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Unklare Lage

von Maybe44
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dr. Anja Licht Franz Hubert
13.04.2020
13.05.2020
16
13.435
6
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25.04.2020 650
 
Franz Hubert war dazu übergegangen, rastlos hin und her zu wandern. Fünf Schritte nach rechts, Kehrtwende, fünf Schritte nach links, das Ganze nochmal von vorn. Und danach immer und immer wieder auf ein Neues, den Blick fest auf die Beamten des SEK gerichtet, die sich nun nach einer kurzen Lagebesprechung in Stellung brachten, bereit, das weitläufige Gebäude zu stürmen. Sein Herz schlug bis zum Hals. War es bereits zu spät? Oder würden sie Anja wohlbehalten zurückbringen?

"Die Ungewissheit ist das Schlimmste." sagte Reimund Girwidz leise neben ihm. "Kommen Sie. Der Einsatzleiter hat uns gestattet, im Ü-Wagen zuzusehen."

Dankbar folgte Hubsi seinem Partner in die mit modernster Technik ausgerüsteten mobilen Einsatzzentrale des Sondereinsatzkommandos. Dort würden gleich die Bilder der Helmkameras der bis zur Unkenntlichkeit vermummten Beamten live auf die zahlreichen kleinen Bildschirme übertragen werden.
Die Anspannung der vor den Bildschirmen versammelten Beamten war förmlich mit Händen greifbar. Minutenlang waren aus dem Gebäude keinerlei Geräusche mehr zu hören gewesen. Keine weiteren Schüsse zum Glück, aber auch keinerlei Lebenszeichen. Niemand hatte das Gebäude, das längst vom SEK umstellt worden war, mehr verlassen. Nichts rührte sich.

Schließlich gab der Einsatzleiter das Kommando und die Einsatzkräfte rückten in gebückter Haltung, die schweren Waffen schussbereit  im Anschlag, vor. Dann betraten sie hintereinander das Gebäude.

Schweigen senkte sich über die Zuschauer in der mobilen Einsatzzentrale. Jeder der Anwesenden versuchte, die Bilder, die sich ihnen boten, aufzunehmen und zu verarbeiten. Bereits direkt im Eingangsbereich lagen menschliche Körper und alles das, was die Glücklicheren bei ihrer panischen Flucht nach draußen verloren hatten. Jacken, Handtaschen, Einkaufstüten, Coffee to go Becher und anderes. Einen Moment blieb Hubsis Blick an einem einzelnen Schuh hängen, der verloren kurz hinter dem Eingang lag. Dann jedoch bewegte sich das Bild weiter. Einige Körper waren notdürftig mit metallisch glänzenden Rettungsdecken abgedeckt, das mussten die Opfer des ersten Angriffs sein, nach denen bereits jemand gesehen hatte. Hubsis Augen versuchten in Windeseile jedes Detail aufzunehmen um ja keinen Hinweis auf Anjas mögliche Anwesenheit zu verpassen. Und doch fürchtete er nichts mehr, als ebensolche Hinweise entdecken zu müssen.

Die Einsatzkräfte hatten sich aufgeteilt und schwärmten im Einkaufszentrum in kleinen Gruppen aus. Bislang war ihnen noch keine lebende Person begegnet. Plötzlich kam jedoch Bewegung in eine Gruppe, als diese sich einem Coffeeshop näherte. Die Beamten hatten hinter der Theke eine Bewegung wahrgenommen. Hubsis Herzschlag beschleunigte sich. Obgleich die Aufnahmen ohne Ton übertragen wurden, konnte er sich lebhaft vorstellen, welche Rufe jetzt in dieser angespannten Situation hektisch durcheinander klangen. Langsam tauchten zwei junge Mädchen mit erhobenen Händen hinter der Theke auf und gingen auf die Polizisten zu. Nach einer kurzen Durchsuchung wurden die beiden sichtlich mitgenommenen Teenager im Laufschritt nach draußen geleitet und dort von Zivilbeamten in Empfang genommen.

Hubsi atmete tief ein. Hoffnung keimte in ihm auf. Offenbar war es einzelnen Menschen doch gelungen, sich im Inneren des Gebäudes vor dem Täter zu verstecken. War Anja eine von ihnen? Bestand vielleicht doch noch die Hoffnung, Anja bald wohlbehalten in seine Arme schließen zu können? Denn dessen war er sich sicher, sobald Anja wieder leibhaftig vor ihm stehen würde, würde er sie festhalten und nicht mehr loslassen.

Seine Aufmerksamkeit wurde auf einen anderen Bildschirm gelenkt, als eine der Kameras die Bilder einfing, die er so gefürchtet hatte. Mehrere menschliche Körper, auch einige, die in weiße Overalls der Spurensicherung gekleidet waren, lagen auf dem Boden. Das waren offenbar die Opfer des zweiten Angriffs: Polizisten und Rettungskräfte, die ihrer Arbeit nachgegangen waren, als sie plötzlich von den Schüssen überrascht wurden.

Als die Helmkamera weiterschwenkte, gaben Hubsis Knie nach und ihm wurde schlagartig übel. Reimund Girwidz konnte ihn in gerade noch rechtzeitig auffangen und stützen. "Was... was haben Sie gesehen?" fragte er vorsichtig.

Hubsi stöhnte auf. "Anjas Koffer. I bin ganz sicher. Sie is irgendwo da drinnen!"

Dann riss er sich los und stürzte hinaus auf die Straße, wo er sich geräuschvoll übergab.
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