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Das Leben ist voller Schmerz und doch geht es weiter

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
15.04.2020
07.04.2021
3
2.250
 
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07.04.2021 726
 
Papa stellte einen Teller vor mich hin. Nudeln. Eigentlich konnte ich dieses Gericht nicht mehr sehen, bedankte mich aber tausendmal, da ich wusste, wie viel Mühe er sich gab. Er setzte sich mir gegenüber. "Du... Mama geht es sehr schlecht..." Eigentlich war es zu erwarten gewesen, dennoch legte ich erschrocken den Kopf schief. "Darf ich zu ihr?" "Lass sie noch schlafen! Nachher..." "Hast du ihr die Medikamente gegeben?", fragte ich besorgt. Papa nickte und sah mich liebevoll an. Nach dem Essen ging ich in mein Zimmer, um meine Hausaufgaben zu machen.  "Ich fahr einkaufen. Ist das in Ordnung, Elna?", rief mein Vater eine halbe Stunde später. "Ja, klar!" Er verließ das Haus und ich klappte mein Heft zu. Vorsichtig schlich ich durch das Cottage und stand bald darauf vor Mamas Zimmer. Ich hielt kurz nachdenklich inne und entschloss mich dazu ins Wohnzimmer zu gehen. Im Moment wollte ich Mama nicht so leiden sehen. Auf dem Sofa nahm ich Platz. Neben mir lag auf dem Couchtisch ein dickes Buch. Handbuch Nautik, Navigatorische Schiffsführung. Interessiert griff ich nach dem Buch und warf einen Blick hinein. Tatsächlich hatte ich mich an dem theoretischen Seefahrtsbuch so festgelesen, dass ich nicht hörte, wie Papa auf den Hof fuhr. Er kam mit einer schwerbeladenen Tüte herein. "Elna? Bringst du die Pferde auf die Koppel? Elna?" Verwirrt sah ich auf. "Bringst du Edward und Lightning raus?" Ich nickte gehorsam und stand auf. Papa nahm neugierig das Buch an sich. "Elna, Schatz, warte mal!" Ich drehte mich um. "Nautik?" Er sah mich fragend an. "Wird mein Studienfach später!" Überrascht lächelte er und ging freundlich auf mich zu. "Seit wann weißt du das?" "Seit langem schon, aber jetzt bin ich mir sicher!" "Womit habe ich so eine tolle Tochter verdient?", lachte Papa. Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf und ging in den Stall. Die Pferde schnaubten leise zur Begrüßung. Ich führte die beiden auf die abgezäunte Wiese, welche hinterm Haus noch zu unserem Grundstück gehörte. Ich schloss das Gatter und beobachtete die Tiere noch ein wenig. Papas Apfelschimmel graste genüsslich. Ich drehte den Pferden den Rücken zu und betrat das Haus. Die Tür zum Schlafzimmer stand offen. Vom Wohnzimmer aus konnte ich die Bettkante sehen. Papa saß auf ihr und hielt Mamas Hand. Er sah auf und winkte mich zu sich. "Elna!" Mama lächelte mich fröhlich an. Im Moment wirkte sie nicht mehr schwach. Aber nur für diesen Augenblick. Im nächsten Moment überkam sie ein Hustenanfall. Papas Gesicht nahm einen schmerzverzerrten Ausdruck an. Ich nahm die verbundenen Hände meiner Eltern zwischen meine. Der Husten legte sich. "Spielst du mir etwas vor?" Erstaunt sah ich sie an. Mein Vater nickte mir wohlwollend zu. Ich erhob mich von der Matratze und ging langsam zurück ins Wohnzimmer. Das Klavier stand an der Wand. Ich öffnete den schweren Deckel und nahm auf dem Hocker Platz. Kurz musste ich nachdenken, legte aber dann fast von selber die Hände auf die Tasten. Ein langsamer Walzer erklang. Es war der Walzer, den Mama spielte, als ich Papa darum bat, mir das Tanzen beizubringen. Vor meinem inneren Auge schwebten wir durch das Wohnzimmer. Ich nahm meine Eltern und die Geräusche der See gar nicht mehr war. Da war nur die Erinnerung, die Musik und ich. Plötzlich verklang der letzte Ton. Papa saß neben mir. Tränen strömten über meine Wangen. Ich hatte sie gar nicht bemerkt. Der Kapitän seufzte leise. Ich lehnte mich an ihn und erlaubte mir zu schluchzen. Zuerst nur leise und heiser, dann immer lauter, bis ich wie ein Schlosshund heulte. Papa umarmte mich. Ich spürte seine Wärme. Sanft legte er mir den Arm um und brachte mich zu Mama. "Elna, komm zu mir!", forderte sie mich auf. Ich legte mich zu ihr und kuschelte mich an sie. Es tat unglaublich gut, wie meine Eltern mich trösteten. Papa streichelte meine Hand. "Ach Elna... Jasper... Ihr zwei bedeutet mir so viel!" Im Zimmer war es still, trotzdem schienen wir uns eine Menge zu sagen. Ich schloss meine Augen und lauschte der See. Ihr meist beruhigendes Geräusch hatte mich jeden Abend einschlafen lassen, so kam es, dass ich auch jetzt wegtrat in einen ruhigen, erholsamen Schlaf.
 
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