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Das Leben ist voller Schmerz und doch geht es weiter

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
15.04.2020
07.04.2021
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2.250
 
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15.04.2020 941
 
Vor einiger Zeit hatten sich meine Eltern einen großen Wunsch erfüllt. Ein eigenes Cottage in Schottland. Seit 14 Jahren schon lebten wir in diesem Steinhaus auf der Steilküste. Mein Vater war Kapitän, meine Mutter Schiffsoffizierin. Sie lag gegenwärtig schwer krank im Bett und schlief gerade. Leise ging ich in die Küche und setzte Tee auf. Draußen regnete es in Strömen. Ich sah aus dem Fenster. Der Vollmond spiegelte sich silbrig an der Wasseroberfläche des Meeres unter uns wieder. So still hatte ich das Seaside Cottage noch nie erlebt. Ich hörte die Wellen gegen die Felsen klatschen. Im Stall wieherte Lightning, mein Pferd. Auf ihm ritt ich jeden morgen zur Schule. Vorsichtig öffnete ich die Tür zum Schlafzimmer und stellte die Teetasse auf Mamas Nachttisch ab. Sie war blas und abgemagert. Seufzend verließ ich das Zimmer. "Jasper?", fragte Mama plötzlich mit schwacher, zittriger Stimme. Ich blieb im Türrahmen stehen. "Papa kommt doch noch", beruhigte ich sie. "Jasper..." "Er kommt gleich..." Sie nickte still und sank zurück ins Kissen. Gedanken kreisten in mir herum. Stimmt, ich musste die Pferde füttern! Ich schlüpfte an der Haustür in meine Gummistiefel und ging nach draußen. Der frische salzige Wind kam mir entgegen. Ich atmete tief durch und betrat den Stall. Lightning und Edward, Papas Pferd, strahlten angenehme Wärme aus. Ich kraulte Edward nachdenklich. Mein glücklich Leben... die Pferde, meine beiden Eltern mit nautischen Kentnissen... sollte es mit Mamas Tod enden? Was wäre das Haus ohne sie?" Der Doktor hatte vorgestern festgestellt, dass keine Hoffnung bestände. Papa wollte dann sofort zu uns kommen, musste aber die zwei Tage noch arbeiten. Ich fütterte Lightning und Edward mit gemischten Gefühlen aus Sorge und etwas wie... vielleicht war es Wut... Aber auf was? Ich horchte auf. In der Ortschaft unter uns musste ein Auto fahren. Zügig ging ich nach draußen. Tatsächlich! Deutlich konnte ich Scheinwerfer erkennen. Ich setzte mich auf die bedachten Stufen vor der Eingangstür und wartete. Fünf Minuten... Zehn Minuten verstrichen. Eine Viertelstunde später fuhr das Auto vor unser Haus und parkte. Papa, endlich! Tränen traten mir in die Augen. Weinend rannte ich auf den Kapitän zu, der gerade ausstieg. "Elna!" Er zog mich fest in die Arme. Ich umklammerte ihn genauso fest. Tränenüberströmt drückte ich mein Gesicht an seine Brust. Er strich mir durch das dunkelblonde Haar. "Papa", schluchzte ich mit heißerer Stimme. "Papa... Mama ist", flüsterte ich leise. "Ich weiß, Schatz, ich weiß... Wo ist sie?", fragte er mit gebrochener Stimme. "Komm!" Ich nahm seine Hand. Sie zitterte leicht. Sein Blick war glasig. Der erfahrene, gutmütige und unerschrockene Kapitän war kaum wiederzuerkennen. Plötzlich war er voller Sorge und hoffnungslos. Wir gingen in das Haus. Wenn man durch die Tür ging, gelangte man in einen "Zentralraum". Er fasste Wohnzimmer und Küche in einem zusammen. Von dort führte eine Treppe in Papas und Mamas Arbeitszimmer auf dem Dachboden. Eine Tür führte zu meinem Zimmer und über einen kleinen Flur an meinem Zimmer vorbei gelangte man zum Bad und zum Schlafzimmer meiner Eltern. Dorthin führte ich Papa. "Elizabeth!" Er stürzte zu ihr. "Jasper!" Tränen standen nicht nur in Mamas Augen. Ich sah Papa zum ersten Mal weinen. Stumm hielt er Mamas Hand, während eine Träne über seine Wange lief. Traurig ließ ich die beiden allein und begann die Spülmaschine auszuräumen. "Warte, ich helf dir!", hörte ich Papas Stimme hinter mir. Dieses wunderschöne Englisch mit dänischem Akzent. "Tak!", bedankte ich mich auf dänisch. Er schüttelte sanft den Kopf. "Lass uns lieber Englisch reden..." Ich hatte die böse Vorahnung, dass Papa dachte, dass wir nach Mamas Tod nur noch Dänisch reden würden. Warum auch nicht? Es war Papas Muttersprache und damit auch meine neben Englisch. Ich nickte. "Sie schläft..." Wieder nickte ich. "Ach Elna..." Er zog eine Schublade auf und sortierte Besteck ein. Ich brachte Teller in den Schrank. "Du hast dich gut um sie gekümmert!", lobte er mich. "Ich dachte am Anfang es wäre nur eine Grippe und plötzlich war es eine Lungenentzündung. Hätte ich früher einen Arzt geholt!" "Hör auf so zu denken! Du hast alles getan, was du tun konntest!" "Du machst mir keine Vorwürfe?" "Nein! Wieso?" "Ich fühl mich schuldig..." "Was auch immer passiert, du trägst keine Schuld!" Er sah auf die Uhr. "Du hast morgen Schule, geh ins Bett! Ich mach das hier schon!", warf er ein als ich protestieren wollte. Unsicher wendete ich mich ab und ging ins Bad.
Papa setzte sich auf meine Bettkante. "Hier, ich hab dir versprochen etwas mitzubringen!" Er gab mir eine Schatulle. Ich öffnete sie vorsichtig. Eine silberne Kette mit einem blauen Stein als Anhänger. "Das ist doch nicht..." "Ein Saphir? Doch." "Aber das kannst du doch nicht..." "Ich hoffe du trägst sie beim Weihnachtsessen!" "Ich soll?" Mir stockte der Atem. Papa nickte still. Ich berührte den Stein. "Danke!", stammelte ich verlegen und umarmte ihn. "Woher ist sie?" "Amsterdam. Ich muss zu deiner Mutter." Er stand auf und lächelte schief. Ich erwiederte sein Lächeln. Er ging zur Tür und löschte das Licht. "Gute Nacht!" "Nacht!" Dann ging er und schloss die Tür. Das Weihnachtsessen war die Weihnachtsfeier von der Reederei meiner Eltern für Mitarbeiter und Familie. Bis lang waren immer nur meine Eltern dorthin gegangen. Ich gähnte und schloss sie Augen. Tatsächlich war ich bald eingeschlafen.
 
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