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Unklare Lage

von Maybe44
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dr. Anja Licht Franz Hubert
13.04.2020
13.05.2020
16
13.435
6
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29.04.2020 826
 
Stöhnend lehnte Hubsi sich gegen eine kalte, harte Hauswand. Nachdem er seinen kompletten Mageninhalt in den Rinnstein entleert hatte, fühlte er sich zittrig und schwach auf den Beinen. Immer und immer wieder erschien das wackelige Bild von Anjas Koffer zwischen all den leblosen Körpern vor seinem geistigen Auge. War Anja unter ihnen? Lag auch sie leblos, tot, nur wenige hundert Meter von ihm entfernt auf dem Boden des Einkaufszentrums? Würde ihm nun tatsächlich jede Chance versagt bleiben, ihr noch einmal in ihre warmen braunen Augen zu schauen? Ihre Hand in seiner zu halten? Ihr endlich zu sagen, dass er ohne sie an seiner Seite keinen Tag länger leben mochte?

Gerade als er spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen, spürte er Girwidz' warme Hand auf seiner Schulter. "Nun kommen Sie, Hubert. Nur weil ihr Koffer da drinnen steht, heißt das noch lange nicht, dass ihre Exfrau zu Schaden gekommen ist. Geben Sie die Hoffnung nicht auf! Lassen Sie uns wieder reingehen und schauen, was bei den Kollegen los ist." fand Reimund Girwidz tröstende Worte und schob seinen Partner sanft, aber mit Nachdruck, zurück zum Ü-Wagen.

Hubert ließ sich widerstandslos zurück in den Wagen bugsieren und ignorierte geflissentlich die von verwundert bis mitleidig reichenden Blicke der anderen Beamten. Stattdessen fixierte er erneut die vielen kleinen Bildschirme vor ihm. Sein Blick blieb an einem Bildschirm unten rechts in der Ecke hängen. Das Bild zeigte abwechselnd eine geschlossene Stahltür und die ratlosen Augen, die aus den Wollmasken der vermummten Beamten hervorblitzten. Die Beamten diskutierten offenbar miteinander, dann wanderte der Blick des die Kamera an seinem Helm tragenden Polizisten zu einer jungen Frau, die reglos am Boden lag. Sie trug eine Hubert wohlbekannte Uniform, musste also eine Kollegin sein. Hubert beugte sich vor und konnte mit Mühe das Namensschild entziffern. Vogt. Eine junge Kollegin hatte also auch ihr Leben lassen müssen. Die Kameraeinstellung wandte sich wieder der noch immer geschlossenen Tür zu.
Hubsi wandte sich an den Einsatzleiter. "Was is da los? Was is da hinter der Tür?"
Weshalb er sich von eben dieser Tür wie magisch angezogen fühlte, konnte er selbst nicht sagen. Aber in ihm war das dringende Bedürfnis erwacht zu erfahren, was dort vor sich ging.

Der Einsatzleiter blickte ihn zweifelnd an, tat ihm dann aber den Gefallen und fragte per Funk nach. Nach wenigen Sekunden ertönte die Antwort: "SEK 23-1 für Einsatzleitung. Hinter der Tür befinden sich wohl zwei Personen. Wir haben Sprechkontakt mit einer Mitarbeiterin der Rechtsmedizin. Doktor Licht. Sie weigert sich die Tür zu öffnen..."

Den Rest hörte Hubert schon nicht mehr, da er bereits im Eiltempo aus dem Wagen gesprungen war und im Laufschritt in das Einkaufszentrum rannte.

Anja hatte die Hand vor ihren Mund gelegt und versuchte verzweifelt, die aufkommenden Tränen zurückzudrängen. Frau Vogt war tot! Vermutlich war sie nur wenige Meter entfernt draußen vor der Tür erschossen worden. Und das nur, weil sie sie und den Jungen in Sicherheit gebracht und sich selbst wieder in die Gefahrenzone begeben hatte, um sie zu beschützen. Dabei war sie doch noch so jung gewesen, hatte ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt!

Verzweiflung breitete sich in ihr aus. Vor der Tür stand mindestens ein fremder Mann und erwartete von ihr, dass sie in den nächsten Minuten die Tür öffnete. Aber konnte sie ihm vertrauen? Außerdem hatte sie Frau Vogt ihr Versprechen gegeben, die Tür nicht zu öffnen, bis sie nicht ganz sicher sein konnte, dass Hilfe vor der Tür stand. Und die junge Polizistin sollte zumindest nicht umsonst gestorben sein. Ihre Entscheidung war gefallen. Sie würde diese Tür nicht freiwillig öffnen. Laut rief sie "Dann holts jemanden vom Morddezernat an die Tür. I muss sicher sein kenna, dass ihr wirklich von der Polizei seids!"
Das konnte klappen. Mit den Ermittlern des Münchner Morddezernats hatte sie in den letzten Monaten regelmäßig zusammengearbeitet und würde deren Stimmen erkennen. Sicher war zumindest einer von ihnen auch hier im Einsatz und konnte baldigst herbeigerufen werden.

Sie lehnte ihren Hinterkopf erneut erschöpft gegen das hinter ihr befindliche Regal. Moritz hatte den Austausch stumm mit großen Augen verfolgt und drückte sich nun wieder an seine Verbündete, die ihm mechanisch über den Kopf strich. "Alles wird gut. Alles wird gut." wiederholte Anja dabei wieder und wieder. Diese drei Worte waren regelrecht zu einem Mantra für sie geworden.

Plötzlich waren laute, aufgeregte Stimmen vor der Tür zu hören. Anja horchte auf. Was war da draußen los? Und dann hörte sie eine ihr wohlbekannte Stimme, die wie Musik in ihren Ohren klang.

"Lassts mi durch, Herrschaft, I muss.. mei Frau... mei Anja is da drin!" Und dann, noch lauter, rief Hubsi: "Anja, Anja! I bin da, du bist in Sicherheit!"

Eine Welle der Erleichterung durchflutete sie, als sie aufsprang, zur Tür stürzte, und ihre provisorische Blockade zur Seite riss. Dann öffnete sie die Tür und warf sich ihrem Exmann schluchzend in die Arme.
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