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Unklare Lage

von Maybe44
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dr. Anja Licht Franz Hubert
13.04.2020
13.05.2020
16
13.435
6
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13.05.2020 924
 
Doch Anja legte den Kopf schief und antwortete leise "I mag wieder nach Hause, Hubsi."

"Ja gut, dann fahren wir glei zurück in deine Wohnung." Der Polizist war irritiert. Auf einmal wollte Anja schnellstmöglich zurück nach Hause? Viellleicht war es doch keine gute Idee gewesen gleich heute rauszugehen, schon gar nicht in die Nähe des Einkaufszentrums. Das alles musste Anja doch viel mehr zugesetzt haben, als er bislang gedacht hatte.

Doch Anja blickte ihm unverwandt in die Augen. "Nach Hause hab i gesagt, Hubsi."

Und mit einem Mal verstand er ganz genau, was sie damit gemeint hatte.

Nun schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen und Anja sah, wie sich langsam seine Hand hob, sah sie langsam näher kommen, fast in Zeitlupe, und fühlte, wie sie sich sacht an ihre Wange legte. Seine Hand war warm auf ihrer Haut und als sein Daumen sanft begann sie zu streicheln, erschauderte sie wohlig. Seine blauen Augen blickten warm und ernst in ihre Augen und ihr stockte der Atem, als Hubsi sich ihr langsam, ganz langsam, fast so als würde er ihr Zeit geben wollen zurückzuweichen, falls er die Situation doch falsch eingeschätzt haben sollte, näherte. Sie machte deutlich das dem nicht so war, als sie sich ihrerseits ein Stück nach vorne lehnte und ihre Lippen sich endlich wieder trafen. Der Kuss begann sanft und zärtlich, auf ihren Lippen lag ein glückliches Lächeln, als ihre Hände automatisch Hubsis Nacken umschlungen und Hubsis Hände genau wie früher den Weg auf Anjas Hüften fanden um sie noch näher zu sich zu ziehen. Atemlos trennten sich ihre Münder wenig später und sie legte den Kopf an seine Brust, während er ihr Haar streichelte.

"Dann lass uns endlich hoam fahren." wisperte Hubsi in ihr Ohr und nur Minuten später saßen die beiden im Auto und waren auf dem Weg nach Hause, in ihr Wolfratshausen.

Beiden war bewusst, dass sich die dramatischen Ereignisse, die Anja erleben musste, nicht einfach so aus ihrem Gedächtnis löschen lassen würden. Doch beiden war ebenso bewusst, dass ihr Vertrauen zueinander und ihre Liebe füreinander sie stark machen und auch durch schwierige Zeiten geleiten würden.

Epilog

Einige Wochen später stieg Anja aus ihrem SUV, schob ihre Sonnenbrille zurück und griff nach der einzelnen weißen Rose, die auf der Fahrt zum Waldfriedhof in München neben ihr auf dem Beifahrersitz gelegen hatte. Langsam lief sie durch das weit offenstehende schmiedeeiserne Tor. Ihre Absätze knirschten auf dem Kies des Weges, den sie bedächtig zurücklegt.
Sie hatte diesen Gang ganz bewusst alleine machen wollen, hatte gefühlt, dass es notwendig war, um abschließen zu können.
Nach einigen hundert Metern bog sie nach links ab und folgte einem schmaleren Pfad, der sie an den Rand des Friedhofs zu einem riesigen, üppig blühenden Kastanienbaum führte. Dort befanden sich die sogenannten Baumgräber, Grabstätten, an welchen die Asche der Verstorbenen an den Wurzeln der Bäume beigesetzt wurden. Anstelle der üblichen Grabsteine erinnerten hier lediglich kleinere Gedenktafeln an die Verstorbenen.
Direkt unter dem Kastanienbaum blieb Anja stehen und ging in die Hocke. Sanft strich sie mit dem Ärmelsaum ihres Kleides über die kleine Tafel aus Metall, um sie wieder zum Glänzen zu bringen. 'Anna Vogt 31.01.1994 - 16.03.2020' lautete die knappe Inschrift.
"Servus, Anna." flüsterte sie halblaut. "Anna..." wiederholte sie gedankenverloren. "I hab ned mehr die Gelegenheit bekommen, dir zu danken. Deswegen bin I heut da. I dank dir von ganzem Herzen für das Leben, das du mir geschenkt hast. I woas bis heute ned, weshalb die Dinge so gekommen sind und nicht anders. Schicksal? Fügung? I woas es ned und vielleicht is des a gut so." Kurz hielt sie inne. "Dem kleinen Bub, Moritz, geht es übrigens auch gut. Er hat die ganze Sache unbeschadet überstanden und is a fröhlicher kloaner Kerl."

Lächelnd dachte sie an den Sonntag vor zwei Wochen zurück, an welchem Moritz zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester Hubsi und sie in Wolfratshausen besucht hatte. Das Martyrium, das sie gemeinsam durchgestanden hatten, hatte ein ganz besonderes Band zwischen ihnen geknüpft. Moritz' Mutter Natalie, eine alleinerziehende junge Frau Mitte 30, war es ein Bedürfnis gewesen, sich persönlich bei Anja zu bedanken. Sie hatten sich auf Anhieb alle gut verstanden und Anja war sich sicher, dass auf den ersten Besuch noch viele weitere folgen würden.

Sie blieb eine ganze Weile ruhig unter dem Schatten spendenden Baum sitzen und hing ihren Gedanken nach. Schließlich legte sie die Rose auf den Rand der Gedenktafel und erhob sich. "Pfiati, Anna." flüsterte sie zum Abschied.

Auf dem Rückweg zum Parkplatz beschleunigte sie ihren Schritt. Es zog sie zurück nach Wolfratshausen. An den Ort und zu dem Mann, den sie erst hinter sich lassen musste um zu begreifen, dass sie alles, was sie sich je für ihr Leben gewünscht hatte, bereits gefunden hatte.
Natürlich war nicht alles eitel Sonnenschein, auch ihre Albträume waren noch nicht völlig verschwunden, aber sie kamen in immer größeren Abständen und wenn sie kamen, war Hubsi stets an ihrer Seite. Bei ihm fühlte sie sich beschützt und geborgen. So geborgen, wie man sich nur an der Seite des Mannes fühlen konnte, von dem man wusste, er würde alles für einen tun.

Das Zusammenleben mit Hubsi gestaltete sich insgesamt erstaunlich harmonisch. Es schien fast so, als seien sie beide reifer, geduldiger und kompromissbereiter geworden. Nicht zuletzt, weil beiden klar geworden war, wie sehr sie einander liebten und brauchten.

Anja ging noch einen Schritt schneller.

Es war Zeit, endlich wieder nach Hause zurückzukehren.
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