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Unklare Lage

von Maybe44
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dr. Anja Licht Franz Hubert
13.04.2020
13.05.2020
16
13.435
6
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2 Reviews
 
27.04.2020 634
 
Anja hatte die Augen geschlossen und konzentrierte sich ganz auf den Herzschlag des kleinen Jungen, der sich wieder fest an ihre Brust gekuschelt und seine Arme um ihre Hüfte geschlungen hatte. Sein Herz regelmäßig und kräftig schlagen zu fühlen, beruhigte sie ungemein. Es gab ihr die Gewissheit, diese furchtbare Sache nicht alleine durchstehen zu müssen. Und es verdrängte wenigstens für einen kurzen Moment das Bild der ganz in schwarz gekleideten Gestalt, die mit der Waffe im Anschlag unerbittlich näher und näher gekommen war, während sie wie erstarrt dem sicheren Tod ins Auge geblickt hatte. Noch immer erschien Anja das Erlebte völlig surreal. Wie sehr wünschte sie sich, endlich in ihrem heimischen Bett zu erwachen und feststellen zu dürfen, dass alles nur ein furchtbarer Albtraum war!

Doch Moritz bewegte sich in ihren Armen und sie schlug die Augen wieder auf. Kein Albtraum- sie saß noch immer auf dem kalten Fliesenboden der Vorratskammer eines Schnellrestaurants in einem Einkaufszentrum mitten in München. Sie zwang sich zu einem Lächeln und blickte auf das Kind hinab, das sie mit großen Augen fixierte. "Schlaf weiter, kleiner Moritz. I bin ja da." flüsterte sie ihm zu. Ernst nickte Moritz und drückte sich stumm noch enger an Anja. Die Aufregung und die Strapazen der letzten Stunden hatten ihren Tribut gefordert und Moritz war schließlich vor wenigen Minuten erschöpft in ihren Armen in einen unruhigen Schlaf gefallen, aus welchem er immer wieder hochschreckte.

Die Ärztin schloss ihre Augen wieder und überlegte. Sie hatte ihr Zeitgefühl völlig verloren, konnte nicht sagen, ob sie erst Minutenlang oder bereits Stundenlang hier ausharrten. Wie es wohl draußen, vor der schweren Stahltür, im Moment aussehen mochte? Sicher war die Gefahr noch nicht gebannt. Sonst hätte die tapfere junge Polizistin, Frau Vogt, sie sicher längst hier rausgeholt.

Vor der Tür waren mit einem Mal Geräusche zu hören. Es hörte sich an, als würden sich mehrere Menschen in schweren Stiefeln vor der Tür hin und her bewegen. Einen kurzen Moment war Anja versucht, sich sogleich lautstark bemerkbar zu machen. Doch sie hielt sich zurück. Wer wusste schon, wer da vor der Tür unterwegs sein mochte!

Auch der kleine Junge hatte die Geräusche vor der Tür wahrgenommen und war nun endgültig wieder erwacht. Als auf einmal zwei schwere Schläge gegen die Tür erklangen fuhren Anja und Moritz gleichermaßen erschrocken zusammen. Dann ertönte eine tiefe männliche Stimme. "Polizei! Ist da jemand? Öffnen Sie die Tür!"

Anja und der Junge blickten sich an. Sofort schossen Anja die Worte der jungen Polizistin durch den Kopf. "Öffnen Sie die Tür erst wieder, wenn Sie ganz sicher sind, dass die Polizei davor steht. Keinesfalls früher. Alles wird gut." hatte sie gesagt. Konnte sie sicher sein, dass der Mann vor der Tür wirklich von der Polizei war?

Als hätte Moritz ihre Gedanken gelesen flüsterte er "Ist das auch die echte Polizei?"

"I woas ned. Aber mir werden die Tür da erst wieder aufmachen, wenn mir fei ganz sicher san." flüsterte sie zurück.

Noch einmal pochte es kräftig gegen die Tür. "Hier ist die Polizei! Öffnen Sie die Tür, oder wir verschaffen uns gewaltsam Zutritt!"

Tränen stiegen Moritz in die Augen. Beruhigend strich die Ärztin dem Kind über den Kopf. Dann rief sie "Wir san zu zweit. I arbeite beim Institut für Rechtsmedizin, mei Name is Licht, Doktor Anja Licht. Holen Sie ihre Kollegin, Frau Vogt, an die Tür, dann mach I auf!"

Für einen Moment blieb es still vor der Tür. Dann war das Gemurmel mehrerer Stimmen zu hören, doch Anja konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde, bis sich die Stimme nach einer gefühlten Ewigkeit wieder zu Wort meldete. "Die Kollegin Vogt kann nicht mit ihnen sprechen. Sie ist tot. Öffnen Sie bitte jetzt die Tür, oder wir kommen rein."
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