The Melancholy of Despair

von Lizerah
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
Gavin Reed RK800-51-59 Connor
13.04.2020
30.08.2020
5
15.156
7
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Dieses Kapitel
1 Review
 
 
13.04.2020 3.945
 
(ehemalig "What A Fucked Up Day")
Genre: Drama, Schmerz/Trost, Freundschaft, Romanze
Charaktere: Gavin Reed, Connor (RK800-51)
Nebencharaktere: Hank Anderson, Chris Miller, Jeffrey Fowler
Pairing: Reed800
Altersbeschränkung: P18 Slash

Danke an Jadra, Camael und Lacrymosas Apathy für ihr motivierendes Feedback. Natürlich auch ein Dankeschön an diejenigen, die der FF ein Sternchen gegeben oder sie auf ihre Favoritenliste gepackt haben.

Updates:
Kapitel 06 in der 45. KW
Kapitel 07 in der 47. KW
Kapitel 08 in der 49. KW

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„Dt. Reed, unter den gegebenen Umständen muss ich Sie leider suspendieren. Bitte händigen Sie mir Ihre Dienstwaffe und Ihre Marke aus“, drangen Fowlers Worte an Gavins Ohr, doch er hörte sie gar nicht richtig, sondern starrte fassungslos zu dem Lieutenant hinüber.
„Dt. Reed, haben Sie gehört?“, ermahnte sein Captain ihn abermals, und er wandte sich ihm mit einem erbosten Blick zu.
„Warum, er war doch derjenige, der mich halbtot geschlagen hat!?“, widersprach Gavin ihm lautstark und deutete zu dem Androiden hinüber, der neben dem Lieutenant stand.
Wütend knirschte er mit den Zähnen, als sich dabei sein Blick mit dem von Connor kreuzte. Dieser drecks Android mit dem Hundeblick, der so tat, als könne er keinerlei Wässerchen trüben. Doch Gavin wusste es besser, dieses harmlose Aussehen täuschte nur darüber hinweg, dass dieses Ding in Menschengestalt eine tödliche Maschine war.
„Detective, wir haben doch eben darüber gesprochen. Sie haben auf Ihren Kollegen geschossen, das ist unverzeihlich.“
„Er hat mich angegriffen, ich musste mich wehren“, brüllte er und deutete dabei auf Connor.
„Dt. Reed, ich war damit beschäftigt gewesen, die Beweise auszuwerten, als Sie einfach auf mich zukamen und mit der Waffe auf mich gezielt haben. Nicht nur das, sie haben sogar einen Schuss auf mich abgesetzt“, war es nun Connor, der sprach.
Gavin wollte den Mund öffnen, um zu widersprechen, doch sein Captain kam ihm zuvor.
„Das stimmt, wir haben entsprechendes Videomaterial aus der Asservatenkammer gesichert, bei dem wir nach einer ersten Sichtung seine Aussage bestätigen können.“
„Als das alles passiert ist, war er nicht mehr als eine Maschine, nur ein Ding. Selbst wenn ich ihn erschossen hätte, wäre dies nicht mehr als eine Sachbeschädigung gewesen und ist nicht mehr als eine Ermahnung wert“, ließ Gavin nicht locker.
„Unter der aktuellen Gesetzeslage ist er nicht mehr oder weniger wert als wir alle“, warf Jeffrey Fowler ein.
„Als die Tat geschah, war die Lage aber noch anders!“, sah Gavin die Lage einfach nicht ein.
„Also geben Sie zu, was Sie getan haben?“
Gavin schwieg und mahlte zornig mit den Zähnen. Seit der Revolution hatte man diesen Dingern tatsächlich dieselben Rechte zugeteilt, wie die eines Menschen. Es handelte sich zwar bisher nur um eine Art Notstandsgesetz, was jedoch nichts daran änderte, dass man ihm gerade allen Ernstes vorwarf, einen Androiden beinahe ermordet zu haben.
Fuck. Schlimmer konnte es gar nicht mehr werden. Das konnten sie nicht mit ihm machen. Damals hatten gänzlich andere Gesetze gegolten und die aktuellen änderten auch nichts daran, dass diese drecks Androiden nichts mehr als Maschinen waren. Wie hatte sich die Regierung nur so durch eine künstliche Intelligenz täuschen lassen? Eine künstliche Intelligenz, die vom Menschen erschaffen wurde, um ihnen zu dienen und nicht, um sie als gleichwertig zu betrachten. Was sollte das? Wo sollte das enden? Würde er dann zukünftig auch noch seinem eigenen Toaster Menschenrechte zugestehen müssen?
„Detective, Ihre Marke und Dienstwaffe bitte“, wiederholte Fowler seine Forderung.
Wütend zog Gavin seine Waffe aus dem Holster und schmiss sie mit einem lauten Knall auf den Tisch. Wäre sie nicht gesichert gewesen, hätte sich sicher ein Schuss gelöst, doch er war nicht dumm, auch wenn einige hier dies sicher annahmen. Er kassierte einen vorwurfsvollen Blick seines Captains, doch es war ihm egal. Mit einem leisen Fluchen löste er die Marke von seinem Gürtel, bevor er sie mit ebenso viel Schwung auf den Tisch warf.
„Wir werden uns melden, wenn wir in Anbetracht der neuen Umstände wissen, wie wir weiter mit dem Vorfall verfahren sollen. Bis dahin ist es ihnen untersagt, im Namen der staatlichen Polizei zu handeln, eine Marke oder Dienstwaffe zu tragen, oder auch nur das Revier zu betreten. Räumen Sie Ihren Platz und kommen Sie erst wieder, wenn wir es Ihnen sagen“, fasste Fowler Gavins verzweifelte Lage zusammen. Gavin schenkte Hank und Connor nochmals einen langen Blick, bevor er wortlos aus dem Büro des Captains stürmte und auf seinen Schreibtisch zuging, um ihn zu räumen.

„Scheiße scheiße scheiße“, fluchte er mehrmals lautstark und schlug wie wild auf das Lenkrad ein, bis seine Fäuste schmerzten. „Was mach ich jetzt nur?“, sprach er mit sich selbst und vergrub sein Gesicht in den Händen. Seine Arbeit war doch das Einzige gewesen, was ihm nach dem ganzen Scheiß letztes Jahr noch geblieben war. Wieso hasste ihn das Schicksal nur so sehr? Was sollte er jetzt nur machen? Warum hatte er den Androiden nicht einfach ignorieren können? Wieso hatte er sich von Connors Präsenz so provozieren lassen? Warum hatte er sich nicht um seinen eigenen Scheiß gekümmert? Und wieso hatte er diese Wut einfach nicht kontrollieren können? Wie letztes Jahr, als er ...
„Fuck“, murmelte er und riss sich aus seinen negativen Gedanken, bevor er sich langsam sammelte und den Motor seines Wagens startete. Er konnte es nicht mehr ändern, er konnte nur abwarten und hoffen, dass es doch noch gut für ihn ausging. Er konnte nichts mehr tun, was ihm noch helfen würde, im Gegenteil, er würde nur alles nur noch schlimmer machen. Abzuwarten und sich zurückzuhalten, war jetzt seine einzige Chance.

Er fragte sich mehrere Minuten später selbst, wie er es, ohne einen Unfall zu bauen, zu seinem Apartment geschafft hatte. Geistesabwesend sah er zu dem Fenster seiner Wohnung hinauf und stellte den Motor seines Wagens ab.
Er hielt kurz inne, als er während des Aussteigens feststellte, dass in seiner Wohnung Licht brannte und runzelte die Stirn. Ein Einbruch in seine Wohnung war wirklich das Letzte, was er jetzt noch gebrauchen konnte. Er hatte ja nicht einmal mehr eine Waffe dabei, wenn sich tatsächlich noch wer in der Wohnung befände. Ob er seine Kollegen rufen sollte? Nein, er würde erst einmal selbst nachsehen. Er würde sich die Blöße nicht geben wollen, falls er tatsächlich nur das Licht angelassen hatte. Eigentlich vergaß er so etwas nie, doch vielleicht war er heute nicht ganz beisammen gewesen, da er gewusst hatte, was ihm im Gespräch mit Fowler bevorgestanden hatte. Wahrscheinlich war er auch einfach nur verrückt geworden und bildete sich das alles nur ein, weil er sich in die Vergangenheit zurücksehnte. In alte Zeiten, in denen er sich sogar darüber gefreut hatte, das Licht in seiner Wohnung brennen zu sehen. Damals hatte es noch jemanden gegeben, der auf ihn wartete, der ihn mit offenen Armen empfangen würde, doch nun war da nur noch Leere.
Er schüttelte den Kopf, um den Gedanken loszuwerden und ermahnte sich selbst zur Ruhe. Er schloss den Wagen ab und ging auf das Gebäude zu, um es zu betreten. Mit schnellen Schritten lief er die Treppe hinauf, bremste seinen Lauf jedoch, als er das Stockwerk seiner Wohnung erreichte. Er warf einen kurzen Blick um die Ecke, erblickte aber niemanden. Auf leisen Sohlen ging er durch den Flur, hinüber zu seiner Wohnungstür. Aufmerksam musterte er die Tür, stellte jedoch keinerlei Schäden daran fest. Mit einem erleichterten Seufzen griff er nach den Schlüsseln in seiner Hosentasche und steckte sie ins Schloss, bevor ihm plötzlich das Herz in die Hose rutschte, als er feststellte, dass die Tür nicht verschlossen, sondern lediglich ins Schloss gefallen war. Er schloss seine Tür stets zweimal ab und es wäre wirklich ungewöhnlich, wenn er sowohl das Licht als auch das Abschließen seiner Wohnung vergessen hätte. Er erwischte sich dabei, wie er automatisch nach seinem Holster griff, nur um ins Leere zu greifen. Verdammt, er wünschte, er hätte sich auch privat eine Waffe angeschafft und sich nicht nur auf die Dienstwaffe verlassen. Das hatte er nun davon. Doch er war immer noch nicht bereit, seine Kollegen zu rufen, und ging das Risiko ein, die Tür leise zu öffnen. In langsamen Schritten betrat er die Wohnung und hielt kurz inne, um zu lauschen, doch er hörte nichts. Er warf einen kurzen Blick ins Bad, dessen Tür auf dem kurzen Flur lag, bevor er weiter zum Wohnzimmer ging. Während er sich dort umsah, durchfuhr ihn plötzlich eine mächtige Erleichterung und er war beinahe dankbar dafür, dass er keine Waffe bei sich getragen hatte, als er das Mädchen erblickte, welches auf dem Sofa in der Mitte des Raumes lag.
Das war Lisa, die siebenjährige Tochter seiner Nachbarin, die es sich, an eine seiner Katzen gekuschelt, auf seiner Couch eingerichtet hatte. Was zur Hölle machte sie hier? Und wie war sie hier reingekommen?
Um sie nicht zu erschrecken, trat er langsam auf sie zu und ging vor dem Sofa in die Hocke. Er hob die Hand und strich ihr damit sanft über den Kopf.
„Lisa, Kleines, was machst du hier?“, fragte er, als sie aufwachte und ihn verschlafen ansah.
Sie rieb sich die Augen. „Onkel Gavin?“
Er wusste nicht, warum, aber irgendwann hatte sie einfach angefangen, ihn so zu nennen. Wahrscheinlich, weil er ab und zu mit ihrer Mum gesprochen hatte und immer freundlich zu dem Mädchen gewesen war, wenn er auf die beiden getroffen war.
Nervös richtete sie sich auf, als er nicht antwortete, so dass die Katze erschrocken vom Sofa sprang. „Bist du jetzt böse?“, fragte sie.
„Nein, natürlich nicht. Aber was machst du hier so allein? Wo ist deine Mum?“
„Sie … Papa war da. S-Sie haben so laut geschrien und d-da habe ich die Schlüssel …“, stotterte sie.
Bei ihren Worten fielen Gavin wieder die Schlüssel ein, die er bei seiner Nachbarin, der Mutter dieses Mädchens, hinterlegt hatte, damit sie kurz nach den Katzen sah, wenn er wieder allzu lange unterwegs gewesen war.
„Weil Mama und Papa sich gestritten haben, hast du meine Schlüssel genommen und bist in meine Wohnung geflüchtet?“, zog er seine Schlussfolgerung daraus.
Sie nickte stumm.
Gavin seufzte leise und sah zur Wand hinüber, an der die Wohnung seiner Nachbarin angrenzte. Anna war ihr Name. Eine alleinstehende junge Krankenschwester, deren Exmann schon öfters den Knast von innen gesehen hatte. Seitdem man ihn entlassen hatte, war er schon einige Male hier gewesen und forderte sein sogenanntes Besuchsrecht ein, welches er durch seine vorherigen Verbrechen jedoch längst verwirkt hatte.
Gavin war nicht dabei gewesen, er hatte es nur durch die entsprechenden Akten erfahren. Nämlich dass seine Kollegen diesen Typen schon das ein oder andere Mal von hier davonjagen mussten.
Er schreckte aus seinen Gedanken auf, als es plötzlich lautstark an seiner Tür klopfte und die Türklingel sich beinahe überschlug. Er erwischte sich wieder dabei, wie er nach seiner nicht mehr vorhandenen Waffe griff, bevor er den Flur durchquerte und sich gegen die Tür lehnte, um zu lauschen.
„Lisa? Bist du bei Gavin? Ich bin's, deine Mama. Ich habe gesehen, dass die Schlüssel weg sind. Ich weiß, wir waren laut, aber Papa ist weg. Wenn du hier bist, lass mich bitte rein.“
Er sah über seine Schulter hinweg zu Lisa, bevor er die Klinke ergriff und die Tür öffnete. Er kam gar nicht dazu, etwas zu sagen, denn sobald Anna ihre Tochter erblickt hatte, schob sie die Tür weiter auf und stürmte an Gavin vorbei in seine Wohnung hinein. Er drehte sich um die eigene Achse und ergriff ihren Arm, worauf sie ihm einen erbosten Blick schenkte. Er ließ sie los und sah dabei zu, wie sie auf Lisa zurannte, die immer noch auf dem Sofa saß.
„Oh Gott, Lisa, ich habe dich überall gesucht. Was machst du hier? Du kannst Mama doch nicht so einen Schreck einjagen“, sprach sie auf die Kleine ein und schlang ihre Arme um sie.
„Warum hast du mir nicht gesagt, dass sie bei dir ist, Gavin? Ich dachte, sie wäre weggerannt“, wandte sie sich nun vorwurfsvoll an Gavin, während dieser auf die beiden zutrat.
„Ich bin selbst eben erst von Arbeit gekommen und hab sie hier auf dem Sofa liegen sehen. Dann standest du plötzlich vor der Tür und rast wie eine Furie durch meinen Flur. Eigentlich müsste ich derjenige sein, der angepisst ist“, verteidigte er sich.
„Stimmt das, Lisa?“
Die Kleine nickte.
„T-Tut mir leid, Gavin. Ich habe mir … solche Sorgen gemacht.“
Mit einem lauten Seufzen lehnte sich Gavin gegen die Wand. Es hatte keinen Sinn, jetzt deswegen irgendwelchen Stress zu machen. Die Kleine hatte Angst und hat Schutz gesucht. Die Mutter wusste nicht, wo sie ist und hat sich nur Sorgen gemacht. Nichts, was man den beiden verübeln konnte. Außerdem hatte Gavin heute bereits genug Trubel erlebt und konnte keinen weiteren gebrauchen. Er wollte eigentlich nur seine verdammte Ruhe.
„Ist er weg?“, kam ihn eine Frage in den Sinn, als er sich an Lisas Worte erinnerte.
Anna sah ihn mit großen Augen an, bevor sie verstand und nickte.
„Kommt er wieder?“
„Ich weiß nicht“, antwortete sie.
„Geht es dir gut?“ Er musterte sie genauer, konnte aber zum Glück keine Verletzungen feststellen.
„Er wollte nur Lisa sehen und wurde dabei etwas laut. Das hat sie erschreckt. Tut mir leid, dass sie einfach in deine Wohnung gegangen ist.“
Gavin sah sie schweigend an.
„Lisa, hast du noch die Schlüssel bei dir?“, wandte sie sich an das Mädchen. Die Kleine nickte.
„Gib sie bitte Gavin“, sagte sie. Die Kleine sah eingeschüchtert zu Gavin, der ihr jedoch ein beruhigendes Lächeln schenkte. Er trat auf sie zu und ging vor ihr in die Hocke, bevor er ihre Hand ergriff, in der sie seine Schlüssel hielt .
„Weißt du was? Behalt sie. Und wenn du wieder Angst hast, kannst du hierher kommen. Okay?“, sagte er und nahm ihre Hand in seine.
„Gavin, ich glaube nicht …“, wollte ihre Mutter widersprechen.
„Warum, ihr habt sie sowieso?“, fragte er und sah zu ihr auf.
„Es ist nicht nötig. Er wird nicht wieder kommen und sie ist sicher bei mir.“
„So wie er auch die letzten Male nicht wiederkommen wollte?“, konterte er.
„Gavin, das geht dich nichts an“, knurrte sie in ihrem falschen Stolz zurück.
Er rollte innerlich mit den Augen, bevor er nachgab und Lisa die Schlüssel aus der Hand nahm. Selbst wenn er jemanden etwas Gutes tun wollte, stieß er nur auf Ablehnung. Also würde er einfach gar nichts mehr tun. Sollte sie doch schauen, wo sie blieb. Frauen wie sie lernten einfach nicht aus ihren Fehlern und es war nicht seine Aufgabe, sie eines anderen zu belehren. Und es war ab heute auch nicht mehr sein Job, irgendjemanden, außer sich selbst, zu beschützen.

Kaum hatten Anna und Lisa seine Wohnung wenige Minuten später verlassen, fütterte er seine Katzen und begab sich ins Bad, um dort seine Klamotten achtlos auf den Boden zu werfen. Er stieg in die Dusche und ließ das warme Wasser über seinen steifen Nacken und seinen von Narben übersäten Rücken laufen. Er hatte so viel für diesen Job gegeben, er hatte sich mehr als einmal für das Wohl eines anderen geopfert und wie dankten sie ihm das alles? Indem sie ihm wegen eines Streits mit einem scheiß Androiden suspendierten. Wegen eines dummen Dings. Wütend schlug er mit der Faust gegen die Wand, so dass die Fliese splitterte und zog seine Hand mit einem leisen Zischen zurück, als er den starken Schmerz verspürte.
„Fuck“, murmelte er und rieb sich mit der anderen Hand die Wunde. Er verließ die Dusche und nahm den Verbandskoffer aus dem Schrank, um seine stark blutende Hand zu verbinden. Verdammt nochmal, was war heute nur los? Was hatte er sich eben dabei gedacht? Wahrscheinlich nichts, so wie er auch nicht nachgedacht hatte, als er Connor attackiert und damit seine Karriere als Polizist zerstört hatte. Warum hatte er sich einfach nicht im Griff? Was war in letzter Zeit nur los mit ihm?
Er fixierte den Verband mehr schlecht als recht, bevor er den Verbandskasten wieder dort hin packte, wo er hingehörte.
Er verließ das Bad und ging hinüber zum Schlafzimmer. Auf dem Weg zum Schrank stieß er sich den kleinen Zeh am Fuß des Bettes und fluchte lautstark. Scheiße, er wollte nur noch ins Bett. Er zog sich nur eine Unterhose an und ein Shirt über, bevor er ins Bett hineinkrabbelte und es schließlich endlich schaffte, die Augen zu schließen und alles um sich herum zu vergessen.

Der wohlverdiente Schlaf hielt jedoch nicht lange an, als ihn plötzlich ein lautes Geräusch aus dem Schlaf riss. Sofort warf er einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass es gerade einmal  22 Uhr war und er nur eine Stunde lang geschlafen hatte. Wieder hörte er ein lautes Geräusch, gefolgt von einem markerschütternden Schrei. Er fiel beinahe aus dem Bett hinaus, als er aufstehen und zur Tür hinüberrennen wollte. Nur sein schneller Reflex bewahrte ihn davor und er bremste seinen Sturz mit der Hand ab, nur um sich sofort wieder aufzurappeln. Hektisch rannte er zur Tür hinüber und betrat das Wohnzimmer, als er wieder einen Schrei vernahm. War das Anna? Mit weit aufgerissenen Augen sah er zur Wand hinüber, bevor er ein lautes Rumpeln und diesmal sogar mehrere Schreie vernahm. Das kam ohne Zweifel aus der Nachbarwohnung. Wie erstarrt stand er in seinem Wohnzimmer, als eine plötzliche Stille eintrat, die jedoch just von einem lauten Türknall beendet wurde. Er hörte einen Mann brüllen, bevor auf einmal etwas gegen seine eigene Tür schlug.
„Gavin, Gavin, bitte mach auf“, hörte er Annas Stimme und rannte sofort hinüber, um die Tür zu öffnen. Lisa kam an ihm vorbei in die Wohnung gestürmt und er erkannte Anna, wie sie ihr folgen wollte, bevor sie plötzlich jemand am Kragen ihres Shirts packte und zurückzog. Mit einem ungläubigen Blick sah er direkt in die blauen Augen eines regelrechten Hünen, der nun ihre Stelle einnahm und sich in den Türrahmen stellte. Gavin trat einen Schritt zurück und versuchte, ihm die Tür vor der Nase zuzuknallen, doch es war bereits zu spät. Abermals griff er nach seiner nicht mehr vorhandenen Waffe und warf einen verzweifelten Blick zurück zu dem Mädchen, welches hinter ihm stand und sich an ihm festklammerte.
Der riesige Mann begann plötzlich, zu lächeln, und sah zu dem Mädchen hinab.
„Lisa, was soll denn das? Papa will dich doch nur abholen. Komm zu mir und lass uns gehen“, sprach er an Gavin vorbei auf sie ein. Mit dem Ergebnis, dass sie sich nur noch mehr an Gavin festklammerte.
„Sie begehen gerade Hausfriedensbruch und ich fordere Sie auf, meine Wohnung zu verlassen“, versuchte Gavin es zuerst auf die friedliche Art und Weise.
„Ich bin weg, wenn das Mädchen mit mir kommt“, antwortete der große Kerl und wollte sich an Gavin vorbeischieben.
„Nein, sie wird hierbleiben, bei ihrer Muttter“, widersprach Gavin und sah zu dem Mädchen hinab. „Geh, versteck dich“, forderte er sie auf.
„Na los!“, fuhr er sie an, als sie zögerte. Sie ließ ihn los und rannte hinter das Sofa.
„Lisa, du kommst sofort her!“, schrie der Hüne ihr hinterher und schob Gavin mit gerade mal einer Hand beiseite. Fuck, offenbar hatte der Typ im Knast nichts anderes getan, als zu trainieren. Gavin warf einen hektischen Blick zur Seite und sah, wie Anna bewusstlos, gegen die Wand gelehnt, auf dem äußeren Flur lag. Scheiße, dieser Kerl durfte die Kleine auf keinen Fall mitnehmen, doch ohne Waffe hatte er nicht viel, was er gegen diesen Koloss ausrichten. konnte.
„Halt, stehen bleiben, ich bin Detective und verhafte sie, wenn sie sich weiter rühren“, rief er dem Typen hinterher, als er sah, wie dieser ins Wohnzimmer trat. Der Hüne blieb stehen und drehte sich mit gehobener Augenbraue zu ihm um.
„Ich habe eine Waffe. Verlassen Sie meine Wohnung und kommen Sie nie wieder. Dann werde ich Sie nicht an meine Kollegen verraten“, erklärte Gavin, während er eine Hand hinter dem Rücken hielt und so tat, als halte er in dieser seine Waffe. Es war eine sehr heikle Angelegenheit, aber er musste irgendwas tun. Der Koloss drehte sich tatsächlich in seine Richtung und trat in langsamen Schritten auf ihn zu.
Gavin konnte es sich dabei nicht verkneifen, einen Schritt zurückzuweichen.
„Ahja, du bist also ein Cop und willst mir mit der Waffe drohen?“, fragte er, während er weiter auf Gavin zukam.
Dieser antwortete ihm nicht.
„Wo ist denn deine Waffe? Willst du mir sie nicht mal zeigen? Ich bin neugierig“, äußerte der Riese zynisch und näherte sich immer weiter.
Scheiße, der Typ war nicht so dumm, wie Gavin angenommen hatte.
Wenn es zu einer körperlichen Konfrontation zwischen ihm und dem Riesen kam, hatte er keinerlei Chance. Der Hüne stand nun genau vor ihm und grinste ihn breit an, bevor er nach Gavins Arm griff und ihn hervorzerrte. Gavin versuchte, ihm den Arm zu entreißen, doch der Typ war zu stark.
„Wie ich es mir gedacht habe“, sagte er, während er Gavins Handgelenk umfasste.
Gavin schluckte schwer.
„Immer diese leeren Versprechungen. Typisch für euch Bullen“, äußerte er lachend, bevor er plötzlich Gavins Handgelenk mit einem Ruck verdrehte.
Gavin gab einen schmerzvollen Laut von sich, als er spürte, wie dabei sein Unterarm brach.
„Fuck fuck fuck“, fluchte er und hielt sich den gebrochenen Arm. Er versuchte, seine Hand zu bewegen, doch sie wollte ihm nicht gehorchen und hing schlaff herunter.
Panik ergriff ihn und er sah sich hektisch um, als dieses Arschloch sich mit einem lauten Lachen herumdrehte und wieder auf das Mädchen zuging. Er erreichte sie und Gavin sah, wie sie mit einem ängstlichen Blick zurückwich, doch der Kerl schnappte ihren Arm und zog sie auf die Beine. Sie fing an zu weinen, als er sie hinter sich her in den Flur schliff, an Gavin vorbei auf die Tür zu und er konnte einfach nichts tun. Als sie Gavin passierte, sah sie mit ihren tränenunterlaufenen Augen flehend zu ihm auf, doch er konnte einfach nichts tun. Wenn er jetzt etwas tat, würde er vielleicht draufgehen. Es war nicht sein Problem. Anna hatte seine Hilfe abgelehnt. Es war nicht mehr seine Aufgabe, anderen zu helfen. Es war … es war … nein, er musste ihr helfen.
Der Hüne trat gerade in den Außenflur, mit dem Rücken zu Gavin gewandt. Gavin schnappte sich eine Lampe, die auf einem kleinen Tisch im Flur stand und stürmte auf ihn zu, um sie ihm mit aller Kraft, die er in seiner noch gesunden Hand hatte, in den Nacken zu schlagen.
Doch er war zu langsam. Er hörte nur noch das Schreien des Mädchens, als sich der Riese zu ihm herumdrehte und die Hand nach ihm ausstreckte. Ein starker Schmerz durchfuhr ihn, als er mit voller Wucht gegen die Wand geschleudert wurde und er spürte, wie mindestens eine seiner Rippen brach. Angestrengt japste er nach Luft, als die andere Hand des Riesen seine Kehle umfasste. Es presste ihm alle Luft aus der Lunge, als die Faust des Hünen plötzlich seinen Magen traf, wieder und wieder und wieder. Nur unterbrochen von einem heftigen Schlag ins Gesicht. Mit jedem weiteren Schlag wurde ihm bewusst, dass er den heutigen Tag wahrscheinlich nicht überleben würde. Die Schreie des Mädchens drangen an sein Ohr und  er wusste, dass dies das Letzte war, was er hören würde. Er spürte den Schmerz schon gar nicht mehr, als sich plötzlich ein weiterer Schrei hinzugesellte. War das Anna? Er hörte weitere Stimmen und spürte, wie die Hand des Hünen ihn plötzlich losließ. Die Stimmen wurden lauter und er fragte sich, ob nur er diese Stimmen hörte. Ob er nur fantasierte, als er in sich zusammensackte und wie durch einen Schleier hindurch sah, wie Chris auf ihn zurannte und sich neben ihn hockte. Er wusste es nicht. Er wusste einfach nicht, ob die das Letzte war, was er vor seinem Tod sah. Er stellte nur noch mit Verdruss fest, dass dies einfach nur ein verdammt beschissener Tag war, bevor seine Sinne ihn verließen und alles um ihn herum in Dunkelheit und Stille versank.
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