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Unklare Lage

von Maybe44
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dr. Anja Licht Franz Hubert
13.04.2020
13.05.2020
16
13.435
6
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31 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
21.04.2020 869
 
"Hubert, ist das da nicht das Auto ihrer Exfrau? Ist sie etwa auch da im Einkaufszentrum?"

Reimund Girwidz' Worte hallten in seinem Kopf wider und wider. Trotzdem mochte sein Gehirn das Gesagte einfach nicht verarbeiten. Das Blut rauschte in seinen Ohren, ihm war schlagartig eiskalt geworden. Nur mit Mühe und unter Aufbietung all seiner Willenskraft hatte er verhindern können, dass seine Knie nachgaben und er hier, auf irgendeiner namenlosen Straße mitten in München, einfach zusammensackte.
Zu schrecklich war der Gedanke, dass es tatsächlich so sein könnte, dass Anja tatsächlich in dem Gebäude gewesen sein könnte, als erneut Schüsse gefallen waren.

Wieso nur hatte er diese Möglichkeit nicht längst in Betracht gezogen? Es war doch eigentlich logisch. Anja arbeitete hier in München am Rechtsmedizinischen Institut, war eine kompetente und blitzgescheite Pathologin mit langjähriger Erfahrung. Natürlich war es somit mehr als wahrscheinlich, dass Anja auch an diesem Tatort zum Einsatz kommen würde.

Hubsi schluckte. Anja. Seine große Liebe, sein Augenstern, sein Licht in dunkelster Stunde. Allein der Gedanke an seine Exfrau machte jeden Tag ein Stück heller. Allein das kleine Fünkchen Hoffnung, irgendwie, irgendwo, irgendwann vielleicht wieder mit ihr vereint zu sein brachte ihn dazu, jeden Morgen aufzustehen und sein Tagwerk zu beginnen.
Und jetzt? Jetzt stand ihr Auto unweit eines Ortes, an dem Menschen gestorben und schwer verletzt worden sind und an dem, nach allem was er wusste, in diesem Augenblick noch immer Menschen starben und verletzt wurden. Und höchstwahrscheinlich befand sich Anja genau inmitten des Geschehens. Er ballte seine Hände zu Fäusten. Er würde um seine große Liebe kämpfen, koste es, was es wolle!

Reimund Girwidz beobachtete seinen Partner genau. Franz Hubert war ihm in den letzten Monaten so etwas wie ein Freund geworden und es zerriss ihm das Herz, ihm jetzt an seinem Mienenspiel ablesen zu können, welche Emotionen ihn im Sekundentakt überrollten. Er wusste genau, welchen Stellenwert Dr. Anja Licht noch immer im Leben seines Partners hatte. Niemandem, der die beiden jemals zusammen gesehen hatte, war die noch immer währende tiefe Verbundenheit der beiden Exehepartner verborgen geblieben. Und so war er nicht überrascht, als Hubert mit einem Mal seinen Blick von dem silberfarbenen BMW löste, auf dem Absatz kehrt machte und ohne ein Wort zurück in Richtung des Einkaufszentrums marschierte.
Er beeilte sich, ihm zu folgen. "Langsam Hubert, langsam! Was haben Sie vor?"

"I geh da jetzt nei." konstatierte Franz Hubert, ohne sein Tempo zu drosseln.

"Halt mal, das geht doch nicht!" widersprach sein Partner und stellte sich ihm in den Weg.

"Ich muss da rein. Ich muss zur Anja!" presste Hubsi hervor und versuchte, sich an Reimund Girwidz vorbeizudrängen, doch dieser ließ ihn nicht gehen.

"Verstehen Sie doch, ich kann Sie da nicht einfach so reinmarschieren lassen! Um ihrer eigenen Sicherheit willen!"

Hubert versuchte sich erneut aus Girwidz festem Griff zu entwinden. "Ich muss da rein!" schrie er ihm entgegen, doch Reimund Girwidz lockerte seinen Griff um keinen Millimeter.

Das Handgemenge blieb nicht unbemerkt und so tauchte plötzlich erneut der Einsatzleiter vor den beiden Polizisten auf. "Hey! Was stimmt denn mit ihnen beiden nicht?! Gehen sich hier gegenseitig an die Gurgel, während da drinnen Menschen sterben?" brüllte er wütend.

Hubert schüttelte resigniert den Kopf. "Sie verstehen des ned. Ich..."

"Sie haben Recht, ich verstehe das nicht. Herrschaft, reißen sie sich zusammen und machen sie ihre Arbeit! Beide!"

Girwidz hob abwehrend beide Hände. "Schon gut, schon gut, es ist nur..."

Wieder fuhr der Einsatzleiter dazwischen. "Ich will es gar nicht wissen! Machen sie endlich ihre Arbeit oder verschwinden sie hier von meinem Tatort!"

"Herrschaft, Anja, meine Frau- Exfrau - is a da drin!" rief Hubsi mit bebender Stimme.

Der Einsatzleiter fuhr sich mit der Hand über sein Gesicht. "Scheiße, das... das tut mir leid."

Girwidz ergänzte leise "Die Frau Doktor Licht ist Pathologin. Ihr Auto steht da vorne..."

Mitfühlend drückte der Münchner Hubsis Schulter. "Das tut mir wirklich leid. Aber vielleicht ist sie längst aus der Gefahrenzone geflüchtet. Wie so viele andere. Auf jeden Fall kann ich Sie nicht kopflos da vorn reinstürzen lassen."

Hubert schüttelte erneut resigniert den Kopf. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Anja, seine Anja, in größter Gefahr und das nur wenige hundert Meter von ihm entfernt. Und er konnte nicht zu ihr, konnte ihr nicht helfen, ihr nicht beistehen. So nah war sie, aber gleichzeitig doch so fern. Er zog sein Mobiltelefon aus der Tasche und wog es in seiner Hand. Sollte er einfach versuchen, Anja anzurufen? Vielleicht hatte sie sich ja wirklich in Sicherheit bringen können. Aber wenn nicht, wenn sie sich nur irgendwo hatte verstecken können, dann könnte sein Anruf den Attentäter auf sie aufmerksam machen! Das Risiko war zu groß. Er steckte das Telefon unbenutzt zurück in seine Jackentasche.

Girwidz, der seinen Partner weiterhin nicht aus den Augen ließ, wandte sich an den Einsatzleiter. "Wie geht es jetzt weiter?"

Dieser deutete auf einen dunklen Kleinbus, dem gerade weitere Polizisten in einheitlich dunklen Kampfanzügen entstiegen. "Das SEK ist da. In wenigen Minuten gehen sie rein und setzen der Sache ein Ende."
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