Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Unklare Lage

von Maybe44
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dr. Anja Licht Franz Hubert
13.04.2020
13.05.2020
16
13.435
6
Alle Kapitel
31 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
11.05.2020 842
 
Nachdem sie ihr Frühstück beendet und den Tisch gemeinsam abgeräumt hatten, sagte Hubert "Du, I ruf grad rasch den Girwidz an ob alles klar ist im Revier. Du kannst dir ja in der Zwischenzeit mal überlegen, was du heit machen magst."

"Herrschaft, die Arbeit! I muss mi dringend im Institut melden!" rief Anja erschrocken aus. Ihren Arbeitgeber hatte sie in den letzten Stunden völlig vergessen.

Während Hubert sein Telefonat erledigte und sich auch bei Revierleiterin Kaiser rückversicherte, dass seine Abwesenheit in Ordnung ging, suchte Anja einige Unterlagen zusammen, die dringend im Institut für Rechtsmedizin benötigt wurden. Um ihre Büroarbeit in Ruhe erledigen zu können, nahm sie des Öfteren Arbeit mit nach Hause. Dies lag nicht zuletzt daran, dass sie sich nicht wirklich wohl fühlte in ihrer neuen Arbeitsstelle. Ständig hatte sie dort das Gefühl, dass ihr jemand über die Schulter blickte und ihre Arbeit kontrollierte. Im Klinikum Wolfratshausen war dies ganz anders gewesen, dachte sie ein bisschen wehmütig.

Hubert hatte sein Gespräch beendet und steckte sein Smartphone zurück in die Hemdtasche. "Alles gut, I kann mir so lange frei nehmen wie nötig." Mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu "Die Kaiser is sogar ganz froh, dass I nun endlich mal den Urlaub von vor drei Jahren anfange zu nehmen."

Anja lächelte zurück. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, dass ihr Exmann es nicht für nötig befunden hatte, seinen Urlaub zeitnah zu machen und diesbezügliche Ermahnungen seiner neuen Chefin schlichtweg ignoriert hatte.

"Also, was machmer jetzt?"

Anja deutet auf die Unterlagen, die sie zusammengesucht hatte. "Des muss dringend ins Institut. Außerdem muss I mit meinem Chef sprechen, nach der ganzen... Sache gestern."

"Gut, dann packmers!" stimmte Hubsi zu. Er war kein Psychologe, aber sicher würde es Anja gut tun, schnellstmöglich wieder unter Menschen zu kommen, anstatt sich nur in ihrer Wohnung zu verbarrikadieren.

Als Anja sich ihre Jacke überzog und nach ihrem Schlüsselbund griff hielt sie plötzlich inne. "Mei Auto steht ja noch da am Einkaufszentrum!"

"Stimmt. Soll I a Taxi rufen?"

Anja überlegte kurz. "Na, so weit isses ned bis ins Institut. Lass uns zu Fuß gehen und auf dem Rückweg des Auto abholen." schlug sie vor.

Also machten die beiden sich zu Fuß auf den Weg. Obwohl die Sonne schien und die Vögel fröhlich zwitscherten, als sie durch Münchens Straßen gingen, fühlte Anja sich unwohl. Die Stadt erschien ihr mit einem Mal fremd und feindselig. Sie seufzte und presste ihre Akten fest gegen ihre Brust, wie ein Schutzschild vor ihrer Umgebung. Hubsi blickte sie verstohlen von der Seite an. Es war nicht zu übersehen, dass sie sich unbehaglich fühlte. Vorsichtig nahm er ihr ihre Unterlagen ab, klemmte sie sich unter den Arm, griff nach ihrer Hand und drückte sie kurz. Dankbar erwiderte sie den Druck und schweigend liefen sie weiter nebeneinander her. Mit Hubsis Hand in ihrer fühlte sie sich gleich bedeutend besser, es änderte jedoch nichts an ihrem Gefühl, hier in der Stadt völlig fehl am Platze zu sein.

Im Institut angekommen führte Anja Hubsi in ihr Büro um dann alleine ihren Vorgesetzten aufzusuchen. Während er wartete, blickte Hubert sich neugierig um. Das kleine Arbeitszimmer war vollkommen unpersönlich eingerichtet. Fachliteratur stand in den Regalen, der Schreibtisch war penibel aufgeräumt. Nicht ein kleines persönliches Detail konnte er entdecken, nicht einmal Anjas Lieblingskaffeetasse hatte hier einen Platz gefunden. Unwillkürlich stellte er sich die Frage, ob Anja hier wohl glücklich war. Er konnte es sich fast nicht vorstellen. Aber letztendlich musste Anja sich diese Frage wohl selbst beantworten.

Erst nach einer halben Stunde kehrte Anja zurück. "Entschuldige dass es so lange gedauert hat. Von mir aus können wir los."

"Kein Problem" antwortete Hubsi "Alles geklärt?"

"Oh ja." Lächelte Anja und ihr Blick schweifte kurz durch ihr Büro. "Alles geklärt. Gemma!"

Draußen setzten die beiden ihren Weg in Richtung des Einkaufszentrums schweigend fort. Diesmal hatte Anja nach seiner Hand gegriffen, wie Hubsi freudig bemerkte. Überhaupt erschien ihm seine Exfrau entspannter und gelöster als zuvor, obgleich sie sich unaufhaltsam dem Ort des schrecklichen Verbrechens näherten. Als sie schließlich ihren SUV erreichten, blieb Anja stehen. Sie löste ihre Hand aus Hubsis Griff und begann mit ihrem Autoschlüssel zu spielen, den Blick auf ihre Hände gerichtet. "Hubsi, I... I muss dir was sagen."

"Ja?" antwortete dieser fragend, doch Anja schwieg zunächst und blickte ihn nicht an.

Dann hob sie den Blick und schaute ihm in die Augen. "I hab gekündigt." brach es schließlich aus ihr hervor. "I mag da ned mehr bleiben. I gehör da ned her, hier" sie machte eine unbestimmte Geste mit der Hand "in diese Stadt."

"Okay." war alles was dem überraschten Hubsi einfiel. "Und was hast du jetzt vor?" fragte er vorsichtig nach. Seine Gefühle spielten verrückt. Würde er Anja jetzt schon wieder verlieren? Würde sie diesmal noch weiter fort gehen, alles hinter sich lassen? Würde sie ihn erneut zurücklassen?
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast