.2020
49
124.501
16
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
20.09.2020 2.012
 
Es herrscht Stille am Tisch.

Schlussendlich bringt Hyunjin ein fast aggressives ,,Was?!” zustande. Er ist definitiv nicht dafür bekannt, so harsch zu reagieren, aber gerade wirkt er ziemlich verärgert. ,,Bist du dir da ganz sicher?!”

,,Ja”, bestätigt Minho überzeugt, ,,Es klingt vielleicht seltsam, aber er wirkt ganz verändert. Wie ein neuer Mensch.”

,,Muss die Amnesie sein”, meint Seungmin erstaunlich ruhig, ,,Wahrscheinlich konnte er sich aber weit genug zurückerinnern, um zu wissen, dass er Lehrer an unserer Schule ist.”

Richtig. Gefeuert wurde er leider nie.

Das kommt Felix erst jetzt in den Sinn und es lässt Zorn in ihm aufflammen. Verdammt, wieso haben sie damals nicht einfach die Videos der Polizei gezeigt?

Seungmin atmet lange aus.

,,Ich weiß, dass du ihn nicht leiden kannst”, sagt Minho mitfühlend, ,,Aber vielleicht ist er ja jetzt anders.”

,,Ja, sicher”, antwortet Seungmin und legt die Gabel nieder, ,,Mir ist der Appetit vergangen.”

,,Willst du eine Runde raus?”, erkundigt sich Hyunjin vorsichtig.

Seungmin nickt und greift nach der Hand, die ihm ausgestreckt wird. Er umfasst den Arm des anderen und lehnt sich an diesen, während sie die Cafeteria verlassen.

,,Das war ja seltsam”, kommentiert Jeongin.

,,Finde ich nicht”, meint Felix nur, ,,Hier wird es schnell stickig.”

Seine Gedanken wirbeln in einem Tornado durcheinander in seinem Kopf. Toll. Dabei ist er sich sicher gewesen, dass sie ihn nun los sind. Und da kommt die Pest aus dem Nichts zurück. Geheilt, aus dem Krankenhaus entlassen und mit Amnesie, die aber zu Teilen wohl schon behoben worden ist. Oder erinnert er sich an alles?

Nein. Und wenn doch?

Es wäre unklug, ihnen etwas anzutun. Immerhin hat Felix die Videos gut verwahrt. Selbst wenn er sich an ihren Streich erinnert, sind ihm die Hände gebunden. Zumindest das ist beruhigend an dieser Situation.

Jisung rückt näher an Felix. ,,Ich hab’ eine Idee”, meint er, ,,Vielleicht täte es dir gut, einem Club in der Schuld beizutreten! Ich weiß, dass du noch irgendwie dein IT-Ding hast, aber etwas Neues zu machen wäre doch auch aufregend.”

Felix zuckt mit den Schultern. Eigentlich hat er gar nicht so viel Zeit noch mehr auf seine Liste zu packen. Sofern es ihm keine Vorteile bringt, weiß er nicht, wieso er sich nach Clubs umsehen sollte.

Im nächsten Moment kommt ein Mädchen an ihrem Tisch vorbei. Er braucht kurz, um sie zu erkennen.

Sie ist diejenige, die sich mit Changbin an der Galerie unterhalten hat. Die, der dank Felix ein Tennisball mitten ins Gesicht geflogen ist.

Sie lächelt Changbin an und begrüßt ihn. Schlussendlich holt sie eine Box aus ihrer Tasche und öffnet diese. ,,Ich habe Muffins gemacht und dachte, dass die dir schmecken könnten. Zucker hilft immer bei Stress.”

Überrascht schaut Changbin das Gebäck an. ,,Oh … danke, Chanmi. Das ist nett.” Er runzelt leicht die Stirn und nimmt zögerlich einen Muffin heraus. Er beißt hinein und kaut langsam. Seine Miene erhellt sich. ,,Wow, das ist echt gut!”

Chanmi lächelt breit. ,,Ja? Das freut mich!” Erleichtert atmet sie aus. ,,Ich bin erst seit ein paar Wochen im Kochclub, aber das Training scheint wohl anzuschlagen.”

,,Ja, auf jeden Fall.”

,,Super! Wenn ich wieder was habe, dann komme ich vorbei.” Sie winkt zum Abschied und geht dann hinüber zu ihren Freundinnen.

Anerkennend pfeift Minho. ,,Die ist ja süß.”

,,Wir arbeiten nur zusammen für ein Projekt”, erklärt Changbin und schüttelt bloß den Kopf.

Währenddessen brodelt es in Felix’ Magen. So ein Bullshit. Da macht er erst heute mit seinem Freund Schluss, indem er ihm etwas in die Schuhe schiebt, und jetzt muss er auch noch beobachten, wie diese Hupfdole Changbin Muffins andreht. Scheinbar zieht auch noch die Masche, sonst hätte er die Süßigkeit nicht angenommen.

Braucht es wirklich nur dummes Gebäck, um ihn zu locken? So ein Vollidiot.

Felix verzieht das Gesicht und ertränkt seinen Frust in Kakao. Er hasst Chanmi jetzt schon. Mit ihrem süßen Lächeln und den gepunkteten, super penetranten Kniestrümpfen, die sie immer trägt.

Ryujin mustert ihn als könnte sie ahnen, was er gerade denkt. Daher bemüht er sich, wieder seine Schutzmauer aufzubauen, damit man bloß nicht erkennt, was gerade in ihm vor sich geht.

,,Ich geh' mal nach Seungmin und Hyunjin schauen”, verkündet er schlussendlich, nachdem er den Kakao ausgetrunken hat.

,,Ich komme mit”, bietet Jisung an, doch Felix schüttelt den Kopf.

,,Schon okay.”

Bevor er auf Widerspruch stoßen kann, steht er einfach auf und verlässt die Cafeteria. Das ist kein Fluchtversuch (okay, vielleicht nur ein bisschen), sondern er muss dringend mit Seungmin reden.

Kaum tritt er über die Türschwelle, sieht er bereits Seungmin und Hyunjin zusammen auf der Bank sitzen. Scheinbar reden sie miteinander, aber er ist noch zu weit entfernt, um irgendetwas zu verstehen. Daher erkennt er nur, dass Hyunjin den Arm um Seungmins Taille gelegt hat und beruhigend über sein Bein streicht.

Felix eilt auf sie zu. ,,Seungmin”, gibt er beinahe erstickt von sich.

Angesprochener hebt den Kopf an und lächelt ganz minimal. ,,Was suchst du denn hier?”

,,Wir müssen die Videos verschicken”, sagt Felix sofort, um gleich auf den Punkt zu kommen. Er will nicht schwafeln, sondern handeln.

Daraufhin stirbt das Lächeln auf Seungmins Gesicht aus. Er senkt den Kopf und kaut auf seiner Unterlippe. ,,Nein.”

,,Nein?”, wiederholt Felix verdattert.

Wieso nein?! Ein widerlicher Lehrer ist soeben wieder an ihre Schule gekehrt und macht alles unsicher. Sie haben alles Recht, ihn bei der Polizei zu verpfeifen! Er hätte im Koma bleiben sollen und das will Felix diesem Dreckskerl beibringen. Er hat nicht Wochen Zeit für seinen Masterplan investiert, nur damit dieses Arschloch hier wieder aufkreuzt und alles völlig über den Haufen wirft. Er hasste es, zu verlieren.

,,Wir wissen nicht, wie weit er sich erinnert”, erklärt Seungmin und schaut Felix nun wieder an, ,,Wenn seine Amnesie ihn das Schlechte hat vergessen lassen …”

,,... ist das alles nicht ungeschehen”, unterbricht Felix ihn, ,,Seungmin, das kann nicht dein Ernst sein.”

Seungmin seufzt. ,,Ich weiß ja selbst nicht. Ich denke nur, dass es unfair wäre, ihn zu verraten, wenn er nach seinem fast tödlichen Unfall zurückgekommen ist. Möglicherweise hat er sich ja geändert.” Mit jedem Wort spricht er langsamer als fiele es ihm schwer, seine Gedanken angemessen zu formulieren. Es wird deutlich wie durcheinander er gerade ist.

,,Aber er hat trotzdem all diese Dinge getan. Menschen ändern sich nicht einfach”, argumentiert Felix fest entschlossen. Sungjin ist immerhin der beste Beweis dafür.

,,Ich … denke darüber nach, okay?”, schlägt Seungmin vor, ,,Aber für jetzt brauche ich erst einmal Ruhe davon.”

Hyunjin schaut ihn mitfühlend an. ,,Ich glaube, es ist auch besser erst einmal abzuwarten.”

Ist das ihr Ernst?

Felix kann es immer noch nicht fassen. Sie haben doch das Material, um diesen Lehrer in den Abgrund zu stürzen. Er hat es allemal verdient, also wieso können sie denn nicht jetzt sofort handeln? Es ist wirklich zum Haare ausreißen.

Felix verzieht das Gesicht. Nun muss er jedoch vorerst die Entscheidung akzeptieren, auch wenn es ihm nicht schmeckt.

,,Naja, wir sollten zurück ins Schulhaus”, meint Seungmin, ,,Der Unterricht geht gleich weiter.”





,,Alles okay?”, fragt Chenle in der Umkleidekabine, ,,Du hast heute sehr … aggressiv gewirkt.”

Felix bindet sich gerade die Schuhe zu. ,,Ich muss nur Dampf ablassen.”

,,Kein Grund im Training wie ein Stier zu schnauben”, neckt ihn Renjun.

Doch Felix ignoriert ihn. Ihm geht nach wie vor die Jung-Sache nicht aus dem Kopf. Außerdem muss er noch seiner Mutter beichten, dass Sungjin abgeführt worden ist. Ob sie es schlucken wird? Manchmal hat er die leichte Vorahnung, dass seine Mutter im Endeffekt irgendwo wie er selbst tickt.

Aber vielleicht liest er nur zu viel in ihre Aussagen hinein.

,,Willst du mit uns vielleicht einen Kaffee trinken?”, bietet Chenle mit einem Lächeln an.

Es ist schwierig, ihm zu widerstehen. Und nach der ganzen Aufregung kann Felix diese Ablenkung eigentlich ganz gut gebrauchen.

Doch auch trotz dessen, dass Chenle ihn einlädt, wird seine Laune kaum besser.

,,Komm schon. Genieß doch mal das schöne Wetter”, versucht es nun auch Haechan. Normalerweise fällt es ihm recht leicht, gute Stimmung zu verbreiten, doch auch das schlägt bei Felix nicht an. Ihm tut es auch leid, dass er reagiert wie ein Stein, aber es drückt zu viel auf seinen Brustkorb.

,,Wow, du hattest wohl einen echt miesen Tag, was?”, fragt Haechan seufzend und trinkt in Ruhe seinen Latte.

Felix zuckt leicht mit den Schultern. ,,Ich habe mit meinem Freund Schluss gemacht.” Mehr oder weniger.

,,Oh.” Mitleidig schaut Chenle ihn an. ,,War er ein Arschloch?”

Felix nickt. ,,Er hat mich belogen und betrogen.” Mehr sagt er dazu nicht, aus Angst, zu viel zu verraten. Daher trinkt er seinen Kaffee, bedankt sich für die Einladung und macht sich anschließend auf den Weg nach Hause.

Seine Mutter ist nach wie vor bei der Arbeit, daher kann er sich ohne Probleme zurückziehen und endlich alle Hüllen fallen lassen. Wortwörtlich. Denn nach all den Strapazen dieses Tages muss er erst einmal duschen.

Lange steht er unter dem Wasserstrahl und sinniert über die derzeitige Situation seines Lebens.

Gut, er hat nun Sungjin aus dem Weg geräumt. Aber jetzt kommt ausgerechnet Jung wieder ins Spiel. Also gibt es einen alten Feind zu eliminieren. Akumo ist bisher noch ruhig geblieben - scheinbar traut er sich nicht mehr, Felix anzufassen.

Aber ist das noch immer so, nun, wo Sungjin weg ist?

Felix schüttelt vehement den Kopf. Gott, wieso ist alles nur so kompliziert?

Dann ist da auch noch Chanmi mit ihrem blöden Kochclub und ihren tollen Muffins, mit denen sie Changbin noch verführt. Nicht, dass es an und für sich ein Problem ist. Felix mag sie nur nicht. Sie ist so … süß. Und er würde gerne glauben, dass er süßer ist, aber das wäre eine glatte Lüge.

Er fühlt sich nicht süß, sondern mies und schäbig nach allem, was die letzten Wochen passiert ist.

Er wirft sich in frischen Klamotten aufs Bett und schnappt sich ein Buch, das er vor ein paar Tagen angefangen hat, zu lesen. Aber so ganz kann er sich auf die Worte nicht konzentrieren. Nach wie vor ist er beklemmt. Vor allem wegen Sungjin.

Auf einmal ist er sich nicht mehr ganz sicher, ob es die richtige Entscheidung gewesen ist, ihn in diese Situation zu reiten. Allerdings ist Felix wirklich stinksauer. Und er fühlt sich dreckig und benutzt.

Wieso wollen ihm alle möglichen Typen an die Wäsche?

Er seufzt. Ob Changbin auch so denkt? Eigentlich wirkt er nicht so, aber Felix traut niemandem mehr. Außer Jisung. Jisung ist allerdings auch kein Vollidiot wie der Rest der Welt. Pah, wer braucht schon Romanzen, wenn man den besten Freund hat?

Felix steht auf und setzt sich an seinen Computer.

Gerade sieht sein Leben ziemlich durcheinander aus. Vielleicht wird es ja Zeit, mal ordentlich aufzuräumen. Er greift zu Stift und Papier, bevor er beginnt, eine Liste nieder zu schreiben.

Immer mal wieder hält er inne und analysiert jeglichen Aspekt der vergangenen Wochen. Diese angestaute Wut muss irgendwohin. Allmählich hat er es so satt nur durchs Leben zu pendeln, ohne zu wissen, was er eigentlich will und braucht, um endlich wieder friedlich zu werden. Irgendwo muss es eine Quelle geben, die dafür verantwortlich ist, dass sein Leben derartig scheiße läuft.

Andächtig legt er den Stift auf den Tisch und betrachtet die Liste.

TO DO
- bringe Jung vors Gericht
- rede mit Mama
- wisch Heeyeon eins aus
- unternimm etwas gegen Chanmi


Er hat erwartet, dass die Liste länger wird. Möglicherweise fällt ihm ja noch etwas ein.

Nur fragt er sich, was er hinsichtlich Chanmi tun soll. So ganz weiß er außerdem eh nicht, was er von Changbin hält. Aber er will, dass dieses Mädchen sich von ihm fernhält.

Er knirscht mit den Zähnen und starrt das Blatt wütend an als müsste es unter seinem Blick gleich in Flammen aufgehen.

,,Egal, erledigen wir erst einmal die einfachen Sachen”, beschließt er und greift zu seinem Handy, ehe er die Nummer der Polizei wählt.

Als abgenommen wird, schleicht sich ein leichtes Lächeln auf sein Gesicht. ,,Hallo, ich möchte einen Fall melden. Ich habe auch Beweismaterial”, erzählt er.

,,Junge, bist du ein Detektiv oder was?”, erwidert der Beamte von der anderen Seite der Leitung.

Felix kichert. ,,Vielleicht?” Er lehnt sich auf die Tischplatte. ,,Aber man ist nie zu jung, um Ungerechtigkeiten aufzudecken.”
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