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Never say never

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Bill OC (Own Character)
13.04.2020
06.12.2021
40
101.454
15
Alle Kapitel
89 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
22.04.2020 2.292
 
Danke an @bellaro buecherwurm und @CrazyRat89 für ihre Reviews♥
Und an alle, die ein Sternchen oder Favo dagelassen haben.


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Zwei Monate zuvor

Die dichtbefahrenen Straßen im Hamburg waren auch heute wieder chaotisch. Eine junge, rothaarige Frau schob sich zwischen zwei stehenden Bussen hindurch, die sich hupend über den Stau beschwerten und ging nun eilig den Fußgängerweg entlang.
Luana König bemerkte die Menschen um sich herum an diesem Morgen kaum. Im Espresso House war sie zwar noch mit voller Aufmerksamkeit bei ihrem üblichen Ablauf gewesen, jetzt hingegen gab es wichtige Dinge, die ihre Pläne für den eigentlich strukturierten Tag zunichtemachten.

„Hanna, ich habe unser Hotel gefunden! Du wirst begeistert sein!“
Zwei Fußgänger anrempelnd, ging die junge Frau die stark befüllte Straße entlang, das Handy zwischen Ohr und Schulter gepresst und mit zwei dampfende Kaffeebechern in den Händen. „Es ist auch absolut bezahlbar“, versicherte sie lachend und bremste an einer roten Ampel. Einige Sekunden kam keine Antwort, keine begeisterte Stimme von der anderen Seite, weswegen die junge Frau gefährlicherweise die beiden Kaffeebecher in eine Hand nahm, um kurz auf das Display zu schauen.
„Hanna?“, fragte sie, nachdem sie sicher war, dass ihre Freundin nicht aufgelegt hatte. „Hörst du mich noch?“

„Klar, ich höre zu“, kam endlich die vertraute Stimme ihrer besten Freundin. „Aber bist du sicher, dass wir in einen Hotelkomplex wollen? Ich meine, da sind so viele Menschen auf einem Fleck, Luana. Wollten wir es nicht eigentlich entspannt?“, murmelte Hanna unschlüssig.
„Das ist vollkommen entspannt. Fünf Sterne Luxusbunker mit Strand, Essen und Party. Und den ganzen Tag gammeln in der heißen Sonne Griechenlands. Was könnte denn noch entspannter sein?“, fragte Luana zurück. Die Ampel sprang auf Grün und die Menschenmasse setzte sich in Bewegung.
„War das nicht deine Idee mit dem Urlaub dieses Jahr?“, meinte sie lachend zu Hanna. Diese klang plötzlich, als hätte sie einen Schnupfen. „Urlaub schon, aber ich dachte da eher an etwas Spezielles.“ „Spezielles?“, wiederholte Luana irritiert. „Du meinst, eher in Richtung ungewöhnliche Reiseziele? Ich gehe bestimmt nicht mit dir nach Namibia oder Timbuktu. Zu viele Spinnen“, schüttelte sich die Rothaarige und ignorierte das Pfeifen von der anderen Straßenseite, wo jeden Morgen eine Gruppe Männer stand, die alle jungen Frauen Hamburgs anbaggerte.

„Wo bist du?“, fragte Hanna, ohne auf die Worte Luanas einzugehen. „Ich bin kurz vor dem Rathaus. Zweimal abbiegen, dann stehe ich vor deiner Wohnung. Ich habe deinen Lieblingskaffee dabei.“ „Du bist ein Engel“, seufzte Hanna, auch wenn sie nicht mehr ganz so locker klang, wie zu Beginn des Telefonats. Eine Sache, die der Rothaarigen nach fünfzehn Jahren Freundschaft sofort auffiel.

Fünf Minuten später stand sie vor der Wohnungstür ihrer besten Freundin. Hanna öffnete ihr, in einem weißen Malerkittel und mit grünen Farbkleksen im Gesicht. Ihr langes Haar war unsauber zusammengebunden und stand in alle Richtungen ab.  

Hanna Frey war in der Tat ein Wunder, was das Leben betraf. Sie zog alle paar Monate um, wechselte den Beruf oder fing ein neues Hobby an. Derzeit arbeitete sie hauptsächlich als Malerin. Sie schlug sich überall durch, nicht zuletzt wegen ihrer Art, denn Hanna war die freundlichste, süßeste und gleichzeitig schlauste Person die es vielleicht überhaupt gab. Beinahe jeder ging ihr in die Falle und unterlag ihrem Charme. Blondes, hüftlanges Haar, grüne Augen, volle Lippen und eine freche, aufgeweckte Art taten ihr übriges.

„Lulu, du träumst schon wieder“, schnipste Hanna energisch und die Angesprochene erwachte aus ihren Gedanken. „Komm rein, der Kaffee wird kalt“, wurde sie in die Wohnung gezogen.
Wie immer war alles vollgestellt. In der Ecke stand eine Gitarre, da Hanna fünf Jahre in einer Band gespielt hatte, neben der Couch stand ihr Surfbrett, an der Garderobe hing ihr altes Ballettoutfit und nun war alles voller Staffeleien mit ihren Gemälden. Hanna konnte zwar Malen (es gab in der Tat wenige Dinge, die Hanna nicht konnte) jedoch waren ihre Bilder nichts Besonderes, wie Luana fand. Es waren einfache Farbtupfen, wild durcheinander gepinselt, auf dunklen Hintergründen. Manchmal malte sie auch Menschen, die Tiergliedmaßen oder Masken als Köpfe hatten.
„Moderne Kunst ist mir ein Rätsel“, sagte sie einigermaßen verwirrt, da sie das Bild eines Mannes mit zwei Elefantenzähnen im Gesicht ins Auge gefasst hatte. „Das soll darauf aufmerksam machen, dass wir den Tieren ihre Körperteile stehlen. Elefanten zum Beispiel werden die Stoßzähne abgesägt und teuer verkauft“, erklärte Hanna altklug. „Elfenbein“, schnaubte sie angewidert und betrachtete ihr Gemälde. „Als wären Menschen nicht schon grausam genug.“ Luana nickte zustimmend, was Tierschutz anging waren sie einer Meinung. Auch wenn sie lieber spendete, Tiere im Tierheim versorgte oder Futterpäckchen ins Ausland schickte, statt Bilder mit Tiermenschen zu malen.

„Wie dem auch sei, pass auf“, sagte die Rothaarige plötzlich und hielt ihrer Freundin ein Foto unter die Nase. Schielend betrachtete Hanna das darauf abgebildete Gebäude. „Was soll ich da bitte sehen?“
„Unser Hotel, Hanna Frey!“, reimte Luana im Singsang. „Griechenland, Urlaub, erinnerst du dich?“ Hanna verzog das Gesicht und ließ sich auf die Couch plumpsen. Da sie nicht mehr direkt vor ihr stand, schaute Luana dank des Schrankspiegels sich selbst ins Gesicht. Sie war das komplette Gegenteil ihrer Freundin. Die roten Haare waren ein Kontrast zu ihrer hellen Haut und den blauen Augen. Sie war sturköpfig, laut und anstrengend, die Freundinnen waren wirklich wie Engelchen und Teufelchen.

„Ich will nicht in ein Hotel, Luana“, meinte Hanna endlich. „Ich kann nicht einfach an einen Strand hocken und eine Woche absitzen. Ich will etwas erleben.“
Verdutzt wegen ihrer Worte, setzte Luana sich neben ihre Freundin. „Wir könnten Ausflüge machen“, schlug sie vor und lächelte hoffnungsvoll. „Es gibt eine Menge Inseln und Orte zu entdecken.“ „Und wenn wir… sagen wir…an einen Ort fahren, wo kein Hotel ist?“, murmelte Hanna, merkwürdigerweise mit dem Blick zur Wand. „Kein Hotel? Und wo willst du schlafen?“, fragte Luana zweifelnd. „In einem Zelt“, antwortete Hanna aufgeregt und beugte sich vor. „Weißt du, es ist wirklich eine tolle Sache. Ich dachte, wir verbinden einfach Kindheit und Urlaub miteinander. Und teuer ist es auch nicht unbedingt-“
„Warte“, unterbrach Luana mit einem Blick, als hoffte sie, man würde sie reinlegen. „Du willst campen? Das ganze Jahr sparen wir, um es eine Woche krachen zu lassen und du willst campen?“
Die Rothaarige versuchte sich zu erinnern, wann Hanna jemals in fünfzehn Jahren erwähnt hatte, dass es ihr Traum war, eines Tages auf einer Insel zu zelten. Es kam ihr kein solches Gespräch in den Sinn, dass diesen plötzlichen Wunsch erklären könnte.

„Bitte, schau es dir erstmal an, okay? Wir müssen das nicht sofort entscheiden, es geht noch ein paar Wochen, bis wir die Karten kaufen können.“ Diese Bitte irritierte Luana dann doch. Ihre Freundin druckste herum und kam nicht zum Punkt – das passte so gar nicht zu Hannas Direktheit. Diese kramte soeben in ihrer Tasche herum und zog einen hellblauen Schnellhefter hervor.
„Ich habe alles recherchiert. Vielleicht kommt es dir wie Schwachsinn vor, aber immerhin waren wir beide mal große Fans. Ich bin es noch heute, du bist nur zu ernst geworden. Zu erwachsen“, grinste sie vorsichtig und warf ihrer Freundin den Hefter zu.

Luana fing ihn in der Luft ab und blickte auf die erste Seite. Die Überschrift zu lesen reichte schon aus. Sie verstand plötzlich alles.
„Das Tokio Hotel Sommercamp. Trete in eine Welt ein, die Bill, Tom, Georg und Gustav persönlich für dich kreiert haben“, las sie vor, mit einer Stimme, als würde sie das Ganze für einen Witz halten. Sie spähte über den Rand des Hefters hinweg zu Hanna, die sie gebannt anstarrte, scheinbar ganz aufgeregt, wie sie reagierte.
Luana räusperte sich. „Entfliehe der Realität, verlass deine Welt, das tägliche Leben, lass Handy, Internet, Social Media und alles andere hinter dir. Hier geht es um dich, uns und unser Erlebnis. Hanna, das ist doch nicht dein Ernst“, endete sie verblüfft und schaute hoch. „Ein Sommercamp mit vier Superstars? Das willst du statt eines Luxusurlaubs machen?“ Die Wangen ihrer Freundin waren rot geworden.

„Wir waren beide Fans, als wir jünger waren. Das ist die ultimative Chance, die Jungs endlich mal zu sehen. Und zwar so, wie sie wirklich sind, ohne Kameras und nicht wenn sie hinter Reportern oder auf einer Bühne stehen. Überleg doch mal, diese Erinnerungen, was wir da erleben werden!“, redete Hanna los und sprang auf, als hätte sie etwas gestochen. Luana blieb entgeistert sitzen.
„Das Ticket ist doch bezahlbar für uns! Der Urlaub wäre vielleicht ein bisschen billiger, aber wir erleben doch so viel! Themenpartys, Wettbewerbe, Yoga, BBQ mit Gustav, Feuerwerk und erst das Live-Konzert!“ Hanna schnappte ihrer besten Freundin den Ordner aus den Fingern.

„Das teuerste Ticket kostet nur tausend Euro. Schau mal, was da alles dabei ist.“ Kurz zeigte sie Luana eine Liste, riss den Hefter aber so schnell wieder an sich, dass die Rothaarige nicht einmal ansatzweise einen Überblick bekommen hatte.
„Wir haben Halbpension!“, fügte Hanna prompt hinzu, als wäre damit alles entschieden. „Nur Mittagessen und Alkohol müssen wir bezahlen. Und das Ticket natürlich.“ „Nur. Ständig höre ich dieses Wort von dir. Nur das, nur dies, nur jenes“, meinte Luana aufgebracht und gewann damit ihre Stimme zurück. „Du verarschst mich doch, oder?“, fragte sie dann, sie konnte einen hoffnungsvollen Unterton nicht unterdrücken, doch Hanna biss sich nur auf die Lippen und schüttelte den Kopf.

„Ein Sommer mit Tokio Hotel? Wir waren als Jugendliche auf ein paar Konzerten und haben ein geschwärmt, warum jetzt in ein Camp mit den vier Jungs fahren und tausend Euro zum Fenster hinauswerfen?“, wollte Luana wissen und wedelte mit der Hand, um Hanna aufzufordern, ihr den Schnellhefter zu geben. „Das wird bestimmt lustig“, meinte diese, klang aber nicht vollständig überzeugt. Luana starrte ihre Freundin an, als zweifle sie an deren Geisteszustand. Hanna hatte gern mal wilde Ideen, komplett irrsinnige Pläne, aber das hier übertraf alles.

Niemals im Leben hätte Luana gedacht, dass sie nochmal den Namen Tokio Hotel hören würde. Sie las hier und da ein paar Skandale oder Schlagzeilen, sonst hatte sie nie wieder Interesse an der Band gehabt, seit sie damals nach Los Angeles gegangen waren. Viele Fans hatten ihren Idolen diesen Schritt nicht verziehen, auch Luana war damals entsetzt gewesen. Mittlerweile konnte sie die Entscheidung zwar verstehen, hatte aber nie wieder Gedanken an die vier Magdeburger verschwendet, die ihre Jugend über ihr Rettungsanker gewesen waren. Ihre Zuflucht vor einer alkoholkranken Mutter und einem Vater, der sich gerne jüngere Frauen angelacht hatte. Seine jetzige Freundin war tatsächlich gerade mal zwei Jahre älter als Luana selbst. Tokio Hotel war damals ihre Zuflucht vor der Realität gewesen. Und ihre beste Freundin plante einen Urlaub mit der Band. Bill, Tom, Georg und Gustav. Vor einigen Jahren wäre sie wahrscheinlich in einen Heulkrampf ausgebrochen vor Freude, hätte im Kalender die Tage durchgestrichen und Wochen vorher gepackt. Jetzt war diese Gruppe gerade mal so interessant, wie das Nachmittagsprogramm im Fernsehen.

„Wir müssen das nicht gleich entscheiden“, wiederholte Hanna ihre Worte. „Ich dachte nur… damals ist so viel passiert. Da war die Sache mit deiner Mutter, dein Dad hat sich dann deine ehemalige Freundin geschnappt und ist mit ihr nach Dubai abgehauen, um Urlaub zu machen und du warst mit deinen Brüdern auf dich gestellt. Tokio Hotel war damals unser Leben, wir kannten alle Lieder auswendig, so oft haben wir uns damit aufgeheitert. Ich dachte, vielleicht würdest du sie auch gern mal treffen.“
Genau das war es eben, dachte Luana. Die vier Männer zu treffen würde sie an das erinnern, was andere als Jugend und Kindheit bezeichnet hätten, für sie allerdings am liebsten für immer vergessen bleiben sollte.

„Schön. Ich denke darüber nach. Gib mir eine Woche“, gab sie sich geschlagen und bei der glückseligen Miene ihrer Freundin musste sie tatsächlich ein wenig Grinsen.
„Wir sind erwachsene Menschen und sollen auf eine einsame Insel fahren, mit vier Superstars und einer Menge kreischender Fangirls, die sich den ganzen Tag darüber unterhalten, wen von den Vieren sie heiraten wollen.“
„Oh, ich denke nicht, dass dort kreischende Fangirls sein werden. Vielleicht ein paar. Aber wie die Band, sind auch die Fans erwachsen geworden und ich glaube, dass sich da jeder am Riemen reißen wird. Immerhin wird es ein Camp, wir werden ja nicht in einen Käfig gesperrt und dürfen vier Tage lang die Jungs angucken, bekommen ein Autogramm und fliegen wieder nach Hause. Die wilde Zeit ist vorüber, Lulu. Das sind jetzt Männer. Das wird nicht wie bei den Konzerten früher. Versprich mir, dass du wirklich darüber nachdenkst“, flehte Hanna und ergriff Luanas Hand. Die Rothaarige seufzte.

„Zelten. Hanna Frey will zelten. Du weißt doch gar nicht, wie man überhaupt ein Zelt aufschlägt.“ „Entschuldige mal, ich bin der Meister im Zelt aufschlagen!“, beschwerte sich Hanna lautstark und stand auf. Sie hatte nicht bemerkt, dass sie auf dem viel zu langen Malerkittel gestanden hatte, weswegen sie mitten in der Bewegung gestoppt wurde, stolperte und sich mit dem Gesicht voran auf den Teppichboden fetzte. Luana presste die Hände in die Seiten vor Lachen. Eine der wenigen Dinge, die man Hanna nie zutrauen würde, war ihre Tollpatschigkeit. Ihre Freundin stand auf und klopfte sich den Staub vom weißen Kittel. „Du überlegst es dir? Eine Woche?“, fragte sie, als wäre nichts passiert. Luana, die Tränen in den Augen hatte vor Heiterkeit, wurde wieder ernst. „Ich lese mir mal dein Referat durch, du warst ja schon fleißig. In einer Woche weißt du Bescheid“, gab sie sich geschlagen und wedelte mit dem Schnellhefter herum. „Sehr gut“, grinste Hanna hochzufrieden „Dann sollten wir uns wohl als nächstes darüber Gedanken machen, wo wir neuen Kaffee herbekommen. Weißt du, ich wollte eigentlich schon immer mal im Espresso House nach einem Job fragen“, murmelte sie nachdenklich und nahm die unberührten Tassen Kaffee in Augenschein, die natürlich kalt geworden waren. Luana warf ihr die Jacke ins Gesicht.
„Dann zieh dich an. Ich glaube, wir müssen einiges bereden, was deine neue, alte Liebe zu Tokio Hotel angeht. Vor allem, wie du das so lange vor mir verstecken konntest!“
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