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The Melancholy of Despair

von Lizerah
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
Gavin Reed RK800-51-59 Connor
13.04.2020
20.11.2020
6
17.712
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24.05.2020 3.280
 
Mit starrem Blick sah Connor auf die Straße, während er in Gavins Wagen saß und aus der Situation immer noch das Beste zu machen versuchte. Er wusste aufgrund des letzten Vorfalls noch, wo sich Gavins Wohnung befand. Zu seinem Glück, denn Gavin saß die ganze Zeit mit geschlossenen Augen auf dem Beifahrersitz, so dass Connor sich nicht einmal mehr sicher war, ob er sogar das Bewusstsein verloren hatte.
Er nutzte die Haltezeit an einer Ampel, um den Arm in Gavins Richtung zu strecken und seinen Zustand zu analysieren.
Gavin reagierte darauf mit einem leisen Murren und öffnete die Augen, um Connor einen fragenden Blick zuzuwerfen.
„Sind wir schon da?“, fragte er.
Connor schüttelte nur den Kopf.
Gavin ließ seinen Blick kurz schweifen, schwieg jedoch.
„Laut meiner Berechnung müssten wir in zehn Minuten eintreffen.“
„Hm“, kam nur ein leises Murren als Antwort.
Connor hätte mit irgendeinem genervten Kommentar gerechnet, doch es musste Gavin wirklich dreckig gehen, wenn er einfach nichts weiter darauf sagte. Hatte man ihn in diesem Zustand wirklich aus dem Krankenhaus entlassen oder hatte er sich eher selbst entlassen? Diese Frage stellte sich Connor bereits, seit er Gavin das Revier hatte betreten sehen. Er war nicht auf ihn zugegangen, um einen Konflikt zu vermeiden, doch er wusste, welche Verletzungen Gavin davongetragen hatte und wie lange sich ein Mensch mit in so einem Fall schonen sollte. Allem voran schienen die Spätsymptome seiner Gehirnerschütterung und die Schmerzen seiner Prellungen ihm ziemlich zu schaffen zu machen.
Wieso hatte man ihn in diesem Zustand überhaupt vernommen und ihn nicht einfach nach Hause geschickt? Er war so doch gar nicht Herr seiner Sinne.
Connor seufzte leise und bemerkte, wie Gavin ihn kurz von der Seite musterte, bevor er sich wieder abwandte und seinen Kopf gegen die Autotür lehnte. Connor reagierte nicht darauf und sah weiter starr gerade aus. Gleich würden sie Gavins Wohnung erreichen und Connor fragte sich heute nicht zum ersten Mal, warum er diesem Mann überhaupt half.
Gavin hatte versucht, ihn in der Asservatenkammer zu töten, und hätte Connor sich nicht erfolgreich gewehrt, würde er jetzt mit einem Kopfschuss neben den anderen Androiden im Aufbewahrungscontainer der Asservatenkammer hängen. Welche Strafe hätte Gavin bei solch einem Vergehen erwartet, wenn er ihn getötet hätte und die Revolution gescheitert wäre? Eine Verwarnung wegen Sachbeschädigung? Eine kleine Disziplinarmaßnahme und danach hätte er sich genauso verhalten wie vorher auch?
Connor fragte sich, wie dieser Mann bei seinem Auftreten überhaupt Polizist geworden war. Hatte er vielleicht irgendwelche Beziehungen gehabt, die ihm diesen Job verschafft haben? Er gab ein verächtliches Schnaufen von sich, als ihm ein bestimmter Gedanke durch Kopf ging. Gavin wäre auf Seiten des Verbrechens sicher besser aufgehoben. Doch selbst dort würde man sein aufbrausendes Verhalten auf keinen Fall akzeptieren, denn es wäre ein nicht zu berechnendes Risiko. Etwas, was Connor hasste. Er konnte Gavin einfach nicht einschätzen. Er wusste nicht, was dieser Mann dachte und er wusste nie, was er als Nächstes tun würde.
Selbst Hank hatte er besser einschätzen können, was aufgrund von dessen Depression nicht das Einfachste gewesen war, doch Gavin … Gavin war eine ganz andere Klasse von Mensch.
Nach der Sache in der Asservatenkammer war Connor fest davon überzeugt gewesen, dass es sich bei Gavin um einen gefährlichen Soziopathen handelte. Jemand, der ausschließlich an sich selbst dachte und dabei alles in Kauf nahm, um sich selbst voranzubringen. Gavin hatte damals in der Küche selbst gesagt, dass er fürchtete, ersetzt zu werden, also hatte er ohne Rücksicht auf Verluste alle Maßnahmen ergriffen, um dies zu verhindern. Dass er damit die Ermittlungen in einem schwerwiegenden Grad behindert hatte, hatte er bis heute nicht begriffen. Er war wieder nur darauf fixiert gewesen, nur seinen eigenen Hintern zu retten. Obwohl die Beweislage aufgrund der Aufnahmen mehr als deutlich war, war er nicht davon abgewichen, sich selbst als Opfer des Ganzen darzustellen. Hätte er seine Schuld zugegeben, sich vielleicht sogar entschuldigt, hätte Connor eventuell das Verfahren gegen ihn einstellen lassen, doch Gavin hatte diese Chance verstreichen lassen.
Dies war der Punkt gewesen, an dem Connor fest davon überzeugt war, dass man diesen Mann unbedingt aus dem Verkehr ziehen musste, da er eine Gefahr für sich und andere war. Er war endlich an einem Punkt gewesen, an dem er der Annahme war, Gavin vollends zu kennen. Er war sich sicher gewesen, dass es sich bei ihm um einen unverbesserlichen Idioten handelte, der nicht einmal ansatzweise dafür geeignet war, diesen Job weiter auszuüben.
Connor war so überzeugt von seiner eigenen Meinung gewesen, bis er nur wenige Tage später mit starken Zweifeln konfrontiert wurde, als er zu einem Einsatz gerufen wurde, bei dem ein junger Mann ein kleines Mädchen beinahe mit seinem eigenen Leben beschützt hatte. Da er sich immer noch in seiner Eingewöhnungsphase befunden hatte und alle Aufgaben eines Polizisten zumindest einmal kennenlernen sollte, war er mit Chris zusammen auf Streife unterwegs gewesen. Sie hatten gerade am östlichen Stadtrand von Detroit ihre Runde gedreht, als ein Notruf durchgegeben wurde, bei der eine ältere Dame einen heftigen Streit in ihrem Haus meldete.
Da sie sich gerade in der Nähe befanden, schlossen sie sich der Streife vom Revier des neunten und fünften Bezirks an. Die alte Dame hatte gesagt, es seien mehrere Personen an dem Streit beteiligt und sie wollten auf nummer sicher gehen.
Bereits als sie unten an der Treppe des Hauses mit den anderen Streifen aufeinandertrafen, schallten die lauten Stimmen durch das Haus zu ihnen hinab und sie verloren keine weitere Sekunde, um die Treppen hinaufzustürmen. Spätestens als sie die bewusstlose Frau im Gang hatten liegen sehen, waren sie froh darüber, mit mehr als zwei Personen auf diesen Streit zugegangen zu sein. Ihre  Befürchtung wurde sogar noch um einiges übertroffen, als sie den eigentlichen Verursacher sahen. Nur im letzten Moment konnten sie diesen Riesen davon abhalten, dem Mann, den er gerade am Wickel gehabt hatte, den Garaus zu machen.
Connor hatte anfangs nicht einmal realisiert, dass es sich bei diesem Mann um Gavin gehandelt hatte, da er sich zuerst um die Frau kümmerte, die draußen auf dem Boden lag. Sie hatte ein Hirntrauma davongetragen und war nicht bei Bewusstsein gewesen. Wie er erfahren hatte, auch bis heute nicht. Er erinnerte sich noch an das Weinen des Mädchens, welches aus der Wohnung auf ihn zugerannt kam und sich neben seine Mutter kniete. Dann plötzlich Chris‘ Stimme, als er Connor bat, zu ihm zu kommen. Nur am Rande hatte Connor wahrgenommen, wie zwei Polizisten des neunten Bezirks den Hünen durch den langen Flur des Hauses bis zum Treppenhaus schleiften, als er einen der Polizisten des fünften Bezirks bat, auf die Frau und das Kind kurz Acht zu geben.
Er hatte die Wohnung betreten und gesehen, wie Chris vor dem Mann, der blutüberströmt und mit gesenktem Kopf an der Wand lehnte, in die Hocke gegangen war.
„Können wir ihm irgendwie helfen, bis die Rettungskräfte kommen?“, fragte er und sah mit einem verzweifelten Blick zu Connor auf.
Erst, als Connor sich zu dem Verletzten hinunterbeugte und sein Kinn ergriff, erkannte er unter all dem Blut schließlich Gavins Gesicht.
Natürlich hatte Connor ihm, trotz allem, was vorher zwischen ihnen geschehen war, ohne zu zögern geholfen und natürlich hatte er dabei auch so etwas wie Mitleid empfunden.
Gavin hatte sich für dieses Mädchen eingesetzt. Er hatte sie vielleicht sogar gerettet, denn die Wut des Mannes hätte sich auch gegen das Mädchen richten können und das hätte sie definitiv nicht überlebt. Auch Gavin hätte dabei sein Leben verlieren können, doch das schien er bewusst in Kauf genommen zu haben, als er sich diesem eindeutig überlegenen Hünen stellte. Und genau das brachte Connors Berechnungen völlig durcheinander.
Er hatte solch eine selbstlose Handlung nicht von Gavin erwartet, er hatte nicht einmal ansatzweise damit gerechnet. Hätte er ihn als Opfer irgendeiner selbst angezettelten Prügelei aufgefunden, hätte er nicht einmal mit der Wimper gezuckt, da es ihn nicht tangiert hätte, aber das hier war überraschend gekommen. Er wusste einfach nicht mehr, was er von diesem Mann halten sollte. Er war so fest der Ansicht gewesen, dass Gavin nur an sich selbst dachte, ein unverbesserlicher Egozentriker und er war sich sicher gewesen, dass er diesen Mann unbedingt außer Gefecht setzen musste, zumindest was seinen Job betraf. Doch als er ihn so auf dem Boden hatte sitzen sehen und selbst als Gavin ihn sogar zu beschimpfen begann, war Connor sich nicht mehr sicher, ob er bei ihm wirklich richtig gelegen hatte.
In wenigen Tagen würde das interne Verfahren bezüglich Gavins Verhaltens in der Asservatenkammer aufgenommen werden und Connor würde sich entscheiden müssen, wie genau er sich dann über Gavin äußern würde. Mit den jetzigen Zweifeln konnte er einfach keine Aussage treffen und er hasste es, wenn er solche Zweifel hatte.
Hatte Gavin vielleicht doch noch eine Chance verdient?
Auch Hank war Connor anfangs nicht unbedingt freundlich gesonnen gewesen, doch ihre Beziehung zueinander hatte sich massiv in die positive Richtung entwickelt, umso mehr Connor auf ihn eingegangen war. Auch Hank hatte einst eine Waffe auf ihn gerichtet und ihm mehrfach gedroht, ihn auf den nächsten Schrottplatz zu werfen, doch Connor war beharrlich gewesen und hatte ihm mehr als eine Chance gegeben.
Die Menschen und auch Connor selbst waren sich zu dieser Zeit nicht bewusst gewesen, dass Androiden so etwas wie eine Selbstwahrnehmung entwickeln und Emotionen zeigen können. Sie waren zu dieser Zeit wirklich nichts weiter als Maschinen in Menschengestalt gewesen.
Als Hank ihm damals gedroht hatte, hatte er das Gefühl der Angst, das er empfunden hatte, selbst nur als reine Selbsterhaltung interpretiert. Er wusste damals nicht einmal selbst, dass es tatsächlich eine Emotion gewesen war, so wie die Menschen sie empfanden.
Doch nun wusste er besser. Er wusste inzwischen einiges besser und doch saß er nun hier, mit all diesen Emotionen, bei denen er nicht wusste, wie er sie einzuordnen hatte.
Anfangs war es der immer stärker werdende Hass gewesen, gegen Gavin und seiner aufbrausenden Art, dann eine Mischung aus Mitleid und Abneigung, die wieder in Hass umschwang, als Gavin eine einfache Entschuldigung abgelehnt hatte. Und nun … er wusste es nicht.
Warum half er diesem Mann? Warum machte er es sich gerade freiwillig zur Aufgabe, sich um ihn zu sorgen? Warum machte er sich überhaupt Sorgen um einen Mann, der ihn bis vor wenigen Wochen noch umbringen wollte und seinen Fehler nicht einmal einsah? Er hasste es, wenn er einen Menschen nicht einschätzen konnte und er hasste es, wenn er die Gefühle, die ihn manchmal überrollten, nicht verstand.
Das laute Hupen eines anderen Wagens riss ihn aus den Gedanken, doch er stellte fest, dass dieses nicht ihm galt. Er hatte die ganze Zeit seine Umgebung nicht bewusst im Fokus gehabt und war daher trotzdem überrascht, dass sie sich bereits in der Straße befanden, in der Gavin wohnte.
Connor sah zu ihm hinüber, doch Gavin hatte wieder die Augen geschlossen. Solch ein friedliches Verhalten könnte er wirklich öfters an den Tag legen – natürlich ohne zugrundeliegender Verletzung.
Connor sah wieder auf die Straße und fuhr in die Einfahrt, die zum Parkplatz vor dem Gebäude führte, bevor er den Wagen in einer der wenigen freien Lücken parkte. Er stellte den Motor ab, als es gerade langsam zu regnen begann. Dicke Regentropfen trafen auf die Windschutzscheibe und wandelten sich innerhalb weniger Sekunden zu einem heftigen Regenguss. Das hatte ihnen noch gefehlt.
Er zögerte kurz, bevor er schließlich die Hand ausstreckte und sie auf Gavins Schultern legte, um ihn sanft wachzurütteln.
Gavin zuckte erschrocken zusammen und fluchte leise, als ihn dabei offenbar ein erneuter Schmerz durchfuhr.
Connor war sich bei dieser Reaktion inzwischen sicher, dass Gavin sich selbst aus dem Krankenhaus entlassen hatte.
Gavin warf ihm einen leicht verwirrten Blick zu, so als hätte er vergessen, wo er war, bevor er mit einem Ächzen nach etwas in seiner Jackentasche griff. Ohne etwas zu sagen, holte er sein Handy hervor und begann damit, darauf herumzutippen.
„Nach was suchst du?“, fragte Connor mit einem Stirnrunzeln, während er seinen Gurt löste.
„Ich ruf dir ein Taxi.“
„Das kann ich selbst. Aber brauchst du keine Hilfe mehr?“ Warum fragte er das? Er konnte doch froh sein, so schnell aus dieser Situation zu kommen und sich nicht länger mit Gavin abgeben zu müssen, als es nötig war.
„Ich bezahle es“, hielt sich Gavin mit seiner Antwort kurz und ignorierte dabei Connors Hilfsangebot.
]Okay, okay, wenn er so gut allein klarkam. Bitteschön.
Warum frustrierte ihn das plötzlich so sehr? Er sollte Gavin so schnell wie möglich aus dem Weg gehen, bevor es ihm besser ging und er wieder sein gewohntes Verhalten an den Tag legte. Connor sollte sich selbst schützen und sich nicht Gedanken um jemanden machen, der es eigentlich nicht verdient hatte … wobei, nein, er tat ihm unrecht. Gavin war nur in dieser Lage, weil er jemand anderen beschützt hatte. Es war nicht fair, zu denken, dass er eben diesen Schutz nicht auch verdient hatte. Aber warum nahm sich ausgerechnet Connor dieser Aufgabe an?
Gavin ließ das Handy sinken und sah schweigend nach draußen. Eine Weile lang saßen sie einfach nur gemeinsam im Wagen, ohne etwas zu sagen und ohne sich zu rühren, bis Connor plötzlich bemerkte, wie Gavin die Arme um seinen Körper schlang. Fror er?
Innerlich schüttelte Connor seinen Kopf.
Er sollte wirklich aufhören, sich solche Gedanken zu machen.
„Ich glaube nicht, dass es zeitnah aufhört, zu regnen“, sagte Connor schließlich.
„Hm“, gab Gavin nur ein zustimmendes Brummen von sich und rieb sich mit seinen Händen über die Arme. Ihm war eindeutig kalt und Connor erwischte sich wieder dabei, wie seine Sorge wuchs.
Warum war Gavin so schweigsam? Waren das wirklich nur die Schmerzen? Er hätte ihn wohl doch lieber zurück ins Krankenhaus fahren sollen. Er war irgendwie völlig neben der Spur.
Diesmal schüttelte Connor nicht nur in Gedanken seinen Kopf und erntete einen irritierten Blick von Gavin. Die Schatten unter dessen Augen waren größer und dunkler denn je. Gavin hatte schon immer, seitdem Connor ihn im frühen November kennengelernt hatte, stets so gewirkt, als hätte er schon längst keinen richtigen Schlaf mehr gefunden. Ob es wirklich so war? Doch selbst wenn es so war, war dies kein Grund für sein unterirdisches Verhalten gewesen.
Am besten, er würde Gavin jetzt einfach in seine Wohnung bringen und so schnell wie möglich das Weite suchen. Dann brauchte er sich auch keine Gedanken mehr darüber zu machen. Aus dem Auge, aus dem Sinn.
„Ich bring dich nach oben, bevor das Taxi kommt. Es kann stundenlang regnen und wir sitzen dann immer noch hier“, sagte Connor schließlich und wandte sich, ohne Gavins Reaktion abzuwarten, der Tür zu.
„Du musst das nicht für mich machen, Connor“, hörte er jedoch Gavins plötzlichen Einwand und hielt in seiner Bewegung inne.
„Wie meinst du das?“, fragte er, immer noch Richtung Tür gewandt.
„Ich weiß, dass ich dich wie Dreck behandelt habe, du musst mir kein schlechtes Gewissen machen.“
„Das war nicht meine Intention, ich wollte dir nur helfen“, erwiderte Connor.
„Wieso? Für dein Androiden-Karma oder irgend so einen Bullshit?“
Okay, da war wieder der alte Gavin.
Er sollte sich am besten einfach aus dem Staub machen. Wenn Gavin seine Hilfe nicht wollte, sollte er halt schauen, wo er blieb.
Ohne etwas zu sagen, öffnete Connor die Tür, doch anstatt sich vom Wagen zu entfernen, ging er wie ferngesteuert um das Auto herum und öffnete die Beifahrertür. Er seufzte. Das mit dem Abhauen hatte ja wirklich super funktioniert.
Gavin sah mit einem überraschten Blick zu ihm auf.
„Komm aus dem Wagen, oder ich überlege es mir noch anders und schmeiß dich irgendwo in den Detroit River“, knurrte Connor, war dabei jedoch mehr über sich selbst verärgert.
„Wäre wahrscheinlich die bessere Option“, antwortete Gavin und stand auf, doch mitten in der Bewegung gab er plötzlich einen erstickten Laut von sich und ließ sich zurück auf den Sitz fallen. Connor seufzte lautstark und beugte sich zu Gavin hinab, um einen Arm um ihn zu legen, und ihm hochzuhelfen.
„Ich kann das allein“, knurrte er, doch Connor ignorierte seinen Einwand und zog ihn leicht nach oben.
Gavin schien zu überrascht, um sich zu wehren, und verzog schmerzvoll das Gesicht, während er seine Arme reflexartig um Connors Hals schlang und schließlich leise fluchend zum Stehen kam. Er verharrte einen Moment, bevor er sich von Connor löste und leicht gebeugt seinen Bauch hielt. Connor hatte den kurzen körperlichen Kontakt genutzt, um seinen Zustand zu analysieren. Trotz dass Gavin wie ein Wiesel durch die Gegend sprang, verheilten beide Brüche recht gut. Die Prellungen, die sich nicht nur an seinem Bauch befanden, sondern über seinem ganzen Körper verteilt waren, schienen ihm mehr zu schaffen zu machen, als der eigentliche Rippenbruch.
Connor erwischte sich wieder dabei, wie er Gavin bemitleidete. Er konnte sich nur ansatzweise vorstellen, wie schmerzhaft solche Verletzungen waren und es tat ihm leid, dass er ihn eben einfach so angesackt hatte, ohne auf seine Schmerzen zu achten.
Plötzlich spürte er Gavins Hand an seiner Schulter, als dieser leicht dagegen boxte, um sein Missfallen kundzutun. Zu mehr hatte er offenbar keine Kraft. Connor musste ob des Versuchs unweigerlich schmunzeln, denn es war fast schon niedlich, wie … wie ... wie kam er nur auf diesen Gedanken?
„Lass und endlich reingehen, du wirst nass hier draußen“, sagte er bestimmend und legte wieder den Arm um Gavin, um ihn zu stützen, während er beiläufig die Autotür schloss.
„Ich hab gesagt, ich kann das alleine“, schien Gavins Lebenskraft langsam zurückzukehren.
„Wenn du wie ein alter Mann durch den Regen schleichen willst, bitte“, konterte Connor und ließ ihn so abrupt los, dass er beinahe gestolpert wäre.
„Du scheiß Sadist“, fuhr Gavin ihn darauf an.
„Ich hab nur getan, was du wolltest.“
„Du tust nur immer so harmlos. In Wirklichkeit bist du das größte Arschloch, dass das DPD je gesehen hat.“
„Sorry, Gav, den Posten hast du schon belegt.“
„Wer hat dir überhaupt erlaubt, mich beim Vornamen zu nennen?“
„Du nennst mich doch auch die ganze Zeit bei meinem Namen.“
„Weil du nur einen Vornamen hast.“
„Ich trage jetzt den Namen Anderson.“
„Ein Wunschname ist kein wirklicher Nachname“, fauchte Gavin.
„Willst du jetzt wirklich hier draußen im Regen über so etwas diskutieren?“, verlor Connor nun doch langsam die Geduld und machte dies in seiner Tonlage auch deutlich. Dies war einfach so eine unnötige Diskussion.
Gavin öffnete den Mund, schloss ihn dann jedoch wieder, ohne etwas gesagt zu haben, und wandte sich von einem zum anderen Moment einfach von Connor ab.
Connor musterte ihn nun doch leicht besorgt, als Gavin eine Weile so verharrte. Der Regen hatte Gavins Haar schon so sehr durchnässt, dass es ihm bereits in die Stirn hing. So wirkte er irgendwie noch mehr wie ein kleiner Junge, der nicht wusste, wann er sich besser zusammenreißen sollte. Daher überraschte ihn Gavins plötzliches Schweigen umso mehr, denn es schien zumindest so etwas wie Einsicht zu zeigen.
Connor wusste nicht, warum dieser Mann so verdammt verbittert war, doch er würde es herausfinden. Er wollte Gavin verstehen lernen, denn bald musste Connor entscheiden, ob er sich gegen ihn wandte und ihn wirklich richtig eingeschätzt hatte. Er wollte nicht falsch liegen, er wollte keinen Fehler begehen und er wollte nicht Gavins Leben zerstören, wenn dieser es eigentlich nicht verdiente.
Wäre Gavin an seiner Stelle, würde er sich wahrscheinlich nicht einmal die Mühe machen, die Handlungen des anderen zu verstehen … aber wer weiß, vielleicht lag Connor bereits mit dieser Annahme falsch. Er kannte diesen Mann nicht wirklich, doch er würde ihn kennenlernen.
„Lass uns jetzt endlich rein, du erkältest dich noch. Wenn du oben bist, bist du mich los, okay?“, sagte er und trat auf Gavin zu. Dieser antwortete nicht, sondern sah nur schweigend zu ihm auf und ließ zu, dass Connor erneut den Arm um ihn legte.
„Ich hoffe es.  Du nervst“, konnte Gavin sich einen spitzen Kommentar schließlich nicht verkneifen, als sie gemeinsam durch den Regen hindurch auf das Gebäude zutraten.
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