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The Melancholy of Despair

von Lizerah
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
Gavin Reed RK800-51-59 Connor
13.04.2020
20.11.2020
6
17.712
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15.06.2020 2.329
 
„Gavin, bitte, ich helfe dir, es sind nur noch ein paar Meter.“
„Lass mich in Ruhe.“
„Gavin, jetzt lass dir doch helfen“, sagte Connor und ergriff Gavins Arm, während dieser auf dem Boden des Fahrstuhls kauerte.
Connor seufzte verzweifelt und ging neben ihm in die Hocke. „Ich kann dich auch tragen.“
„Einen Scheiß wirst du“, blaffte Gavin ihn an.
„Dann steh auf.“
Gavin griff nach einer der Haltestangen, die im Fahrstuhl angebracht waren und versuchte, sich hochzuziehen, doch er schaffte es nicht. Vor wenigen Minuten war er plötzlich in sich zusammengesackt und kam nicht von allein wieder hoch, jedoch ließ er sich auch nicht helfen.
„Ich will hier nicht mit dir übernachten, Gavin“, begann Connor erneut.
„Dann hau ab.“
„Ich kann dich hier in diesem Zustand nicht so sitzen lassen. Du hast offenbar starke Schmerzen.“
„Das ist nicht dein Problem.“
Connor fuhr sich in einer verzweifelten Geste mit der Hand über das Gesicht. Er hatte schon so viele Herausforderungen erlebt, doch Gavin war eindeutig die Größte.
Er benahm sich gerade wie ein kleines Kind und doch konnte der Android ihn nicht einfach im Stich lassen. Kurz bevor sie sein Stockwerk erreicht hatte, war Gavin plötzlich zusammengebrochen, als ihn scheinbar eine Welle von Schmerzen überrollt hatte. Connor wollte bereits den Notarzt rufen, doch dann hatte sich Gavin wieder gefangen und beharrte seitdem darauf, es allein zu schaffen.
Es war wirklich ein seltener Fall, dass irgendwas Connor dazu brachte, seine Geduld zu verlieren, doch er war dank Gavin inzwischen ziemlich nah dran. Er dachte bereits darüber nach, seinen Kollegen tatsächlich sich selbst zu überlassen und einfach zu gehen. Gavin wollte seine Hilfe nicht und Connor würde diesem Wunsch nur allzu gern Folge leisten. Er fragte sich noch immer, warum er diesem Mann überhaupt half und wieso er sich dessen anstrengende Art eigentlich antat. Er wollte ihn gar nicht mehr kennenlernen, er wusste allein durch die letzten fünf Minuten mehr als genug über ihn. Vielleicht hatte es Gavin nichts anders verdient, als hier mit diesen Schmerzen auf dem Boden zu hocken und dabei im Stich gelassen zu werden.
Nein, nein, so jemand war Connor nicht, er würde ihm helfen, egal was Gavin sagte. Jedoch würde er es auf seine Weise tun.
„Gavin, ich weiß, du hast Schmerzen, aber es wird nicht besser, wenn wir hier rumsitzen. Du erkältest dich noch in deinen nassen Sachen.“
Gavin antwortete nicht und starrte mit einem kreideweißen Gesicht auf den Boden, während ihm der kalte Schweiß im Gesicht stand.
„Soll ich das Schmerzmittel für dich holen?“, fragte Connor behutsam.
Gavin reagierte jedoch gar nicht mehr auf ihn.
Mit einem Seufzen stand Connor aus der Hocke auf und legte beide Hände um Gavins Oberarme. „Ich zieh dich jetzt hoch“, sagte er leise und hievte Gavin vom Boden.
Entgegen seiner Erwartung ließ sich Gavin wortlos auf die Beine ziehen. Er schwankte etwas und Connor legte ihm einen Arm um die Schulter, um ihn zu stützen. Gavin stützte sich schwer gegen ihn und Connor hatte dadurch Schwierigkeiten, die Taste zu drücken, die die Tür öffnete, doch er schaffte es.
Sofort erkannte er den Gang wieder, der zu Gavins Wohnung führte, nur dass er beim letzten Mal noch nicht gewusst hatte, dass es sich bei einem der Opfer um Gavin handelte.
Er schleifte Gavin, dessen Zustand inzwischen an einem Punkt war, an dem er eher einem Zombie glich, weiter durch den Gang, bis hin zu Gavins Wohnungstür.
Am Bund, an dem sich die Wagenschlüssel befanden, hingen auch seine Wohnungsschlüssel, so dass Connor die Tür öffnen konnte, ohne ihn noch einmal fragen zu müssen. Er war durchaus froh darüber, denn Gavin schien sowieso nur noch halb bei Bewusstsein zu sein und hing wie ein Besoffener in Connors Armen, als dieser die Tür aufschob. Mit einem Seufzen versuchte Connor, seinen Kollegen mit sich zu ziehen, doch dieser rührte sich keinen Zentimeter. Ungeduldig ergriff Connor darauf dessen Beine und hob ihn vom Boden, um ihn mit einem leisen Murren in die Wohnung zu tragen. Er spürte eine Berührung an seiner Schulter, als Gavin seinen Kopf mit geschlossenen Augen dagegen lehnte, und erwischte sich selbst dabei, wie er bei dieser Berührung kurz innehielt und nachdenklich auf den Mann in seinen Armen hinabsah. Er schüttelte den Kopf, als ihn die Ironie dieser Situation bewusst wurde. Er setzte sich wieder in Bewegung und dachte darüber nach, dass dieser Mann, den er gerade auf seinen Armen durch den Flur trug, ihn noch vor wenigen Monaten hatte umbringen wollen. Den kurzen Flur hatte er schnell durchquert. Beim Sofa angekommen, wollte er Gavin behutsam hinlegen, doch genau in diesem Moment schienen dessen Lebensgeister zurückzukehren, so dass er sich aufrichtete und verwirrt um sich blickte.
„Du warst kurz weg“, erklärte Connor, als sich ihre Blicke trafen.
Mit einem Stöhnen griff sich Gavin an den Kopf. „Fuck, ich fühle mich, als hätte mich ein Truck überfahren.“
Connor stützte sich auf die Rückenlehne eines Sessels, der neben dem Sofa stand und sah ihn aufmerksam an. „Wenn du im Krankenhaus geblieben wärst, würde es dir nicht so schlecht gehen.“
„Ich musste das klären“, sagte Gavin und stöhnte abermals.
„Was musstest du klären?“
Gavin antwortete nicht.
„Weißt du was? Ich hol erst einmal dein Schmerzmittel. Wo bewahrst du es auf?“, fragte Connor und sah sich suchend um.
„Ich hol es selbst“, antwortete Gavin und versuchte dabei, vom Sofa herunterzuklettern. Er hielt jedoch mitten in der Bewegung inne und hielt sich mit zusammengepressten Lippen den Bauch.
„Wo sind sie? Im Bad?“, fragte Connor, wartete jedoch nicht die Antwort ab, sondern ging bereits zum Flur hinüber, wo er das Bad vermutete.
Entweder antwortete Gavin ihm sowieso nicht oder er sprach so leise, dass Connor es nicht mehr hören konnte, als er die Tür des Bades öffnete und hineintrat.
Er ließ seinen Blick kurz schweifen und ging zuerst zum Spiegelschrank hinüber, denn schließlich war dies der Ort, wo die meisten Menschen ihre Medizin aufbewahrten.
Er lag scheinbar richtig, denn als er die Tür des Schranks öffnete, konnte er bereits die Etiketten einiger Medikamentenverpackungen sehen. Er öffnete die Tür ganz und griff nach einer der Packungen, um zu lesen, was darauf stand. Seine Augen weiteten sich, als er den Wirkstoff des Medikaments las, das er gerade in der Hand hielt. Escitalopram. Ein Antidepressivum. Hank nahm ein ähnliches Mittel gegen seine Angststörungen ein.
Wie ferngesteuert öffnete Connor die Verpackung und sah, dass sie immer noch voll war. Einen Moment lang starrte er nachdenklich auf die Verpackung in seiner Hand und sah noch kurz auf das Datum der Verschreibung, welches auf einem weiteren Etikett zu finden war, bevor er sie wieder zusammenpackte und in den Schrank legte. Die Packung war bereits drei Monate alt.
Er griff nach der nächsten Packung und hatte diesmal mehr Glück. Morphin. Verdammt, wenn man ihm dieses Schmerzmittel mitgegeben hatte, mussten die Schmerzen wirklich groß sein. Connor machte sich daher schnell daran, den Schrank zu schließen und eilig zu Gavin zurückzukehren.
Dieser lag immer noch im Wohnzimmer auf dem Sofa und hatte sich, mit dem Rücken zu Connor, zu einer kleinen Kugel zusammengekauert.
„Gavin, ich hab dein Schmerzmittel“, flüsterte der Android, als er sich über Gavin beugte.
Gavin gab nur ein leises Wimmern von sich, rührte sich jedoch nicht.
Connor seufzte und ließ seinen Blick schweifen, bevor er auf die kleine Küchenzeile zuging, die sich auf einer Seite des Raumes befand.
Er öffnete den Schrank und nahm ein Glas daraus, bevor er es unter die Spüle hielt und mit Wasser füllte. Mit dem Glas in der Hand kehrte er zu Gavin zurück und stellte es auf dem Wohnzimmertisch ab.
„Gavin, du hast immer noch die nassen Sachen an“, ermahnte er ihn und griff nach der Jacke, die Gavin immer noch trug.
„Ich kann das alleine“, murrte Gavin plötzlich und richtete sich dabei auf. Er griff nach dem Ärmel der Jacke und wollte sie ausziehen, doch er schaffte es nicht.
„Scheiße“, fluchte er leise.
„Lass mich dir helfen“, sagte Connor und griff nach Gavins Jacke, ohne dessen Antwort abzuwarten.
„Au, verdammt, willst du mich umbringen?“, vernahm er Gavins Fluchen, doch er ließ sich nicht beirren und kehrte ihm den Rücken zu, um die Jacke im Flur aufzuhängen. Im Flur angekommen hielt er kurz inne, als er beiläufig Gavins Blut sah, welches immer noch an der Wand klebte, gegen die ihn dieser Riese geschleudert hatte. Aber kein Wunder, dass dieses immer noch hier war, denn Gavin hatte bisher keine Kraft und Zeit dazu gehabt, die Wand zu säubern.
Er wandte seinen Blick ab und ging wieder hinüber zum Wohnzimmer. Dort angekommen, stockte jedoch sein künstlicher Atem, als er sah, wie Gavin mehrere Tabletten aus dem Blister des Schmerzmittels gelöst hatte und sich daran machte, sie gesammelt zu schlucken.
Nur in letzter Sekunde konnte Connor ihn davon abhalten, indem er auf ihn zustürmte und sein Handgelenk ergriff.
„Bist du wahnsinnig? Du kannst nicht so viel auf einmal schlucken!“
„Viel hilft viel.“
„Das ist Morphin. Du bringst dich um, wenn du es zu hoch dosierst! Hat man dir nicht gesagt, welche Dosis du schlucken darfst?“
„Ist mir inzwischen auch egal.“
„Nein, ist es nicht. Es reicht erstmal eine, okay?“, blieb Connor beharrlich und riss ihm die Packung sowie die restlichen Tabletten aus der Hand.
„Wie kann man nur dir so etwas mitgeben?“, knurrte Connor mehr zu sich selbst und gab ihm eine der Tabletten zurück.
„Du veranstaltest hier ein ganz schönes Drama, weißt du das?“, fragte Gavin, während er die Tablette schluckte und aus dem Glas trank.
„Du bist doch derjenige, der es allen schwer macht.“
„Dann hau doch ab.“
„Mach ich auch“, konterte der Android und richtete sich auf. Er legte die Tabletten auf den Tisch und war schon dabei, auf den Flur zuzugehen, bevor er dann doch innehielt.
Was ist, wenn Gavin nochmal versuchte, so viele Tabletten zu nehmen? Sollte Connor die Tabletten vielleicht mitnehmen? Aber er konnte ihm doch nicht einfach seine Schmerzmittel wegnehmen. Warum machte er sich überhaupt solche Gedanken. Gavin war ein erwachsener Mann, er kam schon allein damit zurecht und konnte auf sich selbst aufpassen … oder?
Mit verzweifelter Miene sah Connor zurück zu Gavin, doch dieser hatte sich wieder auf dem Sofa zusammengekauert und ihm den Rücken zugewandt. Die Tabletten lagen immer noch vor ihm auf den Tisch und Connor entschied sich bei diesem Anblick, lieber noch eine Weile hierzubleiben. Nur ein bisschen, bis er sicher war, dass Gavin keine Dummheiten mehr anstellte.
Er ging zurück und nahm die Tabletten vom Tisch, um sie beiseitezulegen. Gavin reagierte nicht darauf und schlief wohl bereits, so dass Connor sich mit einem leisen Stöhnen auf den Sessel neben ihm fallen ließ, nur um kurz darauf wieder aufzustehen und eine Decke für Gavin zu suchen. Er wurde nach einer Weile im Schrank des sehr schlicht eingerichteten Schlafzimmers fündig. Zurück im Wohnzimmer breitete er die Decke über Gavin aus und ließ sich erneut auf den Sessel fallen. Er erwischte sich dabei, wie er Gavin eine Weile lang nachdenklich musterte.
Was hatte diesen Mann wohl zu dem werden lassen, der er jetzt war? Warum nahm er Antidepressiva? Oder eher: Warum nahm er es offenbar nicht mehr? Warum lehnte er immer jede Hilfe ab?
Was sollte er jetzt machen? Er konnte ihn so hier nicht allein lassen.
Etwas verloren sah er sich um und entdeckte ein Bücherregal neben einem der Fenster. Er stand auf und ging darauf zu, um sich ein Buch herauszunehmen, welches er vielleicht lesen konnte. Bei den meisten Büchern schien es sich um Bücher über verschiedene Länder zu handeln. Offenbar keine Reiseratgeber, sondern etwas über deren Geschichte. Er nahm eines der Bücher, es beschäftigte sich mit dem Land Japan, aus dem Regal, doch bevor er sich näher mit dem Titel befassen konnte, sah er, wie etwas aus dem Buch hinaus rutschte und auf den Boden fiel.
Er legte das Buch wieder auf das Regal und bückte sich, um den Gegenstand aufzuheben. Es war ein Foto. Er erkannte darauf Gavin wieder, der vor einem großen Torii stand, zusammen mit einem anderen Mann und einem … Androiden?
Connor drehte das Foto, in der Hoffnung, ein Datum zu erkennen, doch nichts dergleichen. Nur ein handschriftliches „Robert und ich, Fushimi Inari.“ Kein Jahr und nichts über den Androiden. Hatte Gavin tatsächlich einen besessen? Oder war es der von diesem Robert? Oder war es sogar der Name von diesem Androiden? Warum hasste Gavin Androiden so sehr, wenn er sich auf dem Bild scheinbar gut mit ihm verstand?
So viele Fragen und so wenige Antworten.
Connor steckte das Bild wieder in das Buch und stellte dieses zurück in das Regal. Seine Augen wanderten über die anderen Titel und er nahm sich eines über Deutschland. Diesmal waren es sogar zwei Bilder. Vor dem Fernsehturm in Berlin und einmal im Zoo Leipzig. Auf beiden waren der andere Mann und der Android zu sehen, so als gehörte er dazu. Connor wollte die Bilder gerade zurück in das Buch stecken, doch er hielt inne, als ihn ein Anruf unterbrach. Es war Hank.
„Hey, Junge, wo zur Hölle bist du? Es ist schon Abend.“
„Ich bin noch bei Gavin.“
„Was machst du da noch?“
„Ihm helfen.“
„Du hast ihn doch heim gebracht, oder?“
„Ja.“
„Dann komm zurück. Er kommt gut klar.“
„Daran glaube ich nicht. Ihm geht es wirklich schlecht.“
„Das ist nicht dein Problem.“
„Doch, ist es. Er ist wie du, Hank.“
„Vergleich mich nicht mit diesem Lackaffen.“
„Hank?“
„Ja?“
„Wir sehen uns morgen früh.“
„Wag es ja nicht, jetzt aufzuleg-“
„Gute Nacht.“
Stille.
Einen Moment lang stand Connor einfach nur so da und dachte über die letzten Stunden nach. Er wusste nicht, ob Hank wieder trinken würde, wenn er ihn einen Abend allein ließ. Doch auf der anderen Seite war da Gavin, der vielleicht noch etwas viel Schlimmeres anstellte, wenn man ihn jetzt allein ließ. Connor entschied sich diesen Abend für Gavin, denn es gab auch noch andere als Hank, die seine Hilfe benötigten. Er wusste nicht, warum Gavin sich so benahm, er wusste nicht, wer der Mann und der Android auf den Bildern waren. Doch er wusste, dass dies sicher noch ein langer Abend werden würde.
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